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Zucker / ila 266
2,31 Dollar am Tag
Interview mit zwei Zuckerrohrschneidern in El Salvador
von Eduard Fritsch
Weil Hunderttausende kein Land hatten und die LandarbeiterInnenlöhne nicht zum Leben und nicht zum Sterben reichten, gab es in El Salvador von 1980 bis 1992 einen Guerillakrieg. Wer heute sieht, wie in den Kaffeeregionen der Hunger grassiert, weil die Weltmarktpreise im Keller sind, wer sich daran erinnert, dass es schon lange keine Baumwolle und ergo auch keine BaumwollpflückerInnen mehr gibt, oder wer Gelegenheit hat mit ZuckerohrscheniderInnen zu sprechen, der wird den KritikerInnen des salvadorianischen Friedensprozesses zustimmen: Mit den Friedensverträgen wurden die eigentlichen Ursachen des Krieges nicht beseitigt. Wie es bei der Zuckerrohrernte auch heutzutage noch zugeht, erzählen zwei alte Landarbeiter. Eliud Meléndez Macías ist 62 Jahre alt, Rafael Antonio Uceda Barrientos 74. Beide wohnen im Viertel San Juan der Stadt Izalco, Departement Sonsonate, El Salvador.
Und ihr geht immer noch zur Zafra (Zuckerrohrernte)?
Beide:Ja.
Wo habt ihr während der letzten Zafra 2002/03 gearbeitet?
Rafael: In der Kooperative Los Largatos in der Nachbargemeinde San Julián. Da haben wir einen Teil der Ernte gearbeitet. Wenn die Erträge nachlassen, dann wird es schon schwieriger ein Tagwerk zusammenzubringen. Wenn ein Zuckerrohrfeld gut im Schuss ist, bekommt man ein Tagwerk, die Menge Zuckerrohr, für die der Lohn bezahlt wird, leichter zusammen. Ein Tagwerk ist ein Stück Zuckerrohrfeld von 16 Meter Länge und sieben Furchen Breite. Das gibt zwei Tonnen und für jede Tonne bekommen wir 14,10 Colones. Das heißt, ein Tagwerk gibt 28,20 Colones (2,31 US$). Wenn die Erntezeit zu Ende geht, dann muss man vielleicht 20, 30 oder 40 Meter jeweils sieben Reihen schneiden, um auf die zwei Tonnen zu kommen. Wenn es so weit ist, hören wir auf, dann interessiert uns das nicht länger.
Die Saison geht bis März, aber wir haben dieses Jahr nur bis Februar gearbeitet. Ich hab dann aufgehört.
Eliud: Ich war noch einen Monat lang auf der Hacienda El Maderal von Gudal Francés. So heißt der Großgrundbesitzer.
Habt ihr euer ganzes Leben lang Zuckerrohr geschnitten?
Eliud: Ja, wir haben beide mit 14 Jahren angefangen. Aber wir arbeiten in der Saison, ca. November bis März, nicht nur auf den Zuckerrohrfeldern. Wir pflücken auch Kaffee und früher haben wir auch Baumwolle geerntet. In den letzten Jahren aber fast nur noch Zuckerrohr. Die Kaffee-Ernte bringt nichts mehr. Weil die Kaffeepreise gesunken sind, sind auch die Löhne gesunken. Da verdient man ein wenig mehr in der Zafra, denn natürlich versuchen wir immer, so viel wie möglich zu verdienen. Außerdem mach' ich noch andere Arbeiten. Ich baue Mais und Gemüse an und ich handle mit Obst und Gemüse. In manchen Zeiten, jetzt z.B., wo die Regenzeit anfängt, sind wir auf unseren Maisfeldern beschäftigt. Im Dezember, wenn wir frei haben, gehen wir wieder zur Zafra. Ich habe seit drei Jahren mein eigenes Stückchen Land, etwas weniger als einen Hektar. Davor habe ich jedes Jahr gepachtet. Das ist Staatsland, das wir mit Hilfe von ANTA (Nationale LandarbeiterInnen-Vereinigung) erobert haben. Wir haben keine Landtitel und sie können jeden Tag kommen, sagen, dass da jetzt aufgeforstet werden soll, und uns rausschmeißen. Wir haben bis jetzt auch nichts bezahlt. Das Ganze ist ein wenig unsicher.
Kommen wir auf die Arbeitsbedingungen in der Zafra zurück. Sind die in den Kooperativen besser als auf den privaten Plantagen?
Eliud: Nein, die zahlen dieselben Löhne. Wir bekommen wie gesagt 14,10 Colones pro Tonne. Die Zuckerfabrik bezahlt dem Eigentümer der Plantage dann den Zucker. Eine Woche nach Übergabe des Zuckerrohrs bekommt er die ersten Zahlungen und uns bezahlt er alle vierzehn Tage.
Wie viele Tagwerke könnt ihr an einem Tag machen?
Rafael: Wenn man hart arbeitet, kann man zwei davon an einem Tag schaffen und verdient dann 56,40 Colones. Aber am nächsten Tag ist man erledigt. Wenn wir zwei Tagwerke an einem Tag machen, ruhen wir am nächsten Tag aus. Das kommt also auf dasselbe raus. Deshalb machen wir lieber ein Tagwerk pro Tag, dann halten wir die vierzehn Tage durch. Bezahlt wird jeweils nach 14 Tagen. Aber am zweiten Sonntag, am Zahltag, und am Samstag davor wird bereits nicht mehr gearbeitet. Das heißt, wir arbeiten 12 Tage am Stück, denn am ersten Sonntag eines Vertrages wird gearbeitet. Wenn es nicht so viel zu tun gibt, weil die Zuckerfabriken nicht nachkommen mit der Verarbeitung oder weil eine Maschine kaputt ist, dann sind wir auch mal drei, vier Tage ohne Arbeit. Die werden nicht bezahlt. Bezahlt wird die geschnittene Menge, sonst nichts. Die Vorarbeiter führen eine entsprechende Liste. Da schreiben sie auf, was jeder in den vierzehn Tagen geschnitten hat. Am Zahltag kontrollieren wir das.
Die 28,20 Colones am Tag, die ihr verdient, entsprechen annähernd dem Mindestlohn. Was sagt ihr denn dazu, dass jetzt die Mindestlöhne erhöht werden sollen – aber nicht für LandarbeiterInnen?
Rafael: Die da oben lassen es nie zu, dass die Löhne erhöht werden. Deshalb sind wir mit dem zufrieden, was Gott uns beschert. Was sollen wir machen?
Eliud: Hier sollen jetzt die Mindestlöhne in der Industrie und in den Maquiladoras erhöht werden. Aber unsere nicht und da haben wir das Problem, dass die Lücke zwischen dem Lohn und den Preisen für die Grundnahrungsmittel immer größer wird. Die Preise steigen, aber die Löhne bleiben eingefroren. Sie sagen, da könnten wir nichts dagegen machen. Aber doch, natürlich können wir was machen, wenn wir uns zusammenschließen gegen die Regierung und gegen diesen ganzen Kapitalismus, denn das ist das Problem. Der erstickt uns, unterdrückt uns. Und das ist auch der Grund, weshalb wir unseren Mais anbauen, um was zum Essen zu haben. Aber die armen Leute, die kein Fleckchen Land haben, denen geht es noch schlechter. Da gibt es Kinder, die essen zu Mittag, aber am Abend gibt es nichts mehr.
Wenn sie euch pro Tonne und nicht pro Stunde bezahlen, wie kontrolliert ihr das denn?
Eliud: Das ist noch so ein Problem. Eine Tonne sind logischerweise 20 Zentner, aber manchmal schneiden wir in einem Tagwerk 30, 32 oder 34 Zentner für denselben Lohn, denn bezahlt wird das Stück von 16 Metern, egal ob das zwei Tonnen oder vier Tonnen gibt, sie zahlen immer dasselbe.
Das heißt, wenn das Zuckerrohr dicht steht und auf dieser Fläche mehr als zwei Tonnen bringt, dann betrügen sie euch eigentlich?
Eliud: Ja, die verdienen damit, aber wir nicht. Uns werden die sieben Furchen mal 16 Meter bezahlt.
Die Vorarbeiter teilen euch die Stücke zu?
Rafael: Ja, es gibt Vorarbeiter und Ober-Vorarbeiter und Aufseher und Verwalter. Die Vorarbeiter messen die Tagwerke ab. Aber wie das so ist: Die Großen trampeln auf den Kleinen herum. Wenn es dem Vorarbeiter passt, dann teilt er dir 17 oder 18 Meter zu. Wenn bis zum Ende des Feldes zwei Meter fehlen, dann macht er dir die dazu. Er gibt dir eher fünf mehr als zwei weniger.
Ihr wohnt in der Stadt Izalco. Geht ihr dann jeden Morgen zur Zafra oder übernachtet ihr z.B. in der Kooperative?
Eliud: Los Largatos liegt nahe der Straße, da fahren wir jeden Morgen hin und abends zurück. Wenn die Zuckerrohrplantagen weiter abgelegen sind, übernachten wir dort. Wenn ich auf der Hacienda El Maderal arbeite, die an der Hauptstraße von Sonsonate zum Hafen Acajutla liegt, übernachte ich auf meiner Parzelle, weil die zufällig in der Nähe liegt. Deshalb arbeite ich in El Maderal.
Und wie machen es diejenigen, die weiter weg wohnen?
Eliud: Die bleiben auf der Hacienda. Da bekommen sie einen Verschlag zum Schlafen und Essen. Essen bekommen wir auch: Tortillas und Bohnen, eine Tortilla am Morgen, zwei zu Mittag und zwei bei Arbeitsende. Wasser und unsere Macheten bringen wir mit.
Und was ist, wenn jemand während der Zafra krank wird?
Rafael: Es gibt keine medizinische Versorgung und keinen Lohn, wenn man nicht arbeitet, weil man krank ist. Die Tage, an denen man krank ist, sind verloren. Ist einer eine ganze Woche krank, dann bekommt er halt nichts bezahlt.
Wie sind die Arbeitszeiten?
Eliud: Wir fangen um sechs Uhr an, aber manchmal auch erst um neun. Um zwei Uhr mittags sind wir fertig, die Schnelleren vielleicht schon um 11 oder 12 Uhr.
Wenn ihr auf die Felder kommt, sind die dann schon abgebrannt?
Eliud: Ja, die werden im Morgengrauen abgebrannt. Wenn wir zur Arbeit kommen, glimmen die Felder oft noch und es gibt Rauch. Dann müssen wir erst mal eine Bresche in das ganze Feld schlagen, damit der Vorarbeiter die Tagwerke abmessen und zuteilen kann. Das wird nicht bezahlt.
Und wer lädt das geschnittene Zuckerrohr auf die Lastwagen?
Rafael: Die Lastwagen der Zuckerfabrik kommen mit einem Ladekran. Wenn sie das Zuckerrohr gleich häckseln, haben die Lastwagen Container. Wir müssen das geschnittene Zuckerrohr in einer Reihe stapeln. Dazu schlagen wir erst mal eine Bresche in das Stück, das uns zugeteilt wird. Da wird dann das geschnittene Zuckerrohr gestapelt, so dass da am Schluss eine 16 Meter lange Schwade liegt.
Wenn ihr die Zuckerrohrernte mit der Kaffe- oder Baumwollernte vergleicht, welche ist physisch am anstrengendsten?
Eliud: Das Zuckerrohrschneiden, dann die Baumwolle; das Kaffeepflücken ist leichter.
In der Kaffeeernte arbeiten viele Frauen und Kinder. In der Zafra nicht?
Eliud: In der Zafra arbeiten auch Frauen. Ich kenne Frauen, die schneiden wunderbar Zuckerrohr. Zuletzt in der Hacienda von Gudal Francés waren zwei Frauen, die haben genauso schnell und viel wie wir geschnitten. Da gibt es keinen Unterschied. Aber in unserer Gesellschaft werden die Frauen diskriminiert, deshalb arbeiten in der Zafra nur wenige.
Aber keine Kinder.
Eliud: Doch, auch Kinder, aber die werden nicht aufgeschrieben, weil sie die Lohnschecks in der Bank nicht kassieren können. Die gehen mit den Erwachsenen, die helfen dem Vater oder dem Onkel oder dem Bruder.
Habt ihr in den letzten Jahren die zunehmende Mechanisierung der Zuckerrohrernte gespürt?
Rafael: Wo es keine Zuckerohrschneider gibt, verliert das Zuckerrohr an Qualität. Die Maschinen schneiden weiter oben und quetschen das Zuckerrohr dabei, so dass es Saft verliert. Wir hauen es mit einem Schlag ab, so weit unten wie möglich. Wenn man es weiter oben abschneidet, dann treibt es auch weiter oben und fällt beim ersten Sturm um. Die Häckselmaschinen sind noch schlechter, da verliert das Zuckerrohr noch mehr Saft.
Zur Zafra kommen Leute aus verschiedenen Orten. Aus eurem Viertel in Izalco zum Beispiel, gehen da viele zur Zafra?
Eliud: Ja, aber wir gehen nicht zusammen. Die einen gehen auf diese Hacienda, die anderen auf jene. In der Kooperative Los Largatos, die 420 Hektar Zuckerrohr hat, waren wir in der letzten Zafra 140 Leute und die meisten kennen sich untereinander, denn es kommen immer wieder die gleichen.
Und hat es bei der letzten Zafra Bemühungen gegeben, sich zu organisieren, um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu bekommen?
Eliud: Nein, aber ich bin 1996 Mitglied von ANTA geworden und ANTA kämpft um Land und um bessere Löhne bei den Erntearbeiten. ANTA kümmert sich auch um seine Mitglieder, die bereits Land erobert haben.
Wenn es während der Zafra einen Arbeitskonflikt gibt, ist es euch dann egal, ob es eine Kooperative ist oder ein Privatunternehmen?
Eliud: Ja, denn wir sind Zuckerrohrschneider.
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