aus
Musik und Politik / ila 342
Das Handy des
Außenministers
Fünf Jahre „Politik des Wandels“ in Bolivien
von Peter Strack
„Wir werden Evo Morales bei den Wahlen
unterstützen, aber wenn er keine gute Politik macht, werden wir ihn
stürzen, wie wir das schon mit anderen Präsidenten vor ihm gemacht haben.“
Diese selbstbewusste Antwort gab der Sprecher des Bürgerkomitees in einem
Armenviertel von La Paz 2005 einem ila-Redakteur, als der ihn auf die
bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ansprach. Wenige Monate später wurde
Evo gewählt, in Bolivien kam vieles in Bewegung und der Präsident wurde
2009 eindrucksvoll in seinem Amt bestätigt. Doch um die Jahreswende
machten die sozialen Bewegungen und die Basis der Regierungspartei MAS
(Bewegung zum Sozialismus) dem Präsidenten und seinen MinisterInnen klar,
dass sie nicht auf die Idee kommen sollten, die Bevölkerung würde ihre
Maßnahmen einfach so hinnehmen. Als die Regierung die Subventionen für
Benzin und Diesel strich und die Preise für Lebensmittel und Busfahrten
daraufhin in die Höhe schnellten, machten die BolivianerInnen das, was sie
in den letzten beiden Jahrzehnten immer machten, wenn Regierungen
unsoziale Maßnahmen ergriffen: Sie gingen auf die Straßen und
organisierten Proteste, bis die Regierenden – diesmal nach fünf Tagen –
die Maßnahmen zurücknahmen.
Die Streichung der Subventionen auf Benzin und
Diesel sei die richtige, aber keine opportune Entscheidung gewesen, teilt
Boliviens Präsident Evo Morales der Öffentlichkeit derzeit durchaus
doppeldeutig über TV-Spots mit, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Aber da er versprochen habe, in Gehorsam gegenüber dem Volk zu regieren,
habe er das Dekret 748 nur fünf Tage nach seiner Verkündigung annulliert.
Schon der Termin der Verkündung des „Gasolinazos“ in den Urlaubstagen
zwischen den Jahren während einer Auslandsreise von Morales deutet jedoch
nicht darauf hin, dass man sich bei dieser Radikalkur besonders für die
Meinung des Volkes interessiert hätte. Man habe ein Krebsgeschwür
beseitigen wollen, das die neoliberalen Regierungen hinterlassen hätten,
meldete die staatliche Nachrichtenagentur. So als ob Subventionen
neoliberal seien und als ob Versuche früherer Regierungen, solche
Subventionen von einem auf den anderen Tag zu streichen, statt die
Wirtschaft sukzessive anzupassen, nicht schon in der Vergangenheit massive
Proteste hervorgerufen hätten – die von Morales und seiner
Kokabauern-Gewerkschaft eingeschlossen. Und kann man bei jährlich 380
Millionen Dollar Subventionen für die Benzin- und Dieselimporte vom
drohenden Ausbluten der Staatsfinanzen reden, wenn gleichzeitig massive
Steuermehreinnahmen für Länder- und Kommunen, Rekordabgaben des
Erdölsektors von 1,688 Milliarden Dollar an den Staat und ein
zweiprozentiger Haushaltsüberschuss gemeldet werden? Zumal
Zentralregierung und Regionalregierungen wie auch viele Kommunen massiv
Probleme hatten, das ihnen zur Verfügung stehende Geld ordnungsgemäß und
sinnvoll auszugeben. So schöpfte die Regionalregierung von Cochabamba 2010
nur etwa ein Drittel des Investitionsetats aus. Sicher, der Staatsapparat
klemmt vielerorts, weil altes Personal bremst, neuem Personal die Routine
fehlt und mancher es vorzieht, Entscheidungen zu verschieben,
weiterzureichen oder gar nichts zu tun, um nicht gegen das neue
komplizierte Antikorruptionsgesetz mit seinen drastischen Strafandrohungen
zu verstoßen.
Gleichwohl: Ob Taxifahrer, Bergbauunternehmer oder Bewohner aus einem
städtischen Armenviertel – viele sehen die ökonomische Nützlichkeit einer
Anpassung an die Marktpreise, nicht nur wegen des Benzinschmuggels in die
Nachbarländer. Doch wenn sich plötzlich die Bustarife verdoppeln und auch
andere Preise in weit höhere Höhen schnellen, als es die Benzinkosten
gerechtfertigt hätten! Insbesondere die Ärmsten müssen heute über die
Runden kommen, da helfen keine Ankündigungen neuer Subventionen oder von
Lohnerhöhungen, die den informellen Sektor kaum erreichen. Auch Appelle an
die Unternehmen, mit höheren Löhnen die Preissteigerungen auszugleichen,
gehen ins Leere, wenn mit dem Treibstoff auch die Betriebskosten und damit
Verkaufspreise steigen.
Opposition und Bevölkerung protestierten, selbst die Kokabauern im Chapare
und die Nachbarschaftsorganisationen von El Alto gingen auf die Straße,
sogar in Hochburgen der MAS-Regierung wurden Plakate mit dem Konterfei von
Evo Morales verbrannt, während es in Santa Cruz überraschend still war und
die besonders betroffenen Agrarunternehmer es vorzogen, im Stillen zu
verhandeln. Der Zementunternehmer und Oppositionsführer Doria Medina
warnte vor einer drohenden Dollarabwertung zur Verbilligung der Importe.
Schlangen bildeten sich vor den Banken, 200 000 US-Dollar wurden binnen
Stunden abgehoben. Doch dank einer Devisenreserve in historisch nie
gekannter Höhe von zehn Milliarden Dollar blieb das Finanzsystem stabil.
Es sei der Außenminister David Choquehuanca gewesen, berichtet die
Tageszeitung La Prensa, der das Kabinett über Handy-Kontakt zur Straße
dazu gebracht habe, die Proteste endlich wahrzunehmen. Und als dann die
Militärs am folgenden Tag eine schriftliche Anordnung des Präsidenten für
ein eventuelles Einschreiten verlangt hätten, schreibt La Prensa, sei die
endgültige Entscheidung gefallen, das Dekret zu annullieren. Wegen einer
solchen Anordnung läuft derzeit ein Prozess gegen den ehemaligen
Präsidenten Sánchez de Lozada, mit dem Evo Morales auf Transparenten in
den späten Dezembertagen verglichen wurde. Ist die Politik des Wandels nur
ein Jahr nach Inkrafttreten der neuen Verfassung gescheitert?
Ich solle mehr Geduld haben, antwortet Außenminister David Choquehuanca
auf die Frage, ob die politische Rhetorik nicht häufig in argem
Widerspruch zur Praxis stehe. „Wir sind erst ein paar Jahre an der
Regierung. Ein wirklicher Wandel braucht Zeit“, so Choquehuanca, der in
Generationen, nicht in Legislaturperioden zu denken scheint und in seinen
Reden immer wieder betont, dass die Regierung nach wie vor gezwungen sei,
nach Gesetzen zu handeln, die andere entgegen indigener Logik
verabschiedet haben. Als einziger verbliebener fest in der Aymara- Kultur
verwurzelter Minister im Kabinett führt er manchmal einen recht einsamen
Kampf. Und: Das politische Alltagsgeschäft lasse kaum Zeit zur Reflektion.
Noch heute geht er mit seinen Kindern zur Aussaat oder wichtigen Festen
zurück in seine Heimatgemeinde am Titikakasee. Seit den
Wikileaks-Enthüllungen wissen wir, dass die US-Regierung den
bolivianischen Chef der „Diplomatie für das Leben” nicht so recht ernst
nimmt. Er produziere bloß heiße Luft, heißt es in einem Kommentar des
Botschafters David Greenlee im Jahr 2006. Dabei hat die Regierung Morales
auf internationaler Ebene durchaus punkten können. Etwa als sie den faulen
Kompromiss der Klimakonferenz von Kopenhagen kritisierte und sich auf dem
Folgegipfel in Cancún als einziger Staat der Abschlusserklärung
verweigerte. Boykotthaltung und fehlenden Realitätssinn warf man Bolivien
vor, doch ebenso klar war, dass Chefunterhändler Pablo Solón Recht hatte,
wenn er die Beschlüsse als vollkommen unzureichend brandmarkte. Und dass
über 35 000 Menschen sich zuvor im April 2010 nach Cochabamba auf den Weg
gemacht hatten, um auf dem alternativen „Klimagipfel der Völker“ über
Vorschläge zur Begrenzung der Erderwärmung oder die Schaffung eines
internationalen Umweltgerichtshofes zu diskutieren, zeigt, dass die Idee
des „Guten Lebens“ nicht nur indigene Gemeinden mobilisiert.
Auch Legalisierung des Kokakauens und alternativer Nutzung der Kokapflanze
in der internationalen Gesetzgebung sind auf gutem Wege. Nachdem Kolumbien
seinen Vorbehalt zur Änderung der Wiener Konvention zurückgezogen hat,
steht derzeit nur noch die USA der bolivianischen Initiative im Wege, die
eine Zeitbombe der Morales-Regierung entschärfen könnte. Zwar gesteht die
UN-Drogenbehörde zu, dass die Methode der sozialen Kontrolle in der
Chapare-Region funktioniere und die Zunahme der Anbauflächen sich im
letzten Jahr verringert hätte. Zumal diese Kontrolle weitaus billiger ist
als die Militäreinsätze anno dazumal. Heute sitzen viel weniger Menschen
unschuldig im Gefängnis und hat die Gewalt abgenommen. Doch in einigen
Zonen funktioniert die Kontrolle nicht, die Kokainproduktion hat sich in
andere Landesteile und städtische Zonen verlagert. Seit Regierungsantritt
ist die angebaute Fläche um ein Fünftel gestiegen, und ausgerechnet im
Chapare werden nur sechs Prozent der 25 000 Tonnen jährlich produzierten
Koka auf legalem Wege vermarktet. 500 Millionen Dollar pro Jahr setze der
Drogenhandel in Bolivien um, ein geringer Anteil im Vergleich zu den
weltweit geschätzten 72 Milliarden. Aber wenn der bolivianische Staat den
Drogenhandel nicht bald effektiv reduzieren kann, werden auch seine
diplomatischen Initiativen an Glaubwürdigkeit verlieren, die den
Kokabauern neue Absatzmärkte schaffen könnten.
Ein anderer Erfolg Boliviens auf der internationalen Bühne, der
UN-Beschluss, das Recht auf Wasser in die allgemeine Erklärung der
Menschenrechte aufzunehmen, hat bislang eher symbolischen Charakter, weil
er ohne rechtsverbindliche Wirkung ist. Gleichwohl, vor wenigen Jahren,
als Marktmechanismen die Probleme mit dem kostbaren Nass lösen sollten,
hätte eine solche Initiative kaum Gehör gefunden.
Ein einklagbares Recht auf sauberes Wasser würde allerdings auch den
bolivianischen Staat unter Zugzwang setzen. Etwa dort, wo Agroindustrie,
Erdöl- und Bergbauwirtschaft das Wasser verschmutzen. In San Cristóbal in
der ariden Hochebene südlich von Oruro werde täglich mehr als 40 000
Kubikmeter Wasser durch ein Bergwerksunternehmen abgepumpt. Der
Grundwasserspiegel sinke, wegen unzureichender Abdichtung der Lagerstätten
für Abraum werde das Wasser verschmutzt, kritisiert der Geologe Robert
Moran. Für die Regierung Morales jedoch kein Hindernis, der Firma eine
Umweltlizenz zu erteilen. Beim Klimagipfel der Völker im April hatten sich
indigene und Umweltorganisationen ein Lokal außerhalb des
Veranstaltungsgeländes suchen müssen, um die Probleme der Mine San
Cristóbal oder die Gefahren des Baus einer Überlandstraße durch den
Nationalpark Isiboro Secure für die dort ansässigen indigenen Völker zu
thematisieren, und erfuhren heftige Kritik von Vizepräsident Alvaro García
Linera. Mit dem Straßenbau wurde begonnen, bevor die von der
ILO-Konvention 169 vorgesehenen Konsultationen abgeschlossen und eine
Einigung gefunden war, ähnlich wie bei mancher Erdölprospektion. Ein
Staatssekretär, der die Umweltlizenz verweigert musste den Hut nehmen. Die
Ausbeutung der Rohstoffe brächte die notwendigen Staatseinnahmen, wird
argumentiert – etwa für die neue, aber unterfinanzierte kostenlose
Gesundheitsversorgung von Kindern.
Auch den zerstörerischen Folgen des Klimawandels konnte bislang wenig
Konkretes entgegengesetzt werden. Periodische Überschwemmungen oder
extreme Trockenheit haben bereits ein Fünftel der Landesfläche erfasst.
Dem südamerikanischen Land stehe trotz anzuerkennender Bemühungen der
Regierung eine Nahrungskrise ins Haus, warnte die
Welternährungsorganisation. Im August waren zehntausende Hektar Bohnen
oder Mais vertrocknet, Rinder verdurstet und in ausgetrockneten
Flussbetten waren die Fische verendet.
Gewiss ist die Regierung ebenso wenig für die Entwaldung weiter
Landesteile in den vergangenen Jahrzehnten zugunsten von Soja-,
Zuckerrohr- oder Baumwollexportplantagen verantwortlich wie für die
Preissteigerungen auf den internationalen Lebensmittelmärkten. Und die
Dieselsubventionen wollte sie ja gerade streichen. Doch die Lobby
gewerkschaftlicher Bauernorganisationen, der Großagrarier und der Druck
der städtischen Bevölkerung ist stärker als die der traditionellen andinen
Gemeinden. Diese wären mit ihrer Agrarkultur, die wasser- und
klimaresistente Anbausorten schützt, imstande, der Nahrungsmittelknappheit
mit lokalen Ressourcen zu begegnen. Statt andine Agrarkultur massiv zu
fördern und das dafür nötige indigene Wissen über die staatlichen
Instituionen zu verbreiten, wie es Staatsdoktrin ist, reagiert die
Regierung kurzfristig mit Aufkäufen und subventionierter Weitergabe von
Nahrungsmitteln aus dem Ausland, die nicht nur der lokalen Produktion
abträglich sind, sondern Gelegenheit für Korruption und
Spekulationsgeschäfte bieten. So nehmen derzeit Schlangen vor
Verkaufsstellen mit verbilligtem Zucker breiten Raum in der Presse ein und
schüren Angst vor einer allgemeinen Wirtschaftskrise.
Dabei liegt das bolivianische Angebot an Rohrzucker trotz Rückgangs wegen
Schmuggel, Auslaugung der Böden und Klimwandel von 12 auf 8,5 Millionen
Tonnen jährlich noch immer über dem inländischen Bedarf. Die
Inflationsrate lag bei Jahresende trotz Gasolinazo um die 7,18 Prozent.
Die Exporteinnahmen waren im vergangenen Jahr um knapp 28 Prozent
gestiegen. Mit 3,65 Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr 2010 liegt
Bolivien zwar weit hinten unter den lateinamerikanischen Ländern. Doch
dies auf der Basis des zweithöchsten Wachstums der Region noch im Jahr
2009, das von der Weltfinanzkrise geprägt war. Beides Spiegel einer
geringeren Abhängigkeit vom Weltmarkt. Die Staatsverschuldung ist zwar
wieder fast so hoch wie zum Regierungsantritt von Morales 2006, doch den
Großteil des Geldes schuldet Bolivien nicht mehr ausländischen Gläubigern,
sondern es sind Inlandsschulden. Und lag der Anteil der Staatsschulden vor
Regierungsantritt von Morales noch bei 73 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes, wird für 2010 der Anteil von 35 Prozent genannt.
Bei all dem ist zu berücksichtigen, dass Vizepräsident García Linera und
das Wirtschaftskabinett in den vergangenen Jahren nicht nur über erhöhte
Abgaben auf Erdöl und Erdgas, sondern auch über Investitionen im
industriellen Sektor den Staatsanteil am Bruttoinlandsprodukt erhöht
hatten. Der Beschluss, endlich eine Ost-West-Transportverbindung per
Eisenbahn zu finanzieren, durch eigene Benzin- und Dieselproduktion
sukzessive die teuren Importe zu ersetzen, angesichts stagnierender
Produktionsmengen und wachsender Nachfrage die Erdgas- und Erdölsuche zu
verstärken sowie selbst in Zuckerraffinerien, Lithiumverarbeitung, eine
Zementwerk, in Papierproduktion und Straßenbau zu investieren, kann auch
ein Motiv für den Gasolinazo gewesen sein. Zumal man die Transferzahlungen
an Alte, Schwangere oder Schulkinder, die erheblich zum Ansehen der
Morales-Regierung in der Bevölkerung beitragen, nicht antasten will.
Ebenso wenig wie die rasant gestiegenen Ausgaben für das Militär.
Warum gibt es keine Diskussion über die Umsetzung des Gesellschafts- und
Wirtschaftsmodells der neuen Verfassung , fragt Raúl Prada Alcoreza, bis
vor kurzem im Planungsministerium noch für die Entwicklung von Konzepten
zur Gestaltung des „Guten Lebens“ zuständig, bevor die Abteilung
kurzerhand geschlossen wurde, obwohl internationale Finanzierung dafür zur
Verfügung stand. „Meine erste Antwort ist“, sagt der Wissenschaftler,
„dass der Herausforderung der Verfassung ausgewichen wird“ und man sich
auf Nebenthemen stürze. Hinzu komme Unehrlichkeit in Bezug auf die eigene
Position, die von den sozialen Bewegungen und Organisationen in Frage
gestellt werde. Es handele sich um Bürokratismus, Monopolisierung
politischer Entscheidungen in kleinen Funktionärsgruppen und um die Idee
eines Staatskapitalismus und Nationalismus, urteilt Prada, dem die Aufgabe
der Entkolonialisierung, der Schaffung einer plurinationalen Gesellschaft
und einer direkten, partizipativen und kommunitären Demokratie
untergeordnet werde.
Wenn der Gasolinazo etwas Positives gebracht hat, dann – zumindest
kurzfristig – die Rückkehr einer Debatte und eine Stärkung der Kräfte in
der Regierung wie in den indigenen Organisationen, die die Lösung der
Probleme nicht so sehr in einem starken Staat, sondern in einer anderen
Art zu Wirtschaften und einem anderen Umgang mit der Natur sehen.
Mancher hatte nach dem Scheitern der gewaltsamen Revolten 2008 gegen die
„Politik des Wandels“ vor allem im Tiefland und dem darauf folgenden
überwältigenden Sieg von Morales' MAS bei den letzten Parlamentswahlen
befürchtet, dass die Regierung angesichts einer desolaten Opposition
keinerlei Kontrolle mehr unterliege. Zahlreiche politische Führer sind im
Ausland, gegen viele laufen Strafverfahren wegen rassistischer Übergriffe
oder Veruntreuung, wshalb sie ihre Ämter aufgeben mussten. Und auch wenn
selbst gegen hochrangige Mitglieder des MAS vorgegangen wird, lassen sich
politische Motive nicht ausschließen, wie im Fall des im
Präsidentschaftswahlkampfs unterlegenen Bürgermeisters von Potosí. Eine
Verurteilung zu mehrjähriger Haft, wo es Formfehler, aber keinen
finanziellen oder gesellschaftlichen Schaden gegeben hat. Das mag legal
sein, aber untergräbt in der Bevölkerung die Legitimät von Justiz und
Regierung.
Dabei sollte Evo Morales aus seiner eigenen Auseinandersetzung als
Kokabauer oder Parlamentarier mit Justiz und Staatsapparat wissen, dass es
langfristig nicht erfolgreich ist, sich über die Justiz, statt
argumentativ und politisch, mit der Opposition auseinanderzusetzen.
Spätestens bei den Kommunalwahlen hätte die MAS-Partei feststellen müssen,
dass eine neue Opposition herangewachsen ist oder dass die MAS wie im Fall
La Paz ihre Allianz mit dem Movimiento sin Miedo des früheren
Bürgermeisters Juan del Granados besser nicht aufgekündigt hätte. Die
MAS-Bürgermeisterkandidatin verlor mit deutlichem Abstand, ähnlich wie in
verschiedenen ländlichen Regionen, wo die Parteispitze versucht hatte,
ihren Kandidaten gegen den Wunsch der Basis durchzusetzen.
Die Proteste gegen den Gasolinazo scheinen auch ein Weckruf, der deutlich
macht, dass der erhoffte Wandel in Bolivien nicht nur mit dieser Vielzahl
von Dekreten, Gesetzen und Kontrollmaßnahmen zu erreichen ist, die
Parlament und Regierung in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht
haben, vielmehr braucht es vor allem konkrete Verbesserungen, die
gemeinsam mit der Bevölkerung umgesetzt werden müssen, wozu sie Gehör
finden muss. Und wenn schon nicht über organisierte Beteiligungsprozesse,
dann spätestens über das Handy des Außenministers.
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