|
Befreiungstheologe Frei Betto:
Bio-Treibstoff ist Todes-Sprit
Klaus Hart
Die Produktion von
Agro-Treibstoffen hat der bekannte brasilianische Dominikanerbruder und
Befreiungstheologe Frei Betto angesichts des Hungers in der Welt als
unverantwortlich und unmenschlich verurteilt. In einem von der
katholischen Nachrichtenagentur ADITAL veröffentlichten Beitrag
mit dem Titel "Treibstoffe des Todes" schrieb Frei Betto am
Dienstagabend (Ortszeit) in Sao Paulo, der Boom bei fälschlicherweise
als Biosprit bezeichneten Produkten provoziere bereits weltweit einen
deutlichen Preisanstieg bei Lebensmitteln, darunter in Europa, in China,
Indien und den USA. In Brasilien selbst, das die Herstellung von Ethanol
aus Zuckerrohr nach Kräften fördere, habe die Bevölkerung im ersten
Halbjahr dieses Jahres für Nahrungsmittel dreimal soviel ausgeben müssen
wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Die brasilianischen Großfarmer, so
Frei Betto weiter, stürzten sich geradezu auf das neue "Gold"
namens Zuckerrohr und ließen den Anbau traditioneller Agrarprodukte
beiseite.
Dies wirke sich nicht anders als in den USA natürlich auf die
Lebensmittelpreise aus. In der ganzen Welt gebe es etwa 800 Millionen
Autos - die gleiche Zahl von Menschen leide unter chronischer Unterernährung.
Beunruhigend sei, daß dennoch keine der jetzt von den Agrartreibstoffen
so begeisterten Regierungen das Modell des Individualverkehrs in Frage
stelle. "So, als ob die Profite der Automobilindustrie tabu,
unangreifbar wären." Der Theologe, Bestsellerautor und
Zeitungskolumnist erinnert zudem daran, daß der Zuckerrohranbau in
Brasilien seit der Kolonialzeit auf extremer Ausbeutung,
Umweltvernichtung und Abzweigung öffentlicher Gelder beruht. Die
Regierung von Staatschef Luis Inacio Lula da Silva habe dieses Jahr Großfarmen
wegen Sklavenarbeit bestraft. Diese sei indessen weiterhin häufig. 1850
habe ein Sklave auf den Zuckerrohrplantagen für fünfzehn bis zwanzig
Jahre geschuftet - heute seien es wegen des exzessiven Arbeitspensums
nur noch durchschnittlich zwölf Jahre. Der Boom beim Zuckerrohranbau
bewirkt laut Frei Betto zudem eine gewaltige Binnenmigration,
Slumwachstum, die Zunahme von Morden und Rauschgifthandel sowie
Kinderprostitution. Weil sich der Sojaanbau im Südosten
Brasiliens durch die Ethanolproduktion verringere, komme es zu einer
starken Ausweitung der Sojaflächen in Amazonien. Und dies bedeute
rücksichtslose Urwaldzerstörung. Frei Betto fordert die
Lula-Regierung auf, sich um die Hungernden des Tropenlandes zu kümmern,
anstatt die Zuckerrohrunternehmer reich zu machen.
|