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Jüdisches Lateinamerika / ila 334
Doppelt ausgegrenzt
Jüdische Prostituierte in Argentinien und Brasilien
von Gert Eisenbürger
Wenn Menschen hoffen, prekären Lebensbedingungen
durch Migration zu entkommen, gibt es immer auch Leute, die das ausnutzen,
um junge Frauen als Prostituierte in die ersehnten Einreiseländer zu
vermitteln. Wobei diese „Vermittlung“ in vielen Fällen zwielichtig
ist: Immer wieder wird mit falschen Versprechungen operiert oder
verschwiegen, worin die versprochene Arbeit in den Zielländern besteht.
Und wenn die Frauen erstmal in den Fängen der Zuhälterringe sind, ist es
kaum möglich wieder auszusteigen. Dies gilt heute und galt vor hundert
Jahren, wie der folgende Beitrag über ein wenig bekanntes Kapitel der
Geschichte der jüdischen Einwanderung in Lateinamerika zeigt.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchten immer wieder
elegante Männer in den jüdischen Siedlungen (shtetl) des Russischen
Reiches auf und erzählten, sie seien in Argentinien oder Brasilien zu
Geld gekommen und seien nun zurückgekehrt, um ein jüdisches Mädchen zu
heiraten und es mit in die Neue Welt zu nehmen. Viele der angesprochenen
Frauen hofften, durch eine solche Verbindung ihrem elenden Leben zu
entkommen, und gingen auf die Angebote ein. Die feinen Männer suchten
aber keine Ehefrauen, sondern waren Anwerber der jüdischen
Zuhältermafia.
Wegen der grassierenden antisemitischen Gewalt sahen Ende des 19.
Jahrhunderts im Russischen Reich immer mehr Juden und Jüdinnen in der
Migration nach „Amerika“ die einzige Möglichkeit, ein friedliches und
besseres Leben zu führen. Doch dazu brauchte es in aller Regel Papiere,
Visa und Geld – alles Voraussetzungen, die für die verarmte jüdische
Bevölkerung nur schwer zu erfüllen waren. In der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts kontrollierten zwei Vereinigungen die Prostitution und
Bordelle Warschaus, einer davon bestand aus katholischen Zuhältern, der
andere aus jüdischen. Nach dem französischen Vornamen Alphonse wurden
Zuhälter damals in Warschau „Alphonsen“ genannt. Die jüdischen
Alphonsen beschäftigten fast ausschließlich jüdische Frauen, die für
sie anschaffen gingen. Als in diesem Milieu bekannt wurde, dass in den
Einwanderungsländern Südamerikas, vor allem in Argentinien, ein enormer
Männerüberschuss herrschte, weil sich die Männer – egal ob aus Süd-
oder aus Osteuropa – zunächst alleine einschifften, sah man da ein
überaus verlockendes Geschäftsfeld. Jüdische Zuhälter aus Warschau
gingen nach Argentinien und Brasilien und eröffneten die ersten Bordelle.
Das war dort relativ leicht möglich, während die Prostitution in den
puritanischen USA reglementiert und kriminalisiert wurde.
Zur Koordination ihrer Geschäfte gründeten die jüdischen Alphonsen in
Buenos Aires ganz offiziell die Sociedad de Socorros Mutuos Varsovia
(Gesellschaft für gegenseitige Hilfe Warschau). Nach Protesten polnischer
Diplomaten änderten sie das später in Zwi Migdal, den Namen eines
Gründungsmitglieds. Die Organisation betrieb Bordelle und Bars in Buenos
Aires, Rio de Janeiro, São Paulo, Montevideo und weiteren Städten des
südlichen Lateinamerika. 1913 soll Zwi Migdal in Rio de Janeiro laut
Wikipedia 431 Bordelle und andere Etablissements kontrolliert haben, für
Buenos Aires wird für Ende der zwanziger Jahre in Nora Glickmans 2000
erschienenen Buch The Jewish White Slave Trade and the Untold Story of
Raquel Liberman die Zahl von mehr als 2000 Bordellen und Lokalen genannt.
Neben der Zwi Migdal waren noch andere kleinere jüdische Gruppen, wie die
Ashquenazim Society im Milieu der argentinischen Hauptstadt aktiv.
Da die Zwi Migdal fast ausschließlich jüdische Prostituierte in ihren
Bordellen anschaffen ließ, kam der Organisation des ständigen Nachschubs
jüdischer Frauen aus Osteuropa eine zentrale Bedeutung zu. Die
jüdisch-brasilianische Historikerin Beatriz Kushnir nennt in ihrem Buch
Baile de máscaras. Mulheres Judias e Prostituição (1996) für den
Zeitraum 1867 bis 1900 die Zahl von jährlich durchschnittlich 554
jüdischen Prostituierten, die über den Hafen von Rio de Janeiro in
Brasilien einreisten. In Buenos Aires dürfte die Zahl noch höher gelegen
haben. Um dies zu gewährleisten, traten die eingangs erwähnten Anwerber
in Aktion, die Frauen in den shtetl, aber auch in den Hafenstädten mit
Ehe- oder sonstigen Versprechen köderten. Natürlich mussten sich die
Frauen für die Bezahlung der Schiffspassagen erstmal verschulden und
waren der Zwi Migdal damit bereits weitgehend ausgeliefert.
Da die jüdische Tradition Prostitution verbietet nicht nur wie beim
Christentum aus moralischen Gründen, sondern auch aus der Befürchtung,
dadurch Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft zu provozieren –, gab es
im europäischen Judentum erhebliche Widerstände gegen das Treiben der
Zwi Migdal. Eine herausragende Rolle kam dabei Bertha Pappenheim
(1850-1936) zu, der langjährigen Vorsitzenden des 1904 in Berlin
gegründeten „Jüdischen Frauenbundes“. Sie hatte bereits 1902 eine
Konferenz zur Bekämpfung des „Mädchenhandels“ organisiert und
mehrere Berichte über die Lage der jüdischen Frauen und den Handel mit
Frauen aus Galizien publiziert, eine Region im Westen der heutigen
Ukraine, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Neben ihrer
publizistischen Tätigkeit gründete Bertha Pappenheim mehrere Vereine
gegen den Frauenhandel sowie ein Netz sozialer Einrichtungen in
Deutschland, in denen von Prostitution bedrohte Mädchen und Frauen aus
Osteuropa unterkommen konnten. Das „Jüdische Zweigkomitee zur
Bekämpfung des Mädchenhandels“ versuchte noch im Hamburger Hafen,
Frauen von der Einschiffung nach Argentinien oder Brasilien abzuhalten.
Ähnlich agierten jüdische Organisationen auch in Großbritannien.
Auch die jüdische Linke, namentlich der im Russischen Reich bedeutende
„Allgemeine Jüdische Arbeiterbund“ kämpfte gegen die Aktivitäten
der Zwi Migdal. Während der Revolution von 1905 stürmten und
verwüsteten Bundisten in Warschau zahlreiche Bordelle und Bars. Bei den
Angriffen, die als „Alphonsenpogrom“ bekannt wurden, starben nach
Angaben der New York Times vom 26. Mai 1905 mindestens acht Menschen. Die
jüdischen Gemeinden in Argentinien und Brasilien verurteilten die
Aktivitäten der Zwi Migdal ebenfalls scharf und verwehrten sowohl den
Zuhältern wie auch den in der Prostitution tätigen Frauen den Zugang zu
den Synagogen und jüdischen Einrichtungen.
Für die allgemein als polacas (Polinnen) bezeichneten jüdischen Huren in
Argentinien, Brasilien und Uruguay, bedeutete dies eine doppelte
Ausgrenzung, sowohl durch die Gesellschaften der Einwanderungsländer wie
auch durch die jüdischen Organisationen. Die Konsequenz davon war, dass
die Frauen noch stärker von der Zwi Migdal und den anderen
Zuhälterringen abhängig waren. Viele der Frauen – und auch manche
Zuhälter – waren religiös und in den Traditionen des Judentums
verankert. Die Zwi Migdal errichtete in Argentinien eigene Friedhöfe,
Synagogen und soziale Einrichtungen. Zum einen kam sie damit den
Bedürfnissen der Frauen und ihrer Mitglieder entgegen, zum anderen waren
derartige Aktivitäten auch der formale Rahmen für ihre sonstigen
Aktivitäten.
Um jüdisch leben und beerdigt werden zu können und sich gegenseitig in
Notsituationen zu unterstützen, gründeten jüdische Prostituierte 1906
in Rio de Janeiro die „Israelitische Vereinigung für Wohltätigkeit,
Beerdingungen und Religion“ (ABFRI). Hauptanliegen der Gruppe war die
Einrichtung eines jüdischen Friedhofs, auf dem Prostituierte würdig
bestattet werden konnten. Zu den im Statut der Organisation
festgeschriebenen Zielen gehörten die „Gründung einer Synagoge, einer
kostenlosen Grundschule für beide Geschlechter, Unterstützung von
Kostenübernahmen für kranke und invalide Mitglieder, Beerdigung der
Mitglieder, Grabpflege und Messen gemäß jüdischem Ritus“ (vgl. ila
239). Um die Kontrolle der ABFRI gab es offensichtlich Konflikte zwischen
den Huren und den Zuhältern. Tauchte im Gründungsstatut das Wort für
Mitglieder nur in der weiblichen Fassung (associadas) auf, wurde das
Statut 1914 dahingehend geändert, dass dem Vorstand der ABFRI nur Männer
angehören durften, ein Passus, der 1932 gestrichen wurde. Eine ähnliche
Organisation wie die ABFRI, wurde 1924 mit der SIBRFI in São Paulo
gegründet. Diese legte 1926 in ihrer Satzung fest, dass dem Vorstand nur
Frauen angehören durften. Die ABFRI in Rio de Janeiro bestand bis 1974,
im Jahr 1970 fand das letzte Begräbnis auf ihrem Friedhof statt.
Der Niedergang der Zwi Migdal begann 1930, als es in Argentinien zu einem
spektakulären Prozess gegen 108 Mitglieder der Organisation kam. Die
ehemalige Prostituierte Raquel Liberman wollte aus dem Milieu aussteigen
und eröffnete ein Antiquitätengeschäft in Buenos Aires. Weil sie das
nicht dulden wollten, überfielen Schläger der Zwi Migdal den Laden.
Raquel Liberman ließ sich nicht einschüchtern, sondern zeigte die Täter
an und sagte gegen die Organisation aus. Weil sich der politische Wind
nach dem Sturz des liberalen Präsidenten Hipólito Yrigoyen gedreht
hatte, wurde die argentinische Justiz entgegen ihrer früheren Praxis in
diesem Fall aktiv und verurteilte die Führer der Organisation zu
langjährigen Haftstrafen.
Quellen: Kushnir, Beatriz: Baile de máscaras. Mulheres Judias e
Prostituição, Rio de Janeiro 1996 • Kleppe, Katharina: Judentum und
Prostitution in der Ära der „white slavery“, 2000:
http://www.grin.com/e-book/103440/judentum-und-prostitution-in-der-aera-der-white-slavery
• Panther, Peter (d. i. Kurt Tucholsky): Mädchenhandel in Buenos Aires,
in:
Die Weltbühne, 5.7.1927 • Jews fighting Jews in Warsaw, 8 Dead, in: New
York Times, 26.5.1905 • Küppers, Gaby: Ein eigener Platz zum Sterben,
in: ila 239, Oktober 2000 • Hart, Klaus: Jüdische Prostituierte in
Brasilien, 2005:
http://www.ila-web.de/brasilientexte/juedpros.htm
• http://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Pappenheim
• http://en.wikipedia.org/wiki/Zwi_Migdal
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