Krisenenergie / ila 272
Den Fußabdruck der Reichen verkleinern
Erneuerbare Energien: eine Frage der
Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd
von Wolfgang Sachs
Gegenwärtig verbraucht die Welt mehr Ressourcen, als die Natur regenerieren kann. Berechnungen haben ergeben, dass seit Mitte der 70er Jahre die Kapazitäten der Biosphäre durch menschliches Handeln überschritten werden. 1997 belief sich die Überbelastung auf 30 Prozent mehr, als die Erde verkraften kann, oder gar 40-50 Prozent, wenn man die Bedürfnisse anderer Lebewesen mitberücksichtigt. Ein großer Teil der Überforderung der Biosphäre hängt mit dem übermäßigen Verbrauch von fossilen Brennstoffen zusammen. Obwohl heute nur eine Minderheit der Weltbevölkerung die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts genießt, hat die Biosphäre bereits ihre Begrenztheit offenbart. Weder alle Nationen noch alle Bürgerinnen und Bürger nutzen ihn zu gleichen Teilen. Im Gegenteil, der verfügbare Umweltraum ist höchst unfair verteilt.
Noch immer stimmt die Faustregel, dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 70-80 Prozent der Weltressourcen verbrauchen. Diese 20 Prozent sind es, die 45 Prozent aller Fleisch- und Fischprodukte verspeisen, 68 Prozent aller Elektrizität und 84 Prozent allen Papiers verbrauchen. Außerdem besitzen sie 87 Prozent aller Autos (UNDP 1998). Vor allem die Industrieländer tasten das Erbe der Natur in exzessiver Weise an; sie machen sich die Umwelt weit über ihre nationalen Grenzen hinaus zunutze. Tatsächlich hinterlassen 25 Prozent der Menschheit einen Fußabdruck, der so groß ist wie die gesamte biologisch produktive Oberfläche der Erde. Auch die Nutzung des gemeinsamen Gutes Atmosphäre ist extrem ungleich verteilt. Ungefähr 83% des kumulierten Anstiegs an CO2-Emissionen ist in der Vergangenheit durch die Industrieländer verursacht worden, so wie sie auch verantwortlich sind für 61 Prozent der gegenwärtigen Emissionen an Treibhausgasen.
Nur ein Rahmenwerk, das auf gleichen Pro-Kopf-Anrechten auf die Ressourcen der Erde beruht, kann als gerecht bezeichnet werden. Alle Länder werden langfristig auf eine Bahn einschwenken müssen, die von einem ähnlichen Niveau des fossilen Energieverbrauchs pro Kopf ausgeht. Der Norden wird seine Emissionen verringern (kontrahieren) und der Süden wird sie steigern (aufwärts konvergieren). Übernutzer werden von dem gegenwärtigen Niveau herunterklettern müssen, während den Unternutzern zugestanden wird, ihr jetziges Niveau zu erhöhen, wenn auch auf einer Steigung, die wesentlich geringer ist als jene, die die Industrieländer im Lauf der Geschichte hinter sich gebracht haben. In dieser Vision von „Kontraktion und Konvergenz“, die Ökologie und Gerechtigkeit am elegantesten vereint, gewinnt die Rolle der Erneuerbaren Energien an Klarheit: Erneuerbare Energien werden dem Norden helfen müssen, auf ein Niveau niedriger fossiler Gleichheit mit dem Süden zu konvergieren. Anders gesagt, die Erneuerbaren werden es dem Norden erst ermöglichen zur Gerechtigkeit fähig zu sein.
Selbstverständlich bezieht sich das Prinzip von „Kontraktion und Konvergenz“ nicht nur auf die Beziehungen zwischen Staaten, sondern auch auf innerstaatliche Verhältnisse. Die reichen Klassen müssen kontrahieren, während die ärmeren Teile der Bevölkerung mit ihnen zu einem nachhaltigen Niveau konvergieren können. Besonders in südlichen und östlichen Ländern wie Brasilien, Mexico, Indien, China oder Russland verbrauchen die reicheren Bevölkerungsgruppen annährend so viel Ressourcen wie ihre Gegenüber in der industrialisierten Welt, was das fünf- bis zehnfache des Durchschnittskonsums in diesen Ländern bedeutet. Es wäre daher kurzsichtig, erneuerbare Energien im Süden hauptsächlich als Option für die Armen zu diskutieren.
Ein beliebtes Missverständnis geht davon aus, dass die Sorge um die Umwelt der Armutsminderung im Wege steht. Oft ist das Gegenteil der Fall. Besonders die ländlichen Armen sind abhängig von fruchtbaren Böden, fischreichen Gewässern, Pflanzen für Medizin und Tieren für Subsistenz und Einkommen. Mit anderen Worten sind die produktiven Ökosysteme das Hauptkapital für nachhaltigen Lebensunterhalt.
Die Qualität des Wachstums ist ausschlaggebend: zentrale wirtschaftliche Aktivitäten, die so strukturiert sind, dass sie sowohl zur Erhaltung der Ökosysteme als auch dem Zusammenhalt der Gemeinschaften beitragen. Ein Wirtschaftswachstum um seiner selbst willen führt leicht in eine Sackgasse, wenn nicht erneuerbare Energien, nachhaltige Landwirtschaft, Wasserschutz, Bio-Unternehmen und der sorgsame Umgang mit Boden, Wäldern und Feuchtgebieten im Mittelpunkt stehen. Zerstörte Natur verschlimmert die Notlage der Armen, aber prosperierende Ökosysteme vermindern ihre Verwundbarkeit. Ökologie ist deshalb ein Kernstück für jegliche Politik, welche die Existenzsicherung der Armen im Auge hat.
Die Wirtschaftspolitik der letzten fünfzig Jahre wurde in vielen Ländern des Südens von der Prämisse bestimmt, die ländliche Wirtschaft werde dadurch wachsen, dass sie vom Wachstum der städtischen Industrie profitiere. Sie würde automatisch am allgemeinen nationalen Fortschritt teilhaben, weil immer etwas von oben nach unten durchsickere. Ferner wird Energie mit Elektrizität, Elektrizität ihrerseits mit zentralisierten Versorgungsnetzen und nationale Versorgungsnetze mit einer auf Erdöl und Kohle basierenden Energieversorgung gleichgesetzt. Energiepolitik wird in der Regel von denen entworfen und gestaltet, die den „modernen“ Sektor kontrollieren – von den Eliten, für die kommerzielle (also nicht erneuerbare und fossile) Brennstoffe die einzig akzeptable und legitime Energiequelle sind. Sie sind davon überzeugt, dass Entwicklung Wachstum bedeutet und Wachstum wiederum den Energiekonsum antreibt. Energieentscheidungen werden im „modernen“ Sektor in erster Linie von Ökonomen und Ingenieuren getroffen, die kaum die Bedürfnisse der marginalisierten Mehrheit mitbedenken.
Im Gegenteil, die Expertenelite stürzt sich auf hydroelektrische Projekte und Atomkraftwerke, genauso wie auf Kohlekraftwerke, weil solche Technologien sich in Großanlagen einsetzen lassen, die Investoren und Ingenieuren feine Gewinnchancen bieten. Es verwundert deshalb nicht, dass viele Länder mit großen Kraftwerken vollgepflastert sind. Meist dient die vorhandene Kapazität zur Elektrizitätserzeugung den energiefressenden Industrien und Städten sowie den Großgrundbesitzern. Für die Schaffung nachhaltiger Lebensgrundlagen sind hingegen massive dezentralisierte Initiativen des privaten und des Non-Profit-Sektors unerlässlich. Das Ziel ist die Produktion von Gütern und Dienstleistungen für den lokalen, mit wenig Kaufkraft ausgestatteten Markt.
Die Armen jedoch müssen sich mit dem zufrieden geben, was verschleiernd „nichtkommerzielle“ Energiequellen genannt wird, also mit Holz, Kuhdung, Ästen und landwirtschaftlichen Abfällen. Tatsächlich macht diese nichtkommerzielle Energie in vielen südlichen Ländern fast 50% des Gesamtenergieverbrauchs aus. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahrzehnten fortgesetzt und wird sich wahrscheinlich auch so weiterentwickeln, wenn man die gegenwärtigen Wachstumsraten unterschiedlicher Energiequellen berücksichtigt. Dieser nichtkommerzielle Energieverbrauch stellt allerdings eine große Belastung für Buschland und Wälder dar. Der Mangel an kommerzieller oder nicht bezahlbarer Energie führt in vielen Fällen zur Zerstörung der Vegetationsschicht, was einer allmählichen stummen Katastrophe gleichkommt, da mehr als zwei Milliarden Menschen auf der Welt keinen Zugang zu Elektrizität oder Basisenergie haben. Sowohl aus sozialen Gründen wie aus Umweltschutzgründen müssen Erneuerbare Energien unverzichtbare Bestandteile jeder Strategie sein, die langfristig Lebensgrundlagen sichern will.
Es gibt kein Entrinnen aus der Schlussfolgerung, dass die wachsende Weltbevölkerung den westlichen Lebensstandard nicht durch konventionelle Entwicklungswege erreichen kann. Die hierfür benötigten Ressourcen sind zu knapp, zu teuer und von zu großer Schadenswirkung für lokale und globale Ökosysteme.
Zu dem historischen Zeitpunkt, an dem die Abhängigkeit von fossilen Energien die industriellen Gesellschaften in die Sackgasse führt, finden sich plötzlich Gesellschaften, die vormals als rückständig angesehen wurden, in einer günstigen Ausgangsposition. Noch nicht gefangen in einem veralteten Modell der Industrialisierung, haben sie die Aussicht, in ein post-fossiles Zeitalter zu springen.
Dies trifft umso mehr zu, wenn es darum geht, die Rohstoffbasis insgesamt von den fossilen zu den solaren Energien und Materialien hin zu verlagern. Neben dem ganz offensichtlichen Nutzen für die Umwelt geht es hier auch um die meist langen Nachschubwege der fossilen Rohstoffe, die ihrerseits lange Wertschöpfungsketten implizieren.
Da die geografische Entfernung zwischen Rohstoffabbau und Endverbrauch, einschließlich der Zwischenschritte der Verarbeitung und Raffinierung, meist sehr groß ist, sind auch die Gewinn- und Arbeitsplatzchancen weit gestreut. Die meisten Orte, die sich am Ende einer solchen Kette vorfinden, fühlen sich erdrückt von den hohen aus dem Ausland importierten Treibstoff- und Rohstoffkosten. Sie müssen bezahlen, aber die meisten Gewinne und Arbeitsplätze entstehen in der Ferne. Mit einem Wechsel der Rohstoffbasis könnte sich auch diese Logik verändern. Die Nutzung von Photovoltaik, Windkraft, kleinen Wasserkraftwerken und Biomasse erfordert wesentlich kürzere Nachschubwege, nicht nur für Rohstoffe, sondern auch für die damit verbundenen Konversionstechnologien. Dies führt dazu, dass Einkommen und Arbeitsplätze weitgehend auf lokaler und regionaler Ebene verbleiben. Da Sonnenschein und Biomasse überall vorkommen, bieten sie sich für dezentrale Produktions- und Verbrauchsstrukturen an, ganz im Gegensatz zu den fossilen Rohstoffen, die an einigen wenigen Orten konzentriert sind und zentralisierte Großanlagen erfordern.
Die Länder des Südens und des Ostens haben die Chance, früher und massiver als die nördlichen Ökonomien in die Solarwirtschaft einzusteigen. Mehr noch, sie würden sich selbst schaden, sowohl was die Existenzrechte der Armen als auch was die Umwelt anbelangt, wenn sie dieselben Stadien industrieller Entwicklung durchlaufen wollten wie die nördlichen Staaten. Investitionen in die Infrastruktur, wie in leichte Bahnsysteme, dezentrale Energieproduktion, in den öffentlichen Nahverkehr, Brauchwasserkreisläufe, in angepassten Wohnungsbau, regionalisierte Nahrungsversorgung, transportsparende Siedlungen etc. können ein Land zu saubereren, kostengünstigeren und gerechteren Entwicklungsmustern bringen.
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