aus
Frauenleben / ila 271
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Aus dem Leben einer salvadorianischen Maquiladora-Arbeiterin
von Virginia Chicas Agueta
Die Geschichte von Virginia (Namen geändert) ist nicht spektakulär. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die im Ballungsgebiet der salvadorianischen Hauptstadt San Salvador aufgewachsen ist. Sie hat schon einige Maquiladoras kennen – aber nicht eine davon schätzen gelernt. Die Familie lebt in einer Wellblechhütte und kommt gerade so über die Runden. Virginia ist eine von inzwischen 90 000 ArbeiterInnen in dieser Branche, auf die die zugleich rechtsextremen und neoliberalen Regierungen im kleinsten Land Mittelamerikas seit 15 Jahren setzen.
Wir zehn Geschwister sind alle zur Schule gegangen, aber mehr als die Primarschule (neun
Jahrgangs- stufen) haben nur ein paar gemacht. Ich konnte zum Beispiel kein Abitur machen, obwohl ich das wollte. Meine Eltern hatten kein Geld, weil meine kleineren Geschwister noch zur Schule gingen. So hörte ich halt nach der neunten Klasse auf und suchte eine Arbeit.
Ich fing an, die Arbeit mit Nähmaschinen zu lernen. In einer kleinen Nähwerkstatt begann ich mit Industriemaschinen. Nachdem ich ein wenig damit umgehen konnte, suchte ich mir den ersten Job in einer Maquila, denn ich brauchte Geld und in der Nähwerkstatt zahlten sie mir nichts, weil ich praktisch Lehrling war. Da war ich auch nur drei Monate. Ich war damals 15 Jahre alt, inzwischen bin ich 30.Mein Compañero arbeitet in einer Ziegelei. Wir haben einen Sohn, der ist inzwischen elf und geht in die vierte Klasse, und drei Töchter. Bevor ich zur Arbeit gehe, bringe ich sie in die Schule und danach sind sie zum Mittagessen bei meiner Mutter. Nachmittags sind sie meistens alleine, weil meine Mutter auf den Markt geht.
Als ich schwanger war mit dem ersten Kind, hörte ich auf zu arbeiten. Das zweite Kind, die älteste Tochter, bekam ich, als ich bei Satelite arbeitete. Beim dritten Kind, wieder eine Tochter, hörte ich wieder auf zu arbeiten, weil es eine Frühgeburt war. Die letzte Tochter bekam ich, als ich bei Phrome arbeitete.
Ich hörte, dass sie bei Chi Fung Leute suchten, aber da ist es wirklich ziemlich anstrengend. In dieser Maquila arbeite ich mittlerweile seit fünf Jahren. Vor der Einstellung haben sie Blut-, Urin- und Stuhluntersuchungen gemacht. Die Blutuntersuchung dient auch als Schwangerschaftstest.
Ich habe damals die Maquila gewechselt, weil San Marcos einfach zu weit weg ist und ich eines Abends auf dem Nachhauseweg einen eigenartigen Unfall hatte, der mich ziemlich traumatisiert hat. Ich kam um halb sieben von der Arbeit, es war schon dunkel, und stieg an der Überlandstraße aus, wo der Weg abgeht nach San José Cortez. Bis heute weiß ich nicht, weshalb ich angegriffen wurde, ob sie mich mit jemandem anderen verwechselt haben. Ich hatte den Lohn in der Tasche, aber den wollten sie nicht. Offensichtlich hatten sie schon auf mich gewartet. Sie versperrten mir den Weg und zwangen mich in ein wartendes Auto. Dann fuhren sie los. Sie verbanden mir die Augen. Als ich mich weigerte, Drogen zu nehmen und mich auszuziehen, schlug mir einer mit der Pistole auf den Kopf, so dass ich ohnmächtig wurde. Als ich wieder zu mir kam, wollten sie mich in eine Schlucht werfen. Im Morgengrauen ließen sie mich schließlich laufen, ohne Schuhe und mit zerrissenen Kleidern. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Eine Frau half mir und holte die Polizei. Die brachten mich ins Krankenhaus, wo mich mein Compañero bald abholte.
Bei Chi Fung nähe ich Taschen hinten auf die Hosen. Wir haben derzeit 12 Produktionslinien und in jeder arbeiten ca. 50 Personen. Die Hosen, an denen ich arbeite, sind zum Beispiel für Lee. Außerdem wird für Adidas und Nike produziert.
Mein Akkord sind zur Zeit 190 Paare am Tag. Dafür zahlen sie 42,50 Colones (4,90 US-Dollar). Im Monat gibt das 120 US-Dollar. Das reicht nicht, aber zum Glück arbeitet mein Compañero auch. Für das Wasser zahlen wir acht bis 10 US-Dollar im Monat. Es gibt keine Wasseruhr und unser Haus besteht aus einem Raum. Da verbrauchen wir auch nicht viel Strom, wir haben nur zwei Glühbirnen, ein Bügeleisen, ein Radio und einen Fernseher. Den Strom bekommen wir aus dem Haus meiner Eltern und die bezahlen 28 US-Dollar im Monat. In 15 Jahren ist mein Lohn von 27 auf 42 Colones am Tag gestiegen, im Durchschnitt jedes Jahr ein Colón.
Wir arbeiten in einer Schicht, Montag bis Donnerstag von 7.00 bis 17.00 Uhr, und am Freitag von 7.00 bis 16.00 Uhr. Die Mittagspause dauert 40 Minuten. Es gibt auch eine kleine Krankenstation in der Fabrik, aber die Ärztin ist nur morgens da. Als ich mich neulich krank fühlte, hat sie mir nichts gegeben. Im Krankenhaus der Sozialversicherung gaben sie mir auch nichts. Schließlich bin ich zu einem Arzt gegangen, auf eigene Kosten.
Die Belüftung in der Halle ist in Ordnung und es gibt auch genug Wasser. Sie sagen, sie hätten einen Filter dafür, aber ich bin nicht sicher, ob das Wasser wirklich sauber ist. Um auf die Toilette zu gehen, müssen wir den Schlüssel bei der Vorarbeiterin holen. So kontrollieren sie das, wie oft, wie lang. Die
Vorarbeiterinnen sind Salvadorianerinnen. Zur Zeit habe ich eine ganz gute in unserer Produktionslinie. Die erklärt auch schon mal was, aber es gibt auch welche, die ziemlich grob sind.
Bei Chi Fung wird man ständig angetrieben. Wenn man die Stückzahl nicht erreicht, die sie uns vorgeben, fangen sie an zu drohen: Draußen gibt es eine Menge Leute, die arbeiten wollen. Im Klartext heißt das: Wenn du es nicht bringst, schmeißen wir dich raus. Sie hängen Plakate auf, auf denen steht, dass die Überstunden nicht obligatorisch sind. Wenn man aber sagt, dass man keine Überstunden machen will, ruft die Vorarbeiterin gleich den Chef und der fragt: Warum denn, willst du nicht weiter bei uns arbeiten? Da lernt man schnell, dass man bleiben und die Überstunden machen muss. Deshalb finde ich es ziemlich hart bei Chi Fung.
Wenn ich frei brauche, um zum Arzt zu gehen oder mit einem meiner Kinder zum Arzt zu gehen, muss ich die verlorene Arbeitszeit in der Nacht nachholen. Deshalb überleg ich es mir zweimal, bevor ich um Erlaubnis für einen Arztbesuch frage. Wenn sie irgendwas von Gewerkschaften hören, rufen sie uns zusammen und drohen: Wollt ihr denn, dass wir gehen? Die Arbeiterinnen, die sich nicht auskennen, sagen natürlich nein und nein zu den Gewerkschaften. Ständig drohen sie.
Neulich haben sie uns zusammengerufen und gefragt: Was versteht ihr unter Freihandel? Sie wissen ganz genau, was das ist. Sie wollen nur hören, was wir antworten. Wenn ein Besuch angekündigt ist, geben sie uns Schutzmasken, lassen Teppiche auslegen für diejenigen, die im Stehen arbeiten, lassen die Fabrik sauber machen. Es kommen ziemlich viele Besuche, aus Taiwan zum Beispiel, und es soll dann immer so aussehen, als ob die Arbeitsplätze ganz bequem seien. Und zu uns sagen sie: Gebt gut acht, es kommt Besuch. Und dann: Ihr wisst, was ihr zu sagen habt. Mit anderen Worten: Sie schränken unsere Meinungs- und Redefreiheit ein. Wir können nicht sagen, was wir wissen. Und wenn jemand von uns mit den BesucherInnen redet, ist immer jemand von ihnen dabei. So was wie bei Chi Fung habe ich bisher noch nie erlebt.
In unserer Produktionslinie gab es eine minderjährige Arbeiterin, die sich immer verstecken musste, wenn Besuch kam. So was dürfte nicht vorkommen, aber sie bestimmen. Man darf nichts sagen. Viele Leute empfinden das ebenso und fragen mich, weshalb gefällt es dir denn dort so. Aber es ist nicht so, dass ich nicht gehen wollte, ich will nur nicht weit weg von zu Hause arbeiten. Deshalb halte ich es bei Chi Fung aus.
Ich hab schon oft gedacht, jetzt geh ich aber. Manchmal würde ich gerne über all diese Dinge in der Öffentlichkeit reden, bekannt machen, wie es hier zugeht, wie man uns missachtet. Aber es geht nicht. Man kann nichts sagen, weil es Kolleginnen gibt, die immer für die Unternehmer sind, die einen anschwärzen. Einmal haben sie sogar gesagt, dass sie allen, die ihnen Informationen über entsprechende Kommentare geben, eine Prämie bezahlen werden. Schon wenn sie sehen, dass wir in einer Gruppe zusammen stehen und plaudern, kommen sie angerannt und fragen, über was wir sprechen. Sie halten uns unter ständigem Druck und die Leute haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren und sagen nichts. Es hat schon welche gegeben, die ihnen die Wahrheit gesagt haben, aber die sind gleich rausgeflogen. Ich versuche immer, keinen schlechten Eindruck zu machen. Eines Tages haben sie gesagt, ich sei störrisch und erfülle mein Soll nicht. Nein, habe ich gesagt, wenn ich es nicht schaffe, dann geht es einfach nicht. Und gleich hat sie wieder gedroht, die Vorarbeiterin: Draußen vor der Tür gibt es eine Menge Leute, die arbeiten wollen.
Die Beziehungen zu den Kolleginnen sind etwas schwierig, weil man immer aufpassen muss, was man sagt. Da gibt es welche, die der Vorarbeiterin alles erzählen, was man sagt. Freundinnen habe ich keine in der Fabrik. Ich rede wenig, weil ich Angst habe, missverstanden zu werden. Neulich sind ein paar Frauen von einer Frauengewerkschaft gekommen und die Vorarbeiterinnen haben gleich gesagt: Die sind gekommen, um euch die Arbeit weg zu nehmen. Die haben vielleicht Geld und treiben sich deshalb auf der Straße herum. Ich habe gesagt, hier gibt es viele Übergriffe und Missbräuche und die Leute wissen nichts davon. Und sofort hat eine Kollegin gefragt: Weshalb ergreifst du Partei für die. Ich antwortete: Ich ergreife gar nicht Partei für die, ich habe nur Augen im Kopf. Da fragte sie mich: Willst du denn, dass sie die Maquilas zumachen? Nein, antwortete ich, die helfen uns, aber wir verstehen nicht, was passiert. Aber ich bleibe in der Defensive, denn wenn ich mehr sage, besteht die Gefahr, dass es der Vorarbeiterin zugetragen wird und die sagt es dem Chef. Eines Tages haben die Frauen am Morgen vor der Fabrik Flugblätter verteilt. Die Geschäftsführerin stand vor dem Tor und hat gleich gesagt: Da ist der Abfalleimer, schmeißt das Zeug da rein. Das hat keinen Wert. Erstens gibt es eine Videoüberwachung, damit kontrollieren sie genau, mit wem man weggeht, mit wem man redet. Und zweitens bringt uns das in eine heikle Lage. Da ist es besser, kein Flugblatt zu nehmen. Wäre besser, wenn sie so etwas an einem anderen Ort verteilten. So sind sie bei Chi Fung, die lassen nichts rein. Seit kurzem werden unsere Taschen kontrolliert, wenn wir zur Arbeit kommen. Und natürlich immer, wenn wir gehen, damit wir nichts mitnehmen. In letzter Zeit haben sie streng kontrolliert, weil wir Lakers-Shirts für Adidas, Nike-Shorts und so was produzieren, Sachen, die ziemlich teuer sind. Ich meine, das ist in Ordnung, wenn sie uns beim Rausgehen kontrollieren, aber weshalb denn auch beim Reingehen? Essen kann man mitbringen.
Ich bin jetzt dreißig und habe angefangen zu überlegen, ob ich mich dieses Jahr zurückziehen soll, auch um mich mehr um meine Kinder zu kümmern und weil sie nächstes Jahr den Stundenplan meiner jüngsten Tochter wechseln werden und dann niemand da sein wird, um sie in die Schule zu bringen und wieder abzuholen. Die Schule ist vorne an der Troncal del Norte und das ist weit für die Kleine. Und bei den Hausaufgaben sollte ich den Kindern auch helfen. Eine meiner Schwestern arbeitet in eine Bäckerei in der Nähe. Vielleicht kann ich da stundenweise arbeiten. Eine andere Möglichkeit wäre, als Bedienung zu arbeiten. Die Bäckerei fände ich besser, weil das zeitlich begrenzt ist und als Bedienung muss man den ganzen Tag arbeiten.
Das Gespräch wurde am 16. November 2003 aufgezeichnet; übersetzt und
bearbeitet von Eduard Fritsch.
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