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Transnationale Konzerne / ila 268
Codes of Conduct sind ein Geschäft
Interview mit Sergio Chávez, Gewerkschafter in El Salvador
Sergio Chávez sagt von sich: „Ich bin Salvadorianer. Früh habe ich angefangen, mit Gewerkschaften in El Salvador zu arbeiten, vor allem mit der Gewerkschaft der TelefonarbeiterInnen. Während des Krieges habe ich für sie in Europa Informations- und Spendenarbeit gemacht. Nach Unterzeichnung der Friedensverträge 1992 bin ich nach El Salvador zurückgekehrt, wo ich zunächst mit einer NRO im Bereich informeller Ausbildung gearbeitet habe. Seit 1998 arbeite ich für das National Labor Committee (NLC), eine NRO in New York, die sich um das Thema Menschen- und Arbeitsrechte in den Maquilas kümmert. Von hier in San Salvador aus arbeiten wir vor allem in Nicaragua, Honduras und El Salvador. Als Organisation mit Sitz in den Vereinigten Staaten, wohin 90-95 Prozent der Konfektionsware aus den Maquilas in Mittelamerika gehen, halten wir es für wichtig, die Diskussion über dieses Phänomen in den USA zu fördern, die KonsumentInnen zu sensibilisieren und aufzuklären. Das ist unsere Hauptaufgabe, aber wir versuchen auch, gewerkschaftliche Organisationsprozesse in den genannten Ländern zu unterstützen.“
Welche Fortschritte in der gewerkschaftlichen Organisation siehst du in den Maquiladoras von Honduras, Nicaragua und El Salvador in den letzten Jahren?
Ich möchte einige Veränderungen in der Maquila-Industrie nennen, die den ArbeiterInnen genutzt haben. Als wir z.B. mit der Aufklärungsarbeit angefangen haben, bei der wir Fälle von Arbeitsrechtsverletzungen öffentlich machen, waren physische Strafen, Prügel und die Methode, Leute draußen in der Sonne stehen zu lassen, weil sie die Akkorde nicht schafften, noch sehr verbreitet. Nicht, dass es so was nicht mehr gäbe, es kommt aber viel seltener vor. Auf Grund unserer Aufklärungsarbeit ist auch die Kinderarbeit fast verschwunden. Einen anderen Fortschritt haben wir beim Thema Schwangerschaftstests festgestellt. In immer mehr Fabriken sind die Schwangerschaftstests keine Voraussetzung mehr für eine Einstellung. Das sind einige der Fortschritte. Auch zeigen sich die Bekleidungskonzerne etwas besorgt über die Arbeitsverhältnisse bei ihren Zulieferern und verfassen Codes of Conduct. Meiner Meinung nach sind die Konzerne aber nicht wirklich am Wohlbefinden ihrer ArbeiterInnen interessiert. Da es aber den Druck von Seiten der KonsumentInnen gibt, die „saubere Kleidung“ wollen, setzen die Konzerne ihrerseits ihre Zulieferer unter Druck.
Was aber die Löhne betrifft, da haben wir keine Fortschritte erzielt. Und wenn ich „wir“ sage, meine ich nicht nur das NLC, sondern auch Frauenorganisationen, die Kampagne für „saubere“ Kleidung usw. Es hat definitiv keine Lohnverbesserungen gegeben. In El Salvador sind die Löhne sogar relativ gesunken, weil sie bei wachsender Inflation gleich geblieben sind. In Nicaragua hat es zwar Lohnerhöhungen gegeben. Dort ist aber auch die Inflation höher, so dass die Reallöhne nicht gestiegen sind. Nur in Honduras hat es vielleicht kleine Lohnerhöhungen gegeben. Aber dort haben die gewerkschaftlichen Kräfte auch mehr Einfluss als hier. Die Löhne und die gewerkschaftliche Organisation sind die Schwachstellen unserer Arbeit.
Man könnte also sagen, dass es bei jenen Missständen Verbesserungen gegeben hat, die eine Art Exzess sind, die Kinderarbeit z.B. Das lässt sich leicht korrigieren. In den wesentlichen Punkten, die das Maquila-System ausmachen, den niedrigen Löhnen, den unbezahlten Überstunden und dem Quasi-Verbot gewerkschaftlicher Organisierung, hat es keine Verbesserungen gegeben?
Hier hat sich nichts verändert. Manchmal, wenn es Druck gibt, wenn Missstände öffentlich gemacht werden, gibt es Veränderungen. Dann verbessern die Unternehmer die Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken. Das ist aber vorübergehend. Wenn der Druck dann nachlässt, kehren die alten Verhältnisse wieder zurück. Ich glaube darüber hinaus, dass die Unternehmer in diesem neuen Geschäftszweig, dem „social auditing“, ein Mittel gefunden haben, nach außen das Image zu vermitteln, sozial verantwortlich zu sein. Sie haben eine ganze Reihe von entsprechenden Vereinen gegründet, machen Konferenzen usw. Das Problem dabei ist, dass wenn du die ArbeiterInnen fragst, diese gar nicht wissen, dass es einen Code of Conduct gibt, denn die Unternehmer hängen ihn in der Fabrikhalle aus, wenn der Auditor kommt, und nachher wieder ab, oder sie hängen ihn auf, erklären ihn aber nicht, oder er ist in einer anderen Sprache.
Es gibt Organisationen, die sich an diesem Manöver beteiligen, indem sie Auditing-Firmen gründen wie Verité, die das Monitoring für Adidas machen.
Das ist eine neue Industrie geworden, in der verdient wird. Die Globalisierung bedeutet „carrera hacia el fondo“ – Abwärtsspirale: Die Länder konkurrieren darum, die niedrigsten Löhne, die meisten Steuerbefreiungen usw. anzubieten. Das ist ein Teil des ganzen Modells, und es ist sehr schwierig, so was mit Kämpfen, wie sie die Anti-Sweatshop-Bewegung führt, zu verändern, weil es ein strukturelles Problem ist. Und jetzt steht die große Bedrohung China vor der Tür: Dort gibt es die absolut niedrigsten Löhne, 10 US-Cent die Stunde. Und die Chinesen haben gesagt, wenn die Löhne an der Küste stiegen, würden sie die Sonderwirtschaftszonen weiter ins Landesinnere verlegen.
Wir haben mit einigen Unternehmern der Zuliefererindustrie gesprochen. Sie beklagen sich darüber, dass die großen Marken immer weniger bezahlen. Wall Mart zum Beispiel. Oder sie verlangen eine bessere Qualität. Nike, Gildan Activewear (Kanada) fordern Qualitätsverbesserungen, was für die Zulieferer höhere Kosten bedeutet. Die Transnationalen verdienen immer besser, setzen die Zulieferer immer stärker unter Druck, die immer weniger verdienen. Die Zulieferer versuchen unter diesen Umständen, ihren ArbeiterInnen weniger zu bezahlen. Sie bezahlen die Überstunden nicht, setzen scharfe Akkorde durch, gehen ganz zur Bezahlung von Stücklöhnen über. Das ist fatal, denn die Leute müssen schlicht mehr arbeiten. Sie meinen, damit mehr zu verdienen, aber am Monatsende sehen sie, dass sie dasselbe verdient haben. Oder das 4x4-System, das 3x4-System wird eingeführt. Das ist vor allem in der Dominikanischen Republik und in Honduras in Mode.
Die ArbeiterInnen arbeiten Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag jeweils 11 Stunden am Tag. Die andere Schicht ist am Freitag, Samstag, Sonntag. Danach gibt es jeweils vier Tage Pause. Das Problem dabei ist, dass diese Systeme in unseren Arbeitsgesetzgebungen nicht berücksichtigt sind. Bei den neuen Systemen entfallen die Regelungen der bezahlten Überstunden, der freien Tage usw. Die Unternehmer sagen, bei diesen Systemen hätten ihre MitarbeiterInnen mehr Zeit für ihre Familien. Wenn man aber mit den ArbeiterInnen spricht, stellt sich heraus, dass die Löhne nicht reichen und sie in der Freizeit anderweitig arbeiten müssen. Einige verkaufen an den freien Tagen Obst oder Kosmetik. Andere arbeiten in den anderen Schichten in derselben oder in einer anderen Fabrik.
Ein anderes Problem: Seit zwei, drei Jahren beobachten wir in Honduras und mittlerweile auch in El Salvador, dass die Steuerbefreiungen auslaufen, weil die entsprechenden Verträge jeweils zehn Jahre Steuerfreiheit beinhalteten. In El Salvador begann der Maquiladora-Boom mit den Friedensverträgen vor über 10 Jahren.
Die Unternehmen schließen oder ändern den Namen oder die Geschäftsform, entlassen alle ArbeiterInnen, bezahlen Abfindungen, nehmen unter anderem Namen die Arbeit wieder auf und bekommen wieder zehn Jahre. Sie wollen keine Steuern bezahlen. Diese Steuern wären Staatseinnahmen. Ich habe den stellv. Bürgermeister von León in Nicaragua gefragt, was seine Stadt von den Maquiladoras hat. Uns lassen sie nur den Müll, hat er mir geantwortet, denn sie zahlen nichts an die Stadt. Er habe versucht, sie dazu zu bringen, Kindertagesstätten, Kliniken zu unterstützen, aber da läuft nichts. Sie zahlen nicht einmal dafür, dass wir ihren Müll einsammeln.
Fabriken werden geschlossen und es ist die Rede davon, dass die Maquila-Industrie in der Krise ist. Das ist aber nicht ganz so sicher. Honduras z.B. ist inzwischen der drittgrößte Lieferant von Bekleidung in die Vereinigten Staaten, nach Mexico und China. Danach kommt die Dominikanische Republik und dann El Salvador. Die Maquila-Exporte haben in Honduras um ca. 20 Prozent zugenommen, in El Salvador um 10 Prozent, in Nicaragua um 40 Prozent, obwohl Nicaragua in den absoluten Zahlen ziemlich hinter den anderen beiden Ländern liegt. Das Exportvolumen und der Exportwert in US-Dollar wachsen also.
Die allgemeine Tendenz bei den Codes of Conduct hast du bereits erwähnt. Welche Erfahrungen habt ihr als NLC mit diesem Instrument gemacht und mit dem Monitoring?
Zu Beginn haben wir interessante Erfahrungen mit den unabhängigen Monitoring-Gruppen gemacht, als damit einige konkrete Konflikte gelöst werden konnten. In anderen Fällen haben wir in vertraulichen Abkommen z.B. mit Van-Heusen erreicht, dass ArbeiterInnen wieder eingestellt wurden, die wegen gewerkschaftlicher Aktivitäten entlassen worden waren. Heute sehen wir aber, dass dieser Weg zu einer Sackgasse geworden ist. Die Transnationalen haben das Konzept des Monitoring kooptiert und spielen sehr geschickt mit den Codes of Conduct. Wir glauben, dass die Monitoring-Gruppen keinen Sinn mehr machen, denn das läuft jetzt alles in einem von den Unternehmern gesetzten Rahmen, wie z.B. der Fair Labor Association. Unserer Meinung nach werden sich die Transnationalen schwerlich selbst regulieren. Das Problem ist, dass die Überausbeutung die Grundlage dieses ganzen Industriezweiges ist. Ohne Überausbeutung macht das Maquila-System keinen Sinn. Erstens halten wir es also nicht für wahrscheinlich, dass sich die Multis selbst regulieren. Und zweitens meinen wir, dass das Monitoring zu einem Geschäft geworden ist, zu einem Lebensstil mit Konferenzen, Reisen usw. Wenn man aber mit den ArbeiterInnen spricht, erfährt man, dass das Ganze keinen positiven Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen gehabt hat. Im Gegenteil: Viele glauben, es handle sich um neue Regeln, die ihnen das Unternehmen aufzwingen wolle. Die Codes of Conduct sind also eine Mode, ein Geschäft und außerdem stellen sie so was wie eine Privatisierung des Arbeitsrechts und der Menschenrechte dar. Die Arbeitsministerien und Unternehmer vor allem in der Karibik unterstützen z.B. das WRAP (Worldwide Responsible Apparel Production), eine Organisation, die von Ex-Funktionären des
US-Gewerkschafts- dachverbandes gegründet worden ist. Die WRAP-Zertifizierung ist sehr billig, ca. 500 USD. Das dauert drei Monate und danach hast du eine zertifizierte Fabrik.
Das Interview führte Eduard Fritsch im Juli 2003 in San Salvador.
Codes of Conduct sind betriebsinterne Regeln, deren
Sozialverträglichkeit üblicherweise von unabhängigen Firmen attestiert
werden.
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