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La Música / ila 264
Digitale Killerbutter
MC Nalini rappt in Chile für Freiräume im HipHop
von Bianca Ludewig
In jeder Kleinstadt Chiles und besonders in Santiago bemerken aufmerksame HipHop-LiebhaberInnen sofort die Präsenz dieser Kultur. Zum einen durch Tags und Graffitis, zum anderen durch Breakdancer, die vor Einkaufszentren ihre Moves üben, und durch die Rapper, die an Straßenecken ihre Gedanken der Außenwelt in Reimform – Rap – präsentieren. Santiago ist einer der wenigen Orte in Chile, wo diese Bewegung auch Strukturen besitzt, wie z.B. HipHop-Läden, die auch immer eine Treffpunkt-Funktion haben. Hier stößt man auch auf eine seltene, aber selbstbewusste Spezies: Weibliche MCs – Frauen, die rappen.
In der Innenstadt von Santiago de Chile nahe des Plaza de Armas, wo Faschisten immer noch gerne Unterschriften sammeln, befindet sich das Einkaufszentrum „Eurocentro“. Dort, zwischen Skateboard-Shops, Internet-Cafés, Läden für Punkmusik und Tattoo-Studios fällt im dritten Stock ein Geschäft in's Auge, dessen Schild über dem Schaufenster „Kultura HipHop“ verkündet. Im bunten Schaufenster, in dem jeder Millimeter ausgefüllt ist, liegen Marker, Aufkleber, Zeitschriften und CDs von Rapgruppen aus aller Welt. Es gibt auch eine Ecke, in der unter einem Extraschild mit dem Hinweis „Kalimba – Chiles erstes unabhängiges HipHop-Label“ nur nationale HipHop CDs ausliegen. Auf einer CD ist der seltsame Name „Mantekilla Digital“ zu lesen. Ein anderes Cover mit einer Comicfigur fällt besonders ins Auge. Denn die Figur ist eine Frau und erweckt zusammen mit der gelben Aufschrift „Corrosivas“1 den Eindruck, dass die MCs weiblich sind. Ein Grund mehr, das Geschäft zu betreten.
Drinnen wird der Blick auf eine acht Quadratmeter große Farbenflut freigegeben. Ein deutsches Mädchen erklärt der Frau hinter dem Tresen, dass sie ihre eigene CD mitgebracht hat, um sie gegen die CD einer chilenischen Rapperin zu tauschen. Die sympathische Verkäuferin verweist auf die CD mit dem gelben Schriftzug im Schaufenster und erklärt der deutschen Rapperin, dass dies eine Freundin von ihr sei, deren CDs auf dem hauseigenen Label erscheinen. Außerdem würde sie gleich sowieso vorbeikommen. Kurz darauf betritt eine große, kräftige Frau mit
selbstbewusstem Blick, schwarzen schulterlangen Haaren und heller Haut die Tienda. Sie trägt Baggyshorts, Turnschuhe und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Mantekilla Digital“ – ihre Kette ziert ein Anhänger in Mikrofonform mit der Gravur „MC“, vor sich schiebt sie energisch einen Kinderwagen. Sie wird der Deutschen als MC Nalini von den Corrosivas und Mantekilla Digital vorgestellt. Die Frauen spielen sich gegenseitig ihre CDs vor und sind vor Freude ganz außer sich, ein weiteres Exemplar der seltenen Spezies „Rapperin“ getroffen zu haben. Sie beschließen sofort, gemeinsam ein Stück aufzunehmen.
Es war nicht immer so leicht, andere Frauen zu treffen, die rappen. Dass dies heutzutage in Chile einfacher ist, liegt auch an MC Nalini. Sie hat mit ihren verschiedenen Projekten – den Corrosivas, Demos Sapiens und Mantekilla Digital – die HipHop-Szene Chiles nachhaltig mitgestaltet und verändert. Und das trotz des Machismo, der ja in der HipHop-Szene und generell in Chile sehr extrem ist.
Dazu sagt MC Nalini: „Als Frauen haben wir unsere eigenen Anliegen, und vor allem einen eigenen Diskurs. Es wurde uns sehr schwer gemacht, mit dem Rappen anzufangen. Von den fünf, mit denen wir 1991 als Corrosivas anfingen, bin ich die Einzige, die noch rappt.“ Sie war und ist eine der Wenigen, die anderen chilenischen Frauen vorlebt, dass dies nicht unmöglich ist. „Es war mir immer wichtig, den männlichen Vorstellungen vom Leben und besonders von Rap eine Gegenantwort zu präsentieren“, erklärt Nalini. Für sie kam es nie in Frage aufzuhören, denn der Kampf gegen den männlichen Widerstand war längst zu einem persönlichen Kampf auf der Suche nach Respekt und Freiräumen geworden. Freiräume der persönlichen Entwicklung, die Frauen schon seit Jahrhunderten abgesprochen werden.
„Ich glaube, dass meine Überzeugungen mit der Zeit eine Rückkopplung an die Kraft und die Inhalte herstellen werden, für die schon andere Frauen in Chile gekämpft haben.“ So wie vorher ihre Schwester und ihre Mutter. Oder auch Gabriela Mistral, die chilenische Dichterin, die 1945 den Nobelpreis für Literatur erhielt, oder Gladis Marín, die Präsidentin der Kommunistischen Partei Chiles. Für sie symbolisieren all diese Frauen eine Antwort, da sie die Rolle der Frau in der Geschichte durch ihren Widerstand, ihre Gehorsamsverweigerung hinterfragten. Denn diese Frauen kämpften für das, was sie dachten und woran sie glaubten, und für das Recht, das zu tun, was sie aus eigener Berufung tun mussten, anstatt das zu tun, was man von ihnen erwartete. „Darum ging es uns auch bei den Corrosivas, vor zehn Jahren waren der Sexismus und die Widerstände, auf die wir stießen, noch viel extremer als heute, und ich denke, wir haben dazu beigetragen, dass sich die Situation für Frauen, wenn auch nur geringfügig, verbessert hat“, sagt Nalini.
Es ist 2 Uhr morgens und in dem Stadtteil Las Rosas sind aus einer Dachwohnung im vierten Stock lautes Lachen und Rapmusik zu hören. Ein Aufkleber an der Tür mit dem Schriftzug „Corrosivas“ ersetzt das Türschild. In der Wohnung sind zwölf RapperInnen aus verschiedenen Rapgruppen Santiagos. Vom Computer kommen die Instrumentals, über die irgendwie alle auf einmal rappen. Gerade läuft ein Instrumental von Mantekilla Digital, das eigentlich nur für drei MCs gedacht ist, aber da alle ihre Stücke durch die vielen gemeinsamen Auftritte und Projekte auswendig können, werden einfach alle Stücke zu zwölft gerappt. Von dem männlichen Stimmengewirr hebt sich Nalinis kräftige weibliche Stimme ab. Alle haben ein Dauerlächeln, leuchtende Augen und eine Art Glühen im Gesicht. Rappen scheint glücklich zu machen, erst recht zu zwölft.
Und das, obwohl die Texte und Beatz oft alles andere als positiv oder lustig sind. Mantekilla Digital, das sind MC Nalini und ihr Freund Chico A. Ihre Musik beschreibt sie selbst als apokalyptisch, sonderbar, psychedelisch und avantgardistisch. Die Beatz sind eine Mischung aus modernen Elementen und Samples alter, auch traditioneller chilenischer Musik und erinnern an melancholischen französischen HipHop. In ihren Texten versucht sie die dunkle menschliche Seite und ihre Destruktivität zu beleuchten. Es geht auch viel um Ängste. „Ich beschäftige mich gern mit dem Zusammenspiel von Positivem und Negativem, und wir versuchen in unseren Texten bewusst verschiedene Sichtweisen auf das menschliche Dasein zu entwerfen. Wir analysieren gerne, und das ist oft verbunden mit viel Ironie“, sagt MC Nalini. Ihr Stil gehört zur neuen Schule des chilenischen Rap. Die nueva escuela versuchte zu Anfang der 90er Jahre, stilistisch neue Wege zu beschreiten, abseits des US-amerikanischen Vorbildes.
Zehn Jahre sind eine lange Zeit im Leben einer 27-Jährigen, und auch in der 20 Jahre jungen Geschichte einer musikalischen Bewegung in Südamerika. In der Entwicklung der HipHop-Bewegung Chiles und der Corrosivas gab es Hoch- und Tiefpunkte. Die Corrosivas waren damals auch Teil der Organisationsgruppe Demos Sapiens, einer der ersten HipHop Crews überhaupt in Santiago. Einige Graffitiwriter, B-Boys und Rapper schlossen sich zusammen, um die fehlenden Strukturen dieser Szene auf- und auszubauen. Bei diesem Zusammenschluss waren auch viele Rückkehrer aus Europa dabei, die ihre musikalischen Einflüsse und Erfahrungen mit einbrachten. Dazu gehörten auch Mitglieder der bekanntesten und erfolgreichsten HipHop-Gruppen Chiles: Tiro de Gracia, Tapiarabiajackson und Makiza (heute Nemisis). „Wir rappten auch gemeinsam, aber in erster Linie organisierten wir gemeinsam HipHop-Events und Konzerte in Santiago, denn zu dieser Zeit gab es hier wenige Angebote. Wir waren damit auch sehr erfolgreich und machten uns schnell einen Namen“, sagt Nalini. Als 1996 Tiro de Gracia mit ihrem Album „Ser Humano“, auf dem auch das Stück „Combo 10“ ist, bei dem MC Nalini und andere Demos Sapiens-Mitglieder rappen, einen Majorvertrag bei EMI bekamen und von MTV promoted wurden, zerfiel die bis dahin gemeinschaftliche HipHop-Szene Santiagos. Konkurrenz und Rivalität kamen auf. Die Atmosphäre veränderte sich, und Streit, Schlägereien und unkorrektes Verhalten wurden bei Veranstaltungen zum Regelfall.
Diese Veränderungen machten sich auch bei Demos Sapiens bemerkbar. MC Nalini und ihre Rapkollegin wurden immer häufiger mit Sexismus und Machismo konfrontiert. Das waren sie irgendwann leid, und als noch andere Streitpunkte hinzukamen, stiegen sie aus und konzentrierten sich ganz auf ihr eigenes Vorhaben. Insgesamt sieben Jahre lang spielten sie bei verschiedenen Jams und Konzerten in ganz Chile. Als die Corrosivas vor drei Jahren auf dem Höhepunkt ihrer musikalischen Aktivitäten angelangt waren und ihr Album endlich rauskommen sollte, verabschiedete sich Nalinis Partnerin von ihr und dem Rap und ging nach Frankreich. Nalinis Freund, Chico A, passierte Ähnliches. Seine Gruppe, die Nativos, kamen zu einem klischeehaften und plötzlichen Ende, als einem Mitglied in die Hand geschossen wurde und ein anderer ins Gefängnis musste. Die Lösung eines Problems kann oft sehr nahe liegen, wie im Fall von MC Nalini und Chico A. Sie rappten einfach zusammen weiter, was sie in der Vergangenheit auch schon gelegentlich getan hatten. Als Mantekilla Digital ging man weniger romantischen Duetten nach, sondern verfolgte unkonventionellere Stilmittel und Texte, mit denen die sinnentleerte Rapmusik wieder mit Inhalten gefüllt werden sollte.
Ihr Ziel war es, dass aus ihren Erfahrungen etwas Konzeptionelleres und Experimentelleres entsteht. Etwas mit mehr Bewusstsein. Eine Quintessenz aus Nativos und Corrosivas. Verbal oder nominal ist Mantekilla Digital, die digitale Killerbutter, zumindest nicht die Quintessenz der Vorgänger. Wie kommt man zu so einem Namen? Die Antwort ist naheliegender, als man vermuten könnte: Die Zeiten waren finanziell nie rosig für die beiden. Weil sie sich wochenlang nur von Nudeln, Brot und Butter (mantequilla) ernährten und den beiden meistens beim Aufmachen des Kühlschranks nur eine Packung Butter entgegenblickte, nannten sie sich Mantekilla Digital. Außerdem hatten beide eine Affinität für Butter, Nalini fand Butter als Kind schon toll und schmierte sich damit möglichst flächendeckend ein.
Und „Digital“: Weil sie sich gezwungenermaßen – statt über Essen – rappenderweise über digitale Beatz hermachten. Heute gibt es zwar meist mehr im Kühlschrank, denn ihr Kind kann sich noch nicht von Beatz und Raps ernähren, aber das Bestreiten des Lebensunterhaltes ist jeden Tag von neuem ein ungewisses Abenteuer, wie für die meisten
ChilenInnen.
Dies ist eigentlich auch der einzige Streitpunkt, der die beiden als Gruppe und Paar oft beschäftigt: Wo soll das Geld morgen herkommen, wofür soll es genutzt werden? „Wir haben einen Lebensweg mit wenig Sicherheit gewählt. Wenn man hier in Chile Musiker oder Künstler sein will, finden die Leute das sehr seltsam, umso mehr, wenn man versucht damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist nicht immer leicht, sich gegen diese gesellschaftliche Stigmatisierung zu behaupten, und ganz besonders dann nicht, wenn mal wieder gar kein Geld da ist.“ Aber irgendwie gibt es doch immer eine Lösung, und gerade in Chile ist man in existenziellen Dingen sehr erfinderisch.
Heute kann Nalini etwas Geld bei ihren FreundInnen im HipHop-Laden verdienen. In dem winzigen Laden im Eurocentro ist es mindestens 35 Grad heiß und die Luft steht, trotz Ventilator. Nalini erzählt einem Freund von ihrem Sampler-Projekt. Es soll ein Sampler mit ausschließlich weiblichen MCs sein. Ihr Kollege versteht nicht, warum nicht auch Rapper dabei sein können. Sie erklärt ihm, dass die wenigen rappenden Frauen keinen Ort haben, um sich zu treffen, zu motivieren oder ihre Ideen zu teilen. Deshalb soll es zumindest eine Compilation geben, mit der dies versucht wird. Der Rappero will wissen, wer denn überhaupt dabei ist und ob es überhaupt genügend Frauen gäbe. Nalini zählt einige chilenische Rapperinnen auf, darunter Mistika von Mama Soul, dann soll auch noch eine Argentinierin und eine Deutsche dabei sein. Eine Deutsche? Nalini erklärt ihm, sie habe neulich eine deutsche Rapperin
kennen gelernt und mit ihr zusammen gleich ein Stück aufgenommen. Sie holt eine CD aus ihrer Tasche und legt sie in den Player: „Wir vermischen unsere Realitäten und Mentalitäten / und werden durch unsere Musik weit kommen / denn wir bleiben unserer Sache verpflichtet / das ist unsere Kosmovision ... Mit HipHop sind wir vereint / so wie Schwestern / denn wir kommunizieren und analysieren / in Santiago kreiere ich / auf Spanisch reflektiere ich / seit 1991 partizipieren wir / generieren wir / und in 2002 wachsen wir…“
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