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Die „furchtbaren Fehler“
der USA
CIA kooperierte mit Repressionsapparat der
Diktatur
Klaus Hart
Brasiliens Militärregime herrschte von
1964 bis 1985 ebenso grausam und perfide wie Diktaturgeneräle
benachbarter Staaten – Todesschwadronen ermordeten Ungezählte vor allem
in den Elendsvierteln der Großstädte, politische Gefangene wurden Haien
lebendig zum Fraß vorgeworfen oder über Amazonien aus Helikoptern gestoßen.
In Stücke gehackt, verscharrte man Diktaturgegner selbst an Traumstränden
Rio de Janeiros. Folter war Normalität – und die CIA immer dabei.
Helio
Bicudo aus Sao Paulo, kirchlicher
Menschenrechtsaktivist, untersuchte bereits damals die CIA-Aktivitäten
ebenso wie das Wüten der Todesschwadronen, die Verfolgung von
Geistlichen, schrieb darüberein
Buch. Es blieb außerhalb des Landes unbeachtet. Späte Genugtuung für
Bicudo,
daß ein neues, aufsehen erregendes Buch der nordamerikanischen
Uni-Soziologin Martha Huggins seine Recherchen vollauf bestätigt, das
State Department sprach von „furchtbaren Fehlern“.
Die Brasilienexpertin konnte
als erste in Washington über 600 bislang geheim gehaltene
Dossiers und Akten einsehen. In Interviews brachte die 54-Jährige
ihre Untersuchungsergebnisse auf den Punkt: “Die Teilnahme der CIA am
Alltag der politischen Repression ist bewiesen – die Dokumente sprechen
sogar von gemeinsamen Operationen – die amerikanische Demokratie
partizipierte an der Schaffung eines unterdrückerischen Staates“.
Besonders gravierend, daß die
CIA Polizei-Eliteeinheiten ausbildete, bei denen es sich um „staatlich
legalisierte Todesschwadronen“ gehandelt habe. CIA-Agenten hätten diese
bei den Einsätzen begleitet, sich generell völlig frei im
Repressionsapparat bewegt, alles Gesehene ausführlich nach Washington
berichtet. Die politische Polizei DOI-CODI, auf US-Anregung entstanden,
sei trotz ihrer Methoden, darunter Folter aller Art, nie kritisiert,
sondern stets als „gute Sache“ gelobt worden. Bis heute, so die
Autorin, sei in den USA wenig bekannt, daß die CIA beim Schulen von
Polizisten aus der Dritten Welt mitwirkte, allein rund 100 000
brasilianische Beamte trainierte: “Sie lernten Bombenbasteln, Verhörtechniken,
Psycho-Operationen, bekamen außerdem beigebracht, wie man sich in
Demonstrationen, Kundgebungen infiltriert und Verwirrung, Durcheinander
erzeugt.
“Ein anderes
interessantes Detail: Die CIA half beim Aufbau des brasilianischen
Diktaturgeheimdienstes SNI mit, “lieferte sogar eine Liste mit den Namen
geeigneter, vertrauenswürdiger Mitarbeiter.“ Auf einer anderen Liste
waren alle Personen verzeichnet, die gemäß CIA-Einschätzung nach dem
Militärputsch von 1964 verhaftet werden sollten. Man habe, so Martha
Huggins, „still lächelnd
mit Folterknechten und Mördern zusammengearbeitet.“ In mühseliger
Kleinarbeit gelang es der Expertin, sechsundzwanzig Folterer politischer
Gefangener ausfindig zu machen und unter Wahrung der Anonymität zu
interviewen. Menschenrechtsaktivist Helio
Bicudo: “Polizisten, aber auch Armeeoffiziere, sind in den USA
selbst, darunter in Washington, ausgebildet worden – manche, die zum
Repressionsapparat gehörten, machten – und machen Karriere.“ Bicudo
nennt Romeu Tuma – nach der Diktatur Chef der Bundespolizei, heute
Kongreßsenator der starken Rechtspartei PPB, dessen gerade wieder
gewählter
Parlaments-Flügelmann Jair Bolsonaro offen für Folter und Massaker an
Landlosen oder Gefängnisinsassen plädiert.
Ausgerechnet der belastete Diktaturaktivist Marco Maciel war einflußreicher
Vize von Staatschef Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardoso,
Ehrendoktor der Freien Universität Berlin. Die Generalität würdigt nach
wie vor den Militärputsch von 1964, lud lange Zeit regelmäßig den hoch
verehrten Kollegen Pinochet nach Brasilien
ein. In Berlin oder Frankfurt hätte
dieser schwerlich ungestört von Protesten, lediglich mit zwei
diskreten Leibwächtern einen lockeren Einkaufsbummel machen können –
in Rio de Janeiro schon. Nach Seminaren, Konferenzen, Vorträgen in der
Militärakademie direkt unterm Zuckerhut schlenderte der Ex-Diktator gerne
durch den von vielen Künstlern und Intellektuellen bewohnten
Strandstadtteil Ipanema, kaufte in Buch- und Musikläden, trank hier und da
einen Expresso, wurde zwar bemerkt, aber bestenfalls durch aufdringliche
Pressefotografen belästigt.
Wie die Jahresberichte
von Amnesty International und Human Rights Watch zeigen, gehören Folter
und Todesschwadronen weiterhin zum Alltag der führenden Wirtschaftsmacht
Lateinamerikas, „verschwinden“ sogar mehr Menschen als damals nach der
polizeilichen Festnahme. Washingtons „furchtbare Fehler“ hatten
entsetzliche Folgen.
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