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aus  La Música / ila 264

Rebellion mit dem Flügel
Leben und Musik der Francisca Edwiges Neves Gonzaga
von Rainer Huhle

Es gab immer Zeiten, in denen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung es möglich machte, tradionelle Rollen- und Geschlechterverhältnisse in Frage zu stellen. Doch brachen sie niemals von selbst auf. Es bedurfte immer Pionierinnen, die bereit waren, sich gegen Konventionen und Widerstände durchzusetzen und neue Wege zu gehen. In der brasilianischen Musik und Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts war eine solche Pionierin Francisca „Chiquinha“ Gonzaga.

In dem Brasilien, in dem Francisca „Chiquinha“ Gonzaga 1847 geboren wurde, herrschten noch Sitte und Anstand. Das Leben der besseren Gesellschaft bestimmte sich nach der Etiquette des kaiserlichen Hofes in Rio de Janeiro, die Schwarzen hatten ihren Platz als Sklaven auf den Fazendas oder in den Häusern der Weißen, und aus diesen Häusern hatten sich auch die Frauen möglichst wenig heraus zu begeben. Zur Sitte gehörte ebenfalls, dass die Herren Kinder außerhalb der Ehe zeugten und, wenn sie besonders gnädig waren, diese sogar legitimierten. Derart sittsam verhielt sich auch der junge kaiserliche Offizier José Basileu Neves Gonzaga, als 1847 seine Geliebte Rosa Maria de Lima, als „Mestizin“ bezeichnet, ihre Tochter Francisca zur Welt brachte. Aus der Beziehung wurde nie eine Ehe, aber der Vater erkannte die Tochter offiziell an, und so erhielt sie seine beiden Nachnamen. 

So viel Anstand erwartete der Vater dann selbstverständlich auch von der Tochter, über deren Ehrbarkeit er gründlich wachte. Die rebellischen Anwandlungen der hübschen sinhazinha wurden mit einer standesgemäßen Verheiratung im Alter von 16 Jahren beantwortet. Doch weder die gute Erziehung noch die frühe Ehe halfen. Unglücklicherweise hatte zu dieser guten Erziehung eines Fräuleins von Stand damals auch der Unterricht am Piano gehört. Der fachte bei der jungen Francisca derartige Begeisterung an, dass der nichtsahnende Vater ihr zur Hochzeit ein Klavier schenkte. Der Ehemann erkannte bald, wo die wahre Leidenschaft der Frau lag, die man mit ihm verheirat hatte, und stellte sie schließlich vor die Alternative: „Das Klavier oder ich.“

Was es bedeutete, dass sich Francisca Gonzaga, 22 Jahre alt und mittlerweile Mutter zweier Kinder, 1869 entschied, ihren Mann zu verlassen und sich allein durchzuschlagen, ist heute kaum noch vorstellbar. Ihr Vater verstieß sie in aller Form und selbst bei seinem Tod über 20 Jahre später weigerte er sich, die Tochter noch einmal zu sehen. Die Gesellschaft des ausgehenden Kaiserreichs kannte für die Frau nur zwei Rollen und Orte: die der Ehefrau und Mutter am häuslichen Herd – und allenfalls noch im Salon – oder die der Hure auf der Straße. Chiquinha Gonzaga muss das vollkommen klar gewesen sein. Dass sie sich – letztlich erfolgreich – zutraute, als professionelle Musikerin einen Ausweg aus diesen beiden Sackgassen zu finden, zeigt nicht nur, dass sie eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, sondern auch, dass das starre gesellschaftliche Gefüge des alten Brasilien bereits Risse zeigte. Jedenfalls fällt Chiquinha Gonzaga nicht ins Nichts. Sie muss wohl bereits einen Namen in der Musikwelt gehabt haben, und spätestens ihre Scheidung machte sie zu einer stadtbekannten Persönlichkeit.

Ihr weiteres Leben voller unkonventioneller Wendungen gab nicht weniger Anlass für das Interesse der Gazetten, und dass ihre Biografie erst vor wenigen Jahren Eingang in eine Telenovela fand, lag nicht an Chiquinha Gonzaga, sondern daran, dass die Telenovelas im 19. Jahrhundert eben noch gedruckt werden mussten. Auf Zeitungen wie „A Rua“ tauchte immerhin schon des öfteren ihr Foto auf. In den Großstädten des Landes gab es bereits eine nicht geringe Zahl professioneller Musiker, in deren Kreis sie schnell Aufnahme, Anerkennung und Förderung fand. Zeitungsanzeigen belegen, dass sie ihren Lebensunterhalt wohl in erster Linie mit Klavierstunden bestritt – auch dies ein Zeichen, dass die bessere Gesellschaft nicht mehr vollkommen verschlossen war. Einige Jahre lebte sie mit einem Mann zusammen, der wohl schon vor der Scheidung ihre große Liebe gewesen war. Auch von ihm und der gemeinsamen Tochter trennte sie sich nach einigen Jahren. 

1877 erscheint ihre erste gedruckte Komposition, eine Polka, der sie den herausfordernden Titel „A atraente“ – die Attraktive – gab. Es wurde der Hit des Jahres: Noch im gleichen Jahr erlebte die Partitur 15 Auflagen. War Chiquinha Gonzaga bis dahin vor allem als Pianistin anerkannt, so wurde sie nun eine gefeierte Komponistin. Und sie wusste den Erfolg zu nutzen. Geschickt mit ihrem skandalträchtigen Ruf spielend, gab sie auch ihren nächsten Kompositionen vieldeutige Bezeichnungen wie z.B. „Sedutor“ – Verführer; einer weiteren Polka gab sie sogar den provozierenden Titel „Não insistas, rapariga!“, was wohl mit „Lass mich in Ruhe, Hure“ zu übersetzen ist. Chiquinha Gonzaga schrieb diese Stücke für Klavier, und ihre Aufführung bei privaten Festen oder – seltener – bei öffentlichen Auftritten stellte nun eine neue wichtige Einkommensquelle dar, die allmählich die Klavierstunden überflüssig machte. Zugleich wurden solche Hits vielfach für Orchester und andere Besetzungen umgeschrieben, wobei die Komponistin in der Regel leer ausging. 

Später war Chiquinha Gonzaga daher eine der Vorkämpferinnen für die Autorenrechte von KomponistInnen. „A atraente“ erschien als „Polca“. „Sedutor“ hingegen, im gleichen Jahr publiziert, trägt als erste Komposition Chiquinha Gonzagas (und als eines der ersten Stücke in Brasilien überhaupt) die Bezeichnung „Tango“. Musikalisch ist der Unterschied nicht groß, die Komponisten der Zeit verwendeten die oft der Mode aus Übersee folgenden Genrebezeichnungen recht beliebig. Eines ihrer Stücke hat Chiquinha Gonzaga z.B. nacheinander als Polca, Tango und Chôro (typische Musik von Rio - die Red.) bezeichnet. Auch wenn über dem Stück „Fado“, „Modinha“ oder „Fandango“ stand, muss es nicht wesentlich anders geklungen haben. 

Wie schon die Titel wurden auch die Genrebezeichnungen mehr nach Vermarktungsgesichtspunkten gewählt als nach musikalischen Kriterien. Größer als die Unterschiede waren jedenfalls die Gemeinsamkeiten dieser neuen urbanen populären Stücke, die sowohl zum Tanz als auch zum Vortrag in den Salons und Restaurants geeignet waren. In dieser Musik flossen die verschiedensten Elemente europäischen, karibischen und – oft schon über Europa oder Cuba vermittelt – afrikanischen Ursprungs zusammen. Die schmissigen europäischen Zwei-Viertel-Takte von Polka oder Kontretanz wurden dabei immer auf die eine oder andere Weise synkopiert, wobei der „Cinquillo“ die zentrale rhythmische Figur war (d.h. fünf Noten auf Zwei Viertel, am verbreitetsten als kurz-lang-kurz-lang-lang). Im 19. Jahrhundert hatten diese Einflüsse eine relativ homogene Kultur gehobener urbaner Unterhaltungsmusik über ganz Lateinamerika geschaffen, und auch der Austausch vor allem mit Spanien und Portugal, aber auch mit Italien, war noch lebendig. Dies war die eigentliche Geburtsstunde der neueren lateinamerikanischen populären Musik, die sich in den einzelnen Regionen immer mehr ausdifferenzierte. Und in Brasilien gehörte Chiquinha Gonzaga zu den wesentlichen MusikerInnen, die aus diesen Ingredienzien einen nationalen Stil entwickelten. Einer ihrer Tangos taucht noch 1919 in der berühmten musikalischen Collage aus brasilianischer Musik „Le boeuf sur le toit“ auf, die der französische Komponist Darius Milhaud nach einem zweijährigen Brasilienaufenthalt in Paris für eine Revue schrieb.

Klavier spielen hatte Chiquinha Gonzaga noch als höhere Tochter gelernt. Dass sie nun als Interpretin und Komponistin von Klaviermusik großes Ansehen genoss, war auch ein persönlicher Triumph. Der wirkliche Erfolg für MusikerInnen war jedoch im Theater zu Hause, in den jährlich in Rio dargebotenen Revues und in der Oper bzw. Operette. Und dieser Erfolg war selbstverständlich, nicht nur in Brasilien, Männern vorbehalten. Nach ihrem Durchbruch als Komponistin kurzer Tanzstücke fürs Klavier studierte Chiquinha Gonzaga zunächst einmal, wie man für Orchester arrangierte und komponierte. 1883 fühlte sie sich versiert genug, Musik fürs Theater zu schreiben. Sie legte ihr erstes Stück vor – und scheiterte. Eine Operette, komponiert von einer Frau, kann kein Erfolg werden, erklärte der Theatermanager. Auch der nächste Anlauf im folgenden Jahr mit einem neuen Stück scheiterte. 1885 war es schließlich so weit. Chiquinha Gonzagas erste Bühnenkomposition, und damit die erste Komposition einer Frau im brasilianischen Theater überhaupt, wurde erfolgreich aufgeführt. Im gleichen Jahr gab es eine weitere Premiere: Als erste Frau dirigierte Chiquinha Gonzaga ein Orchester. Was auch heute noch ungewöhnlich ist, verstörte die offizielle Presse damals so sehr, dass ein Journalist öffentlich grübelte, ob es denn statthaft sei, nun von „maestra“ statt „maestro“ zu sprechen. Allen linguistischen Schwierigkeiten zum Trotz konnte sich Chiquinha Gonzaga auch als Dirigentin durchsetzen. Von nun an verging kaum ein Jahr, in dem nicht ein neues Stück der Komponistin auf den Bühnen Rios erschien. 

Zunächst aber kam Bewegung auf einer anderen Bühne auf. Schon 1880 hatte Chiquinha Gonzaga aktiv an sozialen Kämpfen in der Hauptstadt teilgenommen. Im Lauf der achtziger Jahre setzte sie sich mit allen ihr verfügbaren Mitteln und Kräften für die Abschaffung der Sklaverei ein. Als Hausiererin verkaufte sie ihre Notenblätter und spendete den Erlös für die gute Sache. Im Libretto ihres ersten Bühnenerfolgs wurde so heftig für die Abschaffung der Sklaverei agitiert, dass die Zensur einschritt. Als die Sklaverei schließlich 1888 offiziell abgeschafft wurde, gab es nicht nur für die SklavInnen, sondern durchaus auch für die Komponistin Chiquinha Gonzaga viel zu feiern. Popularität und Einkünfte stiegen in gutem Einklang. Doch die soziale Bewegung ging weiter, und auch an den Kämpfen für die Republik, die ein Jahr später ausgerufen wurde, nahm Chiquinha Gonzaga leidenschaftlich teil. Ihre Tangos hießen jetzt nicht mehr „Sedutor“, sondern zum Beispiel „Democrático“. Sie war nun berühmt genug, um in den politischen Grabenkämpfen nach der Revolution auch einen Haftbefehl zu überstehen. Das republikanische Theater brauchte sie ebenso wie das der Kaiserzeit. 1899 setzte die Komponistin Chiquinha Gonzaga einen weiteren Meilenstein in der Musikgeschichte Brasiliens. 

Mit dem Marsch „O Abre-Alas“ schrieb sie die erste spezifische Hymne für den Karneval von Rio. Im gleichen Jahr verliebte sich die 52-jährige und gab damit der Skandalpresse erneut reichlich Futter. Denn João Batista, der Mann, mit dem sie bis ans Ende ihres Lebens zusammenblieb, zählte 1899 gerade 16 Jahre. Wo immer möglich gab sie ihn als ihren Sohn aus, so auf ihren Reisen nach Lissabon, wo sie sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts einige Jahre aufhielt. Nach ihrer Rückkehr erlebte ihre Karriere am Musiktheater noch einmal einen großen Aufschwung. Mit der Burleske „Forrobodó“ feierte sie 1912 ihren größten Erfolg. Und mit dem Erfolg kam zur Popularität allmählich auch die gesellschaftliche Anerkennung. Selbst die „wilde Ehe“ mit dem jungen João Batista, der ja allmählich auch älter wurde, scheint gelassener hingenommen worden zu sein. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt wurde sie mit öffentlichen Ehrungen überhäuft. Viel ihrer unbändigen Energie steckte sie jetzt in den Aufbau der brasilianischen „GEMA“, der Sociedade Brasileira de Autores Teatrais. 

1935, mitten im Karneval, starb die uneheliche Mestizentochter Francisca Edwiges Neves Gonzaga hochangesehen in Rio de Janeiro. Zwei Jahre vorher hatte sie mit 86 Jahren ihr letztes Bühnenstück geschrieben. Ihr schwer erkämpfter doppelter Erfolg als Komponistin und selbständige Frau ist eine der schönsten Geschichten, die es aus Brasilien zu erzählen gibt. Schade, dass sie so unbekannt ist. Und dass es immer noch Autoren gibt, die Brasiliens große Komponistin nicht zur Kenntnis nehmen wollen. In der weitverbreiteten, immer wieder aufgelegten „História da música no Brasil” von Vasco Mariz kommt der Name Francisca Gonzaga nicht vor. Und hierzulande ist ein einziges Stück von ihr aufzutreiben: ihr berühmtester Tango „Gaúcho“, auf der CD „Brasiliana“ gespielt vom brasilianischen Pianisten Arnaldo Cohen (BIS-CD-1121). 

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