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Musikszene Karibik / ila 275

Insel zu verkaufen
Grand Prix d'Eurovision und Protest:
 Kali aus Martinique
von Britt Weyde

Die 80er und frühen 90er Jahre waren auf Martinique vom zouk-Fieber bestimmt. Top-Thema in diesen Party-Songs ist die heterosexuelle Liebe. Von Sozialkritik keine Spur im Liedgut der Insel. Fast keine. Gegen Ende der 80er begannen einige MusikerInnen aus Martinique damit, traditionelle Musikstile wie biguine und mazurka (die in den 20ern und 30ern Erfolge gefeiert hatten) wiederzubeleben. Diese Rückbesinnung fand 1989 in dem Album „Racines“ („Wurzeln“) ihren Ausdruck. Sie ist die erste Solo-Platte von Kali, mit bürgerlichem Namen Jean-Marc Monnerville, Gitarrist, Banjo-Spieler, Sänger – und Rastafari. Und Dreadlock-Träger haben bekanntlich eine Menge mitzuteilen. 

Seine Musik ist luftig und treibend zugleich, macht Lust auf Sommerhitze. Extrem tanzbar die schnellen Stücke, keine Frage. Die getrageneren Stücke lösen ein ähnliches melancholisches Ziehen in der Brust aus, wie so manche Musik von den Kapverden. Hier ist die Geschichte des Mannes, der hinter diesem musikalischen Schatz der Antillen steckt. Im Alter von 15 Jahren ging Kali nach Paris, um Musik zu studieren. In seiner ersten Band wurde eine Mischung aus biguine, Funk, haitianischem compás und Reggae gespielt. 1975 kam die erste Platte der Band mit dem emblematischen Namen „Gaoulé“ heraus: So hieß der Ort, an dem im 18. Jahrhundert auf Martinique ein Massaker an aufständischen SklavInnen verübt worden war.Auch der Name seiner zweiten Band war Programm: 6ème Continent, eine Anspielung auf das Konzept von der Karibik als sechstem Kontinent, was eine Distanzierung vom französischen „Mutterland“ bedeutet. „Reggae Dom-Tom“ war der erste große Hit der Band, 1983 spielte sie vor 50 000 Personen auf der „Fête de la Musique“ in Paris.

Doch mit dem Erfolg und dem beabsichtigten Plattenvertrag mit einem Major-Label kamen die Probleme: Das Label CBS verlangte von den Musikern, dass sie sich ihre Bärte abrasieren und ihre Musik „klarer ausrichten“ sollten. Einige Bandmitglieder willigten ein, Kali lehnte ab. Nachdem sich 6ème Continent 1986 aufgelöst hatte, schlug er sich zwei Jahre alleine als Musiker durch. In den Pariser Studios lief er Musikern der zouk-Super-Gruppe Kassav' und dem kamerunischen Mega-Star Manu Dibango über den Weg. Trotz dieser musikalisch bereichernden Begegnungen waren jene Jahre kein Zuckerschlecken für Kali. Unter dem Motto „Elend lässt sich unter Kokospalmen besser ertragen“, wie es in einem seiner Lieder heißt, kehrte er 1987 nach Martinique zurück und widmete sich fortan der musikalischen Wurzel-Suche. Doch mit bloßem Recyclen begnügte er sich nicht. Das Neue und Einzigartige seiner Musik ergab sich fast zufällig: Sein langjähriger Freund und Co-Texter Rémy Bellenchombre schenkte ihm das Banjo seines verstorbenen Vaters. Der begabte Multiinstrumentalist lernte schnell das fragile Instrument zu spielen. Damit waren sein Markenzeichen und der unverwechselbare Sound seiner Musik geboren.

Auf dem ersten von bis dato vier „Racines“-Alben waren Remixe von biguine-Klassikern versammelt. Besonders Kalis Banjo-Spiel gab dem Ganzen eine spezielle Note und verzückte das Publikum. Bereits 1990 erschien das zweite „Racines“-Album; mit dem darauf veröffentlichten „Monté larivyé“ wurde Kali gar zum Vertreter Frankreichs für den Grand Prix d'Eurovision ausgewählt. Erfreut und überrascht nahm Kali das Angebot an. Zwar war er nicht der erste Antillaner, der die Grande Nation auf dem Schlagerfestival vertreten sollte, aber immerhin der erste Rastalockenträger. Um aber nicht zu kreolisch daherzukommen, wurde vereinbart, dass eine Textzeile auf Französisch drei Mal in dem Song vorzukommen habe. Er erreichte einen respektablen achten Platz und wurde immerhin von 350 Millionen FernsehzuschauerInnen gehört und gesehen.

Auch wenn Kali in der Folgezeit mit Preisen von französischen Institutionen überhäuft wurde, bewahrte er sich seine kritische Distanz. So thematisierte er auf dem Album „Lésé la tè tounen“ (1993) seine Erfahrungen mit Rassismus und Fremdheit in der Metropole. Im Song „Blan enmen Nèg“ stellt er z.B. zynisch fest, dass der karibische Immigrant solange keine Bedrohung darstellt, wie er im eingehegten Bereich der Musik bleibt: „Blan enmen koulè nèg la / Blan enmen tann misik nèg la / Mé i pa enmen Nèg la / Viv adan menm lari-a. Je n'aurais jamais cru qu'ils étaient comme ça / Polis toujou ka rété mwen / Ou vérifié papié mwen / Ils ont declaré / Égalité, Fraternité, é“ („Der weiße Mann mag die Farbe Schwarz. / Der weiße Mann mag schwarze Musik. / Aber er mag nicht den schwarzen Mann / wenn er in derselben Straße wie er wohnt. / Ich wollte nie glauben, dass sie so sind. / Die Polizei hält mich immer an / um meine Papiere zu überprüfen. Und sie haben kundgegeben: / Gleichheit, Brüderlichkeit, etc. “). An diesen Zeilen wird ganz gut deutlich, wie Kali gezielt zwischen Französisch und Kreolisch wechselt.

Aufwertung und Neubestimmung der kreolischen Sprache und Identität sind stets Teil von Kalis musikalischer Mission gewesen. So heißt es im Song „Kréyol“ (von der CD FrancOfaune): „Lasst mich die bèlè-Trommel spielen, die biguine und den kreolischen Walzer“. Nicht nur selbstbewusste Abgrenzung, sondern deutliche Kritik an der Kolonialmacht Frankreich und der weißen Insel-Elite findet sich auf dem Album „Île à vendre“ („Insel zu verkaufen“): Themen sind z.B. die schädlichen Auswirkungen von so genannten Entwicklungsprojekten oder die Zerstörung und Zubetonierung von Natur-Reservaten. 
Das Schöne dabei ist, dass Kali überhaupt nicht sozialpädagogisch rüberkommt – seine Botschaften sind meist ironisch verpackt. Und seine leichten Anflüge von missionarischem Rastafaritum mögen ihm angesichts seiner wundervollen Melodien verziehen sein.

  • Racines I, Hibiscus Record 1989 

  • Ile a vendre, Hibiscus Records 1991

  • FrancOfaune, Declic/BMG 2000 

  • Las Musicas de Martinica - bajo la mirada de Kali, FNAC Spanien 2003

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