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Stadtentwicklung / ila 288

Auf der Suche nach einem Buch
In Chile interessiert sich kaum jemand für 
die „Enthüllungen“ des Victor Farías
 von Till Baumann

Victor Farías? Ein fragender Blick hinter dem Ladentisch. Nein, dieses Buch sei nicht im Sortiment. Viermal hintereinander die gleiche Antwort, bis ich an jenem kalten Julitag im winterlichen Santiago de Chile im fünften Buchladen endlich fündig werde: ja, einen Moment, das Buch von Farías über Salvador Allende sei vorhanden, meint der Verkäufer: „Salvador Allende: Antisemitismo y Eutanasia“. Er würde es mir allerdings gerne zusammen mit einem anderen Buch verkaufen, wenn er sich die Empfehlung erlauben dürfe. Denn leider enthielte das Buch von Farías Falschdarstellungen. Das andere Buch: eine kommentierte Neuausgabe der Dissertation von Salvador Allende, eine „Antwort auf das diffamierende Buch von Victor Farías“, wie es auf dem Einband heißt.

Die von Victor Farías angestoßene Diskussion über den vermeintlichen Antisemitismus des ehemaligen chilenischen Präsidenten beschäftigte wochenlang deutsche Feuilletons und Fachzeitschriften. Inzwischen befasst sich auf Anregung von Farías sogar das Bezirksamt im beschaulichen Berlin-Köpenick allen Ernstes mit der Frage, ob eine Straße, eine Schule, eine Brücke und ein Wohngebiet, allesamt nach Allende benannt, umbenannt werden sollen. Eine Goebbels-Straße würde man doch schließlich auch umbenennen, so Farías im Berliner Sender Radio Multikulti. Doch inzwischen ist der Fall Allende längst zum Fall Farías geworden. Seine diffamierende Verdrehung historischer Fakten ist inzwischen hinreichend belegt (so z.B. im Artikel von Petra Schlagenhauf ila/286). Zeitungen wie die taz ruderten zurück und korrigierten ihre unkritische Berichterstattung über die Farías-Veröffentlichung durch differenziertere Darstellungen.

Eigentlich erstaunlich, wie wenig präsent der mutige Tabubrecher aus dem Berliner Lateinamerika-Institut mit seinem Werk in den Buchläden der chilenischen Hauptstadt ist. Schließlich ist das Büchlein in Chile erschienen, nicht in Deutschland. Anlass für ein Gespräch am Ladentisch der Buchhandlung „Ulises“ im Stadtteil Providencia. Mit dabei saßen die Buchhändler Angelo Villavecchia und Patricio Larrondo. Ein Ausschnitt: 

Als ich mich vor ein paar Tagen in Ihrer Buchhandlung nach dem Buch von Victor Farías erkundigte, empfahlen Sie mir, es am besten gemeinsam mit einem anderen Buch zu kaufen.

Patricio Larrondo: Ja, das stimmt. Ich dachte es wäre gut, wenn das Buch von einem weiteren Buch begleitet wird.

Von welchem Buch?

PL: Als Antwort auf Farías ist vor kurzem der vollständige Text der Dissertation Allendes als Buch erschienen, herausgegeben von Victor Pey.1 Ich dachte, es wäre interessant, wenn Sie diesen Text lesen würden, angesichts der Falschdarstellungen im Buch von Farías. 

Ich habe hier in Chile mit verschiedenen Leuten über das Thema gesprochen und mein Eindruck ist, dass die Debatte über dieses Buch in Chile bei weitem nicht so stark ist wie unter denen, die sich in Deutschland für Chile und Lateinamerika interessieren. Ich war auch etwas überrascht, dass ich erst im fünften Buchladen auf das Buch von Farías stieß. Gibt es in Chile eine große Diskussion über die Behauptungen von Farías? 

PL: Nein, eigentlich nicht. Als das Buch herauskam, gab es ein paar Kommentare, aber die große Polemik blieb aus, dann kam vor kurzem der komplette Text von Allendes Dissertation heraus und wir dachten, jetzt könnte die Debatte losgehen.
Angelo Villavecchia: ... aber nicht mal die chilenische Rechte hat sich der Behauptungen angenommen. Das war hier kein Thema. 

In Deutschland gibt es eine sehr polemische Debatte. Farías engagiert sich für die Umbenennung von Allende-Straßen und vergleicht Allende mit Joseph Goebbels. Das Niveau der Diskussion ist sehr tief ...

AV: ... ganz offensichtlich sehr tief, so möchte Farías wohl in die Presse kommen. 

In Deutschland reagierte die Presse zu Beginn sehr unkritisch, auch eher linke Zeitungen. Langsam hat jetzt eine kritischere Diskussion begonnen. Wie ist das hier in Chile, wird das Buch hier in den Medien wahrgenommen? 

PL: In den Medien hatte das kaum Präsenz. Da ist kaum was zu erschienen ...
AV: ... und das obwohl wir in einem Land leben, in dem die Presse – zumindest die geschriebene Presse – zu 90 Prozent rechts ist. 

Und wie verkauft sich das Buch hier in Ihrer Buchhandlung? 

PL: Im ersten Monat, das war im Februar, da hat sich das Buch verkauft, das wurde dann weniger und weniger, und inzwischen verkaufen wir praktisch kein Exemplar mehr davon.

1) Fundación Presidente Allende (España) / Ediciones ChileAmerica-CESOC: Salvador Allende G.: Higiene Mental y Delincuencia, Santiago de Chile 2005, im Internet in voller Länge herunterzuladen unter www.elclarin.cl/pdf/tesis_sag.pdf