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Motto: “Wie miteinander
leben"
27. Kunstbiennale Sao Paulo 2006
von Klaus Hart
In Lateinamerikas Kulturmetropole Sao Paulo, der drittgrößten
Stadt der Welt, begann die 27. internationale Kunstbiennale. Wiederum
werden mindestens eine Million Besucher erwartet, so daß die nach Venedig
zweitälteste Biennale die mit Abstand erfolgreichste des Erdballs ist.
118 Künstler, nur etwa zwanzig Prozent davon Brasilianer, setzen auf
25000 Quadratmetern diesmal das sehr politische Motto: „Como viver junto“,
wie miteinander leben, um. Dazu zahlreiche Seminare, Filme, Debatten bis
zum Schlußtag, dem 17. Dezember. Zu den Kuratoren der Biennale zählt der
deutsche Kunsthistoriker Jochen Volz.
Sao Paulo wird seit Mai von
Terroranschlägen des organisierten Verbrechens heimgesucht -
Brasilien zählt auch dieses Jahr wieder über fünfzigtausend Gewalttote,
weit mehr als im Irakkrieg. Nur ein Aspekt angesichts des interessanten
Mottos der Kunstbiennale mit sage und schreibe stets zwanzigtausend
Besuchern pro Tag. An den bizarren Widersprüchen, Sozialkontrasten und
Konflikten Brasiliens reiben sich die Künstler, auch die zugereisten aus
Europa, welche seit Monaten im Lande an Projekten arbeiteten. Im
Stadtpark Ibirapuera der Hochhaus-Megacity steht das riesige Biennale-Gebäude
– die erste Provokation gleich am Eingangsportal. Saftig grüner Rasen,
eingezäunt von hohen Metallgittern, obendrauf NATO-Stacheldraht, wie man
ihn alle paar Schritte in den besseren Vierteln, gleich am Park sieht. Dem
italienischen Künstler Francesco Jodice sind sie gleich aufgefallen,
diese geschlossenen Villen-Wohnanlagen hinter hohen Mauern mit
Stacheldraht und Sicherheits-Hightech, mißtrauischer bewaffneter
Privatpolizei. Zwischen den Slums wirken die Privilegierten-Ghettos wie
Festungen. „Das ist nicht die Lösung, sondern Wurzel des Problems“
sagt Jodice aus Milano.
Jochen Volz:“Wir haben versucht,
all diese Konflikte in ihrer Bandbreite zu reflektieren. Es sind alles Künstler,
die recht politisch über soziale Themen arbeiten, viel über das
Zusammenleben reflektieren, oder auch das Alleinleben als Gegenpol. Ich
denke, das Thema Como viver junto in Brasilien ist hoch spannend, auch auf
internationaler Ebene, eine wirklich wichtige Frage. Und es ist natürlich
auch klar, daß die Ausstellung überhaupt keinen Anspruch stellt,
Antworten zu geben.“
Kreatives Chaos - vieles
erscheint auf den ersten Blick konfus und abstrakt. Volz nennt die
deutsche Beteiligung senationell – ein Kubaner, eine Koreanerin, ein
Argentinier, die in Deutschland leben – und Jeanne Faust aus Hamburg,
einzige gebürtige Deutsche.
Spektakulärer Blickfang der
Biennale – sogenannte utopische Architektur des Argentiniers Tomas
Saraceno aus Frankfurt am Main - drei Stockwerke hoch im Lichthof.
Enorme, miteinander verbundene transparente Plastikballons, in denen die
Besucher per Strickleiter hochklettern können.
Wird die Biennale ihrem Motto
gerecht, reflektiert sie tatsächlich alle wichtigen Aspekte des
Miteinanderlebens, auch die spezifisch brasilianischen, ob in den Slums
oder bei den von Infantizid und extremem Machismus geprägten Indianerstämmen
Amazoniens? Was gilt als Tabu, werden Tabus gebrochen? Kunstkritiker,
Kulturwissenschaftler aus aller Welt veröffentlichen schon in wenigen
Tagen die ersten Analysen.
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