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Krisenenergie / ila 272

Reality check
Hunderttausend machen aus dem 
4. Weltsozialforum ein Dauerhappening
von Gaby Küppers

„Eine andere Welt ist möglich“, mag so manch eineR unwillkürlich beim Betreten des ehemaligen Ausstellungsgeländes Nesco Grounds in Mumbai gemurmelt haben. Drei Jahre lang, seit dem ersten Weltsozialforum in Porto Alegre, war damit Aufbegehren gegen den neoliberalen Mainstream, trotzige Gegenrede gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos und Zukunftsmusik gemeint. In der indischen 13-Millionen-Stadt erhielt der Satz vom 16. bis 21. Januar unverhofft eine viel elementarere Bedeutung. Vor dem WSF-Tor Staub, Plakate jeder Schriftart, BettlerInnen, VerkäuferInnen. Dahinter wälzte sich fünf Tage lang eine nicht enden wollende Menschenmenge singend, tanzend, demonstrierend durch Baumalleen. Hier war eine andere Welt, und das Weltsozialforum musste sich dem stellen.

Wieder waren wie im letzten Jahr im Süden Brasiliens rund hunderttausend Menschen zusammengekommen. Wieder stammten rund 85 Prozent der TeilnehmerInnen aus dem ausrichtenden Land. Und doch war alles ganz anders. Als in Porto Alegre am Eröffnungstag noch kein gedrucktes Programm vorlag, kam Panik auf. Die Büros der VeranstalterInnen wurden beinahe gestürmt. In Mumbai kümmerte des Fehlen eines Orientierungsplans zum Erstellen individueller optimaler Seminarangebotsnutzungspläne nur wenige. Die meisten Anwesenden interessierten sich ohnehin nicht für das, was in den Sälen stattfand. Bauernbewegungen, Gewerkschaften, ja komplette Dörfer waren angereist, um unter freiem Himmel gegen Vertreibung, gegen Diskriminierung und Rassismus oder für Schulen zu demonstrieren; gegen den Krieg im Irak und für Frieden mit Pakistan (die Regierung hatte nur 460 der 7000 beantragten Visa für Pakistani bewilligt). Und gegen einen Multi wie Coca-Cola, der im südlichen Bundesstaat Kerala innerhalb von drei Jahren das Grundwasser bis in für die AnwohnerInnen unzugängliche Tiefen abgepumpt hat. „Coca-Cola quit India“, stand auf Plakaten. Die Formel ist historisch: „Briten raus aus Indien“, hatte Gandhi einst den englischen Kolonialherren entgegengerufen. In einem mit einer rechten, nationalistisch-rassistischen Regierung geschlagenen Land findet die typische politische Auseinandersetzung auf der Straße statt, in diesem Fall in den Nesco Grounds. Mit einer gemeinsamen Grundaussage: „Uns gibt es! Wir haben Rechte und wir fordern sie ein!“

Zum ersten Mal waren in Indien so viele verschiedene Bewegungen an einem Ort zu einem Akt der Selbstbehauptung vereint. Und zum ersten Mal auch hatte sich ein so breites Bündnis von indischen Gruppen zuammengeschlossen, um das Vierte Weltsozialforum nach Asien zu holen. Selbstverständlich war das nicht ohne Reibungen abgegangen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hingen in einem wesentlich kleineren und weniger besuchten Gelände rote Spruchbänder mit der Aufschrift: „Die Globalisierung kann man nicht humanisieren.“ Ein eher links-autoritärer Teil des indischen Gewerkschafts-, Parteien- und Bewegungsspektrums hatte dort zeitgleich „Mumbai Resistance“ (MR) organisiert. MR befand die Charta des Sozialforums als zu reformistisch, statt von Globalisierung solle man besser von Kapitalismus und Imperialismus reden, der bewaffnete Kampf sei als legitime Widerstandsform anzusehen. Außerdem warf MR dem WSF vor, Gelder von zweifelhaften Organisationen wie der Ford Foundation anzunehmen. Die WSF-OrganisatorInnen konterten, indem sie im Programmheft die Namen der Sponsoren abdruckten. Auf die Ford Foundation hatten sie verzichtet. Allerdings gab es de facto ein gewisses Crossover zwischen WSF und MR. Mehrere RednerInnen traten auf beiden Foren auf.

Sprachlos, überwältigt, schockiert, antworteten die AusländerInnen in der Regel auf die Frage nach ihren Eindrücken. Schockiert von der in Indien unübersehbaren Armut. „Wir dachten immer, Afrika sei der arme Kontinent, aber so etwas haben wir noch nie erlebt“, sagten zwei Frauen aus Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, Mitglieder des Weltmarschs der Frauen. „Da sieht man, was der freie Weltmarkt hervorbringt“, wetterte José Bové aus Frankreich, einer der Stars des Forums. Sichtbar zu werden, war ein primäres Ziel für viele TeilnehmerInnen. Die Dalits, die Unberührbaren, hatten über zwei Tage ihre eigene, stark besuchte Veranstaltungsreihe auf dem Forum, um gegen das unmenschliche indische Kastenwesen zu protestieren. Das Forum bot auch für andere marginalisierte Gruppen den notwendigen Freiraum, um den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen: Prostituierte, Transsexuelle, Behinderte auf Podien und hinter Spruchbändern auf der Straße – das war in Indien neu.

„Hier wird mir die Komplexität unseres Kampfes für eine andere Welt überhaupt erst richtig klar“, sagt die Kanadierin Diane Matte, Mitglied des Internationalen Rats (IR) des WSF. „Mumbai bedeutet einen qualitativen Sprung“, pflichtet Gina Vargas, ebenfalls Mitglied des IR, bei. Hier gibt es keine Nischen für Diskriminierte und Marginalisierte, hier sind sie mitten drin. Besonders wichtig für die Peruanerin: „Für Frauen haben wir die Parität auf allen Podien durchgesetzt.“ Absolut bereichernd sei die indische Ausgabe des WSF, meint auch Gustavo Codas, vom brasilianischen Gewerkschaftsdachverband CUT in den IR entsandt, „aber was machen wir jetzt daraus, wenn das Forum im nächsten Jahr nach Porto Alegre zurückkehrt?“ Die Stimmung sei in Mumbai so wie beim ersten Weltsozialforum in Porto Alegre: Es regiert die Begeisterung des Aufbruchs. Aber die LateinamerikanerInnen und EuropäerInnen seien schon mitten drin im Prozess. Bringt die neue Vielfalt jedoch vorwärts? Oder, wie die indische Aktivistin Vandana Shiva fragte: „War nach all dem Trommeln, Tanzen und Demonstrieren eigentlich noch Zeit, um Kontakt mit potentiellen Gleichgesinnten aufzunehmen. War auf dem WSF noch Platz für Strategien?“

In Porto Alegre war die Tendenz zunehmend in Richtung große Events gegangen. Die Leute wollen lieber „Promis gucken“ als Alternativen diskutieren, war vor allem im letzten Jahr ein Kritikpunkt. In kleine, selbstorganisierte Workshops, wo es um Mit-Sprache ging, verlief sich oft nur eine Handvoll Interessierter. In Mumbai war's umgekehrt. Die SelbstorganisatorInnen von Seminaren waren zufrieden mit den Teilnahmezahlen. Dagegen blieben die nach den Porto-Alegre-Erfahrungen für 4000 bis 8000 ZuhörerInnen bestuhlten, vom Internationalen Rat organisierten Großkonferenzen meist mindestens halb leer. Uns geläufige große Namen sind eben für AsiatInnen nicht unbedingt große Namen. Außerdem existierte trotz gewaltiger Anstrengungen von „Babels“, dem beim Europäischen Sozialforum in Florenz gegründeten Pool freiwilliger DolmetscherInnen, ein immenses Sprachproblem. Indien hat 18 offizielle Sprachen – mehr als die derzeitige EU, gesprochen werden an die 200. Nur fünf Prozent der InderInnen sprechen eine zweite Sprache, nur 35 Prozent können lesen und schreiben. In Porto Alegre hatten 73 Prozent der TeilnehmerInnen studiert. In Mumbai war es sicher umgekehrt. Kein Wunder, dass in den großen Konferenzen abgesehen von den geladenen RednerInnen nur vereinzelt InderInnen und überhaupt AsiatInnen saßen.

Also alles nur schön bunt, aber zersplittert und folgenlos? Zumal die zahlreich wie nie herbeigeeilten europäischen PolitikerInnen hätten es gerne ein bisschen konkreter gehabt. „Die Ziele des WSF sind verloren gegangen“, war schon mal zu hören. Mit anderen Worten: man weiß, wo es eigentlich lang gehen sollte. Man kennt sich aus in alternativer Ökonomie und ökonomischen Alternativen. Es sind Wahlkampfzeiten. In Belgien, Frankreich und Spanien wird demnächst gewählt. Dazu finden im Juni die Wahlen fürs Europäische Parlament statt. Da kann ein WSF-Auftritt nur nützen. Nun verabschiedet das WSF bedauerlicherweise nicht einmal Resolutionen, welche man bei Reden daheim verwenden könnte. Entscheidungen werden schon gar keine getroffen, mit denen man sich vor dem Mikrofon solidarisieren könnte. Wie also punkten? Wenn denn schon die Bewegungen sich weigern, griffige Formulierungen und möglichst leicht verdauliche Forderungen zu liefern, sondern statt Beschlüssen Austausch und Vernetzung in den Vordergrund stellen, dann müssen PolitikerInnen sich eben selbst in WSF-Szene setzen. Obwohl die WSF-Charta das eigentlich ausschließt, saßen vielerorts MinisterInnen und Ex-MinisterInnen, Abgeordnete und Parteivorsitzende auf Podien. Nicht, dass das angesichts des eindeutigen Schwergewichts auf Aktivitäten unter freiem Himmel in Mumbai selbst besonders aufgefallen wäre. 

Was soll's, ging es doch vornehmlich um Fotos, Presseerklärungen und Websites. Die Sozialistische Internationale hatte sich einen ganzen Morgen u.a. mit ihrem Vorsitzenden, dem ehemaligen portugiesischen Ministerpräsidenten António Guterres, und dem derzeitigen Vorsitzenden der sozialdemokratischen Parteien im Europaparlament (EP), dem Spanier Enrique Barón, reserviert. Letzterer bezog übrigens gehörig Schelte dafür, dass er den rechtsextremen kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe, für den 10. Februar ins EP eingeladen hat. Der Vorsitzende der belgischen Sozialdemokraten, Elio di Rupo, ließ kein Treffen aus, bei dem BelgierInnen zugegen waren. Aus Deutschland waren neben PDS-Europaabgeordneten die Grüne Kerstin Müller, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, und der frühere SPD-Landesminister und derzeitige Europaabgeordnte Jo Leinen mit von der Partie. Hatten sie geahnt, dass Deutschland die größte europäische Delegation stellte?

Am irritierendsten war sicherlich die PolitikerInnenpräsenz aus Frankreich. Chirac hatte wahrhaftig zwei Ministerinnen (für nachhaltige Entwicklung und für Gleichstellung) geschickt, und sein Konsul vor Ort brachte es fertig, das parallel zum WSF tagende Weltparlamentarierforum (WPF) anzuschreiben mit dem dringenden Vorschlag, die Ministerin für Gleichstellung, Nicole Ameline, doch auf die Rednerliste zu setzen, da sie sicherlich das Parlamentariertreffen mit frischen Ideen bereichern könne. Das WPF war verblüfft, dann sauer. Immerhin versucht das WPF den Brückenschlag zum WSF, indem es etwa die GATS-Verhandlungen ablehnt, sich gegen Freihandelszonen zwischen ungleichen Wirtschaftspartnern ausspricht oder auch zu den Aktionstagen der sozialen Bewegungen aufruft (20. März weltweiter Antikriegstag, 3. April Tag gegen Sozialabbau, 17. April internationaler Kampftag der Bauern, 9. Mai für ein anderes Europa etc.). Das kann man von der Chirac-Regierung schwerlich behaupten. Aber die absolute rechte Mehrheit ist in Frankreich hart gesotten. Schon mal unter www.rdonnedieudevabres.com nachgesehen? Auf der Website des Sprechers der Chirac-Partei ist Mumbai derzeit der Aufmacher. Links prangt ein Foto, das Renaud Donnedieu de Vabres im Gespräch mit José Bové zeigt, jenem Bauernaktivisten, den Chirac kürzlich begnadigte – er saß wegen Zerstörung einer McDonald's-Filiale ein. Daneben schwärmt de Vabres von seinem Aufenthalt in Mumbai und seiner fruchtbaren Diskussion mit José Bové, nachdem er ihm den Abschlussbericht seiner Regierung zum Thema Globalisierung in die Hand gedrückt habe.

Man kann über solche Umarmungsstrategien lachen. Man kann die StrategInnen aber auch beim Wort nehmen. JedeN EinzelneN. Wer zum Weltsozialforum fährt, wer die Armut in Indien gesehen hat, sollte sich sofort verpflichten, keiner Maßnahme mehr zuzustimmen, die zum Sozialabbau führt, zur Öffnung der Märkte und zum Ausbau der Macht der WTO. Wie wär's mit einer Briefkampagne?

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