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Fußball-WM und Brasilienklischees (1)
Klaus Hart

Im Vorfeld der Fußball-WM feiern in Deutschland dümmliche, meist von Werbung, Industrie und Auslandspropaganda vorgegebene Brasilienklischees wieder Triumphe. Das Tropenland wird nur zu oft auf Karneval, Alegria ohne Ende, Samba, Rio de Janeiro und seine Traumstrände, auf schöne, sinnliche Frauen reduziert. So, als wären umgekehrt alle Deutschen absolute Fans des Münchner Oktoberfests und seiner Blasmusik. „O Brasil esta na moda“, Brasilien ist Mode, konstatieren amüsiert die Kolumnisten der großen brasilianischen Qualitätszeitungen und machen sich bei jeder Gelegenheit über die realitätsfremde Sicht des Auslands lustig. 

Bestsellerautor Joao Ubaldo Ribeiro aus Rio de Janeiro konstatiert bei Deutschlandreisen immer wieder, daß deutsche Medien, aber auch die Normalbürger, von absurdesten Brasilienklischees einfach nicht lassen wollen. Und da Ribeiro nebenbei auch noch ein großer begnadeter Zeitungskolumnist ist, informiert er seine Landsleute regelmäßig mit beißendem Spott über das verquere Brasilienbild nicht nur in Europa: “In der Ersten Welt weiß man nichts über Brasilien. Wenn man die Mehrheit der Deutschen bittet, mal was über Brasilien zu sagen, dann kommt, ach so ja, Pelè, Fußball, Karneval, Nackte. Die Hauptstadt? Äh, Rio de Janeiro. Die wissen nichts!“ Ribeiro liegt so schief nicht. 

Samba oder Sertaneja?

Vor der WM werden Brasilien und sein Fußball wieder einmal gnadenlos mit Samba zusammengerührt. Samba-Fußball, Samba-Kicker, Samba-Giganten. Und Lothar Matthäus, der gerade im südbrasilianischen, nicht gerade Samba-geprägten Curitiba als Trainer anfing, wird gar zum Samba-Lothar. Man weiß es doch, wird einem eingebleut - in Brasilien ist feuriger Samba am beliebtesten – und im Karneval tanzt zu mitreißenden Sambarhythmen nicht nur ganz Rio Tag und Nacht. Alles falsch, alles frei erfunden, clevere Mediensteuerung machts möglich. Ein Blick in die brasilianischen Hitparaden, auf die Listen der meistgespielten Titel, der meistverkauften CDs genügt. Und auch die Musikexperten, die Leute auf der Straße bestätigen es: Samba war in Brasilien noch nie tonangebend, ist bis heute in vielen Landesteilen überhaupt nicht populär. Benedita Souza aus dem Samba-armen Nordosten lebt heute in der brasilianischen Kultur-und Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, auch nicht gerade ein Samba-Pflaster:“ Nein, daß alle Brasilianer Samba mögen, gar Samba im Blut haben, stimmt überhaupt nicht. Nur eine Minderheit kann Samba tanzen, ja, nur eine Minderheit. Denn Samba muß man erst mal lernen. Nur ein bißchen mit den Hüften wackeln, das kann ja jeder. Brasiliens populärste Musik ist nicht Samba, sondern Sertaneja, tiefromantisch.“

Brasiliens größte Qualitätszeitung, die Folha de Sao Paulo, hat es per Umfrage ermittelt: Die prägende, meistgehörte Musik von Lateinamerikas Kultur-Megacity ist Sertaneja, gefolgt von anderen Genres der Musica Popular Brasileira. Erst an dritter Stelle folgen Samba/Pagode, danach Rock. Wer sind die Megastars Brasiliens? Folgt man den Klischee-Vorgaben deutscher, auch multikultureller Medien, müßte es sich um Gilberto Gil, Marisa Monte, Lenine, Chico Cesar, Maria Bethania oder Caetano Veloso handeln – letzterer wird allen Ernstes gelegentlich als „größter Musikstar Brasiliens“ gepriesen. Ein schlechter Witz. Die beiden Megastars Brasiliens heißen Zezè di Camargo und Luciano, leben in Sao Paulo und komponieren, spielen Sertaneja. Die 2005 in Brasiliens Radios am meisten gespielte Musik, „Fui Eu“, kam von diesem Duo, ermittelt von „Crowley Broadcast Analysis“. Samba folgt stets deutlich abgeschlagen. Nicht zufällig holte sich der rechtssozialdemokratische Staatschef Lula für seine Wahlkampfkundgebungen als Anheizer keine Sambaband, sondern die Grammy-Preisträger Zezè di Camargo und Luciano. 

Auch andere Sertaneja-Stars, etwa Bruno und Marrone, sind weit populärer als die in Deutschland immer herausgestellten Musiker. Und schauen wir uns die landesweiten CD-Verkäufe der letzten Jahre an, wirds noch kurioser: Pop und Rock, ganz überwiegend brasilianisch, liegen an erster Stelle, gefolgt von Sertaneja und --- religiöser Musik von Kirchen und Sekten. Erst danach folgen Samba/Pagode. Die zuständigen Statistiker der Musikbranche verweisen indessen darauf, daß auf eine legal im Laden verkaufte CD bis zu zehn schwarz gepreßte und vertriebene Scheiben kommen. Schwerlich zu übersehen, welche Sparte die Raubpresser bevorzugen – Sertaneja. Überall in den Einkaufsstraßen Brasiliens werden nicht nur die CDs von Zezè di Camargo und Luciano teils zum Stückpreis von umgerechnet siebzig, achtzig Cents geradezu massenhaft angeboten. Brasiliens erste nicht von Indios gespielte Musik war Sertaneja, nicht Samba. Kurios, wenn daher Kulturminister Gilberto Gil jetzt in Deutschland mit der Feststellung zitiert wird, „Samba und Fußball sind unsere wichtigsten Wurzeln“. Samba sei die für Brasilien typischste Musik, wird anderswo behauptet – und natürlich nicht bewiesen. Treten an Rio de Janeiros Stränden große Namen des Samba auf, kommen fünf-bis zehntausend. Anfang Februar spielten an selber Stelle Sänger einer Sektenkirche – laut Polizeiangaben kamen 300000.

Karneval

Alle Brasilianer karnevalsverrückt? Feiert alles wirklich bis zur Ekstase? Von wegen. Seit in den achtziger Jahren die Gewalt in den Städten geradezu sprunghaft zunahm, blieben immer mehr Brasilianer dem Carnaval lieber ferne. Sich köstlich amüsieren und gleichzeitig vor Überfällen mit Messer und Revolver auf der Hut sein – das geht nicht zusammen. In Karnevalshochburgen des Nordostens begeben sich nach dreiundzwanzig Uhr vielerorts die meisten Narren schleunigst nach Hause, weil dann Schüsse zu hören sind, Überfälle drohen. Nach seriösen Erhebungen mag gerade mal ein Drittel der Brasilianer das Volksfest, beteiligt sich mehr oder weniger intensiv – der Rest bleibt demonstrativ ferne, hat für Karneval ähnlich viel übrig wie der Durchschnittsdeutsche. Beeindruckend, wieviele Bewohner Rio de Janeiros die Stadt kurz vorm Karneval verlassen, wie ausgestorben daher viele Viertel wirken. 

Deutsche Medien berichtens anders. „Wild und enthemmt“ gehe es besonders im Rio-Karneval zu, melden deutsche Gazetten. Zum Beweis werden Fotos von der großen, weltweit einzigartigen Parade der besten Sambaschulen gedruckt. Barbusige Frauen in Mini-Tangas wirklich überall, wird suggeriert. Natürlich frei erfunden. Jene Vorzeige-Models der Sambaschulen, auf die sich die Kommerz-Fotografen stürzen, kommen wohlbedeckt und wohlbewacht zu den Aufstellungsräumen der Sambaschulen. Erst dort, zum Paradestart, legen sie auf Allegorienwagen oder vor den Blocks der Perkussionisten ihre Hüllen ab – und ist die Paradestrecke abgetanzt, bedeckt man sich schnellstens wieder. So wies von den allgegenwärtigen heftig machistischen Partnern befohlen wird. Standardregel im Karneval: Jene am wenigsten bekleideten Karnevalstänzerinnen werden am meisten machistisch bewacht – ob von Freund, Ehemann, Bruder, Vater etc. Nur zu oft hört man gerade in Rio von einstmals karnevalsbesessenen Frauen resigniert:“ Mein Mann hat mich zwar im Karnevalsgetümmel kennengelernt, mir aber danach den Karneval verboten.“

Fußball

Und die Fußballbegeisterung? Wird wirklich überall an den Stränden, in jeder Straße, in jeder Gasse gekickt? Gemäß Umfragen tritt die große Mehrheit der Brasilianer nie oder nur höchst selten gegen einen Ball. Achtzig Prozent leben in Städten wie dem Betonmeer Sao Paulo. Benedita Souza aus Sao Paulo beobachtet: “Fußball geht eigentlich nur in den Clubs. Es ist doch alles zugebaut. Den Jugendlichen fehlt Platz zum Spielen. Deshalb sitzen die meistens vor dem Fernseher.“ Stimmt. Auch weils vielen auf der Straße zu gefährlich ist. Brasiliens Heranwachsende hocken mehr als doppelt solange wie ihre deutschen Altersgenossen vor der Glotze – durchschnittlich dreieinhalb Stunden pro Tag, liegen damit weltweit an der Spitze. 

Strand

Aber geht denn bei diesem herrlichen Tropenwetter nicht wenigstens in Rio alles an den Strand, planscht nach Herzenslust in den Copacabanawellen? Ist der Brasilianer nicht ein absoluter Strandfan? Noch so ein Klischee. Selbst in Rio ist es nur eine Minderheit - Fernsehen oder durch Einkaufszentren schlendern, ziehen in der Freizeit die meisten laut Umfragen vor. Nicht wenige Europäer gehen an Rios Traumstrände, etwa den von Ipanema, und meinen danach, alle brasilianischen Frauen und Männer hätten diese Gardemaße wie das dort größtenteils aus Mittel- und Oberschicht stammende, wohlernährte und wohlgepflegte, hochprivilegierte Publikum. Doch weit mehr „Cariocas“ hausen in den rasch wachsenden Slums, müssen die neufeudale Diktatur der hochbewaffneten, sadistischen Milizen des organisierten Verbrechens ertragen, erlebten Morde, Massaker aus nächster Nähe. Armut, Elend, schlechte Ernährung sieht man ihnen nur zu oft an, die von Soziologen, Anthropologen betonte „soziale Apartheid“ Brasiliens hinterläßt natürlich Spuren. Brasilianer, so besagen Weltumfragen, sind am eitelsten, legen am meisten Wert darauf, körperlich attraktiv zu sein. Am Strand wird der Körperkult auf die Spitze getrieben. 

Nur zu viele aus der Unterschicht fühlen sich in diesem Ambiente von Model-Schönheitskonkurrenz höchst unwohl. Benedita Souza formuliert es drastisch so: “Wer zur Unterschicht gehört, wie die große Mehrheit, und kein Geld hat, wird am Strand schief angeguckt, fühlt sich zurückgewiesen, ausgeschlossen, fühlt sich deshalb schlecht. Und bleibt daher lieber zuhause. Die meisten Armen haben schon deshalb keine Zeit für den Strand, weil sie arbeiten müssen, auch am Wochenende. Die Strände liegen meistens weit von den Slums – und wer am nächsten Tag arbeiten muß, überlegt es sich, ob er wegen ein paar Stunden am Meer so weit fährt. “ „Das Leben in Brasilien ist leicht und unbeschwert. Probieren Sie es selbst“, lautet ein Brasilienklischee-Werbespruch in Deutschland. Wo bitte in Brasilien? In den Strandvierteln der privilegierten Minderheit oder in unüberschaubaren Slums, in denen regelmäßig Menschen zerstückelt, lebendig verbrannt werden?

Brasilienklischees sind Diktaturprodukt

Brasiliens Kommentatoren erinnern derzeit auch daran: Jenes Klischeebild Brasiliens als Land von Samba, Karneval, Fußball, unbändiger Lebensfreude und Rassendemokratie wurde kurioserweise von Diktator Getulio Vargas, einem Hitlerverehrer und Judenhasser, in den dreißiger und vierziger Jahren produziert, wurde Teil der Auslandspropaganda. Diogo Mainardi, provokanter Kolumnist des führenden Nachrichtenmagazins „Veja“, formuliert es so:“ D e r Brasilianer existiert gar nicht, ist eine Täuschung, eine Lüge. Wer den Typus des Brasilianers erfunden hat, war die Getulio-Diktatur. Die erfand eine Rasse, glorifizierte die Mischung zwischen Weißen, Schwarzen und Indianern – Frucht einer kollektiven Vergewaltigung. Erfunden wurden Mythen, der Fußball, der Karneval, die Populärmusik. Die Getulio-Diktatur erfand d e n Brasilianer, um ihn besser beherrschen zu können.“ Mussolinis Italien, aber auch Hitlers Deutschland seien hier vorbeigekommen, es habe ein „ambiente goebbeliano“ gegeben. „Der Unterschied ist, daß sich Italien und Deutschland von jenem sechzig Jahre zurückliegenden totalitären Diskurs befreit haben. In Brasilien wird er gleich fortgesetzt, werden Ideen von 1930 wiedergekäut. Die großen Namen unserer Intelligentsia und unserer Kultur sind jene alten Kollaborateure der Getulio-Diktatur, die mitgeholfen haben, jenes Image vom Brasilianer zu schmieden.“ Diogo Mainardi nennt Namen wie Architekt Oscar Niemeyer, Lucio Costa, Gilberto Freyre und Vinicius de Morais. „Getulio Vargas wußte, daß man am besten mit Künstlern und Intellektuellen fertig wurde, wenn man ihnen einen Job verschaffte.“