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aus Wasser GmbH / ila 263

Friedhof ohne Kreuze
Zur Situation an der guatemaltekisch-mexicanischen Grenze
von Juan Balboa

Für MigrantInnen ohne Papiere aus Mexico, Mittel- und Südamerika und zunehmend auch aus Afrika und Asien ist es in den letzten Jahren immer schwerer geworden, über die Grenze von Mexico in die USA zu kommen. Seit Beginn des „Programa Guardián“ vor neun Jahren unter der Regierung Clinton sind mehr als 3000 Menschen bei dem Versuch umgekommen, über diese Grenze zu gelangen. Seit die US-Regierung mit jener von Guatemala ein Abkommen geschlossen hat mit dem Ziel, MigrantInnen möglichst schon im Vorfeld abzufangen, hat sich auch die Situation an der Grenze zwischen Guatemala und Mexico verschärft. Indem sich Drogenkartelle aus Kolumbien, Guatemala und Mexico ebenfalls an dieser Grenze breitgemacht haben, ist eine explosive Mischung von Drogen- und Menschenhandel und Prostitution entstanden, die täglich Todesopfer fordert. Darüber berichtet der folgende Artikel.

Morgens um drei Uhr erwacht Tecún Umán: Die verwaisten Straßen der kleinen Stadt im Norden Guatemalas, die auch La Tijuanita genannt wird, füllen sich mit Leuten aus El Salvador, Honduras, Guatemala und Panama, die schweigend zum Suchiate-Fluss ziehen, der hier die Grenze zu Mexico bildet. Das Abenteuer, bis in die Vereinigten Staaten zu gelangen, beginnt für sie. José Reynando Rivas, Reny Alexis Blas und Kevin Josué Martínez, drei junge Salvadorianer, die um vier Uhr die Pension in der Segunda Avenida, in der sich die Hotels für die MigrantInnen konzentrieren, verlassen hatten, gingen zur internationalen Brücke und waren drei Stunden später am Rande von Ciudad Hidalgo im mexicanischen Bundesstaat Chiapas, wo sie auf einen Bananen-Laster stiegen, der sie nach Juchitán, Oaxaca, bringen sollte. Sie kamen nie an. Die drei Salvadorianer gehören zu den über 200 000 MittelamerikanerInnen ohne Papiere, die jedes Jahr den Suchiate überqueren und ebenso zu den 3000, die nach Angaben des Nationalen Institutes für Migration (INM) wöchentlich in ihre Herkunftsländer deportiert werden.

Auf der guatemaltekischen Seite streiten sich 200 „polleros“ (Schlepper), die in mindestens 50 Banden organisiert sind, um das Geld der ca. 20 000 Personen verschiedener Nationalität, die die Wanderbevölkerung im Departement San Marcos bilden, und bringen täglich 700 von ihnen über den Fluss. Auf der mexicanischen Seite transportieren improvisierte Reisebüros in den 20 Landkreisen der chiapanekischen Regionen Costa, Sierra, Soconusco und Altas de Chiapas wöchentlich über 3000 Menschen aus diesen Regionen in den Norden, wo sie, so wird ihnen versprochen, Arbeit in multinationalen Firmen wie Hitachi, Panasonic, JVC, Pioneer und Sony finden werden.
Der Verfall der Kaffeepreise, das Fehlen von produktiven und sozialen Programmen der Regierungen in Chiapas und in der Union und die schwere Wirtschaftskrise, die seit der Naturkatastrophe von 1998 (Hurrikan „Mitch“) in diesem Bundesstaat herrscht, haben zu einer massiven Abwanderung in die USA geführt, wo in den letzten zweieinhalb Jahren wieder verstärkt MittelamerikanerInnen deportiert wurden.

Huixtla, zwischen Sierra Madre und Pazifikküste gelegen, verändert sich langsam. Viele Menschen, die in diesem traditionellen Kaffeestandort in Chiapas bislang Kaffee produziert und gehandelt haben, haben sich dem Reisegeschäft in den Norden Mexicos zugewandt. In zahlreichen Landkreisen der Sierra und des Soconusco sind Kaffeelager und Exporthäuser in Reisebüros und Bushaltestellen verwandelt worden. Für 1500 Pesos (ca. 150 Euro) bieten sie Reisen in den Norden an. Die neuen Reisebüros schießen überall in Chiapas aus dem Boden. In den letzten drei Jahren sind ca. 80 gegründet worden. Sie kümmern sich um die ca. 150 000 Chipanecas und Chipanecos, die sich jährlich auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen auf den Weg in die USA machen.

Die neue chipanekische Migration ist zu einem ernsten Problem für die Regierungen des Staates und der Landkreise und für die Verantwortlichen der Ejidos geworden, die zusehen müssen, wie ihre Bevölkerung wöchentlich weiter schrumpft. Die Bürgermeister von Huixtla und Tapachula und der Gouverneur des Bundesstaates Chiapas räumen ein, dass ihnen diese Entwicklung Sorge bereitet. Sie weisen auf die Folgen der Migration für die landwirtschaftliche Produktion hin und fordern dringend staatliche Hilfsprogramme, um Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. Der Staatsminister im Präsidialministerium, Emilio Zebadúa González, findet ebenfalls, dass die Situation außerordentlich schwierig geworden ist: „Unglücklicherweise leiden viele Indígenas, Bäuerinnen und Bauern in Chiapas unter den Folgen des Preisverfalles der landwirtschaftlichen Produkte. Insbesondere der Verfall des internationalen Kaffeepreises hat zu einem gewaltigen Kaufkraftverlust der KaffeeproduzentInnen geführt.“ Zebadúa, der für die Innenpolitik zuständig ist, ist davon überzeugt, dass nur Entwicklungsprogramme mit hohem sozialen Gehalt die Grenzen zu schützen und den BewohnerInnen der Region Alternativen zu bieten vermögen.

In den Wüsten der Vereinigten Staaten hat es die ersten toten MigrantInnen aus Chiapas gegeben. Das INM und die Bundesregierung haben bestätigt, dass im ersten Quartal 2002 der Tod von mindestens 23 MigrantInnen aus Chiapas bekannt geworden ist. Mitte Juli 2002 sind die Namen von drei Bauern aus Teopisca in der Region Los Altos bekannt geworden, die am 31. Mai aufgebrochen waren und in der Wüste von Arizona umkamen.
Was für MigrantInnen aus Chiapas erst der Beginn ist, ist für jene aus Mittelamerika seit langem Realität. Nach offiziellen Daten gibt es eine Liste von 25 000 MittelamerikanerInen, die beim Versuch, den amerikanischen Traum zu verwirklichen, verschwunden sind – darunter 10 000 SalvadorianerInnen und 8000 HonduranerInnen.
Auch die Grenze zwischen Mexico und Guatemala ist zu einem Friedhof ohne Kreuze geworden: vom Zug überfahrene SalvadorianerInnen, auf den Straßen zwischen Ciudad Hidalgo und Tapachula erstochene GuatemaltekInnen, von kriminellen Banden wie der „Mara Salvatrucha“ vergewaltigte und ermordete Frauen, gefolterte und mit Macheten erschlagene HonduranerInnen, in Ciudad Hidalgo erschossene IranerInnen… die Tragödie der MigrantInnen an der Südgrenze. 

Das guatemaltekische Konsulat in Tapachula registrierte 2001 134 getötete und mindestens 100 verschwundene Landsleute. Die Zahlen des salvadorianischen Konsulates sind ähnlich. Beamte der Bundespolizei führen die Liste der Erpresser von Leuten ohne Papiere an, gefolgt von Polizisten des Bundesstaates Chiapas. Der Staatsanwaltschaft liegen 24 entsprechende Anzeigen vor. Die SalvadorianerInnen Cristóbal Flores Durán, Fidel Morales de Pinera, Alba Areli Morales Valles und Anacleto Flores wurden in Huixtla von Beamten der Bundesanwaltschaft überfallen. Sie raubten den MigrantInnen 300 US-$. Im Landkreis Cintalapa erpressten Beamte derselben Institution vier andere SalvadorianerInnen um 5000 US-$. Erpressungen von MigrantInnen ohne Papiere durch Beamte der staatlichen Sicherheitsorgane sind an der Grenze zu Guatemala an der Tagesordnung. MitarbeiterInnen des dortigen MigrantInnenzentrums versichern, dass MigrantInnen ohne Papiere ausgebeutet, ermordet, verletzt, ausgeraubt, vor allem aber von Sicherheitskräften auf beiden Seiten der Grenze erpresst werden.

Nachts zieht Edy Alexis in Tecún Umán durch Kneipen und Bordelle und verkauft Betrunkenen und Prostituierten Kokain. Edy ist ein Salvadorianer, dem es nach sechs Versuchen gelang in die USA zu kommen, wo er in Los Angeles beim Kokaindealen erwischt, verhaftet und deportiert wurde. Süchtig wie er war ging er nach Tecún Umán und ist dort seither Händler eines der 10 wichtigsten Drogenkartelle, die den Kokain- und Heroinhandel in die USA sowie den Menschenhandel und die Prostitution an der Grenze am Fluss Suchiate kontrollieren. Tecún Umán und Coatepeque im guatemaltekischen Departement San Marcos und die chiapanekischen Landkreise Ciudad Hidalgo, Tapachula und Cacahoatán sind wichtige Operationszentren von zehn der kolumbianischen, mexicanischen und guatemaltekischen Drogenkartelle.

Ein Netz von ca. tausend Personen, überwiegend Prostituierte und Leute ohne Papiere und seit drei Jahren auch Kinder, transportieren die Drogen täglich über die Grenze nach Mexico und in die USA.
Mindestens weitere 500 Personen verkaufen den Stoff in Bars, Hotels, auf öffentlichen Plätzen und in Schulen der Region auf beiden Seiten der Grenze. Edy Alexis ist einer von ihnen – und einer der 50 000 MittelamerikanerInnen und MexicanerInnen, die entlang der 900 km langen Grenze zwischen Guatemala und Mexico Drogen konsumieren.
Am 23. Juli 2002 fand die erste große Operation von Sicherheitskräften aus Guatemala, Mexico und den Vereinigten Staaten gegen die Kartelle an der Südgrenze statt. Der chiapanekische Landkreis Arriaga an der Grenze zum Bundesstaat Oaxaca und Tecún Umán sind im Südwesten die beiden wichtigsten Korridore des Kokainhandels. Die mexicanischen Kartelle, vor allem aus Chihuahua, Bajo California, Sinaloa und Jalisco, benutzen diese Korridore, um die Drogen in Lastwagen, Autobussen und mit Kurieren – Leuten ohne Papiere, junge Frauen und Kinder – in den Norden zu schaffen.

In den Landkreisen an der Küste von Chiapas haben viele die Landwirtschaft und die Fischerei aufgegeben, um in die USA abzuwandern oder sich im Drogenhandel zu betätigen. Neben den genannten Korridoren sind die Lagunen und Dünen an dieser Küste und die vorgelagerten Inselchen beliebte Umschlagplätze der Narcos und der Menschenhändler. Vertreter der guatemaltekischen Drogenbekämpfungsbehörde, der Generalstaatsanwaltschaft und der Kriegsmarine von Mexico erklären, dass durch dieses Gebiete am Pazifik die wichtigste Route des Drogenhandels auf mexicanischem Territorium läuft – wichtiger als jene am Golf von Mexico.

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