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AUSSPRACHE
Texte lateinamerikanischer AutorInnen in Deutschland

zu Patricia Cerda-Hegerl                                                                         zu Eine Erzählung von ... 

Rocío Quispe
(aus Mittelamerika nach der Sintflut/ila 224)

Doch, es gibt etwas Neues unter der Sonne, meldete Rocío Quispe im Februar dieses Jahres höchstzu- frieden nach Deutschland: „Ich habe in Salamanca mit ‘El cuarto mandamiento’ (Das vierte Gebot) den zweiten Preis im Kurzgeschichtenwettbewerb La Regenta gewonnen." Solch eine Überraschung war eigentlich nicht vorgesehen, denn die in Deutschland lebende Peruanerin wohnt derzeit aus einem anderen Grund in Salamanca. Sie schreibt an einer Doktorarbeit über die Auswirkungen der herrschenden Schreib- weise auf einen indigenen Landsmann und berühmten Autor aus dem 16. Jahrhundert, Guamán Poma de Ayala. Eine Dissertation, die sie im November dieses Jahres der Universität von Brown, USA, vorlegt.

Aber gehen wir langsam vor. Rocío Quispe wird 1962 in Lima, Peru, geboren. Als kleines Mädchen malt sie gern, wendet sich dann aber der Literatur zu, liest intensiv, stets gefördert von den Eltern. Mit 17 schreibt sie ihre erste Kurzgeschichte: „¿Quién es el rey?" (Wer ist der König?), eine GeschRocío Quispeichte von Liebe und Schach. Eine gleichsam programmatische Geschichte, wenn man im nachhinein zwei von Rocío Quispes literarischen Grundthemen betrachtet. Die Liebe: Das Schreiben selbst hat für die Peruanerin etwas Erotisches. Schreiben sei wie ein Liebesakt, es gehörten Begehren, Lust und am Ende des Textes eine satte Zufriedenheit dazu. Das Schach: Sprache, sagt sie, sei wie Schach, eine Art ernstes Spiel. Ein Instrument der Selbsterkenntnis wie der Weltaneignung. Welt wird mit Sprache geschaffen, aber auch verändert, wenn die Sprache sich ändert.

Wen wundert’s, daß Rocío Quispe Linguistik, später auch Literatur studiert. Nach dem Diplom an der Universidad Católica de Lima geht sie mit 24 Jahren nach Toulouse, studiert Semiotik, macht einen Master in Ethnoliteratur und -linguistik. Drei Jahre lang arbeitet sie an verschiedenen peruanischen Universitäten. 1990 erhält sie ein Stipendium für Forschungen in Spanien, danach eins für eine Doktorarbeit in den USA. Dort verbringt sie vier Jahre.

Seit weiteren vier Jahren nun lebt sie in Deutschland, zufällig und aus familiären Gründen. Der Anfang in Deutschland war besonders schwer, meint sie. Erlangen war so fremd wie die deutsche Sprache. Inzwi- schen könne sie nicht nur die deutsche Sprache sprechen, sondern habe auch viel vom deutschen Verhal- tenscode gelernt. Doch es bleibt oft ein Abstand zwischen rationalem Verstehen und emotionalem Akzep- tieren. Eines Tages auf Deutsch schreiben? Das kann sie sich eigentlich nicht vorstellen.

Rocío Quispe schreibt Kurzgeschichten und sammelt Ideen für Romane. Sie arbeitet an einer Sammlung von Erzählungen, die sie gerne in Spanien oder Deutschland herausbringen würde, am liebsten auf Spanisch.

Exilliteratur? Nein, denn sie sei nicht als Flüchtling hier. Ihr Blick sei der der Ausländerin. Wenn sie je einen Roman über Deutschland schriebe, dann sicher einen über die schwierige „transición", den Übergang von den zwei Deutschlands zu einem. In der Literatur von LateinamerikanerInnen in Deutschland sieht sie zwei Haupttendenzen: den Blick von außen auf die neue, fremde Umgebung und die Selbstreflexion über den Status als Ausländer, die sie als schmerzhaft, aber wichtig empfindet.

In der neueren Romanliteratur ihres Heimatlandes fehlen ihr der rechte Schwung, die großen historischen Themen wie auch und gerade das Thema Frau und ihre Funktion, gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. Statt dessen würden Frauen immer nur in passiven Rollen dargestellt. In vielen Ländern dagegen sei der Frauenroman längst geradezu eine Mode geworden. Das stelle zwar nicht unbedingt ein Gütesiegel für literarische Qualität dar, sei aber eine geradezu notwendige Reaktion auf die jahrhundertelange Abwesenheit oder Rollenstereotypisierung von Frauen.

Die Frage der Themen habe mit der Funktion von Literatur nichts zu tun. Literatur habe den Zweck, Lust und Vergnügen zu verschaffen und darüber Veränderungen in der Welt voranzutreiben. Ob die schreibende Person dabei Mann oder Frau ist, sei unerheblich. Beide könnten im Prinzip in beide Perspektiven schlüpfen. In welche Rolle Rocío Quispe in der nachfolgenden Kurzgeschichte geschlüpft ist, wird nicht verraten.

Ein Besuch im Museum       Eine Erzählung von Rocío Quispe

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