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aus Karibik / ila 269

Kleptokratie und Kokain
Jamaica 2003: Überleben ist der Schlüssel
von Peter-Paul Zahl

Der Schriftsteller Peter-Paul Zahl lebt seit 17 Jahren auf Jamaica. Viele werden mit seinem Namen mindestens ein Buch und seine politische Geschichte verbinden: Peter-Paul Zahl lebte Anfang der siebziger Jahre als Autor und Drucker in Berlin. Als er 1972 in eine Polizeikontrolle kam, gab es einen Schusswechsel, bei dem ein Polizeibeamter verletzt wurde. In einem politisch aufgeheizten Verfahren auf dem Höhepunkt der damaligen Terroristenhatz wurde er wegen versuchten Mordes zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt (in der ersten Instanz hatte das Urteil noch vier Jahre Haft betragen!). Nach zehn Jahren Knast wurde er auf Bewährung entlassen. Während seiner Isolationshaft schrieb er den Roman „Die Glücklichen“, der zu dem Kultbuch der linken Szene wurde. Nach seiner Haft wollte Zahl Deutschland verlassen und nach Grenada übersiedeln, ein Vorhaben, das durch die US-Invasion vereitelt wurde. Nach einem Aufenthalt in Nicaragua zog er 1987 nach Jamaica, wo er bis heute lebt und schreibt.

Als Jamaica 1962 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, sah die Zukunft rosig aus: Nur zwei Länder, Puerto Rico und Japan, hatten zwischen 1945 und 1962 höhere Zuwachsraten des Bruttosozialprodukts und in der Industrialisierung. The Rock hatte nun eine eigene Fahne, eine (sehr englische) Nationalhymne, einen Sitz in der UNO, der WHO, der FAO, der UNESCO, einen Nationalvogel, einen Nationalbaum, ein Nationalgericht, eine Nationalblüte... Was seine Bürger nicht wussten: Die englischen Kolonialherren hatten ihnen kein Land überlassen, sondern eine bankrotte Plantage. Deren Ökonomie ordnet die Insel dem weltweiten Wirtschaftssystem unter und blockiert die Entwicklung einer eigenen Nationalökonomie: Die Inseln der Karibik hatten und haben ihre Rohstoffe zu exportieren und die Güter, in die sie in der Ersten Welt verwandelt werden, teuer zu importieren. Die Zeit des Booms durch den Zweiten Weltkrieg und den Krieg in Korea war vorbei, mit ihm die der Schutzzölle, die die eigene, unterentwickelte Landwirtschaft, Manufakturen und Fabriken vor hochsubventionierter Konkurrenz und Massen und Massenherstellung riesiger Konglomerate und Konzerne schützten.

Mit dem Zusammenbruch jenes Systems der Zweiten Welt, „in dem alles mögliche real war, nur nicht der Sozialismus“ (Rudi Dutschke), konnte die Erste wieder ihr wahres Gesicht zeigen, das eines Manchesterkapitalismus, in dem alle sozialen Errungenschaften der Arbeiterbewegung zügig abgebaut wurden und werden: Selbst Blair und Schröder besteuern nicht die Reichen und Reichsten, sondern die Ärmsten, die Opfer des „shitstems“ (Peter Tosh).
In den siebziger Jahren versuchte der sozialdemokratische Premierminister Jamaicas, Michael Manley, ein energischer Sprecher der Blockfreien, die Abhängigkeit vom Weltmarkt zu verringern. Er versprach eine Landreform (die in Deutschland unter Freiherr von Stein etwa 160 Jahre vorher durchgesetzt wurde) und setzte sie grandios auf Grund. Er brüllte wie ein Löwe – worauf er „kommunistischer Neigungen“ beschuldigt wurde – und handelte wie ein Schaf. Er setzte eine Menge dringend notwendiger Reformen durch, darunter aber keine einzige von Belang. Den Rest gaben ihm zur einen Hälfte eigene Unfähigkeit und Parteibuchpolitik, zum anderen die bekannte Gemengelage aus konservativer Opposition, Plantokratie (Großgrundbesitzer), Multis, Handelskapital, CIA und Erdölkrise. Im Wahlkampf von 1980 kam es zu etwa 800 Toten. Die Revolverschwinger beider großen Parteien (die sozialdemokratische PNP und die rechte JLP) wurden mit Crack-Kokain scharf gemacht wie einst Adolf Hitlers Soldaten mit Amphetaminen. Es gewann Reagans Freund Eddie Seaga (CIAga) von der JLP mit dem Versprechen, der „sozialistischen Herumpfuscherei“ ein Ende zu setzen und die Insel für ausländisches Kapital attraktiv zu machen. Ersteres tat er, Letzteres blieb aus. Die zweite Legislaturperiode erhielt er, weil die Wählerlisten 1983 nicht auf dem neuesten Stand waren (die Jungwähler neigten der PNP zu) und die Opposition sich nicht an den Wahlen beteiligte. Zudem hatte er sich am Kreuzzug der USA (270 Mio. Einwohner) gegen Grenada (344 qkm, 100 000 Einwohner), „die Maus, die brüllte“, beteiligt.

Es half der konservativen, paternalistischen Jamaica Labour Party (JLP) wenig, dass sie den Wahlkampf 1988/89 unter dem Motto führte, ihr Eddie Seaga sei „der erfolgreichste Bettler der Welt“, weil diese angesichts der ungeheuerlichen Schäden nach Gilbert, dem stärksten aller bisher gemessenen Wirbelstürme, tief in die Taschen gegriffen hatte. Erwartungsgemäß gewann die People' s National Party (PNP) unter Manley. Diese hatte sich gewaltig geändert. Statt zu analysieren, was sie in den acht Jahren an der Regierung falsch gemacht hatten, fielen die Neuen Sozialdemokraten wie auch anderswo – vom Parteitag in Erfurt und Gotha, über den von Bad Godesberg, 1959, zum dem in St. Neandertal, 2002 – vor der nun von allen Eingriffen befreiten Marktwirtschaft wieder auf die Knie und versuchten als Zauberlehrlinge, diese konsequenter zu betreiben als die Konservativen. Munter wurde das Motto „Bereichert Euch!“ der Ära Napoleons III. aufgegriffen und – wortwörtlich genommen. Manleys Stellvertreter, der Finanz- und Planungsminister P.J. Patterson, erhielt von Shell drei Millionen US-Dollar, um dem Multi einen „kleinen Gefallen“ zu tun. Manley feuerte ihn. Und trat kurz darauf, krebskrank, zurück. Patterson drohte bei einer Pressekonferenz: „Ich kehre zurück!“ Und machte diese Drohung auch wahr. Der starre Funktionärskörper wählte nicht die auf der ganzen Insel parteiübergreifend immens populäre Arbeitsministerin Portia Simpson: „Das Mädel aus den Slums darf nicht hochkommen!“, sondern just den korrupten Kollegen Patterson. Und verfolgte nun ein hochdemokratisches Ideal: „In zwei Legislaturperioden müssen wir reich sein!“ Seither herrscht auf Jamaica eine lupenreine Kleptokratie.

Wie in Bayern zu Zeiten des seligen Franz-Josef Strauß macht nun der Skandal erst den richtigen Politiker aus. Kohl, etwa, mit seinem Mini-Kohl-Gate, gilt hier als blutiger Anfänger. Wer mit dem Premierminister oder dem Finanzminister Omar Davies befreundet ist, kann gar keine Säcke mitbringen, die groß genug sind, um die Beute hineinzustecken. So erhält der Chef der Zentralbank Jamaicas ein höheres Gehalt als sein Kollege Greenspan in den so bitter armen USA! Sämtliche Manager bankrotter, lausig geführter, abgewrackter staatlicher oder halbstaatlicher Unternehmen – Wasserwerke, Hafenbehörden, Stadtentwicklungsgesellschaft, Zuckerbehörde, Kaffeebehörde, Autobahnbehörde, Propagandabüro, Handelskommissionen in Tokio und New York, Entwicklungsbank, Landwirtschaftsentwicklungsbehörde etc. etc. – erhalten zwischen 10 000 und 20 000 Euro pro Monat, dazu Häuser, Dienstwagen und die Pensionsberechtigung nach nur vier Jahren Tätigkeit. (Eine Lehrerin mit zwei Kindern kriegt dagegen 390 Euro, von denen 230 in Kingston allein für die Miete draufgehen.) Gut bezahlt, um für die regierende PNP zu stimmen und ihre Wahlsiege zu garantieren, sind mittlerweile Richter und Polizisten. Wurden früher Wahlen manipuliert, indem die Anhänger der jeweils anderen Partei an der Stimmabgabe gehindert oder Urnen mit eigenen Wahlzetteln vollgestopft wurden, bedient sich heute die Regierung eines vollcomputerisierten, „fälschungssicheren“ Systems, in dem Fotos und Fingerabdrücke der Wähler gespeichert sind. Bei den Wahlen 1995 „verschwanden“ zwischen 12000 und 50000 registrierte Wähler in Gebieten mit hart umkämpften Stimmenanteilen. Zufällig alle Anhänger der JLP. Nicht spurlos, nein, sie waren „nur“ in einem anderen Wahllokal eines anderen Parishs (Landkreises) registriert. (Etwa so: Frau Müller aus Emden wurde elektronisch, ohne dass sie es wusste oder herausbekommen konnte, nach Passau-Süd „transferiert“...)

Dann aber machte Finanzminister Davis, dessen markantes Gesicht auf allen Geldmärkten der Welt gesichtet wird, wo er um Darlehen bettelt, um die Etatlücken stopfen zu können, im April 1999 einen kleinen Fehler. Da von jedem Steuerdollar 62 Cent für Schuldentilgungen vorgesehen sind, bleibt wenig Spielraum. Er kündigte an, die Steuern auf Kochgas, Diesel und Benzin gewaltig zu erhöhen. Und betonte – für so dumm hält er die Menschen – dies führe nicht zu einer allgemeinen Preissteigerung. Da riss den Jamaicanern Kragen und Geduld. Es reichte „We cyaan tek no more!“ Das war der Auslöser. Es kam zu den größten Unruhen seit 1938. Drei Tage lang konnten Flugzeuge und Schiffe die Insel weder erreichen noch verlassen. Hundertvierundvierzig Hauptstraßen waren völlig verbarrikadiert. Neun Menschen wurden – illegalerweise! – von Polizei und Armee wegen Plünderns erschossen. Von etwa anderthalb Millionen Menschen im wahlfähigen Alter beteiligten sich 90 000 an Barrikadenbau und Gegengewalt, 60 000 demonstrierten friedlich, 180 000 warteten auf der Ersatzbank auf ihren Einsatz, und fast 70 Prozent der Bevölkerung – von den 95 Prozent der Jungen zwischen 14 und 18 ganz zu schweigen – befürworteten diese Unruhen (Daily Observer, Stone Demosk. Inst., 15.8.99)! Die Steuererhöhung wurde zurückgenommen. Der Alltag von Korruption und Vetterleswirtschaft kehrte wieder ein. Aber seither ist die Regierung – außer im Wahlkampf – vorsichtiger geworden: Das Volk hatte Blut geleckt, erfahren, dass es ein schlafender Riese ist.

Aber ein Plan, es anders zu machen, etwa wie in Grenada von 1979 bis zum Einmarsch der Yankees im Oktober 1983, auf den Seychellen, 1979 bis jetzt, oder in Porto Alegre, Brasilien, existiert nicht. Weder bei der Oppositionspartei JLP noch in der neuen, bei den Wahlen keinerlei Rolle spielenden dritten Partei NDM, noch bei den freischwebenden, ehemals linksradikalen Intellektuellen wie Trevor Munroe (Ex-Kommunist), Uni-Rektor Rex Nettleford oder anderen Professoren an der Universität der West Indies in Kingston. Zu tief wirkt der Schock der Invasion von Grenada nach. Wer heute eine grundlegende Änderung verlangt und erfolgreich durchsetzen könnte, kommt sofort auf George „Dubya“ Bin Bushs Liste der „Achse des Bösen“ und wird bombardiert: Zurück in die Steinzeit. Jamaica weiß nur zu gut, dass es im „Hinterhof der USA“ ein kleines Inselchen ist, halb so groß wie Vermont (oder Mecklenburg-Vorpommern). 

Der Rückzug ins Private aber ist oberflächlich. Grimmig wird versichert: „If you can't beat them join 'em“, und es werden sämtliche Torheiten der Schwarzen in den USA übernommen, von der Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit des Hip Hop bis hin zur Bevorzugung von „brand names“ (Markennamen); aber immer noch herrscht auf Jamaica ein enormer Ehrgeiz, aus der Misere zu kommen. Es wird alles in die Erziehung der Kinder investiert. Genossenschaften und eine Art Raiffeisenbanken florieren, dem Alltag wird die Jollification Time abgerungen, sei es in der Kirche oder in der Disko. Menschen, Haus und Hof sind blitzsauber, die Umwelt ist dagegen vermüllt. Von den teuren Bettenburgen in den Touristenmekkas an der Nordküste bis zum Hafen von Kingston, der „schönsten Sickergrube der Welt“, ist Jamaica von „the fairest isle the eye has ever seen“ (Kolumbus) zur Müllhalde geworden; und dem Finanzminister gelang es anlässlich der Vorstellung des neuen Budgets, gar die einzige Recycling-Firma der Insel kaputtzumachen. Die ungeheure Zunahme von importierten Gebrauchtwaren und Handys täuscht einen Anstieg der Pro-Kopf-Einnahmen der Bürger Jamaicas vor. Möglich ist er nur durch jenen Beitrag, den die 2,8 Millionen Exiljamaicaner – ebensoviel, wie auf der Insel wohnen! – durch ihre monatlichen Überweisungen und Sachspenden leisten. Diese Einnahmen übersteigen, brutto für netto, nun gar die aus dem Tourismus und der Bauxitindustrie! Aber sie werden eben meistens nicht investiert. Sie führen eher dazu, die Verwandten auf der Insel abhängiger und... fauler zu machen. Die Schlangen vor jeder Western-Union- Niederlassung sind derweil länger als die derer, die, um ein Visum zu erhalten, vor der US-amerikanischen Botschaft in der glühenden Sonne stehen.

Was hat Jamaica – außer gut ausgebildeten Menschen (Lehrer, Krankenschwestern, Ärzte, Ingenieure etc.) – sonst noch „auf den Markt zu werfen“? Sonne, Sand, Rum, Marihuana, Angestellte in der Sex-Industrie und Reggae. In einem Wort: Tourismus. Nach dem 11. September 2001 wurde auch Jamaica klar, wie unsicher die Einnahmen in dieser wichtigen Branche sind. 2002 und 2003 hat sie sich ein wenig erholt, aber Bush & Blair geben sich alle Mühe, ständig die Gefahren möglicher neuer „Terroranschläge“ an die Wand zu malen, um ihre Wähler an sich zu binden. Europäer dagegen scheinen Schießereien und Attentate sozusagen zur Folklore bestimmter Länder zu zählen (Spanien: ETA, Großbritannien: Real IRA), also haben sie weniger Angst, ein Flugzeug zu nehmen. Nun befindet sich aber die Lokomotive des wirtschaftlichen Aufschwungs der Europäischen Union, Deutschland, in der Krise. Schlagwörter und Realitäten wie Rezession, Deflation, Arbeitslosigkeit usf. bewegen die Menschen dort, ihr Geld nicht mehr an einen weit entfernten Strand zu tragen, sondern es auf Sparkonten zu parken und in Balkonien oder im Harz Urlaub zu machen. Maurice Bishop (Grenada) sagte vor vielen Jahren: „Wenn die Erste Welt Schnupfen hat, kriegen wir hier eine Lungenentzündung.“ Also sind die Aussichten, dass der Tourismus sich kurz- oder mittelfristig erholt, schlecht.

Die älteste und berühmt-berücksichtigte Exportware No. 1 Jamaicas war der Zucker. Mutter Erde, die hier seit 1517 die Monokultur des Zuckerrohrs erdulden musste, streikte: Die Ernte 2002 war die schlechteste seit Menschengedenken. Wurde die Exportquote, die noch geduldet ist, für Europa erfüllt, konnte die für die USA schon nicht mehr eingehalten werden. So wird Zucker derweil... importiert. Der Tallyman, über den Harry Belafonte sang, war das Symbol für jene Exportware, die „König Zucker“ Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts ablöste. So führte der Anbau des grünen Goldes zum Entstehen einer fleißigen und erfolgreichen Mittelschicht von Bauern. Selbst der Konkurrenzkampf gegen den Multi Standard Fruit, der wie alle Gangsterfirmen alle Naslang den Namen wechselt, wurde langfristig von jamaicanischen Bananen-Farmern gewonnen. Bis Bill Clinton – er erhielt dafür 300000 US-Dollar von Chiquita! – der EU den Bananenkrieg erklärte. Den Letztere verlor. Also in Zukunft: Keine Zukunft für Bananen aus Afrika, dem Karibischen und dem Pazifischen Raum (vgl. dazu das Interview mit Arnold N. Thomas in dieser Ausgabe). Selbst die früher milliardenschweren Ganja-(Marihuana)Exporte sinken dank der Große-Bruder-Überwachung durch Mullah bin Bushs Grenztruppen. Der Rest der Landwirtschaft wird durch Importe von Obst, Gemüse und Fleisch aus den USA, wo Farmer pro Nase mit 29000 US-Dollar subventioniert werden, kaputtgemacht, weil die korrupte Regierung Jamaicas gewisse Freiräume, die die Welthandelsorganisation (WTO) zuläßt, nicht tatkräftig nutzt.

Hatte Michael Manley in den 70ern Initiativen ergriffen, am Export von Bauxit und Aluminiumoxyd der großen US- und kanadischen Multis zu profitieren, indem er statt der von 1952 bis 1973 geltenden Besteuerung von einem Shilling pro Tonne eine Umlage einführte, die an den Aluminiumpreis auf dem Weltmarkt gekoppelt war, schaffte sein korrupter Nachfolger diese ab. Selbst das Jamaica Bauxite Institute, gegründet, die Aktivititäten der Multis zu kontrollieren, ist nun bei Prozessen von Bürgern gegen jene ... auf der Seite der Multis. In einem Wort: Die Zukunftsaussichten Jamaicas sehen alles andere als rosig aus. Die Schulden sind auf 151 Prozent des Bruttosozialprodukts gestiegen. Die Einkommensdifferenz zwischen Reich und Arm ist – nach Haiti und Brasilien – die drittgrößte der Neuen Welt. Die USA und Europa ziehen ihre Zugbrücken hoch und wollen keine Einwanderer mehr. Vor allem nicht schwarze. Schon gar nicht Jamaicaner, die für ihr Selbstbewußtsein, ihre Frechheit, ihre Kreativität nicht berühmt, sondern berüchtigt sind.

Derweil wurde Jamaica von der Weltbank der Bau von ... Autobahnen aufs Auge gedrückt (wie auch Nepal, Guatemala, der DomRep und Kolumbien). Inhaber für die nächsten Dekaden ist ein französischer Multi, der diverse Verfahren wegen Bestechung von Dritte-Welt-Potentaten am Halse hat. P.J. Pattersons Administration nahm dies wieder mal zum Anlaß, einige Parteifreunde in eine „Aufsichtsbehörde“ zu stecken, damit sie auch zu den Phat Cats gehören, die weiter vorne erwähnt wurden. Ein neuer Geldadel dagegen entstand durch jamaicanische Kokainbarone, leicht erkennbar an riesigen Villen, Wagen mit Vierradantrieb mit Motoren zwischen drei und sechs Litern, schweren Goldketten und Leibwächtern. Kolumbianische Kartelle entdeckten die DomRep, Haiti und Jamaica als Transshipment-Points für ihre heiße Ware auf dem Wege in die USA, die Bahamas und nach Großbritannien. Viel zu viel von dem Stoff bleibt hier hängen, wird mit Backpulver aufgekocht und in kleinen rocks äußerst billig verkauft (einer entspricht dem Preis von zwei Ganja-Joints). Dies führte zu einem unglaublichen Anstieg der Beschaffungskriminalität und der Mordrate. Kiffer werden alle Naslang von der Polizei verhaftet; Entertainer, die auf der Bühne Schimpfworte benutzen, werden mit einem Gesetz aus dem Jahre 1827 vor den Kadi gebracht; aber bislang ist es in über zwanzig Jahren nicht gelungen, auch nur einen der Coke- oder Crackbarone zu schnappen. Ein Undercover-Polizist, der auf den Bahamas den höchsten Orden erhielt, als es ihm gelungen war, den größten Crackbaron dort dingfest zu machen, wurde in Jamaica wegen Abhörens strafrechtlich verfolgt. Er hält sich im Ausland auf. Seine Bänder ruhen in den Safes einiger berühmter Anwälte im In- und Ausland. Dies ist seine Lebensversicherung: Er hatte die Gespräche der führenden Gangster Jamaicas mit den höchsten Politikern aufgenommen und der ältesten und größten Tageszeitung ein paar Kostproben seiner Recherchen zur Verfügung gestellt. Polizisten in höchsten Positionen hatten bei einem Kokain-Konvoi für „freie Fahrt“ vom Süden der Insel zum Nordosten, zu einem Sicheren Haus, gesorgt. Korruption und Kokain vernichten die Wirtschaft und Kultur einer „Island in the sun“, die für eine entspannte und entspannende Atmosphäre weltberühmt war, Konkurrenten aus den USA aber verhasst war als „fucking athletes factory“, weil bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften jamaicanische Sprinter und Staffeln anderen nur die Hacken zeigten.

Der Reggae lebt. Noch. Und immer wieder. Aber der neue, vom HipHop inspirierte Dancehall-Stil gehört zu einer anderen Kultur. Experten sagen, dass „achtzig Prozent der Produzenten von Crack abhängig sind“...
Diese Insel, „likkl but tallawah“ (klein aber stark/oho!) kämpft, wie fast immer in ihrer Geschichte, ums Überleben. Und wer Jamaicaner kennt, weiß, dass es ihnen auch dieses Mal gelingen wird. Ein Völkchen, das in der Lage ist, nach dem stärksten aller je gemessenen Hurrikane vierunddreißig 45er Platten zu produzieren mit Texten über ihn, einer komischer als der andere, ist nicht umzubringen.

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