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Im Vorfeld der Fußball-WM feiern in Deutschland dümmliche, meist von Werbung, Industrie und Auslandspropaganda vorgegebene Brasilienklischees wieder Triumphe. Das Tropenland wird nur zu oft auf Karneval, Alegria ohne Ende, Samba, Rio de Janeiro und seine Traumstrände, auf schöne, sinnliche Frauen reduziert. So, als wären umgekehrt alle Deutschen absolute Fans des Münchner Oktoberfests und seiner Blasmusik. „O Brasil esta na moda“, Brasilien ist Mode, konstatieren amüsiert die Kolumnisten der großen brasilianischen Qualitätszeitungen und machen sich bei jeder Gelegenheit über die realitätsfremde Sicht des Auslands lustig. Bestsellerautor Joao Ubaldo Ribeiro aus Rio de Janeiro konstatiert bei Deutschlandreisen immer wieder, daß deutsche Medien, aber auch die Normalbürger, von absurdesten Brasilienklischees einfach nicht lassen wollen. Und da Ribeiro nebenbei auch noch ein großer begnadeter Zeitungskolumnist ist, informiert er seine Landsleute regelmäßig mit beißendem Spott über das verquere Brasilienbild nicht nur in Europa: “In der Ersten Welt weiß man nichts über Brasilien. Wenn man die Mehrheit der Deutschen bittet, mal was über Brasilien zu sagen, dann kommt, ach so ja, Pelè, Fußball, Karneval, Nackte. Die Hauptstadt? Äh, Rio de Janeiro. Die wissen nichts!“ Ribeiro liegt so schief nicht. Samba oder Sertaneja? Vor der WM werden Brasilien und sein Fußball wieder einmal gnadenlos mit Samba zusammengerührt. Samba-Fußball, Samba-Kicker, Samba-Giganten. Und Lothar Matthäus, der gerade im südbrasilianischen, nicht gerade Samba-geprägten Curitiba als Trainer anfing, wird gar zum Samba-Lothar. Man weiß es doch, wird einem eingebleut - in Brasilien ist feuriger Samba am beliebtesten – und im Karneval tanzt zu mitreißenden Sambarhythmen nicht nur ganz Rio Tag und Nacht. Alles falsch, alles frei erfunden, clevere Mediensteuerung machts möglich. Ein Blick in die brasilianischen Hitparaden, auf die Listen der meistgespielten Titel, der meistverkauften CDs genügt. Und auch die Musikexperten, die Leute auf der Straße bestätigen es: Samba war in Brasilien noch nie tonangebend, ist bis heute in vielen Landesteilen überhaupt nicht populär. Benedita Souza aus dem Samba-armen Nordosten lebt heute in der brasilianischen Kultur-und Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, auch nicht gerade ein Samba-Pflaster:“
Nein, daß alle Brasilianer Samba mögen, gar Samba im Blut haben, stimmt überhaupt nicht. Nur eine Minderheit kann Samba tanzen, ja, nur eine Minderheit. Denn Samba muß man erst mal lernen. Nur ein bißchen mit den Hüften wackeln, das kann ja jeder. Brasiliens populärste Musik ist nicht Samba, sondern
Sertaneja, tiefromantisch.“ Karneval Alle Brasilianer karnevalsverrückt? Feiert alles wirklich bis zur
Ekstase? Von wegen. Seit in den achtziger Jahren die Gewalt in den Städten geradezu sprunghaft zunahm, blieben immer mehr Brasilianer dem Carnaval lieber ferne. Sich köstlich amüsieren und gleichzeitig vor Überfällen mit Messer und Revolver auf der Hut sein – das geht nicht zusammen. In Karnevalshochburgen des Nordostens begeben sich nach dreiundzwanzig Uhr vielerorts die meisten Narren schleunigst nach Hause, weil dann Schüsse zu hören sind, Überfälle drohen. Nach seriösen Erhebungen mag gerade mal ein Drittel der Brasilianer das Volksfest, beteiligt sich mehr oder weniger intensiv – der Rest bleibt demonstrativ ferne, hat für Karneval ähnlich viel übrig wie der Durchschnittsdeutsche. Beeindruckend, wieviele Bewohner Rio de Janeiros die Stadt kurz vorm Karneval verlassen, wie ausgestorben daher viele Viertel wirken. Fußball Und die Fußballbegeisterung? Wird wirklich überall an den Stränden, in jeder Straße, in jeder Gasse gekickt? Gemäß Umfragen tritt die große Mehrheit der Brasilianer nie oder nur höchst selten gegen einen Ball. Achtzig Prozent leben in Städten wie dem Betonmeer Sao Paulo. Benedita Souza aus Sao Paulo beobachtet: “Fußball geht eigentlich nur in den Clubs. Es ist doch alles zugebaut. Den Jugendlichen fehlt Platz zum Spielen. Deshalb sitzen die meistens vor dem Fernseher.“ Stimmt. Auch weils vielen auf der Straße zu gefährlich ist. Brasiliens Heranwachsende hocken mehr als doppelt solange wie ihre deutschen Altersgenossen vor der Glotze – durchschnittlich dreieinhalb Stunden pro Tag, liegen damit weltweit an der Spitze. Strand
Aber geht denn bei diesem herrlichen Tropenwetter nicht wenigstens in Rio alles an den Strand, planscht nach Herzenslust in den Copacabanawellen? Ist der Brasilianer nicht ein absoluter Strandfan?
Noch so ein Klischee. Selbst in Rio ist es nur eine Minderheit - Fernsehen oder durch Einkaufszentren schlendern, ziehen in der Freizeit die meisten laut Umfragen vor. Nicht wenige Europäer gehen an Rios Traumstrände, etwa den von Ipanema, und meinen danach, alle brasilianischen Frauen und Männer hätten diese Gardemaße wie das dort größtenteils aus
Mittel- und Oberschicht stammende, wohlernährte und wohlgepflegte, hochprivilegierte Publikum. Doch weit mehr „Cariocas“ hausen in den rasch wachsenden Slums, müssen die neufeudale Diktatur der hochbewaffneten, sadistischen Milizen des organisierten Verbrechens ertragen, erlebten Morde, Massaker aus nächster Nähe. Armut, Elend, schlechte Ernährung sieht man ihnen nur zu oft an, die von Soziologen, Anthropologen betonte „soziale Apartheid“ Brasiliens hinterläßt natürlich Spuren. Brasilianer, so besagen Weltumfragen, sind am eitelsten, legen am meisten Wert darauf, körperlich attraktiv zu sein. Am Strand wird der Körperkult auf die Spitze getrieben. Brasilienklischees sind Diktaturprodukt Brasiliens Kommentatoren erinnern derzeit auch daran: Jenes Klischeebild Brasiliens als Land von Samba, Karneval, Fußball, unbändiger Lebensfreude und Rassendemokratie wurde kurioserweise von Diktator Getulio Vargas, einem Hitlerverehrer und Judenhasser, in den dreißiger und vierziger Jahren produziert, wurde Teil der Auslandspropaganda. Diogo Mainardi, provokanter Kolumnist des führenden Nachrichtenmagazins „Veja“, formuliert es so:“ D e r Brasilianer existiert gar nicht, ist eine Täuschung, eine Lüge. Wer den Typus des Brasilianers erfunden hat, war die Getulio-Diktatur. Die erfand eine Rasse, glorifizierte die Mischung zwischen Weißen, Schwarzen und Indianern – Frucht einer kollektiven Vergewaltigung. Erfunden wurden Mythen, der Fußball, der Karneval, die Populärmusik. Die Getulio-Diktatur erfand d e n Brasilianer, um ihn besser beherrschen zu können.“ Mussolinis Italien, aber auch Hitlers Deutschland seien hier vorbeigekommen, es habe ein „ambiente goebbeliano“ gegeben. „Der Unterschied ist, daß sich Italien und Deutschland von jenem sechzig Jahre zurückliegenden totalitären Diskurs befreit haben. In Brasilien wird er gleich fortgesetzt, werden Ideen von 1930 wiedergekäut. Die großen Namen unserer Intelligentsia und unserer Kultur sind jene alten Kollaborateure der Getulio-Diktatur, die mitgeholfen haben, jenes Image vom Brasilianer zu schmieden.“ Diogo Mainardi nennt Namen wie Architekt Oscar Niemeyer, Lucio Costa, Gilberto Freyre und Vinicius de Morais. „Getulio Vargas wußte, daß man am besten mit Künstlern und Intellektuellen fertig wurde, wenn man ihnen einen Job verschaffte.“ |