aus Universitäten / ila 349
Das Prinzip
Versprechen
Erneut fordern Europaabgeordnete das Ende der
Straflosigkeit bei Morden in Oaxaca
von Gaby Küppers Eigentlich ist die
Sachlage nicht kompliziert. Am 27. April vergangenen Jahres wurde eine
angekündigte humanitäre Karawane auf dem Weg in die von Paramilitärs
belagerte autonome indianische Gemeinde San Juan Copala im mexikanischen
Oaxaca beschossen. Zwei MenschenrechtlerInnen, die Mexikanerin Bety Cariño
und der Finne Jyri Jaakkola, starben, weitere TeilnehmerInnen der Karawane
wurden verletzt. Der potentielle Täterkreis in dem abgelegenen Ort ist
begrenzt. Die Paramilitärs und ihr Anführer sind bekannt. Dennoch treten die
Ermittlungen auf der Stelle. Die Mitglieder der autonomen Gemeinde wurden im
Dezember vertrieben, der Ehemann von Bety Cariño wird bedroht. 16 Monate
nach den Morden und neun Monate nach einem Regierungswechsel in Oaxaca
versuchten die grünen Europaabgeordneten Satu Hassi aus Finnland und Ska
Keller aus Deutschland erneut, die Aufklärung des Verbrechens vor Ort
voranzutreiben. Gaby Küppers begleitete sie. Reyna
Fernández wirkt mutlos. Die Sprecherin der autonomen Gemeinde San Juan
Copala campiert seit Monaten zusammen mit rund 40 weiteren
Gemeindemitgliedern auf dem Zócalo, dem zentralen Platz von Oaxaca. Der
plantón im Schatten des kolonialen Regierungspalastes verstört, aber in dem
zentralen Konflikt in dem an Agrarkonflikten reichen Bundesstaat bewegt sich
nichts.. Im September 2010 wurden die Triqui-Indígenas, die die Autonomie
des Orts ausgerufen hatten, von Paramilitärs endgültig aus ihrem Dorf
vertrieben. Viele der Vertriebenen sind heute in alle Winde zerstreut. Die
Interamerikanische Menschenrechtskommission hat dem mexikanischen Staat
Schutzmaßnahmen für 135 von ihnen verordnet. Passiert sei nichts. „Wenn ihr
mit dem Gouverneur redet“, bittet Reyna die Europaabgeordneten Satu Hassi
und Ska Keller in den Räumen der Menschenrechtsorganisation Código DH, „dann
sprecht vier Punkte an: Gerechtigkeit, die Rückkehr in die Gemeinde, den
Schutz des Camps auf dem Zócalo und Gesundheitsversorgung.“ Man sieht ihr
an: Sie glaubt nicht mehr, dass der neue Gouverneur etwas ändert.
Gabino Cué wurde am 4. Juli 2010 von einer breiten Koalition von rechts bis
links gewählt. Er löste damit Ulises Ruiz von der PRI ab, dem Wahlbetrug
2006, Korruption und massive Menschenrechtsverletzungen bis hin zur
Finanzierung der paramilitärischen Gruppe UBISORT vorgeworfen wurden.
Letztere ist aller Wahrscheinlichkeit nach auch für die Morde an Bety und
Jyri verantwortlich. Bei der Regierungsübergabe im Dezember 2010 hinterließ
Ulises Ruiz leere Kassen und astronomisch hohe Zahlungsverpflichtungen für
überdimensionierte Bauprojekte über mehrere Jahrzehnte. Mit dem Ergebnis,
dass derzeit viele Regierungsangestellte seit Monaten ohne Gehälter
arbeiten. Unmut war vorprogrammiert.
Auch politisch sind nach der ersten Freude über den Wahlsieg des durchaus
charismatischen Gabino Cué längst Wolken aufgezogen. Gerade die Stärkung des
Menschenrechtsbereichs mit der Beauftragten Eréndira Cruzvillegas, vor
einigen Jahren als Aktivistin selbst verfolgt und ins zeitweilige Exil
vertrieben, machte Hoffnungen. Doch die ohnehin prekäre Wahlallianz von der
(gemäßigt linken) PRD bis zur (in Mexiko regierenden rechten) PAN ist
zerbrochen. Vieles, wie etwa eine umfassende Wahrheitskommission, ist nicht
mehr durchsetzbar. Der neue Bundesstaatsabgeordnete Flavio Sosa, der nach
den massiv niedergeschlagenen Aufständen gegen Ulises Ruiz 2006 selbst zu
Unrecht jahrelang in Hochsicherheitsgefängnissen saß, hat einen moderaten
Vorschlag für eine Wahrheitskommision eingebracht. Er greife viel zu kurz
und sei mit den Bewegungen nicht abgesprochen, bemäkeln diese. Angesichts
fehlender Mehrheiten mache die Regierung im Grunde weiter Wahlkampf statt
Nägeln mit Köpfen, meint Marcos Leyva von der Bildungsorganisation Educa.
Gabino Cué verkünde viel, setze aber wenig um. Im Regierungs- und
Justizapparat überlebten etliche Gestalten der Ulises-Ruiz-Garde, Altlasten,
die jede Neuerung torpedieren.
Gabino Cué hat aber auch viele neue Gesichter aus den sozialen
Organisationen in die Regierung geholt, was diesen neben Hoffnung auf
frischen Wind auch Angst vor Kooptierung macht. Die meisten, so Marcos Leyva,
stammten aus alten Politikerfamilien, die sich so lediglich zeitgemäß
reproduzierten. Zudem seien sie im Mittelbau untergekommen, nicht wirklich
an Schaltstellen der Macht. Die sozialen Organisationen hätten angesichts
der ersten Nicht-PRI-Regierung in Oaxaca ihre neue Rolle noch nicht
gefunden. Ein kritisch-konstruktiver sozialer Pol müsse erst noch aufgebaut
werden.
Wie vorausgesagt verspricht der Gouverneur auch gegenüber den beiden
Europaabgeordneten sein Bestes. Die Gemeindemitglieder von San Juan Copala
sollten in ihr Dorf zurückkehren können und jeder einzelne Mord solle
aufgeklärt werden, mit Intelligenz, Talent und Kreativität.
Die Mühen der Ebene werden bei Gesprächen mit weiteren
RegierungsvertreterInnen deutlich. Es hakt schon bei der Umsetzung der von
der Interamerikanischen Menschenrechtskommission verordneten Schutznahmen
für die Triquis. Deren Sicherheitslage stellt sich nach dem Abgang des
PRI-Gouverneurs Ulises Ruiz anders, aber nicht besser dar – San Juan Copala
als spirituelles Zentrum der Triquis ist hier nicht allein, aber besonders
betroffen. Bewaffnete UBISORT-Paramilitärs laufen wegen fehlender PRI-
Finanzierung nun offenbar zur ehemals bekämpften MULT-Gruppe über. Zwar
wurde UBISORT-Chef Rufino Juárez Hernández im Mai dieses Jahres durch die
Bundesbehörden verhaftet – sicher nicht zufällig just wenige Tage bevor eine
Delegation des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments nach
Mexiko-Stadt und Oaxaca reiste – an offene Führungsstelllen aber treten nun
unbehelligt neue Kader aus beiden Organisationen, darunter wohl auch
ehemalige Regierungsbeamte.
Seit Dezember vergangenen Jahres haben vierzehn Treffen zwischen Triqui- und
Gabino Cué-VertreterInnen über eine beschützte Rückkehr nach San Juan Copala
stattgefunden. Ergebnislos. Der mit den Vermittlungen beauftragte Arturo
Peimber holt weit aus, um die Stagnation mit einem historischen Konflikt zu
erklären. Dieser schwele seit 1948. Damals wurde San Juan Copala als
Hauptort der Triquis von der nationalen Regierung die Selbstverwaltung und
Budgethoheit entzogen. 2007 riefen die Triquis eine autonome Gemeinde aus.
Seither herrscht Krieg.
Von wem derzeit die Gewalt ausgeht und wer Willen zur Konfliktlösung hat,
wird von Regierungsvertretern unterschiedlich gewichtet. Peimber wirft den
vertriebenen Triquis vor, Angebote wie Krankenversorgung und LehrerInnen
nicht anzunehmen. Anfang August, just an dem Tag, als in Mexiko-Stadt
Beschlüsse über die Modalitäten einer auf den 25. August angesetzten
Rückkehr fielen, seien in Oaxaca bei einem alkoholisierten Streit drei
Triquis erschossen worden. Die Gemeinde habe die Leichen nach Oaxaca-Stadt
gebracht und auf dem Zócalo ausgestellt, ein Affront, wie er findet. Und ein
weiteres Aus für die Rückkehr. Die Triquis ihrerseits sehen den mangelnden
Willen bei der Regierung, von Krankenhäusern und Angeboten zur
Krankenbehandlung wissen sie nichts. Auch nichts von Alkohol und tödlichem
Streit. Ihre Version: Zwei der drei Erschossenen seien die letzten
Überlebenden einer Vierergruppe gewesen, die eine größere Landvertreibung
öffentlich denunziert hätten. Die Leichen auf dem Zócalo auszustellen, sei
eine Verzweiflungsmaßnahme gewesen, um auf die fortgesetzte Repression
aufmerksam zu machen. Das gegenseitige Misstrauen scheint unüberwindbar,
eine Rückkehr nach San Juan Copala undurchführbar, solange bewaffenete
Paramilitärs patrouillieren. Der springende Punkt ist hierfür die Aufklärung
der Überfalls auf die Karawane und der Morde an Bety und Jyri.
Denn, davon gehen alle GesprächspartnerInnen aus, die Täter sind für weitaus
mehr Delikte verantwortlich. Eine Lösung des einen Falles könnte Licht auf
viele weitere Verbrechen werfen. Nur internationale Aufmerksamkeit, darüber
herrscht Einigkeit, kann die Untersuchungen überhaupt voranbringen in einem
Land, in dem 98 Prozent der Verbrechen unaufgeklärt bleiben.
Genau aus diesem Grund waren Jyris Eltern bisher zweimal in Mexico, die
Europaabgeordnete Satu Hassi dreimal. Von Ulises Ruiz ignoriert, von Gabino
Cué mit offenen Armen empfangen, während die Regierung in der Hauptstadt
diesmal versuchte, den erneuten Besuch zu verhindern. Bei jedem Treffen gab
es Versprechungen. Doch auch nach16 Monaten, beklagen Satu Hassi und Ska
Keller, gäbe es keine Fortschritte. Die Festnahme von UBISORT-Chef Rufino
Juárez habe die Delegation des EP-Menschenrechtsausschusses lediglich
beeindrucken sollen. Doch zur Last gelegt werde ihm nicht Mord, sondern
Kidnapping und unerlaubter Waffenbesitz. Eine baldige Entlassung sei nicht
ausgeschlossen. Untersuchungskommissionen zum Fall Jyri und Bety würden
angeblich eingesetzt, nur um sich alsbald in Luft aufzulösen, Zeugenschutz
werde in Aussicht gestellt, dann aber wieder verworfen, da es sich nicht um
organisiertes Verbrechen handele (warum eigentlich nicht?).
Auch diesmal sah sich die Delegation aus Europa mit Verzögerungstaktik
konfrontiert. Manuel de Jesús López López, Generalstaatsanwalt in Oaxaca,
bezeugte zwar beste Absichten, räumte aber ein, dass in Oaxaca inzwischen
die nationale Justizreform greife. Sie verlangt mündliche Verhandlungen, die
Bundesebene wendet aber noch die alten Verfahren der Beweissammlung an. Die
aus der Hauptstadt eingetroffenen 14 Bände Unterlagen zum Fall seien daher
unbrauchbar. Eine erneute Beweisaufnahme hielt López López für
undurchführbar. Selbst die Autos, in denen die Morde geschahen, existierten
nicht mehr. Andere Beweisstücke, inzwischen aufbewahrt in Botschaften und
offiziellen Stellen in Mexiko-Stadt, waren ihm nicht einmal bekannt.
Zeugenschutz sei zudem hauptsächlich Sache der Bundesebene.
Zurück in der Hauptstadt legten die Europaabgeordneten bei
Ministeriumsgesprächen hierauf ihren Schwerpunkt. Kein Zeuge würde eine
Aussage machen, wenn er dabei dem möglichen Täter gegenübersteht oder der
davon weiß, argumentierten sie. Man nickte, versteckte sich aber hinter
angeblich fehlenden Rechtsgrundlagen. Nach zähem Ringen gab es dann endlich
Versprechen auf Zusagen, Genaueres werde nach Abreise der Europäerinnen mit
David Peña, dem Anwalt des Falles, ausgehandelt. Ein Strohhalm für Betys
Ehemann Omar Esparza. Vor wenigen Wochen schloss er nach Drohungen das Büro
der unabhängigen zapatistischen Bauernbewegung MAIZ in Oaxaca, wo er
arbeitete; seine Kinder leben woanders. „Gerechtigkeit für Jyri bedeutet
Gerechtigkeit für Bety“, sagte Omar Esparza schon im letzten Jahr.
Sie wäre wie eine Stecknadel in einem Heuhaufen.
Menschenrechts-organisationen nutzten die Anwesenheit der
Europaabgeordneten, um einen Einblick in die Menschenrechtslage insgesamt zu
geben, die sich, seit Präsident Calderón 2007 die Militärs auf die Straße
schickte, um den Drogenhandel zu bekämpfen, in allen Bereichen dramatisch
verschlechtert hat. Die Drogenbanden sind längst extralegale
Wirtschaftsimperien, die ihr Geld großenteils mit Entführungen,
Erpressungen, Auftragsmorden, Menschenhandel und ähnlichen Scheußlichkeiten
machen. Straflos. Am Tag, an dem die Europarlamentarierinnen in Mexiko
landeten, fanden Jogger in einem öffentlichen Park der Hauptstadt die
nackten, misshandelten und gefesselten Leichen zweier Journalistinnen. Auch
diese Feminicidios (Frauenmorde) werden aller Wahrscheinlichkeit nach nie
aufgeklärt werden. Gerade deswegen wäre es so wichtig, im Falle Jyri und
Bety exemplarisch die Straflosigkeit zu durchbrechen.
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