aus Textilproduktion/ ila 351
Wir sind eine
Alternative
zur Großindustrie
Nicaragua: Wie eine Textilkooperative
zur Freien Produktionszone wurde
María Elena Medina aus Managua arbeitet in der
Textilkooperative Nueva Vida, in der Kleidung aus 100 Prozent Biobaumwolle
für den Fairen Handel hergestellt wird. Auch in Deutschland werden die
T-Shirts und Hemden der 36 ArbeiterInnen der Kooperative verkauft. Das
Interessante dabei: Die kleine Kooperative gilt als zona franca, als Freie
Produktionszone für den Export. Wie es dazu gekommen ist und mit welchen
Herausforderungen sie zu kämpfen haben, erzählt María Elena Medina im
Interview mit der ila.
Wie ist die Kooperative Nueva Vida entstanden?
Wir gründeten die Kooperative, weil wir Arbeitsplätze brauchten. 1998 fegte
der Hurrikan Mitch über Zentralamerika hinweg. Wir lebten damals am Ufer des
Managua-Sees und verloren aufgrund des Wirbelsturms unsere Häuser und
unseren ganzen Besitz. Die Kooperative wurde von Frauen aus einer Gemeinde
gegründet, die die Regierung auf einem neuen Gebiet, 20 Minuten Fahrtzeit
westlich von Managua, angesiedelt hatte. Diese neue Gemeinde wurde Nueva
Vida genannt, von daher auch der Name der Kooperative. Wir lebten zwei, drei
Jahre lang in Plastikzelten, denn es gab in dem Gebiet noch gar keine
Wohnungen.
Bei der Errichtung der neuen Siedlung waren sehr viele internationale NRO
beteiligt, die auch für die Gesundheitsversorgung aufkamen oder z.B. eine
Kantine für die Kinder betrieben. Unter diesen NRO war auch eine aus den
USA, die ein langfristiges alternatives Projekt aufbauen wollte, das uns
nachhaltige Arbeitsmöglichkeiten verschaffen könnte. Wir trafen uns mit der
NRO und hörten uns begeistert den Plan an. Doch es hieß auch gleich, es gebe
kein Geld und auch noch keine konkrete Idee, aber sie würden uns darin
unterstützen, das Projekt bekannt zu machen und Geld aufzutreiben. Zunächst
machten wir eine Fortbildung – die meisten von uns waren nur sehr kurz zur
Schule gegangen –, in der uns verschiedene Unternehmenskonzepte vorgestellt
wurden. So entschieden wir uns für die Form der Kooperative und für die
Maquilaindustrie, denn eine der NRO-Frauen aus Michigan hatte uns von ihrem
Geschäft erzählt, in dem sie ökologische Produkte verkaufte. Und sie
versprach uns, unsere Produkte abzunehmen, wenn wir ökologisch produzieren
würden.
Wir machten der NRO auch klar, dass wir zwar im Maquilasektor tätig werden,
doch dass wir die Dinge anders als normalerweise angehen wollten. Einige von
uns Frauen hatten schon in Maquiladoras gearbeitet und schlechte Erfahrungen
gemacht: lange Arbeitszeiten, rüde Behandlung, schlechte Löhne. Deshalb
wollten wir von Anfang an alles anders machen. Bei unseren Fortbildungen
hatte uns auch ein Herr den Fairen Handel vorgestellt und uns erklärt, wie
er innerhalb der globalisierten Welt funktioniere. Er wies uns darauf hin,
dass wir mit unserem Vorhaben wohl dort am besten aufgehoben sein würden,
denn von nicaraguanischer Seite aus würde es wohl für Produktl keine
Abnehmer geben, die arbeitsrechtliche und ökologische Standards bei der
Produktion erfüllen würden. Er werde aber versuchen uns zu helfen. Es war
eine große Herausforderung.
Wir arbeiteten drei Jahre lang unentgeltlich, schließlich wollten wir ein
Unternehmen gründen. Und wenn du dafür kein Kapital hast, dann musst du halt
das Kapital investieren, über das du verfügst, nämlich deine Arbeitskraft.
Das Geld von außen, das wir als Unterstützung erhielten, war auch nur sehr
wenig; wir kauften damit Materialien und bauten unser Gebäude. Wir fingen
Anfang 1999 damit an und brauchten dafür fast drei Jahre; währenddessen
verließen uns die meisten der Frauen, die zunächst noch mit dabei gewesen
waren. In der Zeit haben wir viel gelernt, denn am Anfang wusste keine von
uns, wie man z.B. ein Haus baut. Wir teilten die Arbeit in zwei Schichten
auf. Wenn wir nicht auf der Baustelle waren, verkauften wir Essen auf der
Straße, um wenigstens das Essensgeld für die Familie zu erwirtschaften. So
konnten wir überleben, die Kooperative aufbauen und ans Laufen bringen.
Unser erster Auftrag kam dann von jener Frau aus der US-amerikanischen NRO:
300 Hemden. Mit der Zeit haben wir dazugelernt und die Qualität der
Kleidungsstücke stetig verbessert. Zurzeit arbeiten wir mit
Fairtraide-Zertifikat; die ebenfalls zertifizierte hundertprozentige
Biobaumwolle importieren wir aus Peru.
Am Anfang haben wir als herkömmliche Kooperative gearbeitet, aber es war im
Hinblick auf den Export der Produkte oder den Import ganz schön schwierig.
Es gab sehr viel Bürokratie bei den Importen. So ist es schon mal
vorgekommen, dass die Stoffe vier bis sechs Wochen lang vom Zoll
festgehalten wurden. Das hat natürlich Probleme mit den Kunden gegeben. So
haben wir im Rahmen eines Projektes der Interamerikanischen Entwicklungsbank
(BID) die Umwandlung in eine Freie Produktionszone (zona franca) in Angriff
genommen. Dafür haben wir von der BID 10 000 Dollar erhalten, die wir an die
Nationale Kommission für Freie Produktionszonen gezahlt haben, damit wir
unter diesem Freihandelsregime produzieren können.
Dem Gesetz nach können wir jetzt zehn Jahre lang entsprechend dieser
Regelung produzieren sowie ohne Probleme oder Verzögerungen importieren und
exportieren. Von der US-amerikanischen NRO hatten wir ja auch Geld für den
Bau des Gebäudes, einige Maschinen und andere Ausgaben bekommen, insgesamt
80 000 Dollar, die wir nach und nach zurückzahlen. Mittlerweile haben wir
fast 60 Prozent zurückgezahlt. Das hängt natürlich auch von der Auftragslage
ab. Das ist eine weitere große Herausforderung für uns: Wir brauchen mehr
Abnehmer. Von den Kapazitäten her könnten wir 1000 T-Shirts täglich
produzieren. Zur Zeit produzieren wir entsprechend der Aufträge. Aber auch
wenn wir keine Aufträge haben, müssen wir im Unternehmen sein, sonst
schließen sie uns den Laden. Zurzeit verkaufen wir zwischen 36 000 und 40
000 Kleidungsstücke jährlich. Damit können wir die Kooperative aufrecht
erhalten. 36 Personen beziehen ein festes Gehalt, unabhängig davon, ob es
gerade Arbeit und Aufträge gibt oder nicht.
Was für Kleidung macht ihr?
Vor allem T-Shirts in unterschiedlichen Schnitten, Größen und Farben für
Frauen, Männer und Kinder, Babykleidung, z.B. Bodys, sowie Schlafanzüge. Wir
haben auch einige Designs selber entwickelt, teilweise in Zusammenarbeit mit
Designstudenten. Letztes Jahr hatten wir ein Projekt, das von der dänischen
Botschaft finanziert wurde. So konnten wir zehn verschiedene Designs
entwickeln. Und wenn der Kunde eigene Designs und Schnitte hat, setzen wir
sie für ihn um. Wir bieten auch Schnitt und Anfertigung an. Wir haben einen
Kunden in Kanada, der uns Stoffe, Schnittmuster und Zubehör schickt, wir
schneiden, nähen und schicken alles fertig wieder zurück.
Welches sind eure wichtigsten Abnehmer?
Zündstoff aus Deutschland ist einer unserer größten und wichtigsten Kunden,
die meisten unserer T-Shirts gehen zurzeit nach Deutschland. Außerdem
vergeben noch Universitäten und Kirchengemeinden in den USA Aufträge an uns.
Geht eure gesamte Produktion in den Export oder werden auch einige
Kleidungsstücke in Nicaragua selbst verkauft?
Wir dürfen einen bestimmten Prozentsatz auch auf den lokalen Märkten
verkaufen, doch bisher haben wir noch keinen Laden für den Verkauf. Wir
verkaufen die Kleidung an uns selbst und unsere Familien oder auch an einige
nicaraguanische NRO, die unser Projekt kennen. Doch auch der interne Verkauf
verläuft nach den Regeln der Freien Produktionszone, d.h. unter der Aufsicht
der Zollbehörde: Unsere lokalen Kunden müssen also als Importeure
registriert sein und Importsteuern zahlen, es sei denn, sie sind von dieser
Steuer befreit. Und wir „exportieren“ unsere Kleidung und müssen einen
dementsprechenden bürokratischen Vorgang unternehmen, auch wenn letztlich
alles im Land selbst über die Bühne läuft.
Welche Rolle spielt der Textilsektor in Nicaragua?
Ich habe den Eindruck, dass der Sektor in letzter Zeit noch gewachsen ist.
Ich selbst lebe z.B. in der Gemeinde von Ciudad Sandino und allein dort sind
in den letzten Jahren zwei neue Freie Produktionszonen entstanden. In jeder
zona franca arbeiten zwischen 3000 und 5000 Personen. Der Sektor ist also
wichtig, da es hier Arbeitsplätze gibt, selbst wenn die Bedingungen sehr
schlecht sind – die Zeiten, die Zielvorgaben etc. Die Regierung hat
zumindest den Mindestlohn ein wenig angehoben, was in den letzten 15 bis 20
Jahren in diesem Bereich nicht passiert war. Die Arbeitszeiten werden jedoch
nicht kontrolliert, auch wenn vom Gesetz mehr als 48 Stunden wöchentlich
verboten sind, und fast alle Unternehmen lassen die ArbeiterInnen das
Doppelte arbeiten.
Die Überstunden werden zwar bezahlt, aber die ArbeiterInnen sind dazu
verpflichtet, diese Überstunden zu machen. Außerdem werden sie ziemlich
schlecht behandelt, das ist bei unserer Kooperative anders. Hinzu kommt,
dass wir andere Produktionskapazitäten haben. Mit unseren Maschinen können
wir 1000 T-Shirts täglich herstellen, in den konventionellen Maquiladoras
hingegen 3500. Das bedeutet auch eine größere Ausbeutung des menschlichen
Körpers. In diesen großen Fabriken wird gemäß der Kapazität der Maschine
gearbeitet. Das ist bei uns anders. Wenn wir Überstunden machen müssen,
versammeln wir uns erst und entscheiden gemeinsam darüber. Wir arbeiten
montags bis freitags von sieben Uhr morgens bis halb sechs nachmittags,
insgesamt 45 Stunden wöchentlich, samstags und sonntags haben wir frei.
Samstags belegen wir Weiterbildungskurse. Einige machen ihren
Schulabschluss, andere haben sich an der Universität eingeschrieben. Unser
Lohn liegt etwa 30 bis 40 Prozent über dem Mindestlohn, der gerade bei ca.
210 Dollar im Monat liegt.
Sind alle ArbeiterInnen eurer Kooperative auch TeilhaberInnen?
Nein, von den 36 ArbeiterInnen sind zehn auch TeilhaberInnen. Alle, die
wollen, können jedoch auch zu TeilhaberInnen werden. Zurzeit sind wir nicht
so viele, denn die Zeiten sind schwierig. Aber alle ArbeiterInnen treffen
sich einmal im Monat und alle dürfen mitentscheiden, Vorschläge einbringen
und abstimmen. Die TeilhaberInnen tragen natürlich mehr Verantwortung. Wenn
wir z.B. in einem Monat nicht genügend Einnahmen hatten, haben die Gehälter
der anderen 26 Vorrang. Die zehn TeilhaberInnen bekommen dann weniger, bis
es wieder genügend Einnahmen gibt, schließlich sind wir zehn die
ArbeitgeberInnen der anderen 26. Die wiederum sagen: Wenn die Zeiten besser
sind, werden wir vielleicht auch TeilhaberInnen. Man braucht viel Mut und
Bewusstsein, um bei einer solchen Gruppe mitzumachen. Wir waren ja am Anfang
über 100 Frauen, die sich einen stabilen Arbeitsplatz erhofften, und nur
zehn sind übriggeblieben! Die Mehrheit ist gegangen, weil es keine Löhne gab
oder weil die Familie sie nicht unterstützt hat.
Diese Gefahr der Selbstausbeutung besteht ja für die Kooperativen auf der
ganzen Welt – habt ihr euch mit Kooperativen in anderen Ländern
ausgetauscht?
Wir haben bisher lediglich Kontakt zu Kooperativen in Nicaragua und El
Salvador gehabt. Ich liebe Nicaragua, es ist ein wunderschönes Land, doch
die Wirtschaft liegt danieder und es gibt sehr viele Arbeitslose. Wenn ich
diese Arbeit in der Kooperative nicht hätte, wäre alles viel schwieriger für
mich. Ich könnte z.B. auch nicht mehr in einer herkömmlichen Freien
Produktionszone arbeiten – das habe ich einmal sechs Wochen lang gemacht,
danach konnte ich nicht mehr. Dann würde ich lieber Brot von früh bis spät
verkaufen, wie es meine Mutter getan hat. Doch die meisten Frauen, die
durchschnittlich sechs Kinder haben und aufgrund des herrschenden Machismo
im Land meist alleinerziehend sind, müssen gucken, wie sie ihren Kindern zu
essen geben, und tun sich dann eine solche Arbeit an. Ich bin sehr stolz auf
meine Arbeit, denn ich habe flexible Arbeitszeiten, ein Gehalt, das ein
wenig über dem Mindestlohn liegt, auch wenn ich manchmal erst zwei Wochen
später mein Geld bekomme und in der Zwischenzeit knappsen muss. So konnte
ich mein Studium beenden und für meine Kinder sorgen.
Ich war sehr verwundert, als ich las, dass ihr als Kooperative in einer
Freien Produktionszone arbeitet. Der Freihandel bedingt doch gerade die
schlechten Arbeitsbedingungen, die niedrigen Preise und Löhne. Die
transnationalen Unternehmen streichen die Gewinne ein, bezahlen aber keine
Steuern im Land. Wie gehen Selbstverwaltung und Freihandel zusammen?
Wir arbeiten als Kooperative, alle bestimmen mit. Wir haben 10 000 Dollar
gezahlt, um uns als Freie Produktionszone zu konstituieren, was uns gewisse
Vorteile verschafft, da wir für den Export produzieren und unsere Stoffe
importieren. Wir können nicht warten, bis unsere importierten Stoffe Wochen
später vom Zoll freigegeben werden, denn unsere Abnehmer in den USA oder
anderswo bestellen Bekleidung, die für bestimmte Jahreszeiten gedacht ist
oder die der aktuellen Mode entspricht. Nur als Freie Produktionszone können
wir diesen Anforderungen gerecht werden.
Mittlerweile haben sich die Gesetze sehr verändert, die Bürokratie ist
weniger geworden und Im- und Export gehen schneller über die Bühne. Aber nun
gut, wir haben die 10 000 Dollar bezahlt, was ein Riesenbatzen Geld für uns
war, und können dafür zehn Jahre lang als Freie Produktionszone arbeiten.
Fünf Jahre sind nun um und wenn die zehn Jahre vorbei sind, können wir ja
nochmal neu überlegen. In unserem Gründungsjahr als zona franca, im Jahr
2005, waren wir die erste selbstverwaltete Freie Produktionszone auf der
ganzen Welt!
Seit wann hat eure Kleidung ein Fairtrade-Zertifikat?
Wir haben dieses Jahr das WFTO-Zertifikat1 erhalten, was insofern sehr
wichtig ist, als so ein Siegel für die Kunden, die uns nicht kennen, ein
sicherer Anhaltspunkt ist. Gleichzeitig ist es für die kleinen Kooperativen
wie uns sehr schwierig, ein solches Siegel zu bekommen: Man muss sehr viel
dafür bezahlen. Dank eines Projekts der dänischen Botschaft konnten wir
schließlich das Geld für das Zertifikat auftreiben und den Besuch des
Inspektors bezahlen. Ohne Unterstützung von außen hätten wir das nicht
geschafft.
Glaubst du, dass ein bewusster Konsum die Welt verändern kann?
Natürlich! Genau dafür kämpfen wir ja, genau dafür stehen wir ja! Wir sind
eine Alternative zur Großindustrie. Wir arbeiten mit Respekt und Würde. Wenn
sich alle KonsumentInnen etwas mehr Gedanken über ihren Konsum machen
würden, würde das bestimmt bei uns Kleinproduzenten ankommen.
Das Interview führte Britt Weyde am 8. November in Köln.
1) World Fair Trade Organization
Website der Kooperative Nueva Vida:
www.zonafrancamasili.com/
T-shirts u.a. von Nueva Vida sind in Deutschland über den fairen
Kleiderversand Zündstoff zu beziehen:
www.zuendstoff-clothing.de/de |