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Zucker / ila 266
Amerika und die Amerikaner
Über Sprache, Kultur und Machtverhältnisse
von Günter Pohl
Vor einigen Jahren verwirrte ein ila-Redakteur einige Anglistik-StudentInnen, die eine Umfrage zum „Amerika-Bild der deutschen Studenten“ machten und zu diesem Zweck die TeilnehmerInnen eines Seminars baten, einen kurzen Fragebogen auszufüllen. Es wurde jeweils nach fünf amerikanischen Städten, Politikern, Künstlern usw. gefragt. Der Befragte schrieb: „Mexico D.F., São Paulo, Buenos Aires, New York, Montreal“; bei den Politikern: „Salvador Allende, Angela Davis, Fidel Castro, Evita Perón, Jean Bertrand Aristide“; bei den Künstlern: „Frida Kahlo, Gabriel García Marquez, Upton Sinclair, Heitor Villa-Lobos, Mercedes Sosa“. Während er Selbiges notierte, trat eine Umfragerin zu ihm und meinte, er habe da wohl etwas falsch verstanden, es ginge bei der Umfrage um das Amerika-Bild. Worauf er antwortete: „Genau“.
Amerika ist ein Kontinent, der im Sprachgebrauch in zwei geteilt wird: Nordamerika und Südamerika. Manche setzen noch Mittelamerika und selten auch die Karibik hinzu. 35 Staaten unterschiedlicher Größe sind in fünf Jahrhunderten durch die Grenzziehungen seit der Kolonisation entstanden.
Drei davon – Kanada, die USA und Mexico – bilden das geografische Nordamerika. Mexico, die süd- und mittelamerikanischen Staaten und meist auch die spanischsprachigen Karibikstaaten (Cuba. Dominikanische Republik) werden aufgrund der dort benutzten romanischen Sprachen als Lateinamerika bezeichnet; die Karibik ist geografisch eigenständig, die englisch-, französisch- und niederländischsprachigen Länder werden zuweilen Lateinamerika zugeschlagen, wenn dieser Begriff die wirtschaftliche Unterentwicklung bewerten will.Die lateinamerikanischen Länder haben ihre Namen häufig der Phantasie der Kolonialisten zu verdanken, die Personen oder Landschaften zu Grunde legten: Zum Beispiel ist Venezuela „das kleine Venedig“, Ecuador bezeichnet die Äquatorlinie, Kolumbien ist nach Kolumbus benannt, „Honduras“ sind Tiefebenen, El Salvador ist „Der Erlöser“ (der Christenheit), Argentinien das Silberland. Bolivien ist das einzige Land, das mit dem Bezug auf Bolívar dem politischen Fortschritt Rechnung trug. Zuweilen haben auch indianische Worte Pate gestanden, wie in Chile, Mexico oder Guatemala.
Und dann gibt es in Nordamerika Kanada sowie „God's own country“, das gern auf die Eingebungen des Schöpfers wartet und daher keine Mühe auf die Namensgebung verschwenden musste; den Zusammenschluss von mittlerweile 50 Gliedstaaten nannte man schlicht die „Vereinigten Staaten von Amerika“. Oder in ihrem eigenen Verständnis einfach: Amerika. Ein „Angriff auf Amerika“, den in Montreal oder Montevideo nicht viele spürten, war der 11. September in den Medien der USA und rund um den Globus, nicht aber in denen der anderen AmerikanerInnen, die das Land im Norden Vereinigte Staaten, Estados Unidos, nennen. „Amerikas Freiheit“ verteidigte Ronald Reagan gegen die amerikanischen Sandinisten im amerikanischen Nicaragua. Der von den USA 1948 initiierten „Organisation Amerikanischer Staaten“ durfte Cuba nach der Revolution nicht mehr angehören. Offensichtlich unamerikanisch sind die SandinistInnenen und die RevolutionärInnen Cubas, so wie es in den fünfziger Jahren auch viele
US-AmerikanerInnen waren, die vor den „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ des Senators McCarthy kamen. Identitätsstiftend für den Amerikanismus ist also, nicht der Gegenseite, der unamerikanischen (=linksgerichteten), anzugehören. Dieses Merkmal dient einer Einordnung sicherer als das Merkmal der ethnischen Abstammung, seit Schwarze in den US-Medien nicht mehr nur als potentielle Black-Panther-Mitglieder sondern auch als Vietnam-Veteranen wahrgenommen werden können, so wie heute auch die in den USA „Hispanics“ genannten LateinamerikanerInnen, die „für Amerika“ in der Wüste Iraks kämpften.
Vom Kampfbegriff des „Unamerikanischen“ ist es nicht weit zum „Antiamerikanismus“, der überall dort vermutet wird, wo von US-Regierungen, Militärs und Unternehmen begangene Verbrechen als solche benannt werden. Zur Durchsetzung ihrer panamerikanistischen Bestrebungen haben die verschiedenen US-Regierungen weltweit eine Vielzahl offener und verdeckter Aktionen gegen die Unabhängigkeit anderer Staaten durchgeführt, die auf den nächsten Seiten für Lateinamerika ausschnittsweise benannt werden. Diese Verbrechen sind so lange keine (und deshalb gilt ihre Benennung solange als blanker Antiamerikanismus), wie sie sich noch in der Durchführung befinden (Plan Colombia, konterrevolutionäre Bestrebungen gegen die cubanische Revolution und Putschpläne gegen die Regierung Chávez in Venezuela) oder wenn sie noch zu jung sind, um auf Grund der Gesetzeslage des „Freedom of Information Act“ zugegeben werden zu müssen (z.B. die mysteriösen Hubschrauber- bzw. Flugzeugabstürze, denen die Präsidenten Panamas, Omar Torrijos, und Ecuadors, Jaime Roldós, 1981 zum Opfer fielen). Nach der Bekanntgabe einer Verwicklung der US-Regierung oder des Geheimdienstes CIA in eine Aktion wie den Sturz des guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz 1954, die eben erst, am 15. Mai, offiziell von der US-Regierung eingestanden wurde, dient die Freiheit Amerikas vor dem kommunistischen Einfluss der Sowjetunion als Rechtfertigung. Vor nicht allzu langer Zeit wurde der staunenden Weltöffentlichkeit bekannt gegeben, dass der Sturz der Allende-Regierung in Chile Produkt einer CIA-Aktion war. Wer das vorher behauptet hatte, hatte als Kommunist oder Antiamerikaner zu gelten, gern auch beides. Als Lügner aber ganz sicher.
In Lateinamerika ist der Amerika-Begriff logischerweise anders besetzt als in den USA und dem Rest der Welt. Erstens gibt es unter den Indígenas, die unter den LateinamerikanerInnen neben Weißen und MestizInnen nur noch etwa 20 Prozent ausmachen, eine Minderheit, die den Lateinamerika-Begriff genauso wie den Amerika-Begriff ablehnt, da es keiner „Entdeckung“ und keines Amerigo Vespucci bedurft hätte, um ihrem Land einen Namen zu geben.
Zum Zweiten gibt es eine klare Unvereinbarkeit der lateinamerikanistischen Integrationsbestrebungen, die auf Simón Bolívars „Manifest von Cartagena“ von 1812 zurückgehen, mit den panamerikanistischen Visionen der USA, die heute in der Einrichtung der Freihandelszone ALCA gipfeln. Die Unvereinbarkeit wird nicht nur durch die nebenstehende Auflistung
(US-Interventionen) demonstriert, sondern auch durch die Tatsache, dass keine noch so kleine Liste lateinamerikanischer Invasionen, Destabilisierungsversuche oder Einmischungen in den USA existiert.
Und zum Dritten wird, wer selbst Amerikanerin oder Amerikaner ist – wie alle zwischen Alaska und Feuerland –, die Reduzierung von 35 Staaten auf einen einzigen, „Amerika“ genannten, wie sie in den USA selbst, aber in gleicher Weise auch in Europa vorgenommen wird, für Lateinamerika ob seiner eigenen Identität nicht hinnehmen können. Kehrt man diese Reduzierung um, so bedeutet sie gleichsam die Erweiterung der scheinbaren politischen Zuständigkeit jedes Einzelnen für alle Vorkommnisse in anderen Ländern Amerikas.
Der Umgang der europäischen Linken mit Gästen aus Lateinamerika bildet da keine Ausnahme. Mit größter Selbstverständlichkeit wird ein Cubaner zu Boliviens Kokabauernbewegung befragt, so wie eine Argentinierin zu Erklärungen des Zapatistenchefs Marcos oder ein Mensch aus der brasilianischen Landlosenbewegung zur Politik der FSLN-Leitung. Ein Kontinent, eine Erfahrung, eine Stimme. So als ob in San Francisco, Quito
oder Buenos Aires spontan ein Moldawier zum Fischfang in Norwegen oder eine Spanierin zu schottischen
Unabhängigkeitsbestrebungen referieren sollte. Der weit mehr als selbstbewussten, vielmehr präpotenten Anmaßung der US-Führungen (und leider auch der meisten US-BürgerInnen), sich selbst als „Amerika“ zu bezeichnen und damit ihrem Anteil an der materiellen Plünderung Süd- und Mittelamerikas und der Karibik den Raub der Identität folgen zu lassen, wird so von europäischer Seite, rechts wie links, unreflektiert entsprochen. Die Unterschlagung der Identität von 550 Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern, die nicht US-Bürger sind, ist die Rückseite der Medaille „Antiamerikanismus“. Hier werden sie ein zweites Mal Opfer.
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