Eine Erzählung
Die Wäscherin
von Patricia Cerda-Hergerl
Die Frau hier bei der Wäsche, die Sie gerade betrachten, meine
Herrschaften, vielleicht sogar mit Bewunderung, das bin ich. Was machen Sie
da?, fragte er mich, und ich fuhr überrascht hoch, denn ich hatte seine Gegenwart
nicht bemerkt. Ja, sehen Sie das denn nicht?, antwortete ich. Ich wasche
doch, was denn sonst. Genau das machte ich nämlich gerade, ich war dabei, die
Leinentischdecken zu scheuern, die Hemden der Herrinnen, die Bettlaken und Handtücher. Er
stand noch eine Weile da und betrachtete mich am Flußufer, und ich gab mir alle Mühe so
auszu- sehen, als ob ich mich nicht darum scherte, damit sie hinterher nicht sagen, ich
sei eine Durchtriebene und derglei-
chen... Schließlich fragte er mich, ob ich ihm erlaube, ein Portrait von mir zu malen,
während ich wusch. Fast hatte ich das schon erwartet, aber auch nur fast, weil die Idee
einfach zu schön um..., also gut, sagte ich zu ihm, ja, aber zuerst müsse ich das mit
der Herrin besprechen, denn was würden sie sonst sagen...
Der Deutsche wartete nicht ab, daß ich zu den Gutshäusern zurückkehrte. Mit einer Ruhe
und Besonnenheit, die ich kaum zu erklären weiß, fast sparsam, begann er seine
Utensilien aus einem Lederköfferchen hervorzuholen, das er bei sich trug, wobei er mich
immer wieder ansah und mit den Augen verzehrte und ich dann so tat, als bemerke ich das
nicht. Niemals hatte mich jemand so angesehen, nicht einmal José. Schwierige Dinge sagte
er mir, deren Sinn ich ansatzweise erahnte. Das Wichtigste war, den optimalen Ort zu
suchen, die richtigen Lichtverhältnisse. Er ließ mich mehrmals meine Position wechseln
und entfernte sich dann jedesmal, um die Komposition von ferne zu prüfen, wo er seine
Staffelei aufgestellt hatte.
Wir zwei verstanden uns gut, ich fand ihn auf Anhieb sehr nett und sehr liebenswürdig.
Seit Wochen befanden sich meine Dienstherren in großer Aufregung, weil die Ankunft des
Fremden aus nichts geringerem als den deutschen Ländern bevorstand. Meiner Mutter, die
auf den Gutshäusern Köchin war, hatten sie alles mögliche aufgetragen: alfajores de
manjar, Baisers, Spritzkuchen, calzones rotos und alles, was man nachmittags zum
Plauderstündchen so auftischte. Sie spitzte die Ohren, als der Maler misia Elisita
erzählte, daß er dabei war, ein Bild des Hofes mit mir (mit der Encarnación) zu malen
und sie um Erlaubnis bat, mich als Modell benutzen zu dürfen. Sie sagte, daß die
Herrinnen grün vor Neid wurden, weil alle heimlich darauf gehofft hätten, daß sie
gemalt würden, aber so war es nicht. Wie meine Mama und die anderen Frauen in der Küche
lachten. Ihnen blieb nichts anderes übrig als zuzustimmen. Wie hätten sie auch nein
sagen können?
Ich ging jeden Tag zur gleichen Zeit hinunter zum Fluß, so etwa gegen fünf Uhr
nachmittags, wenn die Hitze nachließ. Jeden Tag mit dem gleichen Korb und den gleichen
weißen Kleidern, und immer setzte ich mich in die gleiche Positur. Meine Mutter erzählte
allen voller Stolz, daß Rugendas ein Bild von mir malte. Nein, die Encarnación ist
aber auch wirklich sehr sympathisch, war der obligatorische Kommentar. In der Hütte
meiner Mutter machten die Leute dicke Backen, das Gespräch drehte sich ständig um den
Neid der Herrinnen und das Interesse des alten wie der jungen Herren. Ich mußte
aufpassen, denn es war meilenweit zu spüren, daß sie ein Auge auf mich geworfen hatten.
Ja und, sagte ich. Und wie malt er dich?, fragten sie mich. Wie ich
wasche, pah, entgegnete ich, wie denn sonst?
Von Zeit zu Zeit ließ er mich die Fortschritte sehen. Wollen Sie sehen?,
fragte er mich. Es war so zauberhaft zu sehen, wie das Bild allmählich entstand, wie er
mein Gesicht modellierte, die langen Zöpfe, viel länger als ich sie jetzt trage, und das
weiße Hemd. Er redete über das Licht, das Licht in Chile ist genauso wie das in Bayern,
sagte er. Und erst die Farben, in denen er mich malte, einfach wunderschön. Der Rock
tiefrot, ganz intensiv.
José wurde sehr eifersüchtig. Denn ich hatte schließlich gar keine Zeit mehr, mit ihm
spazierenzugehen. Ich sah ihn nie, aber ich habe das Gefühl, daß er mich manchmal hinter
irgendeinem Baum versteckt beobachtete, teils aus Neugier, um in Erfahrung zu bringen, was
mir geschah, was meine Mutter erzählte, und teils um zu sehen, ob ich nicht irgendetwas
mit dem Fremden anstellte. Aber keineswegs, er war sehr respektvoll. Ich war sein Modell
und nichts weiter.
Meine Mutter mochte misia Elisita sehr, nur sehr selten ärgerte sie sich über sie, doch
damals, mit diesem Bild, das von mir gemalt wurde, begannen die Streitereien zwischen
ihnen. Misia Elisita und die Mädchen lachten lauthals im Salon, so unüberhörbar, daß
sie es in der Küche mitbekommen und mir erzählen sollte. Sie machten sich über die
Einfälle des Deutschen lustig. In Chile, sagten sie, fiele es niemandem ein, sich an die
Wände seiner Wohnung das Portrait eines einfachen Mädels vom Lande zu hängen. Deswegen
war die Überraschung groß, als Rugendas ihnen erzählte, er habe vor, dieses Bild
zusammen mit anderen, die er während seines Aufenthalts im Lande gemalt hatte, dem
Staatspräsidenten zu schenken, um ihm für seine Gastfreundschaft und die
Liebenswürdigkeit seiner Bürger zu danken, die ihn seit seiner Ankunft in Valparaíso
stets so gut behandelt hatten. Das Letzte, was jetzt noch fehlt, ist, daß sie die
Encarnación in das Museum hängen, das sie gerade in Santiago bauen, sagte der Herr.
Meine Mutter wurde wütend, aber mir gefiel es sogar irgendwie, daß auf dem Gut von
nichts anderem mehr geredet wurde.
Wenn ich es jetzt so recht bedenke und diese Landschaft mit mir darin anschaue, kam der
Deutsche, um die Dinge gründlich auf den Kopf zu stellen. Die Herren waren die Herren,
die einzigen, die im Umkreis Respekt verdienten, und wir waren das Gesinde und die
Dienstmädchen. So einfach war die Sache. Ich war die Wäscherin und Punkt. Aber mit
diesem Modellstehen wurden die Herrinnen eifersüchtig und begannen, mich mit anderen
Augen anzusehen. Deswegen schlug misia Elisita meiner Mutter vor, daß es am besten sei,
ich würde in der Stadt eine Anstellung suchen, daß der Herr nicht noch mehr
Durcheinander auf seinem Hof wolle. Sicher, das war erst an dem Tag, als der Deutsche
fortging. Vorher, als er ihnen das fertige Bild zeigte, fanden sie es einfach reizend und
die Landschaft um den Hof so gelungen, mit soviel Kraft gezeichnet, très romantique, und
sie riefen sogar meine Mutter aus der Küche, damit sie es sich auch ansehe. Die Ärmste,
sensibel wie sie war, fing an zu weinen.
Am folgenden Tag ging ich mit dem Segen meiner Mutter fort, ohne sonst jemandem Bescheid
zu sagen, nicht einmal José, denn er hätte sicher versucht, mich davon abzubringen. Ich
sagte ihm nicht Bescheid, damit er mir nicht diese Geschichten von der Stadt erzählte,
daß die Mädel vom Land dort verdorben würden und anderen Blödsinn der Art. Denn hier
ist es genauso wie dort, nur daß man nicht im Fluß, sondern im Zuber wäscht, ansonsten
ist es genau das gleiche.
Ich erinnere mich an ihn und werde mich noch sehr lange an ihn erinnern. Die Langsamkeit,
mit der er mich malte, rührte mich, ebenso seine Art, mich anzusehen und mit einem
Singsang in der Stimme zu sprechen, daß ich im Bauch einen Kitzel spürte, und dazu die
Wärme des guten Herrn, wenn er sich mir näherte, um meine Positur zu verbessern. Jetzt
bin ich in der Chimba. Ein Nachbar sagte mir, daß die Künstler so sind, daß sie die
Welt anders sehen. Die Künstler, sagte er, sind Zauberer, die den vergänglichen Dingen
Ewigkeit verleihen. Wie mir.
Jetzt bin ich unsterblich, ich denke Dinge, die ich früher nie dachte, ich sehe mich und
die anderen mit anderen Augen, wenn ich vor diesem Bild stehe. Ich bin, ja. Seit mehr als
einem Jahrhundert schon komme ich jeden Tag, um mich zu sehen.
Übersetzung: Gaby Küppers |