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Frauenleben / ila 271
Bettlerin in feinen Kleidern
Ich-AG auf Peruanisch
von Roxana Macavilca Miranda
„Ich will mir selbst beweisen, dass ich unabhängig sein kann. Dass ich etwas auf die Beine stellen kann, was für andere nützlich ist. Ich habe nichts Neues erfunden. Ich habe den Markt beobachtet. Ich betrachte das Beste an einem Unternehmen, das mir gefällt, identifiziere seine Fehler und beginne, ein anderes Produkt zu erschaffen.“ Roxana hat eine Marktlücke gefunden. Und sie hat den Schritt in die Unabhängigkeit gewagt. Im Folgenden berichtet die Jungunternehmerin aus Lima von ihren Erfahrungen.
Mein Unternehmen heißt „floresexpress.net. ... exprésate en flores“ (Sag es mit Blumen). Es ist ein virtueller Blumenladen, der seine Produkte nur über Internet oder Telefon verkauft. Virtuell sollte mein Unternehmen sein. Ohne festes Lokal, um die Kosten gering zu halten. Aber auch, damit ich nicht an einen Ort, an Öffnungszeiten gebunden bin.
Den Wunsch, mein eigenes Unternehmen zu haben, hatte ich bereits an der Universität. Die Idee, einen virtuellen Blumenladen zu eröffnen, kam mir kurz vor dem Ende meines Studiums, im Rahmen eines Kurses, in dem es um die Evaluierung von Projekten im Tourismussektor ging. Mir wurde klar, dass der Tourismus in Peru nur Kopfschmerzen bereitet, wegen seiner Komplexität und wegen der Tatsache, dass er außerhalb von Lima stattfindet. Bis dahin dachte ich nur daran, wie ich an einen gut bezahlten Job kommen könnte, der mir erlaubte, auf dem Land, in den Anden oder der Selva zu leben, und durch den ich anderen helfen könnte, sich auf den Tourismus vorzubereiten. Aber da in Peru die Tatsache, außerhalb von Lima zu arbeiten und sich weiterzubilden, bedeutet, weniger Möglichkeiten zu haben, seinen Marktwert zu steigern und die eigene Lebensqualität zu verbessern, beschloss ich, in der Hauptstadt zu arbeiten.
Nach meinem Tourismusstudium waren Reisebüros und der Flughafen in Lima die Einnahmequellen von mir und meinen Freundinnen. Ich arbeitete viel mit französischen TouristInnen, dank meiner Französischkenntnisse. Meine erste Arbeit war sehr hart. Dort erlebte ich die psychologischen Misshandlungen, welche die Chefs kleiner Unternehmen in armen Ländern für ihre Angestellten parat halten. Mein erster Chef war Franzose. Er überschüttete uns mit Beleidigungen. Er bezahlte sehr wenig und glaubte, dass wir wegen des Geldes alle Schikanen erdulden würden. Dank der französischen TouristInnen, die ich begleitete, fand ich eine Arbeit in einem größeren Reisebüro. Dort waren die Arbeitsbedingungen besser, die Vorgesetzten gebildeter.
Während des ersten Jahres in der Reiseagentur hörte ich von einem nationalen Wettbewerb, durchgeführt von einer NGO namens PROBIDE. Raùl Diez Canseco, noch peruanischer Vizepräsident und Unternehmer, hatte sie 2002 gegründet. Bis vor kurzem war er auch Minister für Außenhandel. In der Regierung ist er, wie man sagt, gleichermaßen wegen Überheblichkeit und Dummheit. Aber nun steckt er wegen Korruptionsverdacht in Schwierigkeiten.
Teilnehmen konnten junge HochschulabgängerInnen.
Originelle Projektideen wurden gesucht, und die Auserwählten bekamen einen Kredit zu günstigen Konditionen. Getragen wurde der Wettbewerb von den großen Unternehmen des Landes. Sie würden auch einstehen, wenn der Kredit nicht zurückgezahlt werden könnte. Deshalb waren die Banken großzügig. Meine Idee fand Anklang. Ich war mir aber nicht sicher, ob ich das Risiko eingehen sollte, meine Arbeit zu kündigen. Ich verdiente wenig, aber es war ein sicheres Einkommen. Könnte ich den Kredit, immerhin 4000 Dollar, in drei Jahren zurückzahlen? Und die Zinsen, auch wenn sie niedrig sind? PROBIDE, die den Wettbewerb durchführte, rief mich immer wieder an. Für sie war es wichtig, um ihre eigenen Vorgaben zu erreichen, dass die prämierten Projekte auch realisiert werden. Sie sagten, dass es die Chance meines Lebens wäre. Jetzt oder nie. Ich habe es gewagt, aber nicht allein. Ich habe zwei Gesellschafterinnen. So teilen wir uns das Risiko. Aber auch den Gewinn. Aber nur eine von ihnen gab so wie ich ihre Arbeit auf. Die andere hat sich nur an dem Unternehmen beteiligt. Manchmal denken wir, sie ist cleverer als wir, da sie bezahlten Urlaub hat und auch ins Ausland reisen kann. Ich kenne nur Peru. Aber es ist ein schönes Land. Jede von uns hat 1000 Dollar investiert, neben dem Kredit. Das ist viel Geld in einem Land, in dem man nur in einer der Minen oder als BeraterIn in einem Ministerium viel verdient. Ich zum Beispiel habe im Reisebüro 370 Dollar im Monat verdient.
Floresexpress (www.floresexpress.net)
gibt es erst seit einem Jahr. Ich bin die Geschäftsführerin. Aber eigentlich mache ich alles. Unsere Kunden wissen das allerdings nicht. Ich bearbeite die Bestellungen, die telefonisch oder per Internet eingehen. Die meisten Kunden sind junge Peruaner und Peruanerinnen, die in Lima wohnen und aus einer der besseren sozialen Schichten kommen, oder Peruaner, die in den USA arbeiten und Familie in Lima haben. Die Daten übertrage ich in eine Exceltabelle, welche Blumen bestellt wurden, der Preis und der Text, der auf eine Karte gedruckt wird, die wir aus getrockneten Blumen herstellen und zusammen mit den Blumen überreichen. Danach arrangiere ich die Blumen in einen der Kartons, die wir extra für uns anfertigen ließen. Wir achten darauf, dass alle Materialien, die wir verwenden, recyclebar sind. Für 1500 Kartons haben wir über 3000 Dollar bezahlt. Das war unsere größte Investition.
Die Erstellung der Webseite hat auch einiges gekostet. Manchmal gibt es Probleme, vor allem bei der Internetbestellung. Das Programm stürzt schon mal ab, bevor der Kunde seine Kreditkartendaten eingegeben hat. Manchmal sind die Daten auch unvollständig. In diesen Fällen versuchen wir mit den Kunden in Kontakt zu treten. Ein guter Service ist eben alles. Die Kunden werden per E-Mail benachrichtigt, nachdem die Blumen zugestellt worden sind, und wir beantworten jede E-Mail, auch die von unseren Konkurrenten.
Verkaufen können ist lebenswichtig! Die per Telefon eingehenden Bestellungen müssen professionell entgegen genommen werden. Der Kunde sieht uns nicht. Er weiß nicht, dass ich Jeans und Turnschuhe trage und ungeschminkt bin. Was zählt, ist meine Sprache. Sie muss den Kunden Seriosität vermitteln, ihn überzeugen, dass es richtig ist, bei uns seine Bestellung aufzugeben.Wir vermeiden es, dass die Blumen verderben. Jeden morgen kaufen wir kleine Mengen, und je nach Bestellungslage kaufen wir nach. Das ist eben der Vorteil eines Internetladens.
Wir liefern in einem Abstand von zwei Stunden aus. Da bleibt genügend Zeit, um bei Bedarf nachzukaufen. Wir kaufen vor allem Rosen, langstielige, von sehr guter Qualität. Zwar können wir die Internetbestellungen von jedem Ort aus abrufen, aber wir haben trotzdem in Miraflores, einem der besseren Stadtteile von Lima, im hinteren Teil eines alten Hauses einen kleinen Raum gemietet. Die Miete ist sehr niedrig. Zu dem Raum gehört ein kleiner Teil des Innenhofes. Dort binden wir die Blumen. Der Raum dient uns als Büro. Früher wurde das Haus noch von einer gutgestellten Familie bewohnt. Heute wird es von verschiedenen kleinen Unternehmen genutzt.
Die Lieferanten und die wenigen KundInnen, die direkt zu uns kommen, empfangen wir im repräsentativen Salon des Hauses. Sie denken, dass uns das ganze Haus gehört. Aber so ist das nicht. Ich bin eine Bettlerin in feinen Kleidern. Ich verkaufe teure Blumen, die sich nicht viele leisten können. Wir nehmen die Blumensträuße in unserem kleinen Innenhof mit einer Digitalkamera auf und stellen die Bilder dann ins Netz.
Unser Internetauftritt suggeriert, dass wir zur selben Klasse wie unsere Kundschaft gehören. Aber meine Realität ist eine andere. Ich wohne in einer bescheidenen Gegend, nicht mit Miraflores oder einer der anderen, noch feineren Wohngegenden von Lima zu vergleichen. Ich nehme zwei Busse zur Arbeit und brauche anderthalb Stunden für die Fahrt. Manchmal nehme ich den alten VW-Käfer meines Bruders. Aber das Benzin ist mir oft zu teuer. In meinem Stadtteil wohnen vor allem PeruanerInnen, die vor der wirtschaftlichen Misere auf dem Land, vor dem Terror der 80er und 90er Jahre nach Lima gekommen sind, um hier ihr berufliches Glück und ein Leben in Sicherheit zu finden. Aber auch, damit ihre Kinder eine bessere Schulbildung bekommen, in einer der Universitäten der Hauptstadt studieren können und nicht den Anschluss an das moderne Leben verpassen.
Auch wenn es in meinem Stadtteil mittlerweile Supermärkte, Banken, Fitnesscenter und Kinos gibt, sind die damit verbundenen Annehmlichkeiten nur Fiktion. Unsere Einkäufe machen wir oft woanders, wo es günstiger ist. Das soziale Gefälle ist groß in dieser Metropole. Aber wenn man die Leute fragt, gehören sie alle der Mittelschicht an. Wir natürlich auch.
Auch wenn ich jeden Tag mehr Blumen verkaufe und die Bestellungen zunehmen, kann ich mir bisher keine eigene Wohnung leisten. Ich wohne zusammen mit meiner Mutter und meinen beiden Brüdern. Ich bin die Jüngste, mit 26 Jahren. Wir arbeiten alle. Mein jüngerer Bruder unterrichtet Literatur an der Universität. Mein anderer Bruder ist Anwalt. Geheiratet hat noch niemand von uns. Meine Mutter hat sich von mir inspirieren lassen und, ohne dass sie es uns sagte, angefangen wieder zu arbeiten. Sie bereitet zu Hause fettarme Gerichte zu und verkauft sie an Angestellte in einer noblen Geschäftsgegend.
Mein Vater hat mich in diesem ersten Jahr finanziell ein wenig unterstützt. Ich hoffe, dass ich eines Tages meine Eltern unterstützen kann. Er ist Ingenieur und arbeitet für den Staat. Er wollte sich immer selbständig machen. So ist er nun stolz, dass seine Tochter es gewagt hat.
Ich will aus dem virtuellen Blumenladen ein in Lima bekanntes Unternehmen machen, welches sich von den anderen durch seine Produkte, durch die Verpackung und die Art, wie wir die Blumen überreichen, unterscheidet.
Ich habe zwei Träume. Der eine ist, die „Erste Welt” kennen zu lernen. Vieles, was ich lese, vieles von der Musik, die ich höre, von der Mode, die ich anziehe, kommt von dort. Ich möchte verstehen, warum es dort nicht so große soziale Unterschiede gibt. Ich möchte dort alles lernen, was ich in Peru nicht lernen kann, um es später in meinem Land anzuwenden. Peru ist ein Land mit vielen Möglichkeiten. Aber sie erschließen sich nur denjenigen mit guter Bildung. Mein zweiter Traum besteht darin, dass ich einen Menschen finde, der unabhängig und verantwortungsvoll ist, und mit dem ich meine Träume teilen kann.
Übersetzung und Bearbeitung: Hans-Jürgen Macher.
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