aus
Vertrieben / ila 303
Der Zauberer von Aracataca
Gabriel García Márquez wird 80
von Omar Saavedra Santis
An dieser Stelle sollte mein Beitrag über García Márquez stehen. Aber
leider ist etwas schief gegangen. Denn – wie ich deprimiert feststellte
– über diesen Mann ist bereits alles gesagt worden, alle Feuerwerke
sind abgebrannt, alle holden Lobeshymnen intoniert, alle akademischen
Tiefsinnigkeiten niedergeschrieben. Das einzig Vernünftige also, was mir
in einem solchen Fall noch übrig blieb, war, das leere Blatt Papier (man
ist altmodisch und schreibt noch auf Papier) zerknüllt auf dem
Schreibtisch liegen zu lassen und unruhigen Gewissens ein Bier an der Ecke
trinken zu gehen, oder zwei oder drei, um dort am freundlichen Ufer des
Nichtstuns allein mit mir ein paar Dinge in Erinnerung zu bringen, die man
nicht mehr zu schreiben braucht, weil eben alles über das Geburtstagskind
schon gesagt worden ist. Mich an jenen fernen Nachmittag zu erinnern, zum
Beispiel, an dem er mich zusammen mit dem Oberst Aureliano Buendía
mitgenommen hat, um „das Eis“ und eine ganz andere Welt kennen zu
lernen. Eine Welt, die, wie sich später herausstellte, keine andere,
sondern dieselbe alte war, nur durch das kaleidoskopische Auge eines
magischen Erzählers gesehen. Dieser Wundererzähler hieß Gabriel García
Márquez und jene andere Welt „Hundert Jahre Einsamkeit“.
Beim ersten Bier denkt man vielleicht auch en
passant daran, dass der große Zauberer der lateinamerikanischen
Literatur am Sonntag, dem 6. März 1927, um 8.30 Uhr in Aracataca blau zur
Welt kam, halb stranguliert durch die eigene Nabelschnur. Dieses erste
Grunderlebnis ist Anlass genug für die Klaustrophobie gewesen, die ihn,
zusammen mit der panischen Angst vorm Fliegen, sein Leben lang als
treueste Gefährtin begleitet hat. Bevor Aracataca zum sagenhaften Macondo
wurde, war es eines der vielen Bananendörfer an der karibischen Küste
Kolumbiens und eine der üblichen Exklaven der US-amerikanischen United
Fruit Company, die in jener Zeit in beinahe allen Ländern Mittelamerikas
und der Karibik als Staat im Staate agierte. Das Kind, das später der
García Márquez werden sollte, bewahrte in seinem Innersten die vage, düstere
Erinnerung an seinen Geburtsort und die intakten wie „zerbrochenen
Spiegel der Erinnerungen“ seiner Großeltern und Tanten, an deren Seite
er die ersten sieben oder acht Jahre seines Lebens verbrachte. Nichts von
all dem wird García Márquez später beim Brüten über den eigenen
Geschichten verschmäht oder außer acht gelassen haben, freilich nicht
ohne dabei die Dämonen der eigenen Phantasie dazu zu befragen.
Beim
zweiten Bier gerät man unweigerlich ins stöhnende, ja pathetische Grübeln
über die Einsamkeit. Nicht die der Liebeskümmernisse oder des
literarischen Papiers, sondern jene, worauf uns der stets warnende García
Márquez mit dem regenbogenfarbenen Zeigefinger aller seiner Fiktionen
aufmerksam macht: die Einsamkeit als das absolute Gegenteil zur
menschlichen Solidarität. Doch werden in den vielen Gratulationen voll
guter Wünsche, die das wundersamste Geburtstagskind Lateinamerikas an
seinem 80. Ehrentag aus aller Munde und in allen Sprachen zu hören
bekommen wird, keine der von ihm sein Leben lang erträumten, fröhlichen
Botschaften über einen „gerechten Frieden“ und über eine wahre Nächstenliebe
einen Platz finden. Die Realität bestraft diese Utopien des Phantasten
mit Hohn: Wie in den vergangenen, so stehen auch in den nächsten Jahren
die Chancen des Menschen auf Menschlichkeit schlecht. Die uns pünktlich
zum Abendbrot servierten Nachrichten lassen nicht selten die
erbarmungslosen Albträume des Johannes auf Patmos wie blasse Sittenbilder
einer Zeit erscheinen, die wir die unsere nennen. Unter diesen niedrigen
Umständen ist die fatale Anziehungskraft der Hoffnungslosigkeit manches
Mal stärker als „die Schönheit der gelben Rosen“. Aber Trübsal
blasen an des Meisters Geburtstag wäre ja ein Unding.
Man bestellt also
ein drittes Bier und blättert im Kopf gemächlich in seinen Büchern
weiter. Und ein milder, nach Guayaba und Morgengrau riechender Wind weht
die düsteren Gedanken sacht fort. Natürlich können dieselben Seiten ein
anderes Mal auch nach Scheiße und ewiger Verdammnis riechen, schließlich
sind das „Spiegelbild und Spiegelung“ Lateinamerikas. Für eine Weile
bleibt man da noch beim vorletzten Bier, und obwohl alles über ihn
bereits mehrmals gesagt worden ist, versucht man trotzig ein gediegenes
Dankeswort für den Meister zu finden. Eines wie dieses, zum Beispiel:
„Und in jener Zeit / kam die Geburtsstunde eines Vulkans, / eines Bergs,
der Feuer spie; / genau gesagt spie der Vulkan / nicht Feuer, sondern Träume
/ an den Hängen von Kolumbien; / seinem magischen Mund entströmten / die
Märchen aus tausendundeiner Nacht, / die große Eruption meiner Zeit: /
In den Erfindungen aus Ton, / schmutzig von Lava und Lehm, / wurden zu
ewigem Leben erweckt / viele Menschen aus Fleisch und Blut.“ Schade nur,
dass dies zuerst Pablo Neruda eingefallen ist, nachdem er „Hundert Jahre
Einsamkeit“ gelesen hat. In Wirklichkeit ist das Einzige, was einem einfällt,
die besorgte Frage an den Meister, wann sein nächstes Buch endlich da
sein wird.
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