aus Textilproduktion/ ila 351
Der Dialog ist der Weg
Interview mit der kolumbianischen
Bauernorganisation Asociación Campesina
del Valle de Cimitarra
Die Nachricht über die Tötung von FARC-Kommandant Alfonso Cano durch eine
High-Tech-Operation des kolumbianischen Militärs am 4. November brachte den
Krieg in Kolumbien für einen kurzen Moment international in Erinnerung. Denn
sonst ist dieser Krieg ein „vergessener Konflikt“. Dass jede Offensive der
Armee gegen die Guerilla bedeutet, dass auch die ländliche Zivilbevölkerung
in Mitleidenschaft gerät, wird in der Berichterstattung über die großen
militärischen „Erfolge“ in der Regel ausgeblendet. Die Landbevölkerung
Kolumbiens hat von der bewaffneten Konfrontation in ihren Gebieten schon
lange genug. Sie will endlich Frieden, und zwar Frieden mit sozialer
Gerechtigkeit. Dies ist die zentrale Botschaft einer Friedensversammlung im
August, bei der Tausende VertreterInnen indigener, afrokolumbianischer und
sonstiger Bauerngemeinden über die Perspektiven für den Frieden in Kolumbien
diskutierten. Das Treffen wurde maßgeblich von einer regionalen
Bauernorganisation initiiert, der Asociación Campesina del Valle de
Cimitarra, die im Gebiet des Magdalena Medio beheimatet ist. Sie berichtete
der ila über dieses Ereignis und ihre Anliegen.
Mitte August hat in der Erdölstadt Barrancabermeja ein großes Treffen von
Basisorganisationen und Gemeinden stattgefunden, bei dem Lösungen für den
bewaffneten und den sozialen Konflikt in Kolumbien diskutiert wurden. Eure
Organisation, die Asociación Campesina del Valle de Cimitarra (ACVC), die
Bauernvereinigung des Cimitarra-Tals, war Motor dieses Treffens. Was
motiviert eine Bauernorganisation, eine solche Versammlung einzuberufen?
Die kleinbäuerlichen, indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden sind
diejenigen, die die schrecklichen Auswirkungen des Krieges am besten kennen.
Wir sind die direkten Opfer der Konfliktakteure, in unseren Regionen finden
weiterhin bewaffnete Auseinandersetzungen statt, die humanitäre Krise ist zu
einem Dauerzustand geworden und die Rechte der Bauern, Indigenen und
AfrokolumbianerInnen werden weiter verletzt. Aus all diesen Gründen haben
wir ein Treffen angeregt, bei dem die diversen Gruppen der zivilen und der
bewaffneten Gesellschaft ihre Standpunkte und Vorschläge darlegen sollten,
um die Krise ein für alle Mal zu beenden. Auch der Nationale Friedenspreis,
mit dem unsere Organisation ausgezeichnet wurde, bedeutete für uns eine
Verpflichtung, ein solches Friedenstreffen anzuregen.
Als Teil der sozialen Bewegung sind wir von der Notwendigkeit des Dialogs
(also Verhandlungen zwischen Staat und Guerilla – d. Red.) überzeugt. Die
militärische Lösung, die die Regierung bisher verfolgt hat, hat für unsere
Lebensrealität fatale Konsequenzen. Die Informationen, die die
regierungsnahen Medien verbreiten, spiegeln nicht wider, was in den
abgelegenen Teilen Kolumbiens wirklich passiert, dort, wo Bombardierungen,
Drohungen, Verhaftungen und Flucht Alltag sind. Damit all das aufhört, haben
wir das Friedenstreffen vorgeschlagen.
Wie ist das Treffen verlaufen? Hat es die Erwartungen erfüllt?
An dem Treffen haben über 20 000 Menschen teilgenommen, die aus allen
Winkeln Kolumbiens kamen, Delegationen von der afrokolumbianischen, der
indigenen und der Bauernbewegung. Sie alle debattierten in Barrancabermeja
über Themen wie „Land, Territorium und Frieden“, „Demokratie und
Friedensgarantien“, eine „Ökonomie für soziale Gerechtigkeit und Frieden“
und andere Themen, die für die Analyse von Krieg und Frieden in unserem Land
eine Rolle spielen. Über spezifische Themen gab es auch Vorträge, sie wurden
von nationalen und internationalen Fachleuten gehalten, die für die Debatte
und Analyse mit den teilnehmenden Gemeinden offen waren.
Auch die Wirtschaft, die Regierung und die Guerilla waren eingeladen, ihre
Vorschläge bei dem Treffen zu unterbreiten. Aber weder die
Wirtschaftsgruppen noch die Regierung wurden vorstellig. Die
Guerillagruppen, sowohl FARC wie ELN, schickten Videobeiträge, in denen sie
ihre Positionen darlegten. Beide Gruppen äußerten ihren Willen, mittels
Verhandlungen eine Lösung für die humanitäre Krise anzugehen.
Es ist bedauerlich, dass die Wirtschaftsgruppen nicht vertreten waren. Die
Gemeindedelegierten beklagten vor allem die Probleme, die die großen
Rohstoffförderprojekte und Energievorhaben für sie beinhalten, denn diese
führen generell zu einer Verschärfung des bewaffneten Konfliktes in ihren
Gebieten. Aber trotz dieser Lückenwar für uns die Beteiligung der Gemeinden
am wichtigsten, dies war sehr bereichernd. Es waren alle Generationen
vertreten, Jung und Alt, auch Kinder. Ausgehend von ihren Erfahrungen ließen
sie alle KolumbianerInnen aufs Neue wissen, dass sie für Frieden und
Gewaltfreiheit sind und dass sie trotz des erfahrenen Leids auf dem Dialog
beharren. So heißt es auch in der Schlusserklärung des Treffens „Manifest
für Land und Frieden. Der Dialog ist der Weg.“ (Siehe unten)
2010 hat eure Organisation den Nationalen Friedenspreis von Kolumbien
bekommen. Wofür hat die ACVC diese Auszeichnung erhalten?
Die ACVC, die Bauernvereinigung des Cimitarra-Tals, hat den wichtigsten
Friedenspreis Kolumbiens als Anerkennung für ihren vierzehnjährigen Einsatz
für die Menschenrechte, Gesundheit, Erziehung und Umwelt bei uns in der
Region erhalten. Aber wir verstehen den Preis nicht nur als eine
Auszeichnung für die ACVC, sondern für die Arbeit der Bauern und Bäuerinnen
für ländliche Entwicklung und Menschenrechte an sich. Es ist ein Preis für
die gesamte Magdalena Medio-Region und die Campesinos und Campesinas von
Kolumbien, die oft genug vom Staat übersehen und wenig geachtet werden.
Die ACVC wurde vor 14 Jahren gegründet. Ausgangspunkt war damals eine
Bauernmobilisierung, die vom Staat eine integrale Agrarreform,
Gesundheitsversorgung, Bildung, soziale Investitionen und die Achtung der
Menschenrechte einforderte. Aktuell setzt sich die ACVC aus 120 Juntas de
Acción Comunal (Gemeindevertretungen) in den Landkreisen Yondó und Remedios
im Departement Antioquia und in San Pablo und Cantagallo im Süden des
Departements Bolívar zusammen. Wir führen mittlerweile auf über 500 000
Hektar landwirtschaftliche Projekte durch und es wurden mehrere
Menschenrechtskomitees gebildet.
Mit anderen Worten, wir sind eine große Gruppe von Bauern und Bäuerinnen,
die endlich Frieden wollen. Wir wollen auf unseren Fincas und Parzellen
bleiben und diese nicht aufgeben müssen. Wir wollen unseren Boden fruchtbar
machen und uns von unsrer Hände Arbeit ernähren können, so dass wir
unabhängig von der Industrie sind. Wir kämpfen dafür, dass unsere Kinder zur
Schule gehen können. Sie sollen später die Plätze der MedizinerInnen und
LehrerInnen in der Region besetzen, die heute noch fehlen.
Ein wichtiger Vorschlag der ACVC für die Bauernbewegung ist die
Einrichtung von sogenannten Zonas de Reserva Campesina (ZRC), also
ausschließliche Zonen für Kleinbauern. Welchen Nutzen hat eine solche ZRC
für die Bauernschaft? Sind diese Zonen mit den kollektiven Territorien von
indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden zu vergleichen?
Das Cimitarra-Tal gehört zum Gebiet des Mittellaufs des Magdalena,
Kolumbiens größtem Strom, in den der Cimitarra mündet. Unser Gebiet ist von
den gleichen Problemen und Konflikten wie die Gesamtregion geprägt. Vom
Staat wurde sie historisch vernachlässigt, Basisdienstleistungen sind
entweder prekär oder überhaupt nicht vorhanden, die Straßen sind schlecht,
die Bodenkonzentration ist hoch, es werden vor allem Bodenschätze gefördert
und es gibt auch Cocaanbau. Der Vorschlag zur Einrichtung einer Zona de
Reserva Campesina (ZRC), einer geschützten Zone für Kleinbauern, geht auf
das Jahr 1998 zurück, als über siebenhundert Campesinos aus der Region einen
„Plan für Entwicklung und integralen Menschenrechtsschutz im Magdalena Medio“
diskutierten. Zu den staatlichen Vorschlägen, die sich die ACVC angeeignet
hat, gehörte die Einrichtung einer solchen Zone für das Cimitarra-Tal.
Solche Kleinbauernzonen entsprechen einer Rechtsform, die in einem Gesetz
über ein Nationales Agrarreformsystem, Gesetz 160 von 1994, vorgesehen ist.
Sie sollen vor allem in Kolonisierungsgebieten und in Gebieten mit
vornehmlich Brachland etabliert werden.
Für uns sind diese ZRC das einzige positive Element dieses Gesetzes von 1994
zugunsten der Bauernschaft. Dadurch wird anerkannt, dass die Situation von
Siedlerfamilien stabilisiert und die Zerstörung der kleinbäuerlichen
Wirtschaft verhindert werden muss. Phänomene wie der ungleich verteilte
Grundbesitz sollen korrigiert und die Ursachen der sozialen Konflikte, die
für den ländlichen Raum in Kolumbien charakteristisch sind, angegangen
werden. So heißt es zumindest in Dekret 1777 von 1996, das einen Teil des
Gesetzes reglementiert.
Die exklusiven Zonen für Kleinbauernfamilien, die indigenen Schutzgebiete (resguardos)
und die kollektiven Territorien der Afrogemeinschaften haben zwar
unterschiedliche Ursprünge und Ursachen, haben aber trotzdem gemeinsame
Züge. Denn die Kämpfe von Bauern, Indígenas und Schwarzen mündeten
schließlich alle in eigenen Territorien, bei denen der kollektive
Grundbesitz Priorität hat und die Partikularinteressen hintangestellt
werden. Unser Ziel sind autonome und respektierte Territorien, in denen die
Kosmovisionen, Gebräuche und Traditionen mit eigener Identität gelebt werden
können.
Die ACVC arbeitet im Magdalena Medio, einer Region, die zu den
historischen Konfliktregionen in Kolumbien gehört. Aber sie war auch die
Wiege von bedeutenden sozialen Bewegungen. Welches Panorama gibt es für
diese
Bewegungen heute?
Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien ist komplex und hat die Dynamik und die
Arbeit der sozialen Bewegungen in der Magdalena Medio-Region beeinträchtigt,
sie lassen sich aber nicht unterkriegen. Es gibt viele Strategien des
Staates, Kritik und Opposition zum Verstummen zu bringen. Zum Beispiel
werden Gerichtsverfahren angezettelt, was auch im Fall mehrerer
Führungspersonen der ACVC geschehen ist, die man ungerechtfertigt der
Rebellion angeklagt hat. (Sie mussten schließlich freigelassen werden – d.
Red.). Schlimmer noch sind die extralegalen Hinrichtungen, Drohungen und
Vertreibungen.
Trotz der schwierigen Situation wurden in Kolumbien bedeutende Netzwerke und
Bündnisse von Organisationen geschaffen, wie im Fall des Congreso de los
Pueblos, des Kongresses der Völker, und die Coordinación Nacional Agraria y
Popular, CONAP, eine nationale Agrar- und Basiskoordination.1 Diesen
Prozessen und Bündnissen gehört auch die ACVC an. Einen wichtigen
Stellenwert hat auch die Informationsarbeit. Jeder Angriff auf die
Unversehrtheit von Bauern, Führungsleuten der sozialen Bewegungen und Opfern
wird in unseren alternativen Medien öffentlich gemacht.
Die Fragen von Bettina Reis beantwortete die Asociación Campesina del Valle
de Cimitarra - ACVC - im November 2011 per Email
1) Mehr Information zu diesen sozialen Prozessen unter:
http://congresodelospueblos.org/sitio/ und
http://www.conap.digitalaid.net/quienes_somos
Manifest für Land und Frieden:
Der Dialog ist der Weg
Auszüge aus der Schlusserklärung des Friedenstreffens vom 12. bis 14. August
2011 in Barrancabermeja (Departement Santander): Zum Ende unseres Treffens
ziehen wir eine sehr positive Bilanz. Wir haben die uns gesetzten Ziele, die
Situation Kolumbiens zu analysieren, voll erreicht. Wir erklären unsere
Ablehnung von Regierungspolitiken, die im letzten Jahrzehnt ein
Wirtschaftsmodell förderten, das eine intensive Ausbeutung unseres Bodens
und der natürlicher Ressourcen anstrebt, die transnationalen Unternehmen und
Wirtschaftsgruppen begünstigt, Land- und territoriale Konflikte verschärft,
neue Prozesse von Enteignung, Landraub und Vertreibung stimuliert und die
Voraussetzungen für Ernährungssicherheit und -souveränität beeinträchtigt.
Dieses Wirtschaftsmodell zerstört die kleinbäuerliche Ökonomie und den
Lebensraum der indigenen und afrokolumbianischen Gemeinschaften. Es führt
dazu, dass der soziale und bewaffnete Konflikt, der unser Land zum Ersticken
bringt, eskaliert.
Wir sind besorgt, dass trotz der Verlautbarungen der aktuellen Regierung,
der Schlüssel zum Frieden sei nicht verlorengegangen, augenscheinlich vor
allem eine militärische Lösung angestrebt wird. Dies gehorcht dem irrigen
Konzept eines „Friedens der Sieger und Besiegten.“ Die Geschichte des
kolumbianischen Konfliktes zeigt auf, dass militärische Lösungen nicht zum
Frieden führen. Wir wollen nicht länger mit der ständigen Bedrohung von
Bomben und Kugelhagel leben. Es ist an der Zeit, dem Krieg ein Ende zu
setzen. Die politische Lösung wird zu einer Notwendigkeit.
Wir sind uns bewusst, dass die Perspektive einer politischen Lösung viele
Feinde hat. Den Krieg zu deaktivieren ist für diejenigen, die daraus ein
lukratives Geschäft gemacht haben, von Nachteil.
Wir sind davon überzeugt, dass wir bei der Konzeption und Materialisierung
eines Weges zum Frieden vorankommen müssen. Nächstes Ziel muss die Bildung
einer landesweiten Bewegung mit internationaler Unterstützung sein, die das
ausdrückliche Mandat hat, den Aufbau des Friedens mit sozialer Gerechtigkeit
und eine politische Lösung des sozialen und bewaffneten Konfliktes zu
fördern. Dafür muss ein günstiges Klima geschaffen werden. Die direkt an der
Konfrontation beteiligten Parteien sollten eine beidseitige Einstellung der
Feindseligkeiten erwägen, die die Möglichkeit des Dialogs öffnet. Mit Hilfe
von humanitären Verpflichtungen und Vereinbarungen sollte der Gewalt gegen
die Zivilbevölkerung und allen grausamen Verbrechen ein Ende gesetzt werden.
Allgemeine Erklärungen über Frieden und Dialog reichen nicht aus. Sie wurden
oft von einer Eskalation des Kriegs begleitet. Deshalb fordert dieses
Treffen konkrete Aktionen und Gesten von allen Konfliktparteien, die als
positive Antworten auf die Forderungen der Bevölkerung zu verstehen sind.
Wir müssen aus der Idee, dass der Dialog der Weg ist, Wirklichkeit werden
lassen. Dies umzusetzen impliziert vor allem eine breite gesellschaftliche
Beteiligung. Die politische Lösung kann nicht eine ausschließliche
Angelegenheit der direkt an der militärischen Konfrontation beteiligten
Parteien sein.
Wir sind davon überzeugt, dass dies das wachsende Verlangen des
kolumbianischen Volks ist: In Frieden mit sozialer Gerechtigkeit zu leben.
Nationales Treffen von bäuerlichen-, indigenen und Afro-Gemeinden für
Land und Frieden in Kolumbien: Der Dialog ist der Weg, Barrancabermeja, 14.
August 2011 • Übersetzung und Kürzung: Bettina Reis
Weitere Infos: Schlusserklärung des Friedenstreffens (span.):
http://kavilando.org/site/index.php?option=com_content&view
=article&id=588:declaracion-final-encuentro-nacional-de-paz-en-barranca&catid=42:editorial&Itemid=84
Sendung des alternativen TV-Kanals Contravía über das Friedenstreffen:
http://www.contravia.tv/NUEVO-CAPITULO-La-paz-regresa-a
http://prensarural.org/acvc/
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