aus
WTO / ila 265
Menems
letzter Triumph?
Der
erste Wahlgang der argentinischen Präsidentschaftswahlen
von Carlos Flaskamp
Bei
den Umfragen im Vorfeld der argentinischen Präsidentschaftswahlen, konnte
man es kaum glauben. Bei jeder Umfrage legte ausgerechnet Carlos Menem
stetig zu, peronistischer (PJ) Präsident in den neunziger Jahren und maßgeblich
Verantwortlicher für das Wirtschaftsdesaster der letzten Jahren. Und am
Wahlabend des 27. April lag er tatsächlich vorne. Mit gut 24 Prozent
siegte er im ersten Wahlgang und steht am 18. Mai in der Stichwahl gegen
den ebenfalls peronistischen Kandidaten Néstor Kirchner.
Beim
ersten Gang der argentinischen Präsidentschaftswahlen erreichte Carlos
Menem (neoliberaler Flügel der PJ) 24,36 Prozent der Stimmen, Néstor
Kirchner (Mittelinksflügel der PJ) kam auf 22,00 Prozent, Ricardo López
Murphy (neoliberale Rechte) 16,34 Prozent Elisa Carrió (Mittelinks)
14,14% Prozent und Adolfo Rodríguez Saá (national-gemischter PJ-Flügel)
14,12%.
Menems relativer Sieg im ersten Wahlgang ist eigentlich kein Erfolg. Als
Präsidentschaftskandidat erreichte er 1989 in der ersten Runde 47,5
Prozent und 1995 sogar 49,8 Prozent. Seine heutigen 24,36 Prozent bedeuten
in diesem Sinne seinen Abgang als PJ-Führer. Menem wird auf jeden Fall im
zweiten Wahlgang von Kirchner besiegt werden.
Dass Menem trotz der katastrophalen Folgen seiner neoliberalen
Wirtschaftspolitik noch fast ein Viertel der Stimmen bekam, bedarf
allerdings einer Erklärung. Worüber die Bevölkerung heute leidet, sind die
Folgen Menems Politik. Die schlimmsten Folgen zeigten sich aber erst,
als Menem nicht mehr an der Regierung war. Denn er hielt die
Wirtschaftsblase solange am Leben, bis er das Ruder übergab. Sein
Nachfolger de la Rua setzte Menems Wirtschaftspolitik fort und hielt die
Blase noch zwei Jahre, bis das System finanziell zugrunde ging. Und
diejenigen, welche die Zahlungsunfähigkeit erklären und die Währungsabwertung
beschließen mussten, waren die peronistischen Präsidenten, die das
Regierungsamt nach Dela Ruas Rücktritt übernahmen. Deshalb findet man
noch heute einfache Leute, die sagen: „Bei
Menem ging es uns besser als jetzt“.
Darüber hinaus hatte Menem zehn Jahre lang das Regierungsamt inne,
das er ausnutzte, um klientelistische Beziehungen im ganzen Land
aufzubauen, die ihm bei dieser Wahl nützlich waren. Er und seine korrupte
Umgebung beschafften sich aus dubiösen Mitteln genügend Geld, um die
kostspieligste Wahlkampagne zu finanzieren.
Wie verschieden ist sein Gegner in der Stichwahl? Als Gouverneur der ölreichen
Provinz Santa Cruz, war Néstor Kirchner ein gemäßigter Oppositioneller
zur Menems Politik, Dann versuchte er eine Mittelinksströmung innerhalb
der PJ aufzubauen. Schließlich ging er eine Koalition mit dem jetzigen Präsidenten
Eduardo Duhalde ein, dem wahren starken Mann der PJ. Kirchners Programm
entwickelte sich dadurch mehr zur „Mitte“ und weniger nach
„links“. Als Unterschiede zu Menem bleiben bei ihm eine stärkere
Betonung der Produktion im Gegensatz zur Finanzherrschaft, eine im Prinzip
nicht offen repressive Haltung gegenüber den Oppositionsbewegungen und
eine gewisse Autonomie zur USA in der Außenpolitik.
Bei den Wahlen am 14. Oktober 2001 gab es einen überraschend hohen Anteil
(etwa 25 Wahlen) sogenannter Wutstimmen
(„votas broncas“): man legte verschiedene Sorten von Protestnoten in
den Wahlumschlag. Diese Wutstimmen wurden überall als Ausdruck der
Ablehnung gegen die bestehenden parteipolitischen Verhältnisse
verstanden. Tatsächlich kam es gut zwei Monate danach zum Volksaufstand
vom 19. und 20.
Dezember 2001, der zum Rucktritt
des Präsidenten Fernando de la Rua führte.
Daraus entwickelte sich eine Welle der Volksbewegungen, die im Laufe des
Jahres 2002 erst stark wurde in Form von „Volksversammlungen“ (vor
allem in der Hauptstadt Buenos Aires) sowie durch eine Verstärkung der
Arbeitslosenbewegungen (piqueteros). Diese Bewegungen fanden aber keinen politischen
Ausdruck und in der zweiten Hälfte des Jahres 2002. Die Bewegung verlor
an Kraft und Mobilisierungsfähigkeit. Zu den Volksversammlungen kamen die
unorganisierten Nachbarn aus dem Barrio irgendwann nicht mehr. Bei vielen
Versammlungen blieben nur noch die AktivistInnen der linken Parteien, die
sich gegenseitig bekämpften. Andere Versammlungen nannten sich autonom und lehnten politische Parteien ab, wurden aber auch
stattdessen von parteipolitisch unabhängigen AktivistInnen kontrolliert.
Die Arbeitslosenbewegungen spaltete sich entlang der parteipolitischen
Zugehörigkeiten. Die Massen, die am 19. und 20. Dezember 2001 aktiv
waren, blieben dieser Organisationszentren fern. Die Linke in ihren vielen
Strömungen und auch andere, soziale Gerechtigkeit und außenpolitische
Selbständigkeit fordernde Strömungen, die es durchaus gibt, sind bis
jetzt unfähig, eine einheitliche Alternative zu bilden.
Zu den jetzigen Wahlen starteten verschiedene Gruppen von AktivistInnen
von Volksversammlungen und Arbeitslosenbewegungen eine Kampagne für die
Wutstimmen. Die Kampagne ist kläglich gescheitert. Weiße Stimmzettel und
für nichtig erklärte Stimmen (dazu zählen die Wutstimmen) erreichten
zusammen lediglich 2, Prozent der Stimmen. Dagegen stieg die
Wahlenthaltung, die entweder gar nicht oder nur von kleinen Randgruppen
unterstützt wurde: von zwei Millionen in 2001 auf fünf Millionen (20
Prozent der Stimmberechtigten) in 2003. Dabei muss man berücksichtigen,
dass in Argentinien Wahlpflicht besteht. Anscheinend weigert sich der
Protest, sich in organisierte Bahnen führen zu lassen.
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