aus Städtepartnerschaft / ila 357
Nach der Wahl ist vor
der Wahl?
Interview mit Josué Avalos über die
Präsidentschaftswahlen in Mexiko und die Rolle von
Menschenrechtsorganisationen und KünstlerInnen
In Köln ist der aus Mexiko stammende Josué Avalos vor allem als Musiker
und Künstler bekannt, sei es in den Gruppen La Papa Verde, Chupacabras, Zu
Laut oder durch seine musikalischen Lesungen. Dieses Jahr ist sein erstes
Soloalbum Escafandra erschienen. Aber er ist auch ein politisch bewusster
und aktiver Mensch. So ist er Mitglied des Projekts „Menschenrechte Mexiko“
des Allerweltshauses Köln e.V., das in Kooperation mit der Mexiko-Initiative
Köln/Bonn durch zahlreiche Veranstaltungen auf die schwierige Lage in Mexiko
aufmerksam macht. Josué Avalos lebt seit elf Jahren in Köln. Jana
Ottenweller sprach mit ihm über die Lage in Mexiko vor den
Präsidentschaftswahlen. Am 1. Juli wählt
Mexiko ein neues Staatsoberhaupt. Die sechsjährige Amtszeit Felipe Calderóns
von der christdemokratisch-konservativen PAN-Partei geht am 1. Dezember zu
Ende. Sein zentrales Thema war die Bekämpfung der Organisierten
Kriminalität, insbesondere der mächtigen Drogenkartelle. Durch welche
Maßnahmen war dieser Kampf gekennzeichnet?
Als die Regierung Calderón 2006 den Kampf gegen die Organisierte
Kriminalität aufnahm, griff sie vor allem zu polizeilichen, das heißt in
diesem Falle militärischen, Mitteln, um diese kriminellen Organisationen
direkt anzugreifen. Einer der größten Kritikpunkte an der Regierung
Calderóns im Kampf gegen die organisierte Kriminalität jedoch ist, dass hier
von Anfang an eine wirkliche Strategie fehlte, um die inneren, vor allem
ökonomischen, Strukturen dieser Mafia kontrollieren und angreifen zu können.
Als konkrete Maßnahme wurden in vielen Bundesstaaten militärische Kräfte auf
die Straße geschickt, um die Polizei in ihrer Arbeit zu unterstützen. Denn
man war der Meinung, dass die Polizei nicht über ausreichend Kapazitäten
verfüge, um gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen. Außerdem wusste
man, dass die Polizei sehr korrupt ist; dies wurde von Seiten der Regierung
bekräftigt. Eine Strategie, um gegen die Korruption innerhalb der
Polizeistruktur vorzugehen, gab es jedoch ebenfalls nicht.
Aus Angst, dass die Polizei wichtige Informationen preisgeben könnte, wird
sie deshalb in wichtige Aktionen des Militärs meist nicht eingeweiht. Die
Koordination zwischen Militär und Polizei ist katastrophal – sie agieren
weitestgehend getrennt voneinander.
Das klingt so, als ob Calderón den Kampf gegen die Drogen verloren hat.
Absolut. Ich glaube, dass sein Kampf gegen die organisierte Kriminalität
total gescheitert ist. Seitdem das Militär auf der Straße ist, hat sich
weder der Schmuggel von Drogen über die mexikanische Grenze hinweg noch der
Waffen nach Mexiko reduziert. Die Menschenrechtsverletzungen sind in den
letzten Jahren sogar drastisch gestiegen.
In diesen Tagen werden einige hochrangige Militärs vor Gericht gestellt. Sie
werden beschuldigt, auf der Seite eines bestimmten Kartells zu arbeiten. Das
Militär ist also teilweise genauso unterwandert wie die Polizei. Es ist
einfach zu viel Geld im Spiel. Egal, wer der aktuelle Gegner dieser
mächtigen Kartelle ist, sie schaffen es immer wieder, ihn zu korrumpieren.
Glaubst du, dass sich mit einem neuen Präsidenten bzw. einer neuer
Präsidentin etwas ändern wird?
Das ist eine Frage, die bis jetzt niemand beantworten kann. Alle Kandidaten
sagen natürlich, dass sie die organisierte Kriminalität bekämpfen werden.
Aber sie müssen mit ihren Aussagen auch vorsichtig sein und deshalb geben
sie darüber, auf welche Art und Weise sie vorgehen werden, keine Auskunft.
Weil die Politik Calderóns sehr unpopulär geworden ist, halten sich die
Kandidaten bedeckt, ob sie die gleiche Linie verfolgen werden.
Können denn Nichtregierungsorganisationen in Mexiko etwas an der
schwierigen Lage ändern?
Ich glaube, viele Leute in Mexiko haben verstanden, dass der einzige Weg
überhaupt derjenige ist, sich außerhalb von Parteistrukturen zu
organisieren. Sehr viel Aktivität ging vor kurzem z.B. von der
Friedensbewegung Movimiento por la Paz con Justicia y Dignidad (MPJD) aus,
die vom Schriftsteller und Dichter Javier Sicilia repräsentiert wird, dessen
Sohn umgebracht wurde. Er hat zu einer Mobilisierung aufgerufen, der sich
viele Leute, auch Intellektuelle, anschlossen. Unter zwei Mottos ¡Estamos
hasta la madre! (Uns reicht´s!) und ¡No más sangre! (Kein Blutvergießen
mehr!) fanden Friedensmärsche statt, die bis nach Ciudad Juárez führten, der
gefährlichsten Stadt der Welt.
Aber auch diese Organisationen müssen zunehmend auf Sicherheit achten. Immer
wieder werden Menschenrechtler bedroht. Einige der Mitglieder von Movimiento
por la Paz con Justicia y Dignidad wurden in den letzten Monaten ermordet.
Warum erhalten diese Organisationen und MenschenrechtlerInnen keinen
besseren Schutz von Seiten der Regierung?
In der Theorie wird ihnen zwar Schutz zugesagt. Das Problem ist aber, dass
diejenigen Instanzen, die Schutz geben sollen, selbst so korrumpiert sind,
dass dies in der Praxis nicht funktioniert.
Können Projekte wie „Menschenrechte Mexiko“ des Allerweltshauses in Köln
weitab vom eigentlichen Geschehen überhaupt etwas bewirken?
Zuerst einmal sehen wir uns als eine Initiative, die nicht nur politische,
sondern auch kulturelle Arbeit leisten möchte. Die direktesten Wirkungen,
die wir erzielen können, sind die, dass in Nordrhein-Westfalen lebende
Mexikaner und Mexikanerinnen, Lateinamerikaner und Lateinamerikanerinnen
hier miteinander in Kontakt kommen und sich austauschen können.
Die andere Sache ist die, dass wir es geschafft haben, durch kulturelle
Projekte wie z.B. Lesungen bei vielen Leuten Interesse an der derzeitigen
Situation in Mexiko zu wecken.
Was man von Deutschland aus bewirken kann ist natürlich eine Frage, die wir
uns in der Gruppe schon oft gestellt haben. Aber ich glaube, dass man in
einer Situation, wie sie derzeit in Mexiko herrscht, nicht einfach sagen
darf: „Okay, ich glaube nicht, dass das was bewirkt, also mache ich nichts.“
Obwohl wir nicht genau wissen, was wir bewirken können, werden wir
weitermachen und dies ist, glaube ich, auch eine ganz wichtige Einstellung.
Unsere Hauptaufgabe besteht unserer Meinung nach darin, uns selbst zu
informieren, um andere informieren zu können. Die Tatsache, informiert zu
sein, sehen wir als Ausgangspunkt für jede Auseinandersetzung.
Gerade weil die Menschenrechtsarbeit in Mexiko schwieriger geworden ist, ist
es für die Menschen dort wichtig und gut, zu wissen, dass hier in Europa die
Aufmerksamkeit für die Probleme in Mexiko vorhanden ist und der Blick nicht
abgewendet wird.
Dass ein Mexikaner (Abel Barrera Hernández) 2011 von Amnesty International
den Amnesty-Menschenrechtspreis verliehen bekam, ist schon eine Art Schutz
für Menschenrechtler in Mexiko, denn die mexikanische Regierung reagiert
sehr empfindlich darauf, wie sie vom Ausland gesehen wird.
Fühlst du dich als Musiker mit mexikanischen Wurzeln verpflichtet, mit
deinen Liedern auch politisch zu handeln?
Verpflichtet würde ich das nicht nennen. Da in meinen Liedern sowieso die
Themen zur Sprache kommen, die mich interessieren, fließen eben auch solche
ein, die mit der schwierigen Lage in Mexiko zu tun haben. Ich habe, glaube
ich, nie das Gefühl gehabt, ich müsse jetzt auf jeden Fall über diese oder
jene Situation in Mexiko ein Lied schreiben. Es ergibt sich vielmehr einfach
so, dass, wenn ich damit konfrontiert bin, was gerade in Mexiko passiert,
und dann ein Lied komponiere, diese Themen ganz automatisch mit einfließen.
Wirst du am 1. Juli wählen gehen? Oder glaubst du, dass deine Arbeit im
Projekt und als Musiker mehr bewirken kann als ein Stimmkreuz?
Ich kann nicht wählen gehen. Aber aus dem einfachen Grund, dass ich mir aus
organisatorischen Gründen keinen Wahlausweis ausstellen lassen konnte. Ich
würde aber wählen gehen, wenn ich den Wahlausweis hätte. Ich weiß nicht, ob
meine Arbeit im Projekt und als Musiker mehr bewirken kann, als meine Stimme
abzugeben, aber auf jeden Fall bin ich mir der Wirkung viel bewusster. Wenn
ich singe oder spiele, kann ich direkt einschätzen, ob das viel oder wenig
bewirkt – beim Stimmkreuz habe ich viel weniger Ahnung.
Das Interview führte Jana Ottenweller im Mai 2012.
Die Mexiko-Initative Köln/Bonn trifft sich jeden 4. Dienstag im Monat um 20
Uhr im Allerweltshaus Köln e.V. Weitere Infos unter
www.allerweltshaus.de • Kontakt:
menschenrechte-mexiko@allerweltshaus.de |