aus Biodiversität / ila
313
Fehlende Überwachung
als Standortvorteil
Costa Rica: Die heimliche Kontamination
in Mittelamerikas Urlaubsparadies
von Ute Sprenger
1996 begann in den USA der Anbau kommerzieller
Sojasaaten aus dem Genlabor. Seither dominieren Soja, Mais, Raps und
Baumwolle das transgene Agrobusiness. Sofern die Saatgutvermehrung rasch
erfolgen soll, werden Regionen bevorzugt, in denen mehrmals im Jahr ausgesät
werden kann. Costa Rica gehört zu jener Gruppe neoliberal ausgerichteter
Staaten, wo in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit der Umstrukturierung
des Agrarsektors und der wirtschaftlichen Deregulierung eine
Vermehrungsindustrie für gentechnisch verändertes Saatgut etabliert
wurde.
Im Frühjahr 2003 entdeckten costaricanische Umweltschützer
in einer Tageszeitung eine Bekanntmachung des Landwirtschaftsministeriums
über die geplante Einfuhr gentechnisch veränderten Saatguts. Die Firma
D&PL Semillas plane, vier Kilogramm transgener Bt-Baumwollsaat aus den
USA in Costa Rica zu vermehren, war dort zu lesen. Negative Effekte seien
von der Kultur nicht zu erwarten, und die Saat werde nach der Ernte sofort
exportiert, der Ernteabfall unter Aufsicht vernichtet. Kommentare zu
diesem Antrag auf Einfuhr von transgenem Saatgut waren innerhalb von zehn
Werktagen möglich.
Unter den AktivistInnen in der Hauptstadt San José verfügte seinerzeit
niemand über Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der
Pflanzenschutzbehörde oder mit internationalen Konzernen wie Delta &
Pine Land, dem Weltmarktführer für Baumwollsaaten. Mit Sorge wurde aber
schon zuvor festgestellt, dass die Gentechnikindustrie sich im Land breit
gemacht hatte. Kurz vor dem Ende der Einspruchsfrist reichte deshalb der
Dachverband costaricanischer Öko-Initiativen FECON einen schriftlichen
Widerspruch bei der zuständigen Genehmigungsbehörde ein. Darin enthalten
waren Fragen nach dem Ort der geplanten Aussaat der transgenen Kulturen,
den Sicherheitsmaßnahmen, ob spezifische Untersuchungen über
Auswirkungen auf die Ökosysteme stattfänden, und auch, wie die
AnwohnerInnen der Felder informiert würden. Damit hoffte man unter
anderem, die Mauer des Schweigens, die den gentechnischen Anbau bis dato
umgab, zu durchbrechen. Der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen (GVO)
solle solange eingestellt werden, forderten die Organisationen in dem
Schreiben, bis eine ergebnisoffene Debatte mit allen Beteiligten geführt
worden sei. Die wortreiche Antwort des zuständigen Pflanzenschutzdienstes
blieb im Wesentlichen nebulös. Und auch danach gingen ähnliche Anfragen
verschiedener NRO lange Zeit ins Leere. So entstand aber zumindest ein
Bild davon, inwieweit ganz offenbar das gentechnische Establishment die
Strukturen der Genehmigungsbehörde beherrscht.
Erst im August 2004 schließlich gab besagte Behörde erstmals einen Auszug aus dem Anbauregister für GVO frei. Mit den Angaben
über aktuelle Standorte kommerzieller Kulturen und mit Details über
deren Eigenschaften reagierte man dort auf den Druck, der inzwischen in
der Zivilgesellschaft entstanden war. Denn neben den städtischen NRO
hatte sich kurz zuvor eine lokale Bürgerinitiative aus dem Kanton Cañas
in der nördlichen Provinz Guanacaste, der Hauptanbauregion von GVO, zu
Wort gemeldet. Die BürgerrechtlerInnen hatten die Suche nach den
umstrittenen Saaten selbst in die Hand genommen, die Kantone durchkämmt
und die AnwohnerInnen befragt und schließlich öffentlich gemacht, was
sie dabei vorfanden: Auf vernachlässigten Pflanzungen und zwischen
Folgekulturen von Melonen, Reis oder Erdnuss war die Vorjahressaat erneut
ausgekeimt, an Wegesrändern, Uferböschungen und in Hausgärten wuchs
ausgewilderte transgene Baumwolle – nach der Ernte verschleppt, vom Wind
verweht oder von den AnwohnerInnen selbst als Zierpflanze gezogen. Junge
Tagelöhnerinnen, die die Blüten per Hand befruchten und dabei den
Agrochemikalien ausgesetzt sind, litten an Übelkeit und Schwächeanfällen.
Anlieger klagten darüber, dass auf den Feldern rücksichtslos und massiv
gespritzt werde, der Drift wehte in die Häuser und ließ die
Bananenstauden in den Gärten zusammenbrechen.
„Wir haben hier unser Leben verbracht und unsere Kinder großgezogen.
Und wir wollen nicht, dass Guanacaste und unsere Natur kaputt gemacht wird
von Leuten, die nur am Geld interessiert sind“, sagt der Bürgerrechtler
Miguel Angel Vásquez. Im kantonalen Comité Cívico habe man eindeutige
Belege dafür, dass die Behörden bei der Überwachung der Betriebe eine
besorgniserregend lasche Haltung an den Tag legten, berichtet auch Ana
Julia Arana. „Die Samen aus den Ernteresten wachsen unbehelligt nach und
verunreinigen selbst die Vorgärten.“ In einem Garten in der
Nachbarschaft habe man wiederholt erfolglos versucht, eine eingeschleppte
Pflanze mit der Giftspritze zu zerstören. „Die anderen Pflanzen im
Umfeld der Baumwolle sind zwar vernichtet, aber die Pflanze selbst schlägt
immer wieder aus.“ Genau dies wird allerdings von Monsanto, Bayer &
Co. mit den herbizidresistenten Sorten auch bezweckt, die dafür gemacht
sind, den hauseigenen Agrarchemikalien zu widerstehen.
Bis zu jenem Zeitpunkt, als Umweltschützer erstmals einen Widerspruch
gegen den Anbau einlegten, waren bereits über 600 Anträge für
gentechnische Arbeiten im Freiland mit Soja, Mais, Baumwolle, Bananen und
weiteren Kulturpflanzen behördlich registriert und abgesegnet worden. Die
Fläche für kommerzielle Saaten lag 2003 bei 580 ha. Zwischen 1991 und
2005 haben insgesamt mehr als 40 ausländische Unternehmen und Universitäten
auf zahllosen Feldern im Land transgene Pflanzen getestet und vermehrt.
Als erste wurde schon 1991 die auch heute noch weltweit umstrittene
herbizidresistente Sojabohne gesät. In den Anfangsjahren verlief das
Wachstum dieses Vermehrungsanbaus in ähnlichem Rhythmus wie die Zunahme
der Anbauflächen transgener Sojamonokulturen in den USA und andernorts.
Vermutlich bildeten die Bohnensaaten aus Costa Rica in den Jahren zwischen
1994 und 1999 eine der Grundlagen des von der Weltagrarmacht USA
ausgehenden Gentech-Feldzugs in der Landwirtschaft.
Der Abgleich des
costaricanischen Vermehrungsanbaus mit den in internationalen Datenbanken
registrierten Zulassungen für Roundup Ready- und Liberty Link-Soja der
Konzerne Monsanto und Bayer in den Anbauländern USA, Kanada, Argentinien,
Japan und Uruguay legt nahe, dass in der zweiten Hälfte der 90er Jahre
von Costa Rica aus der entstehende Markt für transgene Sojakulturen
aufgebaut und versorgt wurde. Etwa ab 1999-2000 war vermutlich in den
kommerziellen Anbauländern jeweils genügend Gentech-Soja verfügbar, so
dass dort seither das Material direkt nachgezogen werden kann. Gegenwärtig
ist das Land spezialisiert auf die Vermehrung transgener Soja und
Baumwolle. Den konventionellen Baumwollanbau hatte Costa Rica schon Jahre
zuvor aufgegeben. Den wenigen zugänglichen Daten des Standortregisters
zufolge war bis zum Jahr 2005 die Vermehrungsfläche für transgene
Kulturen auf über 1440 ha angewachsen, was etwa 0,3 Prozent der Anbaufläche
entspricht. Baumwollsaat steht inzwischen auf über 90 Prozent der
angemeldeten Flächen.
Während sich in den USA und in Teilen Westeuropas bereits seit Mitte der
80er Jahre die Kritik formierte und ab 1996 schließlich die Proteste
europäischer VerbraucherInnen und UmweltschützerInnen gegen erste
ungekennzeichnete Lieferungen von Gentech-Soja begannen, war Gleiches in
dem Tropenland lange Zeit nicht zu befürchten. Hinzu kommt, dass Costa
Rica gegenwärtig weder über eine spezielle Gesetzgebung zur Handhabung
der modernen Biotechnologien noch über eine hinreichend funktionierende
Infrastruktur und entsprechend ausgebildetes Personal verfügt. Das
geltende Pflanzenschutzgesetz erlaubt den kommerziellen Anbau und die
Vermarktung transgener Organismen im Land selbst nicht, wohl aber
experimentelle Arbeiten und Vermehrungskulturen, deren Saatguterträge
erneut exportiert werden müssen. Für die Überwachung ist eine
unterbesetzte Behörde zuständig, deren MitarbeiterInnen nicht annähernd
die personellen oder technischen Kapazitäten erhalten, wie es für eine
ernstzunehmende Kontrolle der gentechnischen Arbeiten und Kulturen
notwendig wäre. Erst im Jahr 2005 erhielt die Behörde beispielsweise ein
Labor, das DNA-Analysen ermöglicht.
Nahezu das gesamte Land steht den agro-biotechnologischen Konzernen und
Forschungseinrichtungen quasi als transgenes Treibhaus offen. Schon die
ersten gentechnischen Arbeiten legten den Grundstein für diese Rolle
Costa Ricas. Über die Jahre konnten so in fünf der sieben Provinzen
derartige Saaten vermehrt oder erprobt werden– eine Dienstleistung, die
von der Politik als so genannter Standortvorteil geduldet und durch sie
gefördert wird. In der offiziellen Darstellung hingegen – ob auf
internationalen Konferenzen oder in der Tourismusindustrie – sucht man
diese kontroversen Saaten vergebens. Lieber wird dort über die 25 Prozent
des Territoriums berichtet, die unter irgendeiner Form des Naturschutzes
stehen, oder über die natürlichen Reichtümer, die sich in diesem
international als „megadivers“ gehandelten Land finden lassen. Aber
zwischen den beeindruckenden Vulkanen und den Traumstränden mit riesigen
Hotelanlagen haben die großen Bäume und die Wälder längst schon Platz
machen müssen für Viehzuchtbetriebe und Monokulturen mit Bananen, Ananas
oder Zierpflanzen für den Export nach Übersee. Die vor gut 50 Jahren
eingeleiteten Agrar- und Sozialreformen wurden eingefroren und zurückgefahren
zugunsten von Exportorientierung, Freihandelszonen und ausländischen
Direktinvestionen, was nicht zuletzt in der Vergangenheit auch die Zuwächse
im transgenen Anbau begünstigt hat.
Wenn Strategen im US-Agrarministerium nun langsam begreifen, dass selbst
im beschaulichen Costa Rica eine neue Zeitrechnung für gentechnische
Saaten angebrochen ist, dann hat dieser Wandel auch damit zu tun, dass
sich dort immer mehr Menschen politisch einmischen. Seitdem im Jahr 2003
der Freihandelsvertrag TLC mit den USA in die Kritik geriet, rückte damit
auch die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes und die dominierende
Exportorientierung auf die Agenda.
Eine traurige Figur macht indes die zuständige Pflanzenschutzbehörde
inmitten der neuen Dynamik im Land. Denn bislang hat man dort das 2006
ratifizierte Cartagena-Protokoll über biologische Sicherheit noch nicht
ernsthaft wahrgenommen. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr wurde die eigene
Abteilung Biotechnologie sanktioniert. Nach Meinung der Genehmigungsbehörde
hatte man sich dort wohl zu weit aus dem Fester gelehnt, als angesichts
einer Schiffsfracht mit Reis aus den USA, bei der der Verdacht bestand,
dass sie mit illegalem Reis von Bayer (LL 601) verunreinigt war, zur
Vorsicht geraten wurde. Wenige Tage später musste die gesamte Abteilung
einpacken und wurde in eine Außenstelle an den Stadtrand verbannt, in
unmittelbare Nachbarschaft zu einer Mülldeponie und einer Armensiedlung.
*Ute Sprenger ist Publizistin und Beraterin für politische Ökologie und
internationale Entwicklung. Derzeit recherchiert sie zu transgener
Verunreinigung von Saatgut und zum Hype der Grünen Revolution für
Afrika. 2007 erschien ihre Studie „Die heimliche Kontamination“ über
die Erzeugung von transgenem Saatgut in Costa Rica (zu beziehen beim
Gen-ethischen Netzwerk, Tel. 030/6857073, www.gen-ethisches-netzwerk.de).
|