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Nueva York - Gesichter ... ila/277

Zwei Millionen ohne Papiere 
Interview mit Joel Magalán, Jesuitenpater 
und Geschäftsführer von Tepeyac

Ab Mitte der 90er Jahre wuchs die mexicanische Gemeinde in New York sprunghaft an, in vielen Fällen kamen ganze Familien. Die meisten MexicanerInnen waren und sind illegalisiert, d.h. ohne gültige Aufenthalts- und Arbeitspapiere. Die daraus erwachsenden Probleme – von der Unterkunft über Arbeitsbedingungen bis hin zu Abschiebungen – führten zur Gründung von Tepeyac. Dieser Verein organisiert politische Kampagnen für ein unbegrenztes Aufenthaltsrecht, gibt Kurse und Rechtsberatung für lateinamerikanische MigrantInnen – sowohl bei den zahlreichen Verstößen gegen geltendes Arbeitsrecht, dem MigrantInnen ohne Papiere ausgesetzt sind (z.B. keine oder zu geringe Bezahlung), als auch zu Aufenthaltsfragen oder bei drohenden Abschiebungen. Die Gruppen in den einzelnen barrios, d.h. den Stadtteilen mit hohem mexicanischen Anteil, organisieren aber auch Nachmittagsbetreuung für Kinder und kulturelle Aktivitäten. 

Tepeyac ist in den 90er Jahren auf Initiative der katholischen Kirche gegründet worden?

Einige katholische Geistliche im Süden der Bronx stellten fest, dass es eine große Gruppe von NeueinwanderInnen gab. Sie fragten uns mexicanische Jesuiten, ob wir nicht helfen könnten. Wir haben dann mit den MigrantInnen gesprochen. 120 SprecherInnen der MexicanerInnen ohne Papiere in New York versammelten sich und entschieden, dass sie eine Organisation bräuchten. So wurde Tepeyac am 6. September 1997 gegründet. Eine Bedingung war, dass sich die SprecherInnen einmal im Monat treffen, um über Aufgaben und Ziele von Tepeyac zu sprechen. Die meisten Treffen, die wir in den barrios haben – wir sind in etwa 40 barrios aktiv – finden in der Kirche statt. Die Kirche stellt uns den Ort zur Verfügung, wo wir Kurse über Arbeitsrecht oder Englisch- und Computerkurse halten. Die Kinder üben dort Tänze ein, die Jugendlichen spielen Fußball- oder Basketball.

Wie gestaltet sich die interne Organisation bei Tepeyac? 

Normalerweise finden sich drei oder vier Familien in einem barrio zusammen, weil sie etwas für ihre Kinder erreichen oder ihre Situation verändern wollen. In dem barrio gibt es vielleicht zwei oder drei Kirchen. Sie überlegen, an welche Kirche sie sich wenden, damit sie ihnen einen Ort für Treffen zur Verfügung stellt. Wenn sie dann einen Ort haben, fragen sie weitere MexicanerInnen und wir beginnen dort unsere Treffen. Die Gruppen entstehen in den Häusern der Leute, nicht in der Kirche. In letzter Zeit haben wir auch Räume in öffentlichen Schulen bekommen.

Es gibt aber auch eine Reihe von Voraussetzungen, um Mitglied bei Tepeyac zu werden. Wenn eine Gruppe entstanden ist, so verlangen wir, dass sie einen Sprecher oder eine Sprecherin wählt oder einen Präsidenten/eine Präsidentin. Oft will das niemand machen. Diese Person nimmt dann für die Gruppe an den monatlichen Versammlungen teil, wo Neuigkeiten ausgetauscht und Entscheidungen über zukünftige Aktionen und Kampagnen getroffen werden. Die andere Bedingung ist, dass Mitglieder von Tepeyac in der Gemeinde wohnen und sich dort aktiv für Verbesserungen einsetzen. Außerdem müssen sich Mitglieder an den überregionalen (Protest-)Aktionen beteiligen, z.B. weil Angestellte einer bestimmten Firma sehr schlecht bezahlt werden, oder an Demonstrationen in Washington zur Legalisierung oder an Festivals. Es gibt vielleicht fünf solcher Aktivitäten von Tepeyac im Jahr. Dazu kommen natürlich die Treffen und Kurse auf Stadtteilebene.

Ich habe jetzt nur über die Pflichten der Mitglieder gesprochen. Aber sie haben natürlich auch Rechte. Sie haben das Recht, gut informiert zu sein. Es gibt gewählte SprecherInnen – je drei für jeden der fünf Bezirke von New York: Bronx, Queens, Brooklyn, Staten Island und Manhattan. Diese Versammlung (junta) entscheidet über die inhaltliche Arbeit von Tepeyac und über zukünftige Aktionen und Kampagnen.
Neben dem Recht, umfassend informiert zu sein, haben die Mitglieder das Recht, dass ihre Interessen verteidigt werden. So haben wir auch eine Abteilung für Menschenrechte. Wenn jemand von seinem Arbeitgeber nicht bezahlt wird oder Kinder in der Schule diskriminiert werden oder jemand Probleme mit der Polizei hat, wegen „Illegalität“ verhaftet wird, oder wenn jemand stirbt oder ins Krankenhaus muss, dann helfen wir. Wir geben niemandem Geld, sondern sorgen dafür, dass unsere Mitglieder bekommen, was ihnen von Seiten des Systems zusteht. 

Wie viele Leute arbeiten bei Tepeyac?

Die Verwaltung hier im Büro umfasst 38 Personen. Die Verantwortlichen in den barrios, wenn ich alle mitzähle – von den PräsidentInnen bis zur Englischlehrerin, dem Fußballtrainer und demjenigen, der die Zeitschrift verkauft und Geld einsammelt – sind etwa 300. Wir erreichen etwa 140 000 MigrantInnen pro Jahr – nicht nur MexicanerInnen, auch andere LateinamerikanerInnen.

Tepeyac hat vor zwei Jahren seine Angebote auf alle LateinamerikanerInnen ausgeweitet. Wie kam das?

In New York leben an erster Stelle PuertoricanerInnen, dann DominikanerInnen, an dritter Stelle MexicanerInnen, an vierter KolumbianerInnen, danach kommen wahrscheinlich die EcuadorianerInnen. MexicanerInnen gibt es 700 000, KolumbianerInnen 500 000, EcuadorianerInnen vielleicht 300 000, 350 000... In New York leben etwa 2 Millionen Menschen ohne Papiere. Die Kinder der MexicanerInnen, die hier in New York geboren werden, sind US-AmerikanerInnen, aber die Eltern haben zu 95 Prozent keine Papiere. In den letzten 15 Jahren haben nur 10 000 MexicanerInnen offizielle Papiere erhalten. Deshalb haben wir uns ursprünglich für die MexicanerInnen gegründet, aber wir haben nie jemanden weggeschickt. Als 2001 die Türme einstürzten, waren viele Latinos unter den Opfern und die MexicanerInnen haben die anderen Latinos darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich an Tepeyac wenden können. Seit dieser Zeit werden unsere Angebote verstärkt auch von anderen Latinos in Anspruch genommen, vor allem durch die afterschool-Programme. Wir organisieren in den barrios die Betreuung der Kinder nach der Schule. Oft sprechen die Eltern kein Englisch, haben keinen Schulabschluss, müssen arbeiten. Deshalb unterrichten wir die Kinder nach der Schule in Englisch, Mathematik und Spanisch und helfen bei den Aufgaben. Auch unsere Menschenrechtsabteilung steht allen Latinos zur Verfügung.

Wie wird Tepeyac aktiv, wenn abgeschoben wird? Seit dem 11. September haben die Kontrollen und Abschiebungen ja sehr zugenommen.

Die Betroffenen können hier kostenlos anrufen und wir informieren sie darüber, was sie erwartet. Wenn es noch eine juristische Möglichkeit gibt, schalten wir AnwältInnen ein. Wenn sie schon abgeschoben wurden, geben wir Adressen von Anlaufstellen an den Orten weiter, an die abgeschoben wurde.

Tepeyac führt gerade eine Legalisierungskampagne durch?

Seit es Tepeyac gibt, führen wir diese Kampagne durch, sie war der Hauptgrund für die Gründung von Tepeyac. In den USA leben 30 Millionen MexicanerInnen und Mexico-US-AmerikanerInnen, d.h. ihre Kinder. Davon sind wahrscheinlich 5 Millionen ohne Papiere. Die bevorstehenden Wahlen erschweren allerdings im Moment unsere Kampagne. Die Gewerkschaften sind auf der Seite der Demokraten und auf jeden Fall gegen die Republikaner. Leider haben die Demokraten im Moment keinen halbwegs brauchbaren Vorschlag zur Legalisierungsfrage, die Republikaner hingegen schon. Die Organisationen, die normalerweise für die Legalisierung arbeiten, sind nun in einer Zwickmühle und halten sich daher zurück.

Wir sind weder für die republikanische noch für die demokratische Partei, wir wollen die Legalisierung. Wenn wir legal sind, werden wir sehen, was wir dann tun und wen wir dann wählen. Wenn die Republikaner also einen Vorschlag machen, der die Mehrheit der 11 Millionen Illegalisierten einschließt, sind wir dafür – auch wenn er von den Republikanern kommt. Konkret handelt es sich um die Initiative HR 2899 von den beiden Kongressabgeordneten Kolbe und Flake aus Arizona. Sie kennen die Situation, weil sie an der Grenze wohnen. Der Senator McCain, auch aus Arizona, hat den Vorschlag mit der Nummer 1461 in den Senat eingebracht und Kolbe und Flake ins Repräsentantenhaus. Solange es keinen besseren Vorschlag gibt, unterstützen wir ihn.

Aber dieses Gesetz sieht keine unbegrenzte Legalisierung vor.

Das Ganze ist ein Prozess. Es ist das Äußerste, was die Republikaner geben können. Das Gesetz sieht drei Jahre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis vor.

Für Neuankömmlinge und für die, die zum Teil schon seit Jahren hier leben?

Ja, für alle. Nach diesen drei Jahren bekommen sie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass dafür ein Arbeitgeber unterschreiben muss. Viele arbeiten seit vielen Jahren für denselben Arbeitgeber, sie haben keine Schwierigkeiten damit. Aber diejenigen, die putzen gehen, als Babysitter oder auf dem Land arbeiten, werden diese Unterschrift nicht bekommen. Sie müssen dann noch einmal drei Jahre warten und bekommen dann eine unbefristete Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Für uns ist es wichtig, dass zumindest am Ende des Prozesses eine unbefristete Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung steht. Wir lehnen befristete Aufenthaltserlaubnisse ab, die davon ausgehen, dass nach dieser Zeit die MigrantInnen zurückkehren sollen. 

Es gibt einen Tepeyac-Ausweis, der sogar in Staten Island als offizielle Identifikation von der Polizei anerkannt wird. Wozu dient dieser Ausweis?

Hier in New York kannst du Ausweise an allen möglichen Orten kaufen. Du zahlst acht oder 20 Dollar, brauchst nur ein Foto. Unser Ausweis ist für die Tepeyac-Mitglieder. Sie müssen manchmal als Vertreter von Tepeyac zu offiziellen Stellen gehen oder bei der Polizei nachfragen. Dazu dient der Ausweis eigentlich. In einigen Bezirken, z.B. Staten Island, wird der Tepeyac-Ausweis von der Polizei als Ausweis für MexicanerInnen anerkannt. Die Polizei ruft bei uns an, fragt, ob die Person Mitglied bei uns ist, und überprüft Geburtsdatum und Adresse. Das führt dazu, dass dieses Mitglied dann nicht verhaftet wird, sondern nur eine Geldstrafe oder eine Vorladung bekommt. Und wir wissen, dass ein Mitglied Probleme mit der Polizei hat, und rufen ihn an, um zu fragen, was passiert ist.

Können Sie etwas zu der Tepeyac-Kampagne sagen, mexicanisches Bier zu boykottieren?

Anfang des Jahres hat Präsident Bush den Vorschlag gemacht, dass mexicanische NeueinwanderInnen eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre bekommen und danach wieder zurückgehen sollten. Er sprach nur von den Neuankömmlingen. Daraufhin schlug der mexicanische Präsident Fox vor, das Gesetz auf die MigrantInnen, die schon in den USA leben, auszuweiten. Daraufhin haben die Leute, die vielleicht schon zehn Jahre hier leben, gesagt: Warum sollen wir in ein solches Programm kommen, drei Jahre legal sein und dann wieder zurückgehen? Es gab eine Versammlung und die Mitglieder überlegten, wie sie Präsident Fox klar mitteilen könnten, dass er kein Recht habe, für sie zu entscheiden. Zuerst kam der Vorschlag, keine remesas (Rücküberweisungen) mehr nach Mexico zu schicken. Aber die Verwandten in Mexico brauchen das Geld. Wir überlegten dann, welches mexicanische Produkt wir hier in New York boykottieren könnten und kamen schließlich auf Bier. Einen Monat lang würden wir kein mexicanisches Bier trinken und auch dazu aufrufen.

Das war im Februar. Gab es Ergebnisse?

Immerhin hat Fox den mexicanischen Botschafter in New York angerufen und ihm gesagt, dass es wohl ein Missverständnis gegeben hätte. Das wollten wir erreichen, ihm klar machen, dass es so nicht geht.

Was bedeutet eigentlich Tepeyac?

Tepeyac ist der Name eines Berges im Norden von Mexico-Stadt. Er ist in der Tradition der mexicanischen Katholiken der Ort, an dem die Jungfrau von Guadalupe dem Indígena San Diego erschienen ist. Für uns stellt Tepeyac den Ort dar, an dem die Unterdrückten, die Vertriebenen, die Armen, diejenigen, denen die Spanier alles genommen hatten, ihre Würde, ihre Kultur, ihre Werte wieder erlangen. Das möchten wir mit Tepeyac sein: der Ort, an dem die durch die wirtschaftliche Situation Vertriebenen ihre Würde wiedererlangen.

Das Gespräch führte Laura Held im April in New York.