aus Textilproduktion/ ila 351
Einkaufstipps
für das gute Gewissen?
Unterwegs im Dschungel
der Siegel und Zertifikate
von Sandra Dusch Silva
Bilder von Sklavenarbeit, abgeholzten Regenwäldern, gequälten Tieren und
Giftseen drängen sich den aufgeklärten kritischen KonsumentInnen beim
Einkauf ins Bewusstsein. Die Hoffnung auf eine bessere Welt lastet auf ihren
Schultern – doch was können und sollen sie kaufen, um die Missstände zu
beseitigen? Das Geschäft mit Siegeln und Zertifikaten für das gute
Verbrauchergewissen boomt. Unzählige Werbekampagnen von Unternehmen, die
sich mit Wohltätigkeitsprogrammen und ein paar Nischenprodukten ein gutes
verantwortungsvolles Image schaffen wollen, heizen den Markt an und machen
die Verwirrung beim Einkauf komplett.
Einkaufstipps für das gute Gewissen bieten Internetplattformen wie Utopia.1
Hier finden KonsumentInnen Kaufempfehlungen von Fernsehgeräten über
Damenjeans bis hin zu Windeln. Die Stiftung Warentest wiederum untersucht
seit 2004 vereinzelt auch die gesellschaftliche Unternehmensverantwortung
und bewertet diese. In einem Test unterschiedlicher Laufschuhhersteller 2009
wurde Adidas/Reebok als sehr engagiert eingestuft. Untersuchungen der
Kampagne für Saubere Kleidung zeigen jedoch, dass der zweitgrößte
Sportartikelhersteller aller wohlklingenden Beteuerungen zur Corporate
Social Responsibility (CSR – unternehmerische Sozialverantwortung) zum Trotz
regelmäßig Arbeitsrechte in seinem weltweiten Zuliefernetz mit Füßen tritt,
so beispielsweise in der Fabrik Ocean Sky in El Salvador.2 (siehe auch diese
ila, S. 4-6) „Engagiert“ nennen die Tester 2010 auch C&A.
Die Tester unterstreichen, dass C&A langfristig nur noch Baumwollkleidung in
Bioqualität anbieten will. Immerhin verkaufte C&A bereits 2010 23 Millionen
Kleidungsstücke aus zertifizierter Biobaumwolle. Die Biobaumwolle macht etwa
zehn Prozent der Baumwollkollektion des Unternehmens aus. C&A ist
mittlerweile der wichtigste Abnehmer von Biobaumwolle weltweit. Beim Anbau
dieser Baumwolle werden weniger Pestizide und Düngemittel eingesetzt als im
konventionellen Anbau. Genmanipuliertes Saatgut ist verboten. Dieses
Engagement ist sehr positiv, sagt aber leider nichts über die
Herstellungsbedingungen der T-Shirts aus, die der Test im Fokus hatte.
Unabhängige Kontrollen unter Einbeziehung lokaler Akteure fanden in den
Nähfabriken, die für das Familienunternehmen fertigen, nicht statt. Seit
2011 recherchieren die Tester selbst in den Zulieferfabriken und verlassen
sich nicht mehr ausschließlich auf die unternehmenseigenen Auskünfte.
Einige Nichtregierungsorganisationen (NRO), wie beispielsweise der World
Wildlife Fund (WWF), helfen beim Tricksen um ein soziales und ökologisches
Image, dem sogenannten Greenwashing, tatkräftig mit. Im Gegensatz zu manch
anderer Umweltschutzorganisation setzt der WWF auf Unternehmenskooperation:
2009 zahlten Kooperationspartner insgesamt 3,1 Millionen Euro an die
deutsche Sektion. Das WWF-Logo steht auf einem Joghurtbecher von Danone, der
aus Biokunststoff hergestellt wird. Das suggeriert ökologische
Unbedenklichkeit. Auch die Sammelkarten mit WWF-Tiermotiven bei Rewe dienten
mehr dem Imagegewinn des Supermarktes. Die Umweltschutzorganisation stand
hierfür zu Recht in der Kritik.
Die Christliche Initiative Romero untersuchte die 30 wichtigsten Gütesiegel
und Initiativen im Bekleidungssektor. Vertrauenswürdig sind vor allem Siegel
und Initiativen, die von unabhängigen Stellen entwickelt, vergeben und
kontrolliert werden (z.B. Fair Wear Foundation und IVN best). Meist werden
dabei entweder ökologische oder soziale Aspekte in den Blick genommen. Auch
nehmen die Siegel und Initiativen verschiedene Stationen entlang der
textilen Kette unter die Lupe, den Anbau der Baumwolle (Fairtrade), die
Zustände in den Nähfabriken (Fair Labor Association, Fair Wear Foundation
oder Worldwide Responsible Apparel Production) oder das Endprodukt
(Hauptsache Körperverträglich und Ökotext 100).
Zu den bekanntesten Gütesiegeln gehört Ökotex 100. Der Name lässt vermuten,
dass grundlegende ökologische Kriterien bei den so gesiegelten Produkten
eingehalten wurden, doch weit gefehlt, der Fokus liegt auf dem Endprodukt.
Für die VerbraucherInnen wurde das Produkt von den schlimmsten Chemikalien
sauber gewaschen, doch im Produktionsprozess waren sie noch enthalten und
schädigten die Beschäftigten. Doch selbst für Babykleidung lässt das Siegel
eine Mischung aus Schwermetallen, Pestiziden und Chlorbleiche noch zu.
Weitreichender ist das Textilsiegel Global Organic Textile Standard (GOTS).
Es umfasst den gesamten Herstellungsprozess eines Kleidungsstücks bis zu den
Farben, die verwendet werden dürfen. Die ökologische Messlatte liegt hoch,
allerdings gehen die Sozialstandards nicht so weit wie bei der
Multi-Stakeholder-Initiative (bei der mehrere Interessengruppen vertreten
sind) Fair Wear Foundation (FWF), die mit die strengsten Vorgaben auf dem
Markt hat.
Die FWF prüft die Bekleidungsproduktion einschließlich der Auftragnehmer,
Subunternehmer, Lieferanten und Lizenznehmer. Hier arbeiten Unternehmen,
Gewerkschaften und NRO gemeinsam an der Umsetzung der Standards. Nur so ist
eine glaubhafte Überprüfung möglich. Ferner untersucht die FWF auch die
Einkaufspraktiken der auftraggebenden Unternehmen. Sie müssen ihre
Unternehmensstrategie nach dem Kodex der Initiative ausrichten.
Im Gegensatz dazu beteiligen Unternehmensinitiativen wie die Business Social
Compliance Initiative (BSCI) keine NRO oder Gewerkschaften am
Entscheidungsprozess. Die Verantwortung für die Umsetzung grundlegender
Standards liegt vorwiegend bei den Zulieferbetrieben. Preispolitik und
Einkaufspraktiken der Auftraggeber werden bei BSCI nicht beachtet.
Schulungen der ArbeiterInnen finden kaum statt. 2009 ist eine Arbeiterin aus
einem Zulieferbetrieb des BSCI-Mitglieds Metro in Bangladesch aus
Erschöpfung gestorben. Bei der Kontrolle durch BSCI in der besagten Fabrik
wurden zwar Mängel festgestellt, diese aber nicht behoben. Kein Einzelfall.
Im Zuliefernetz der über 700 BSCI-Mitglieder, darunter Aldi, Lidl, Otto,
Metro und Deichmann, stellte die Kampagne für Saubere Kleidung wiederholt
Missstände fest und kritisierte die Unternehmensinitiative wegen
Greenwashing.
Viele Fälle von massiven Arbeitsrechtsverletzungen erreichen niemals die
hiesige Öffentlichkeit. ArbeiterInnen in der informellen Wirtschaft, in den
urbanen Slums und in der Landwirtschaft Afrikas, Asiens und Lateinamerikas
bleiben recht- und schutzlos. Trotz des erfolgreichen Protests von
KonsumentInnenkampagnen können weder die aufgeklärten und kritischen
KonsumentInnen noch die VertreterInnen von NRO über Umwelt- und
Sozialstandards für alle wachen. Es liegt in der Verantwortung von Regierung
und Gesetzgeber, Regeln und Rahmenbedingungen zur Einhaltung von
Sozialstandards und Menschenrechten zu schaffen, damit kein Produkt in die
Verkaufsregale kommt – weder hier noch anderswo – das unter unwürdigen
Bedingungen hergestellt wurde.
1)
www.utopia.de/produktguide/alle-einkaufstipps
2)http://www.test.de/themen/bildung-soziales/test/Laufschuhe-CSR-HarteArbeit-wenig-Geld-1781959-1778952/
Dusch Silva, Sandra: „Wege aus dem Labeldschungel“, Christliche Initiative
Romero (Hg.), ab Januar 2012 erhältlich. Die Diplompolitologin arbeitet seit
2003 bei der Christlichen Initiative Romero zu den Themen Arbeitsrechte,
Grüne Mode, Discounter.
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