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Wohin treibt
Brasilien?
Künstler,
Intellektuelle der größten lateinamerikanischen Demokratie kritisieren
in ungewohnter Schärfe die fortdauernd negative Rolle der
Machteliten und Oligarchien
Klaus Hart
In Europa definieren viele Staatschef Lula weiterhin
als Linken, gar als Sozialisten – in Brasilien selbst wird er indessen
als Konservativer, mit Rechtstrend, eingestuft. Brasiliens
Kulturschaffende und Intellektuelle hatten im Wahlkampf von 2002 kräftig
mitgeholfen, daß mit dem Ex-Gewerkschaftsführer Luis Inacio Lula da
Silva erstmals in der Geschichte des Tropenlandes ein Mann aus dem Volke,
aus der Unterschicht in den Präsidentenpalast von Brasilia einziehen
konnte, nun die größte lateinamerikanische Demokratie regiert. Lula
wurde als Hoffnungsträger Brasiliens, ganz Lateinamerikas, gar der
ganzen Welt gefeiert. Einer, der in der immerhin zwölftgrößten
Wirtschaftsnation die skandalösen Sozialkontraste, den Hunger beseitigt.
Zwei Jahre später, in der Mitte von Lulas Amtszeit, sind all die
Schriftsteller, Künstler, Komponisten wie Chico Buarque, Intellektuelle
wie der Befreiungstheologe Leonardo Boff,
enttäuscht bis entsetzt, weil unter Lula weitgehend alles beim
alten blieb – mehr Elend und Gewalt im Lande, mehr Barbarei in den rasch
wachsenden Slums, der Hunger längst nicht besiegt. Boff hatte Lula
anfangs gar euphorisch mit Gandhi verglichen: “Lulas Regierung ist
gerecht, ethisch und humanistisch wie bei Gandhi in der Politik.“ Doch
inzwischen wirft der Befreiungstheologe Lulas Wirtschaftspolitik vor,
soziale Ungerechtigkeit zu produzieren. Das soziale Chaos nehme von Tag zu
Tag zu, Brasiliens Realität sei auch ökologisch pervers.
--„Wir sind an der Regierung, aber nicht an der
Macht“—
Dazu
fortdauernde Herrschaft der Eliten, denen Lula auf den Leim gegangen sei,
sich gar einen reaktionären Milliardär und Großunternehmer zum Vize und
Verteidigungsminister erwählte, Repräsentant der Machteliten. „Wir
sind an der Regierung, aber nicht an der Macht“, erklärt der
Schriftsteller und Befreiungstheologe Frei Betto, bevor er Ende 2004
seinen Posten als Berater von Staatschef Lula aufgibt. Zur Begründung
verglich er die Lula-Regierung mit einem Schiff, das entgegen ersten Plänen
völlig widersinnig den Kurs ändert, in die entgegen gesetzte Richtung
steuert. Da sei ihm nur übrig geblieben, von diesem Schiff abzuspringen,
ans Ufer zu schwimmen, treu den eigenen Wertvorstellungen, Grundüberzeugungen.
In Lulas erstem Amtsjahr wechseln die Eliten von
Skepsis zu Jubel, weil die Regierung ihnen selbst in einem Rezessionsjahr
geradezu phantastisch die Taschen füllt. Fünftausend neue Millionäre in
nur einem Jahr – das hatte man Lula nicht zugetraut. Der Intellektuelle
Eurico Figueiredo aus Rios dichtestbesiedeltem
Stadtviertel Copacabana zitiert einen Börsenmakler, der bislang Lula haßte,
doch jetzt zuhause eine große Lula-Statue aufstellen will:“ Nie zuvor
habe ich dermaßen viel verdient.“
Eine Welle des Konservatismus schwappt über
Brasilien, deutlich sichtbar in der Politik und selbst in den
Verhaltensweisen der Menschen, analysiert sogar Chico Buarque,
der große, angesehenste nationale Komponist und Sänger, dazu
Romancier, aus Rio. Der
Sechzigjährige sieht deutlich
mehr Konformismus, Zynismus, Intoleranz, Rassismus, reaktionäres Denken,
zuallererst in der Upperclass, der Elite. „Alternativen sind nicht
sichtbar, die Lage wird schlechter, wir driften in eine irrationale
Situation hinein.“ Die Lula-Regierung vergebe historisch einmalige
Chancen für soziale Verbesserungen, bleibe untätig.
Der
Jahreswechsel 2004/2005 liefert das passende bizarre Bild: Jene
neofeudalen Banditenmilizen, die die Mittel-und Oberschicht mit Rauschgift
versorgen, feuern in den riesigen Slums der Zuckerhutmetropole nachts mit
zehntausenden Maschinengewehren stundenlang Salut, zur Machtdemonstration
– sogar nur einige hundert Meter von der Luxuswohnung des
Kulturministers Gilberto Gil entfernt. Und die ausländischen Touristen
denken allen Ernstes, die Leuchtspurgeschosse seien Freudenfeuerwerk.
--„Eliten ohne Sinn für Zivilisation“—
Jurandir Freire Costa
Komponist Chico Buarque nennt die tonangebende
Oberschicht zunehmend kulturloser – und für Jurandir Freire Costa,
einen der führenden Intellektuellen Brasiliens, ist sie sogar
sozial verantwortungsloser als je zuvor. “Die alten Eliten fühlten
sich wenigstens minimal der Tradition, der Geschichte, der Zukunft ihres
Landes verpflichtet – den Eliten von heute fehlt dazu jegliche Bindung,
zudem jeglicher Sinn für Zivilisation. Sie sind erschreckend belanglos,
oberflächlich, drücken das kulturelle Niveau. Und schauen auf den Rest
des Landes, als gehe er sie nichts an, verlassen ihre privilegierten
Zirkel nur, um in die USA, in reiche Länder Europas zu fliegen, dort
genauso weiterzuleben.“
Für den Universitätsprofessor und Therapeuten Costa
aus Rio ist verhängnisvoll, daß diese Eliten indessen beispielgebend
wirken, kopiert werden, Verhaltensweisen formen,
bis tief hinein in die Unterschicht. Ein enormer Kulturverlust, die
Masse leichter manipulierbar. In seinem
neuesten elitekritischen Buch „Die Spur und die Aura“,
beschreibt er, wie das öffentliche Leben der Logik des Spektakels, der
Show, der Unterhaltung unterworfen wird -
Autoritäten wie Staatschef Lula inbegriffen. Die Eliten mit einer
Idee vom Leben als ewig währendem Vergnügungspark.
“Diese Leute mit ihrem provozierenden Lebensstil,
dem hohen Drogenkonsum, sind in ihrer sozio-kulturellen Wahrnehmungsfähigkeit
so dressiert, daß sie die Misere, die Verelendeten überhaupt nicht mehr
sehen, sogar negieren. Pure Verantwortungslosigkeit, die sich
reproduziert, in der Gesellschaft Schule macht.“
Ein Resultat der von den Eliten aufrechterhaltenen
scharfen Sozialkontraste ist laut Costa die überbordende Gewalt, mit mehr
Toten als im Irakkrieg. Entführungen von Geldleuten, Prominenten, Bandenüberfälle
in Nobelvierteln – das zumindest wird von der Upperclass als störend
wahrgenommen. Sie könnte intervenieren, sei jedoch inkonsequent und
provoziere damit noch mehr Misere, Banditentum.
“Denn ein Teil der Verelendeten wird gewalttätig,
will an das Geld der Reichen, um dann den Lebensstil der Eliten zu
kopieren - weiter nichts. Die
verarmten Massen in den Metropolen Rio de Janeiro und Sao Paulo ohne
ethisch-moralische Wurzeln, eine junge Generation, die keinerlei Respekt
mehr hat für das tatsächlich Wertvolle in einer Gesellschaft. Zynismus,
Individualismus, Verantwortungslosigkeit – das haben sie von Geburt an
überall beobachtet. Doch Leute wie ich dürfen deswegen nicht in
Nihilismus verfallen, wir müssen Zivilcourage zeigen, anklagen,
anprangern.“
Costa stellt klar, daß nicht nur in Brasilien,
sondern in aller Welt die Leute nicht mehr an die Politiker glauben.
„Denn alle wissen, daß die Staatsmänner doch nur Verwalter im Dienste
großer Unternehmen sind. Ob es sich nun um die Regierungen der USA,
Deutschlands, Japans, Frankreichs, Großbritanniens handelt – alles nur
eingesetzte Administratoren. Wer regiert, sind nicht die Regierungen. In
der Demokratie können die Leute auch falsch wählen.“
Inacio
de Loyola Brandao, einer von Brasiliens großen Schriftstellern, war einst
Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, lebte für ein
Jahr in Deutschland. Heute nennt er sich desiludido, exausto,
desillusioniert und erschöpft. „Lula und seine Arbeiterpartei waren
Hoffnungen – alles nur Lüge – eine mehr in der politischen Geschichte
Brasiliens. Ich bin es müde, an den Ampelkreuzungen weiter von
verelendeten Kindern, Menschen in Rollstühlen angebettelt zu werden.
Kinder zu sehen, die Crack rauchen, sich in den Schulen umbringen. Und ich
bin es müde, mich an einen Tisch zum Essen zu setzen – während durch
die Scheiben hungrige Augen auf meinen Teller starren.“
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