Späte Ehrung für jüdische
Prostituierte Brasiliens
Klaus Hart
Rio de Janeiros große jüdische Gemeinde hat jetzt erstmals mit einer nur von Frauen gestalteten Sabbat-Zeremonie der jüdischen Prostituierten gedacht. Die Feier wurde nicht in einer Synagoge, sondern in einem populären Kulturzentrum des Stadtteils Lapa abgehalten. „Das Thema ist unter uns Juden weiterhin sehr heikel, Vorurteile bestehen weiter“, sagte Rios Rabbiner Nilton Bonder, der die Zeremonie organisierte, im Interview „Es geht um ein Kapitel der jüdischen Einwanderung nach Brasilien – Geschichte darf nicht versteckt werden.“ Denn 1867, vor genau 140 Jahren, gehen im Hafen von Rio de Janeiro siebzig Jüdinnen an Land. Sie stammen aus Polen und werden deshalb ebenso wie ihre vielen Nachfolgerinnen aus Rußland, Litauen, Rumänien, Österreich und selbst Frankreich im Volksmund bald nur noch „Polacas“ genannt. Etwa 1200 kommen jährlich. Die allermeisten wurden Opfer der jüdischen Zuhältermafia Zwi Migdal. Deren Mitglieder reisen in verarmte jüdische Dörfer Osteuropas, geben sich als in Lateinamerika wohletablierte Geschäftsleute auf Brautschau aus.
„Viele wollten dem Elend entfliehen, kamen aus sehr religiösen Familien, wurden in die Prostitution von Rio gezwungen und ausgebeutet“, so Rabbiner Bonder. Doch die Frauen seien von der jüdischen Gemeinde Rios verachtet, diskriminiert worden. „Die wußte nicht, wie sie mit diesem Phänomen umgehen sollte, das ja antisemitische Gefühle weckte, antijüdische Stereotype verstärkte.“ Die Gemeinde habe versucht, das Problem zu verstecken, unter den Teppich zu kehren. Für Bonder, gleichzeitig ein sehr erfolgreicher Theaterregisseur und Schriftsteller, bringen Misere und Entwürdigung überall auf der Welt, unter allen Völkern stets komplexe soziale Phänomene hervor. „Ich erinnere nur an den zweiten Weltkrieg, den Holocaust, als sich Juden in den Konzentrationslagern extrem grausam gegenüber anderen Juden verhielten.“
Um 1870 herrscht im kolonialistischen Brasilien enormer Männerüberschuß. Zeitzeugen berichten erschreckt von langen Schlangen vor den Zimmern der Polacas. Sogar in den Edelbordellen der lateinamerikanischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, wo heute weit über einhunderttausend Juden leben, dominierten einst Polacas, viele davon tiefreligiös. 1931 zählt Brasilien über vierhundert jüdische Bordelle. 1936 besucht der Schriftsteller Stefan Zweig Rios berüchtigtes Hurenviertel Mangue und schreibt in sein Tagebuch, daß jene Jüdinnen aus Osteuropa die aufregendsten Perversionen versprächen. „Was führte sie dazu, so zu enden, sich für den Gegenwert von drei Francs zu verkaufen?“
Notgedrungen gründen die Prostituierten in Rio eine zweite jüdische Gemeinde, mit eigenem Friedhof, eigener Synagoge. „Die Polacas feierten dort die jüdischen Feste, obwohl es damals noch gar keine Liturgie für Frauen gab“, hebt Rabbiner Bonder hervor. „Die jüdischen Prostituierten waren von beachtlicher Wirkung auf das kulturelle Leben, die Künstlerszene Rio de Janeiros – sie inspirierten Musiker zu vielen Kompositionen.“ Natürlich stelle sich auch die Frage, warum die Polacas dieses Gewerbe, dieses Leben nicht aufgaben.
Denn im Durchschnitt wurden sie nur vierzig Jahre alt.
Von ihren Friedhöfen gibt es derzeit in Brasilien nur noch drei - das triste Kapitel der jüdischen Prostitution endete 1970. Die vielen Nachfahren der Polacas wahren Diskretion. Rabbiner Bonder nennt die jüngste Zeremonie von Rio einen Akt der Gerechtigkeit gegenüber diesen Jüdinnen – jetzt seien sie endlich Teil der Gemeinde.
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