Die
Freiheit, die sie meinen!
Augenzeugenbericht von der US-Invasion auf Grenada
Gert Eisenbuerger
Im
Oktober 1983 fand die Revolution in Grenada ein blutiges Ende: am 19.
Oktober wurde die revolutionäre Führung und zahlreiche DemonstrantInnen
ermordet, am 25. Okotber landeten US-Truppen in dem Zwergstaat auf der 344
qkm großen Karibik-Insel. Der folgende Artikel erschien vor 20 Jahren im
ila-info, wie unsere Zeitschrift damals noch hieß. Unser damals
22jährige Redaktionsmitglied Gert Eisenbürger war von Juli bis
Ende Oktober 1983 auf Grenada und erlebte dort Putsch und Invasion.
Nachdem
ich jetzt eine Woche aus Grenada zurück bin, wird mir in der Zeit
zwischen den zahlreichen Gesprächen und Veranstaltungen langsam klar, was
die Geschehnisse der letzten Wochen für diese Insel und die ganze
zentralamerikanische Region bedeuten. Ich möchte in diesem Beitrag
beschreiben, wie ich den politischen Prozeß und die jüngsten Ereignisse
in Grenada erlebt habe. Wenn der Stil dabei etwas holprig ist und wichtige
politische Fragen nicht ausreichend analysiert werden, bitte ich euch, mir
das zu verzeihen, da ich noch ziemlich unter dem Eindruck des Geschehens
stehe und im Moment nicht anders schreiben kann.
Wir waren mit einigen Leuten aus der Grenada-Solidaritätsbewegung Mitte
Juli nach Grenada geflogen, um uns mit den Problemen und Perspektiven des
genossenschaftlichen Sektors in der Wirtschaft Grenadas zu beschäftigen.
In den ersten Wochen unseres Aufenthaltes arbeiteten wir in verschiedenen
Kooperativen mit, um einen gewissen Eindruck von deren Arbeit zu bekommen.
Das war nach flüchtigen Eindrücken in der Hauptstadt St. George's unsere
erste Begegnung mit dem „Alltag der Revolution“. Ich bekam dort
langsam eine Ahnung davon, was diese Revolution für die Menschen auf
Grenada bedeutete. Wir haben die Leute gefragt, was sich durch die
Revolution für sie verändert hätte und waren ziemlich überrascht, daß
die meisten nicht zuerst die vielen sozialen Verbesserungen erwähnten,
sondern die Beseitigung von Repression und Einschüchterung im Alltag als
wichtigste Errungenschaft der Revolution bezeichneten. Sie erzählten aber
auch, daß sie vor der Revolution für Ärzte und Medizin bezahlen mußten
und nun alles frei sei und daß die größeren Dörfer eine „Medical
Station“ hätten. Für viele Leute war es eine ganz neue Erfahrung, daß
die Angestellten der Ministerien in St. George's anfingen, sich für ihre
Dörfer zu interessieren, und begonnen wurde, die infrastrukturelle
Ausstattung zu verbessern. Oftmals haben die Dorfbewohner das Material dafür
bekommen und dann die notwendigen Arbeiten ganz oder teilweise in „community
work“ verrichtet.
Die Aussagen der Kooperativenmitglieder waren sicher nicht repräsentativ.
Ihr Leben hatte sich durch die Revolution stark verändert. Viele
Kleinbauern, die oft schon seit Jahrzehnten ihre kleinen Flächen bebauen,
waren zurückhaltender. Sie haben immer erleben müssen, daß die
Herrschenden ihre Macht gegen sie einsetzten, und mußten dabei lernen,
sich zu arrangieren und mißtrauisch zu sein. Außerdem hat sich wegen der
fallenden Weltmarktpreise für die Hauptausfuhrprodukte Kakao, Bananen und
Muskatnuß die wirtschaftliche Lage vieler von ihnen kaum verbessert.
Gerade auch deshalb versuchte die Revolutionäre Volksregierung (PRG), die
Landwirtschaft und speziell die Diversifizierung der Agrarproduktion durch
die Einführung neuer Agrarprodukte (z.B. Tomaten, Kohl, Karotten) zu fördern.
Durch große Kampagnen wurde versucht, die Bedeutung der Landwirtschaft für
die Ökonomie zu unterstreichen und den gesellschaftlichen Status der
Landarbeit zu erhöhen. Landarbeit ist noch immer mit dem Stigma der
Sklavenarbeit behaftet und somit, insbesondere für Jugendliche, wenig
attraktiv.
Die britischen Kolonialisten, die bis 1974 auf Grenada das Sagen hatten,
hatten das Bildungssystem völlig vernachlässigt. Die qualifizierten
Arbeitsplätze und alle Leitungsfunktionen wurden sowieso zum größten
Teil mit Briten besetzt. So stand die PRG 1979 vor einer desolaten
Situation: es gab zwar eine vergleichsweise niedrige Analphabetenrate (ca.
10-20%), aber kaum weiterführende Schulen und keine berufliche Bildung.
Dazu kam, daß viele Leute zwar als Kinder lesen und schreiben gelernt
hatten, aber seitdem diese Kenntnisse nie mehr angewandt und so im Laufe
der Zeit verlernt hatten, so daß sie als funktionale Analphabeten
bezeichnet werden mußten. Als Reaktion auf diese Situation wurde 1979
eine große Alphabetisierungskampagne durchgeführt. Seitdem fanden im
ganzen Land regelmäßige Weiterbildungskurse des Center for Popular
Education (CPE) statt. In kurzen Spots im Radio wurde mit Hilfe populärer
Calypso-Sänger und passender Songs (z.B. No Education - No Liberation)
immer wieder für die Kurse geworben und die Notwendigkeit von Erziehung
und Bildung betont. Neben der Förderung der Allgemeinbildung in den
CPE-Kursen wurde mit dem Aufbau von Ausbildungsstätten und Fachschulen
begonnen.
Die PRG hatte immer wieder verkündet, sie strebe eine gemischte Ökonomie
mit einem privaten, einem staatlichen und einem genossenschaftlichen
Sektor an. Außer dem Privatbesitz des Ex-Diktators Gairy (20% des
bebaubaren Bodens und einige Hotels) und seiner engsten Günstlinge wurde
nach der Revolution kaum etwas verstaatlicht. Als einen Schwerpunkt ihrer
Wirtschaftspolitik versuchte die PRG, den Aufbau einer staatlichen
Agroindustrie voranzutreiben, um die Produkte der grenadinischen
Landwirtschaft im eigenen Land weiterzuverarbeiten. Außerdem wurde 1979
eine staatliche Marketing- und Importzentrale aufgebaut, die die
Vermarktung der einheimischen Agrarprodukte und den Import der wichtigsten
Grundnahrungsmittel übernahm und beides zu günstigen Verbraucherpreisen
vermarktete.
In allen Bereichen, in denen der Staat ökonomisch aktiv war
(Landwirtschaft, Tourismus, Industrialisierung, Vermarktung und Import,
Banken), gab es weiter einen starken Einfluß des Privatkapitals, das in
vielen Sektoren dominant blieb. Ministerpräsident Maurice Bishop vertrat
dieses Klassenbündnis, da er darin die einzige M”glichkeit sah, das
Funktionieren der Ökonomie und damit verbunden die Sicherstellung der
Versorgung zu gewährleisten und den Bestand der Revolution innen- und außenpolitisch
abzusichern. Priorität in der Wirtschaftspolitik hatte für die PRG der
Abbau der Arbeitslosigkeit, die vor der Revolution bei ca. 50% lag. Bis
1982 konnte die Arbeitslosenrate auf 14% gesenkt werden. Damit eröffnete
sich für viele Grenadiner die Perspektive, in ihrem Heimatland bleiben
und ein Auskommen finden zu können. Denn die Zukunftsperspektive für die
meisten Jugendlichen auf den West Indies heißt Auswanderung - nach
Trinidad, Kanada, Großbritannien und natürlich in die USA. Fast jede
Familie hat Verwandte in diesen Ländern. Eine kürzlich veröffentlichte
Studie der University of the West Indies kommt zu dem Ergebnis, daß bei
den Jugendlichen Grenadas die Auswanderungswilligkeit wesentlich geringer
ausgeprägt sei als auf den anderen Inseln. Im eigenen Land eine
Perspektive zu sehen ist zweifelsohne ein Ergebnis der Revolution. Ich
habe oft gehört, daß Leute in Grenada über vieles an der Revolution
meckerten, aber bei aller Kritik war fast immer herauszuhören, daß etwas
in Bewegung war, daß es vorwärts ging, daß die Leute das Gefühl
hatten, daß nach Jahrzehnten der Stagnation eine Entwicklung in Gang
gekommen war.
Der Anfang vom Ende
Während
der letzten Wochen haben wir mit insgesamt fünf Leuten aus der
Solibewegung in einem Haus ca. 4 km außerhalb von St. George's gewohnt.
Die positive und wohltuende Grundstimmung, die wir in drei Monaten auf
Grenada erlebt hatten, änderte sich schlagartig, als sich am Freitag, dem
14. Oktober, wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitete, der Ministerpräsident
und populäre Revolutionsführer Maurice Bishop sei unter Hausarrest
gestellt worden. Die Hintergründe der Arrestierung Bishops wurden uns auch vor Ort nicht
vollständig klar. Der folgende Erklärungsversuch stützt sich auf
Informationen und Einschätzungen, die wir in Grenada gehört haben. Die
Entmachtung Bishops stellt danach den Höhepunkt eines Fraktionskampfes in
der Partei dar, der schon seit über einem Jahr währte. Dabei standen
sich zwei Gruppen gegenüber. Die erste Tendenz, repräsentiert durch
Maurice Bishop und die Mehrheit der Regierungsmitglieder, vertrat das bis
dahin praktizierte Modell einer „gemischten“ Wirtschaft und trat für
eine Außenpolitik ein, die gute Beziehungen sowohl zu kapitalistischen
Staaten (insbesondere Westeuropa und Kanada) als auch zu sozialistischen Ländern
sowie den karibischen und lateinamerikanischen Nachbarn und anderen
Dritte-Welt-Staaten vorsah.
Demgegenüber stand eine zweite Tendenz, die
vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Bernhard Coard und der Mehrheit
des New Jewel Movement (der herrschenden Partei) repräsentiert wurde.
Diese Gruppe trat für einen beschleunigten Übergang Grenadas zum
Sozialismus und eine verstärkte Kontrolle der Wirtschaft durch die
Arbeiterklasse, d.h. eine verstärkte Planung und einschneidende Beschränkungen
des grenadinischen Kapitals, ein. Außenpolitisch soll diese Gruppe eine
stärkere Anlehnung Grenadas an die sozialistischen Staaten befürwortet
haben. Es hieß, neben der Frage der verstärkten Kontrolle der Wirtschaft
durch den Staat seien die Arbeit einer Kommission, die die neue Verfassung
ausarbeiten sollte, und die aktive Mitarbeit Grenadas in der Caricom (Caribbean
Community) Streitpunkte gewesen. Zugespitzt hätten sich diese Differenzen
dadurch, daß es seit Anfang dieses Jahres erhebliche Finanzprobleme gab
und die Finanzierung einer Reihe von wichtigen Projekten nicht mehr gewährleistet
war. Die Kritiker in der Partei warfen Bishop vor, in dieser Situation das
Privatkapital nicht genügend zu belangen. Bishop habe argumentiert, dies
sei nicht möglich, da dann die Entwicklungshilfegelder aus den
kapitalistischen Ländern versiegen würden. Die Kooperation mit diesen Ländern
und der daraus entstehende Schutz sei aber angesichts der
Interventionsdrohnung durch die USA oder deren Verbündete wichtig.
Hinter diesen objektiven politischen Differenzen standen aber auch
Probleme, mit denen viele revolutionäre Regierungen in der Dritten Welt
konfrontiert sind, nämlich der Mangel an politisch erfahrenen Kadern. Die
wenigen Führungskader des New Jewel Movement übenahmen nach 1979
wichtige Funktionen in Regierung und Verwaltung. In der Partei rückten
junge Leute mit wenig politischer Erfahrung in die wichtigsten Funktionen
nach. Diese Leute begannen, sich mit revolutionärer Theorie (vor allem
Lenin) auseinanderzusetzen und entwickelten daraus Überlegungen über die
sozialistische Transformation der grenadinischen Gesellschaft zur
Durchsetzung der Herrschaft der Arbeiterklasse. Die Partei entwickelte
sich zunehmend zu einem theoretischen Ghetto, in dem abstrakte
Diskussionen geführt wurden, die sowohl die subjektiven Bedürfnisse und
den Bewußtseinsstand der großen Mehrheit der Grenadiner als auch
objektive Gegebenheiten, wie z.B. den verschwindend kleinen Anteil der
Arbeiterklasse an der Gesamtbevölkerung, kaum berücksichtigten. Die
pragmatisch lavierende Politik Bishops und der meisten anderen Minister
der PRG war in den Augen der jungen Kader ideologisch nicht eindeutig, und
sie kamen zu der Auffassung, daß diese Gruppe entmachtet werden müsse.
Da sie sich der überaus großen Popularität Bishops bewußt waren,
sollte das nicht offen, sondern unter dem Deckmantel der kollektiven Führung
der Partei geschehen. Coard sollte die politische und wirtschaftliche
Leitung übernehmen, während Bishop damit betraut werden sollte, diese
Politik dem Volk klarzumachen.
Bishop habe dieser kollektiven Führung Anfang Oktober 83 zugestimmt, soll
diese Zustimmung aber nach einem Staatsbesuch in Ungarn, der CSSR und Cuba
zurückgezogen und angekündigt haben, er werde diese Frage den Massen,
d.h. den Organen der people's participation (Volksbeteiligung - Räte auf
unterschiedlichen Ebenen) vorlegen. Die Mitglieder des Zentralkomitees
warfen Bishop vor, sein Ansehen bei der Bevölkerung ausnutzen zu wollen,
um die Partei unter Druck zu setzen, und beschlossen, ihn unter Hausarrest
zu stellen. Diese Erklärung über die Hintergründe des Konflikts
innerhalb des New Jewel Movement scheint mir bei der derzeitigen
Informationslage realistisch. Daß hinter den ideologischen
Auseinandersetzungen auch ein persönlicher Machtkampf zwischen Maurice
Bishop und Bernard Coard eine Rolle gespielt hat, ist nicht auszuschließen.
Die These, daß der Konflikt vor allem von außen initiiert gewesen sei (Coard
als Statthalter Cubas und der Sowjetunion), würde ich, zumindest was Cuba
angeht, auf jeden Fall ausschließen, da sowohl die engen Beziehungen
zwischen Castro und Bishop als auch alle Stellungnahmen Cubas nach den
Ereignissen dem total widersprechen.
We
want Bishop!
In
den Tagen nach der Arrestierung Bishops spitzte sich die Lage immer mehr
zu. Bereits am Samstag, dem 15. Oktober, kam es zu einer Demonstration von
mehreren hundert Anhängern Bishops in St. George's. In mehreren Dörfern
läuteten die Kirchenglocken, und die Leute gingen zur Kirche, um dafür
zu beten, daß „Maurice“, wie sie ihn liebevoll nannten, wieder frei
kommt und alles wieder gut wird. Auch die tiefe Religiosität ist ein Stück
grenadinischer Realität. Am darauffolgenden Dienstag (18. Okt.) kam es in mehreren D”rfern zu
Demos für Bishop. Von Grenville aus, dem zweitgrößten Ort der Insel,
zogen 500 Schüler unter dem Slogan „No Bishop, no School“ zum alten
Flughafen und blockierten die Rollbahn, so daß eine startbereite Maschine
nicht aufsteigen konnte. Außerdem traten die Arbeiter der einzigen
Getreidemühle der Insel in den Streik. Gleichzeitig kündigten die
Arbeiter des Elektrizitätswerks, des Wasserwerks und die Dockarbeiter an,
sie würden streiken, wenn Maurice nicht innerhalb von 72 Stunden im Radio
sprechen würde.
Im Laufe des Tages wurde auch bekannt, daß am nächsten Tag aus allen
Teilen der Insel Leute nach St. George's marschieren würden, um für die
Freilassung Bishops zu demonstrieren. Dienstag abend erklärten die
Minister Unison Whiteman (Äußeres), Noris Barn (Wohnungsbau), George
Louison (Landwirtschaft) und Lyndon Rahnderry (Tourismus) ihren Rücktritt
aus Solidarität mit Maurice Bishop. Am nächsten Morgen hörten wir gegen
9 Uhr im Radio eine Durchsage, daß alle Schüler, die nicht zur Schule kämen,
bestraft würden. Da diese Durchsage eine halbe Stunde nach Schulbeginn
kam, war klar, daß viele Schüler an diesem Tag nicht in der Schule
erschienen waren. Kurz danach hörten wir auch Kinder aus der Schule, in
der Nähe unseres Hauses, mit dem Slogan „No Bishop, no School“ in
Richtung Stadt ziehen. Gegen 10 Uhr hörten wir ein Hupkonzert. Die
Arbeiter von der Baustelle des neuen Flughafens (Grenadiner und eine Reihe
Cubaner) fuhren auf ihren russischen LKW's in Richtung Stadt. Sie hatten
Pappkartons mit der Aufschrift „We want Bishop - No Coard“ an den
Wagen befestigt und grüßten uns mit geballter Faust. Gegen 11 Uhr war
Radio Free Grenada plötzlich tot, und wir hörten über Radio Barbados,
daß Maurice Bishop und seine Lebensgefährtin Jacqueline Creft von
Tausenden ihrer Anhänger aus dem Hausarrest befreit worden wären und nun
von der Menge in die Stadt geleitet würden. Wir waren erleichert und
froh, als wir diese Nachricht hörten. Ich war fast in einer Hochstimmung
und dachte - sie können dieses Volk nicht übergehen, heute haben sich
die Grenadiner ihre Revolution zum zweiten Mal erkämpft. Einige von uns
waren unterdessen in die Stadt gegangen und bekamen mit, wie 10-15 000
Leute (von 110 000 Einwohnern) in der Stadt begeistert die Befreiung
Bishops feierten und auf seine Rede, die für 13 Uhr auf dem Marktplatz
angekündigt war, warteten. Kurz vor 13 Uhr hörten wir in unserem Haus
einen lauten Knall und kurz danach Maschinengewehrfeuer. Uns war klar, daß
etwas Furchtbares geschehen sein mußte.
Das Blutbad
Die
Schießerei, die den Militärputsch einleitete, hat niemand von uns
mitbekommen. Augenzeugen berichteten uns, daß plötzlich ein Militärjeep
und 2 Panzerwagen in hoher Geschwindigkeit ins Fort gefahren seien;
Vincent Noel, der Führer des grenadinischen Gewerkschaftsbundes, der
versucht hatte, auf die Besatzungen einzureden, wurde nach einem kurzen
Wortwechsel erschossen. Einer der Panzerwagen hätte einen PKW in Brand
geschossen, und unmittelbar danach hätte jemand von dem Jeep aus mit
einem Maschinengewehr das Feuer auf die Menge eröffnet. Daraufhin hätten
einige der Anhänger Bishops die Waffen, die die im Fort stationierten
Truppen vorher niedergelegt hätten, aufgenommen, und es sei zu einer
Schießerei gekommen. Die Demonstranten hätten panikartig den Ort des
Geschehens verlassen. Einige Schulkinder seien zu Tode gekommen, als sie
vom mindestens 10 Meter hohen Seitenwall des Forts in die Tiefe sprangen. Abends wurde im Radio bekanntgegeben, ein Militärrat unter Führung
von General Hudson Austin habe die Macht übernommen. Für die blutigen
Ereignisse in Fort Ruppert wurden Maurice Bishop und seine Anhänger
verantwortlich gemacht, die als erste das Feuer auf die ankommende
Armeeeinheit eröffnet hätten. Diese Darstellung ist nach übereinstimmenden
Augenzeugenberichten falsch. Weiter hieß es in dem Kommuniqué‚, bei
der Schießerei seien 17 Leute ums Leben gekommen, darunter Maurice Bishop,
die Regierungsmitglieder Jacqueline Creft, Unison Whiteman, Morris Bain
und die Gewerkschaftsführer Vincent Noel und Fitzroy Bain. Nach den
Augenzeugenberichten ist ausgeschlossen, daß Bishop und die drei Minister
bei der Schießerei ums Leben kamen, da sie sich zu diesem Zeitpunkt gar
nicht im Innenhof des Forts aufhielten - sie müssen später ermordet
worden sein.
Wir waren fassungslos, als wir das ganze Ausmaß der Ereignisse hörten. Für
die Menschen in Grenada brach an diesem „Bloody Wednesday“ eine Welt
zusammen - ihre Träume und Hoffnungen waren zerstört. Der Militärrat
verhängte eine viertägige totale Ausgangssperre, so daß wir in diesen
Tagen nur auf Informationen aus dem Radio angewiesen waren. Radio Grenada
brachte nur Rechtfertigungslügen, die reaktionären Sender der
umliegenden Inseln erklärten sich zu Verteidigern der Demokratie und
Menschenrechte und würdigten die ermordeten Mitglieder der
Revolutionsregierung, die sie bis dahin immer nur beschimpft hatten. Das
einzige, das sich von diesem Propagandagequake abhob, war die Erklärung
der KP Cubas zu den Ereignissen in Grenada, die in Radio Havanna verlesen
wurde. Am Tag nach dem Putsch wurde in Radio Grenada erstmals bekannt
gegeben, daß US-Schiffe Kurs auf Grenada genommen hätten. Diese Meldung
wurde auch von anderen Radiostationen gesendet, und als Begründung wurde
angegeben, die Sicherheit der US-Staatsbürger auf Grenada sei nicht mehr
gewährleistet. Der Militärrat wies nun ständig auf die Gefahr einer
militärischen Invasion hin.
Die angebliche Bedrohung von Leib und Leben von US-Bürgern auf Grenada
war natürlich nur ein Vorwand. Der Militärrat hatte bereits am Samstag
(22.10.) allen US-Bürgern und sonstigen Ausländern angeboten, sie
jederzeit ausfliegen zu lassen. In der Erklärung hieß es, am Montag, dem
24.10., sei der Flughafen wieder geöffnet, und jeder Ausländer könne
Grenada verlassen, und der Militärrat sei bereit, bei der Organisierung
von Charterflügen behilflich zu sein. Da damit der Interventionsvorwand
weggefallen wäre, unternahmen die USA in den folgenden Tagen alles, um
die 600 US-Medizinstudenten (es gab auf Grenada eine private medizinische
US-Hochschule) und sonstigen US-Bürger auf Grenada zu halten. Am Sonntag,
dem 23.10., fand in der medizinischen Hochschule eine Vollversammlung
statt, auf der auch der stellvertretende US-Botschafter aus Barbados
anwesend war. Einige der Studenten berichteten uns, der Diplomat habe erklärt,
daß sie zwar einen Charterflug für Ausreisewillige organisieren könnten,
daß dies aber mit erheblichen Kosten verbunden sei, die die Studenten natürlich
selber tragen müßten. Der Vizekanzler der Uni erklärte weiter, daß in
seinen Augen jeder bzw. jede Ausreisewillige ein Huhn oder ein Angsthase
sei (wörtlich: a chicken or a rabbit), und daß Leute, die ausreisen würden,
nicht das Semester anerkannt bekämen, wodurch die hohen Studiengebühren
vergeudet gewesen wären. Außerdem sei der Wechsel auf eine reguläre Uni
in den USA nicht ohne weiteres möglich.
Diese Versammlung bewirkte, daß die Zahl der Ausreisewilligen auf eine
kleine Gruppe zusammenschrumpfte. Unterdessen hatte die karibische
Fluggesellschaft LIAT angekündigt, daß sie alle Flüge von und nach
Grenada gestrichen hätte, so daß es auch auf diese Weise keinem US-Bürger
möglich war, Grenada zu verlassen. Am Sonntag, dem 23.10., wurde dann über
mehrere Radiosender bekannt gegeben, daß die in der Organisation
ostkaribischer Staaten (OECS) zusammengeschlossenen Kleinstaaten St.
Lucia, St. Vincent, St. Kitts-Nevis, Dominica, Antigua und Montserrat
zusammen mit Barbados und Jamaica eine militärische Invasion auf Grenada
beschlossen und die USA um Unterstützung gebeten hätten. Natürlich war
es umgekehrt. Die USA haben einen Überfall auf Grenada beschlossen und
die karibischen Marionetten gebeten, sich als Fassade zur Verfügung zu
stellen.
Die Invasion
Am
Dienstag, dem 25. Oktober, wurde ich gegen 4.15 Uhr morgens wach und hörte
Motorengeräusche von Flugzeugen. Wir standen auf und sahen, daß drei
US-Transportmaschinen über St. George's kreisten. Im Radio wurde
durchgegeben, daß US-Schiffe nur noch 4 km von Grenada entfernt wären
und Kurs auf die Insel genommen hätten. Um 5.30 Uhr kam die Durchsage, daß
ausländische Truppen an mehreren Punkten der Insel gelandet seien. In den
folgenden Stunden und Tagen demonstrierten die USA, wie sie Krieg führen.
Mit Flugzeugen und Hubschraubern und von Kriegsschiffen aus sicherer
Entfernung beschossen und bombardierten sie, unter minimalem Risiko für
die eigenen Truppen, die grenadinischen Verteidigungsanlagen. Erst als sie
die grenadinischen Stellungen niederbombardiert hatten, begannen
US-Truppen am dritten Tag der Kämpfe, die Dörfer und Wälder nach Angehörigen
der grenadinischen Armee zu durchkämmen, die weiterhin verzweifelt
versuchten, der Übermacht Widerstand entgegenzusetzen. (Auf dem Höhepunkt
der Kämpfe waren 6000 US-Soldaten auf der Insel - die grenadinische Armee
hatte 800 Soldaten, von denen mindestens 100 im Zusammenhang mit dem Militärputsch
desertiert waren.)
In einer der ersten militärischen Aktionen überhaupt griffen Marines auf
der Baustelle des neuen Flughafens die Wohnbaracken der ca. 600
cubanischen Bauarbeiter an, die am Vortag beschlossen hatten, nicht in mögliche
Kämpfe einzugreifen, und provozierten die Konfrontation. Dadurch sollte
der Weltöffentlichkeit weisgemacht werden, auf Grenada seien cubanische
Truppen stationiert. Die anwesenden Cubaner waren größtenteils
Facharbeiter und Techniker, die unter Leitung einer britischen Firma auf
der Baustelle des internationalen Flughafens arbeiteten. Als im September
nicaraguanische Contras den Flughafen von Managua angegriffen hatten,
waren an diese Bauarbeiter, die wie die meisten Cubaner eine
Milizausbildung hatten, Waffen ausgegeben worden, um den Flughafen gegen mögliche
terroristische Angriffe zu schützen. Genau wie die Gefährdung von US-Bürgern
ist auch die angebliche massive Präsenz der Cubaner nur ein weiterer
Vorwand der USA, um einen Krieg zu rechtfertigen, der durch nichts zu
rechtfertigen ist. Zum Abschluß möchte ich noch auf eine Frage eingehen,
die mir im Zusammenhang mit der Invasion sehr wichtig erscheint. Als ich
bei meiner Ankunft hier die ersten Zeitungen las, war da die Rede von
jubelnden GrenadinerInnen, die die Amis begeistert als Befreier begrüßt
hätten.
Am Tag vor der Invasion, der gleichzeitig der erste Tag ohne
Ausgangssperre war, sagte mir ein grenadinischer Bekannter, die Leute in
seinem Dorf seien verzweifelt und hätten Angst, daß die Militärs noch
weitere Anhänger Bishops (und das waren die meisten von ihnen) umbringen
würden. Ich habe dann nachgefragt, ob sie denn froh wären, wenn die Amis
kämen, und er antwortete, er glaube, ja, viele von ihnen. Diese Stimmung
war wohl weit verbreitet, so viel an Vertrauen und Hoffnungen hatte dieser
Putsch zerstört. Aber als die Amis kamen, mit Helikoptern, Bombern und
riesigen Kriegsschiffen - die Leute hatten vorher vielleicht mal einen
Hubschrauber, vielleicht mal eine alte Militärmaschine aus dem
2.Weltkrieg gesehen - bekamen sie Angst, und vielen wurde klar, daß die
Amis sicher nicht so kommen würden, wenn sie nur eine Militärdiktatur strzen
wollten. Als die ersten Marines, bis zu den Zähnen bewaffnet, bei uns
durchkamen, standen die Leute nur da und schauten, und Freude war das
nicht, was in ihren Gesichtern zu sehen war.
Am Donnerstag, dem 27. Oktober, dem dritten Tag der Kämpfe, besetzten
US-Truppen das Gelände, auf dem wir wohnten. Am nächsten Morgen teilten
sie uns mit, wir sollten in 10 Minuten an der Straße stehen, wir würden
evakuiert. Sie brachten uns zum neuen Flughafen, dessen Rollbahn schon
funktionsfähig war, und die sie jetzt für ihren Krieg benutzten. Auf dem
Gelände des Flughafens, - der in Grenada ein Symbol nationaler Unabhängigkeit
war, weil sein Bau zügig voranging, obwohl die USA alles getan hatten,
das zu verhindern - kampierten jetzt Tausende von US-Soldaten. Keine drei
Wochen vorher war ich noch dort gewesen, hatte mir alles angeschaut und
mit meinen paar Brocken Spanisch unter Zuhilfenahme meiner Hände mit ein
paar cubanischen Arbeitern geklönt. Sie arbeiteten rund um die Uhr, weil
der Flughafen pünktlich am 13. März 1984, dem fünften Jahrestag der
Revolution, fertig sein sollte. Als die Transportmaschine, die uns nach
Barbados bringen sollte, aufstieg, waren wir raus aus dem Krieg - aber ich
war nicht erleichtert, sondern deprimiert wie selten zuvor in meinem
Leben.
Gert
Eisenbürger
gekürzt
aus: ila-info Nr. 71, Dezember 1983
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