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AUSSPRACHE
Texte lateinamerikanischer AutorInnen in Deutschland
Eine Erzählung Ein Besuch im Museum von Rocío Quispe Unseres Erachtens werden die Leute in Museen verrückt, sofern sie nicht allein schon deswegen verrückt sind, weil sie ein Museum überhaupt besuchen. In manchen Museen ist die Wahrscheinlichkeit dazu höher als in anderen. Ein Faktor, der dies begünstigt, ist die Jahreszeit, in der der Museumsbesuch stattfindet. Im Winter ist die Ange- legenheit folgenschwerer, denn wegen des andauernden Regens, des intensiven Schneefalls und der unendlichen Kälte dieses Kontinents bleiben die Leute lieber länger im Museum, allerdings nicht wegen dem, was sie zu sehen bekom- men, sondern weil es ihnen drinnen immer so schön warm ist. Große Museen sind in tristen Städten, will sagen: denen mit den tristen Horizonten, reichlich vorhanden. Es ist kein reiner Zufall der Geschichte, daß München eine Museumsstadt ist. In den fröhlichen Städten, dort wo Sonne und Wärme das ganze Jahr im Überfluß vorhanden sind, existieren keine Museen, und wenn doch, dann sind sie winzig klein, so als wolle man schlicht dem Vorwurf mangelnden Geschichtsbewußtseins zuvorkommen und ihn ein für allemal abwürgen. Wenn wir jedoch dazu verur- teilt sind, in einer nebligen und kalten Stadt zu leben und keine andere Alternative haben, als uns ins Museum aufzu- machen, sollten wir bei dem Besuch eine gewisse Ordnung einhalten. Ich meine damit nicht die Ordnung von Plänen oder Führern, die mit Ordnung nichts zu tun haben außer dem Namen, sondern ein paar klitzekleine Regelchen, nicht frei von einer Spur Magie, die Ihnen Ihren Besuch angenehmer und de facto unvergeßlich machen. Hier sind sie. Erste grundlegende Regel: Es ist verboten, in Begleitung ins Museum zu gehen, solch eine Idee ist selbstredend Un- sinn und läßt, wie soll man sagen, nichts sonderlich Gutes über Ihre intellektuellen, um nicht zu sagen kulturellen Aspirationen durchblicken. In unserem Wahnsinn andere Unschuldige mitschleifen zu wollen, fließt eine unendliche Verantwortung mit ein, die nicht durchzuhalten ist. Ein Museum zu besuchen, ist eine erwachsene und selbst getrof- fene Entscheidung, und das impliziert, für die Folgen des Besuchs aufzukommen, ohne sie mit anderen zu teilen, die sich dies zuvor nicht so gründlich überlegt haben wie Sie. Wenn Sie dieses Abenteuer angehen, dann tun Sie dies allein und bieten Sie nicht anderen etwas an, von dem Sie selbst nicht wissen, bis zu welchem Punkt Sie es genießen. Zweite Regel: Es ist verboten, am Tage der Museumserkundung jeweden Typ von Plänen zu schmieden. Der Grund ist ganz einfach: Das Wahrscheinlichste ist, man kommt nicht wieder aus dem Museum heraus. Wenn wir fähig sind, den Besuch so zu gestalten, wie es unsere innere Absicht ist, werden wir schnell zu einem Teil des Museums, ohne zu merken, in welchem Moment sich die Integration eigentlich ereignete. Und warum sollte man die anderen vor den Kopf stoßen oder sie bis zur Kaffeepause warten lassen, ohne hinterher irgendeine Art von Entschuldigung für sie zu haben. Das wäre doch sehr rüpelhaft, oder? Vor allem, wenn man bedenkt, wie pünktlich und pflichtbewußt sie hier sind. Goldene Regel Nummer drei: Es ist verboten, eine Uhr zu tragen. Sehr wichtig, beinahe essentiell ist es, das Gefühl für die Zeit zu verlieren. Absurd dagegen wäre es, die Zeit zu kalkulieren, schließlich begeben wir uns in eine Welt, die sich nachgerade durch Zeitlosigkeit auszeichnet, in der sich alle Zeiten vermischen, überlagern, kreuzen und über -schneiden. Unsere Uhr, und damit unser kindischer Versuch, würde zerquetscht wie eine winzige Ameise von einer Menschenmenge bei einem Rockkonzert auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg. Klingt sogar irgendwie pathetisch. Vierte Regel: Es ist verboten, Postkarten, Schlüsselanhängerchen, Aschenbecherchen, Glöckchen oder irgendetwas von diesem Nippes zu kaufen, den allein das Bedürfnis nach Kitsch und nach dem Portemonnaie des eifrigen Muse- umsgängers hervorgebracht hat, der sie aus dem Bestreben heraus ersteht, nachher sagen zu können: Da war ich". Das gleiche gilt für Führer, Karten, Pläne oder jedwede Sorte von Publikationen zum Thema. Warum sich beim Eintritt in jenes Labyrinth mit der Aufschrift Museum mit so viel Papierkram eindecken, wo wir doch bereit sind, uns zu verlieren und keinen Ausgang mehr zu finden. Warum eine Kontrolle des musealen Raums heraufbeschwören, wo wir uns doch bald selbst nicht mehr zurechtfinden. Touristen sind es, die solche Sachen kaufen, weil sie innerlich Angst vor dem Museum haben und denken, es sei eine Form, es in den Griff zu bekommen, aber wir doch nicht. Logischerweise leitet sich die fünfte Regel von der vierten ab: Es ist verboten, Gruppen mit Führer zu folgen. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als das, was der Führer uns sagt. Nicht einmal unsere eigene Einbildungskraft entfernt sich so weit von ihr wie das mit der Stimme des Führers Vorgetragene, der sein monatliches Gehalt damit verdient, eine Reihe von Lügen zu erzählen, die die anderen glauben, weil sie keine Lust haben, nachzudenken oder die Schildchen zu lesen, die mit immer kleineren Lettern beschriftet werden, damit die Leute eines Tages genug davon haben und zu eben diesen Besichtigungen mit Führer greifen. Nichts ist geschmackloser. Die genannten Regeln sind heilig, wollen wir das genannte Ziel erreichen. Dazu kommt selbstverständlich, daß man seine Zeit nicht damit verlieren darf, in die Cafeteria oder das Restaurant des Museums zu gehen. Zuallererst ist man schließlich hingegangen, um zu betrachten, nicht um zu essen. Zweitens stirbt niemand Hungers, wenn er mal ein paar Stunden nichts gegessen hat. Kopf hoch also, auf zur intellektuellen Diät, die uns sicherlich keineswegs schlecht bekommt. Denn wenn wir fleissige Museumsgänger sind, ist es fast sicher, daß wir ein Leben führen, das seinerseits eine zumeist passive Haltung mit sich bringt und damit eine allmähliche Ansammlung von Fett auf den Hüften. Auch darf man das Sakrale des Museums nicht verletzen, indem man die anderen anstarrt oder versucht, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Ein Museum ist keine Diskothek, ein Ball einsamer Herzen oder ein Ort, wo man Gymnastik macht und sich in Form hält. Daß die Leute hierzulande so viele Probleme damit haben, menschlichen Kontakt auf- zubauen, gibt ihnen kein Recht, unseren Besuch zu vermasseln. Dafür gibt es Kontaktanzeigen in den Zeitungen, Fernsehshows zur Partnerschaftsanbahnung für jedes Alter, jede Hautfarbe und jeden Geschmack oder Ankün- digungen im Radio, in denen ein Franz oder eine Petra sagen: Hallo, ich bin der und der. Ich bin 27 Jahre alt, meine Hobbys sind Kino, Fahrradfahren und Spazierengehen. Heute ist Freitag und ich habe nichts Besonderes vor. Wenn du Lust hast, ins Kino zu gehen, ruf mich an. Ich wohne in Nürnberg, und noch ist Zeit genug." Nein, nein und nochmals nein. Wenn Sie so denken, tut es uns leid, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie einen fürchterlichen Irrtum begehen, wenn Sie glauben, Sie könnten im Museum Kontakte knüpfen. Haben Sie denn nicht gemerkt, daß in den Kontaktanzeigen nie etwas von einem gemeinsamen Museumsbesuch steht? Die sogenannten Intellektuellen oder die Gebildeten dieses Landes besuchen nicht Museen, um Leute kennenzu- lernen, denen sie noch nicht begegnet sind. Machen Sie sich also keine Illusionen. Sollte dies jedenfalls Ihr dringen- des Bedürfnis sein, dann gehen Sie Ihren Ungeheuerlichkeiten an den oben genannten Orten nach, nicht in einem Museum, bitte sehr. Wenn es die anderen sind, die ihre Zeit damit verlieren, uns anzustarren oder mit uns Kontakt aufzunehmen, umso schlimmer für sie, nicht für uns. Aber wenn sie trotz unserer Vorsichtsmaßnahmen, trotz unserer Indifferenz und unserer notwendigen Zurückweisung insistieren, dann bleibt angemessenerweise nichts anderes übrig, als sie bei unseren künftigen Museumsgängen mitzunehmen, allerdings auf unsere Weise. So werden sie, ohne es zu merken und im Anschluß an die obligatorischen Visiten, im Museum ihrer Wahl an unserer Seite bleiben. Vielleicht, beispielsweise, neben dem Federbusch von Moctezuma im Ethnologischen Museum von Wien. Ja, wir wissen schon, Sie sagen jetzt, es handle sich keinesfalls um den Federbusch des Moctezuma, sondern um den eines azte- kischen Priesters, aber, was solls? Die Quetzalfedern sind so schön, daß es sich lohnt, an einer nahen Stelle zu stehen, um ihn anzuschauen. Sicher, Sie könnten auch einen Platz zwischen den Göttern des Pergamon in Berlin einnehmen, die Kampfszenen geben einem das Gefühl beständiger Aktivität, was nicht schlecht ist für die unbestimmte Zeit, die Sie dort verharren können. Ebenfalls nicht schlecht ist ein Spielzeugmuseum, da die Mehrzahl der Besucher Kinder sind und es, wenn man sehr sensibel ist, wirklich wundervoll ist, das kindliche Erstaunen und die ungeduldigen Hände zu beobachten, die sich auf die Vitrinen stützen. Letzten Endes ist es egal. Wichtig ist, daß sie irgendwann beginnen, Teil unserer Familie zu sein und still an der Stelle bleiben, die ihnen zugewiesen wird. Dann werden sie die Welt durch die Scheiben der Vitrinen vorbeiziehen sehen, die sie umgeben, jawohl, die sie einschließen werden wie eine unsichtbare Schachtel, die sie selbst nicht berühren können, wohl aber die, die draußen sind. Und sie werden gemeinsam mit uns den Gang der Welt anhand von jeder Art Gesichter, Gesten, Grimassen und Augen sehen, die sich oftmals zu weit nähern und an der Scheibe plattdrücken, da auch sie uns nicht berühren können, um festzustellen, ob wir echt sind, und um jeden- falls das Echte zu berühren. Wenn das passiert, werden sie wissen, daß sie nicht mehr weggehen können, daß sie ein Bestandteil der Museumssammlung sind wie wir seit 27 Jahren und daß lediglich ein Verrückter oder ein leichtfertiger Dieb, der sie raubt oder in Brand steckt, der einzige sein kann, der uns befreit. Louvre-Museum, Museo del Prado 1987 Übersetzung: Gaby Küppers |