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Wasser GmbH / ila 263
Aufpassen wie ein Luchs
Fairer Handel und Gentechnologie
von Gregor Kaiser und Elmar Schulze Messing
Der so genannte „Faire“ oder „Alternative“ Handel hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit ProduzentInnen von in der Regel klassischen „Kolonialwaren“ (Kaffee, Zucker, Tee, Gewürze etc.) gerechter zusammenzuarbeiten. Das bedeutet, für die Produkte, die in der Regel für den Export angebaut wurden und werden, sollen „faire Preise“ gezahlt werden, die zum einen das Überleben der Bäuerinnen und Bauern ermöglichen und zum anderen auch Perspektiven der Diversifizierung und der gemeinschaftlichen Entwicklung ermöglichen (vgl. ila 199). Darüber hinaus soll(t)en aber auch alternative Strukturen hierzulande geschaffen und Denk- und Konsummuster aufgebrochen werden. Natürlich ist auch der „Faire Handel“ keine Insel, sondern muss auf Entwicklungsprozesse in Industrie und Landwirtschaft reagieren, wie das Beispiel Gentechnologie zeigt.
Der Alternative Handel ist ein primär ländlicher Ansatz, der denjenigen, die noch Land zum Bebauen haben, eine Zukunft vor Ort erlaubt, auch wenn einige Vorzeigeprodukte (El Ceibo-Kakao aus Bolivien,
Mascobado- Vollrohrzucker von den Philippinen) in den Metropolen der Region weiterverarbeitet und so
Einkommensmöglich- keiten für Marginalisierte geschaffen werden. Ökologie und die Landfrage spielen somit im Alternativen Handel eine wichtige Rolle. Die Auswirkungen (welt-)politischer Entscheidungen betreffen selbstverständlich auch die HandelspartnerInnen des Alternativen Handels. Immer wieder werden daher begleitende Themen aufgegriffen, in den Gruppen und Weltläden thematisiert und es wird versucht, diese an die KundInnnen zu vermitteln.1 Aktuell spielen die Themen Patente und Gentechnologie eine wichtige Rolle: Mit dem Vordringen genmanipulierter Soja z.B. in Form von Emulgatoren waren/sind auch weiterverarbeitete Produkte des Alternativen Handels betroffen (z.B.
Schoko- Crèmes, Instant-Kakaos oder Schokoladen). Im Streit um das „Basmati-Patent“ stellt sich die Frage nach der Rolle von geistigen Eigentumsrechten (TRIPS-Abkommen)2 in der Welthandelsorganisation WTO.
Um diese Themen aufzugreifen und offensiv um Alternativen zu streiten, haben verschiedene Alternative Handelsorganisationen sich versichert, dass zum einen ihre verwendeten Emulgatoren „gentechnikfrei“ sind, oder sie haben auf diese ganz verzichtet. Der weitergehende Versuch von El Puente in Kooperation mit Oxfam wereldwinkel (Belgien), das Sojalezithin aus einem thailändischen Projekt zu beziehen, wurde leider wieder aufgegeben. Zum anderen hat beispielsweise die gepa mit dem BUND das Siegel „Ohne Gentechnik“ entwickelt und verwendet es auf Schokoladen und auf Reissorten. Gerade auf Letzteren ist es zum Politikum geworden, weil der Landkreis Rhein-Lahn in Rheinland-Pfalz darin eine „Irreführung von Verbrauchern“ sieht. Das Siegel suggeriere, dass vergleichbare Produkte gentechnisch verändert seien, obwohl genmanipulierter Reis bisher in der EU nicht zugelassen sei. Mittlerweile hat das Oberlandesgericht Koblenz jedoch entschieden, dass durch eine positive Auslobung „Ohne Gentechnik“ eine Wahlfreiheit für die VerbraucherInnen hergestellt wird, da es vielen VerbraucherInnen nicht nur darum geht, dass bestimmte Produkte keine nachweisbaren Spuren von Gentechnik enthalten, sondern auch dass Firmen Gentechnologie prinzipiell und aktiv ablehnen und somit weder in Anbau noch in der Weiterverarbeitung überhaupt zur Anwendung kommt.
Die Förderung kleinbäuerlichen Reisanbaus und die aktive Ablehnung großtechnischer Lösungen zur Ernährung der Weltbevölkerung spielt in der aktuellen „entwicklungspolitischen Diskussion“ eine wichtige Rolle, gerade in Anbetracht der massiven medialen Aufbauschung der Möglichkeiten des sogenannten „Goldenen Reis“. Auch das in Bonn ansässige Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) macht massiv Werbung für dieses Produkt, welches Vitamin-A-Mangel beheben helfen soll. Jedoch müssen von eben diesem Reis Erwachsene mindestens 1,5 kg pro Tag essen, um eine 100% Versorgung mit Vitamin A zu erreichen. Andererseits reichen schon wenige Löffel gelbe Süßkartoffel oder eine kleine Mango aus, den Tagesbedarf zu decken. Die Entwicklung dieses Reis ist mit öffentlichen Forschungsmitteln gefördert worden – heute gibt es bereits rund 70 Patente, die die
Nutzungsmöglich- keiten stark einschränken. Klar ersichtlich ist an diesem und anderen Beispielen, dass nicht entwicklungspolitische oder hunger- und armutsbekämpfende Ziele im Vordergrund stehen, sondern die Erschließung neuer Märkte und die Kommerzialisierung von zuvor frei zugänglichen Saatgut und Nahrungsmitteln.
Gerade hier ist auch ein Ansatzpunkt für eine Kampagne gegen Gentechnik und Patente: Es muss deutlich werden, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel politisch gewollt sind, um neue Märkte zu erschließen, und dafür viel Geld in PR-Arbeit und „Risikobegleitforschung“ gesteckt werden, die die Vorteile für die Hungernden der Dritten Welt bezeugen und die WohlstandsbürgerInnen des Nordens als das Problem hinstellen, die den Armen die billigen Nahrungsmittel vorenthalten.3
Gentechnologie ist teuer, ist eine Hochtechnologie, die trotzdem seit Jahren gepuscht wird. Warum? Welche Interessen liegen dahinter?
Das Hungerproblem der Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt ist nicht primär in einer unangepassten Technologie begründet. Die Probleme liegen vielmehr im (fehlenden) Zugang zu Land, in der (politisch geförderten) Orientierung auf Exportproduktion statt auf
Grundnahrungsmittel- produktion für die Bevölkerung, dem Zurückdrängen von Kleinbauern in nicht so ertragreiche Gebiete etc.
Alternativer Handel setzt hier auf ökologische, gemeinschaftliche und diversifizierte Produktion. Über deren Förderung hinaus sollte eine Kampagne gegen Gentechnologie die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Förderer dieser Herrschaftstechnologie durchaus offensiv benennen. Gerade die dazu geplante NRW-Kampagne für Fairen Handel kann da ein leichtes Gegengewicht schaffen zu den Millionen, die das Land in die Förderung des Gentechnikstandortes gesteckt hat.Die Unterstützung und Schaffung von alternativen Produktionswegen wird ja bereits betrieben. So wird z.B. der Basmati-Reis der gepa von indischen Kleinbauern produziert. Diese werden von der Stiftung Navdanya beim Anbau und der Vermarktung des Reises unterstützt. Die Stiftung mit ihrer Gründerin Vandana Shiva setzt sich für den Erhalt traditioneller Reissorten ein und engagiert sich gegen Biopiraterie und die Patentierung von Leben (s. Buchtipp). Die Förderung dieser kleinbäuerlichen und explizit gegen den herrschenden Zeitgeist gerichteten Strukturen ist mehr denn je wichtiges Merkmal eines auch politisch-ökonomisch alternativen Handels.
Gerade die beim Basmati- oder auch Jasmin-Reis wichtige Frage nach der Patentierung von Leben wird zur Zeit vom gepa-Gesellschafter Misereor in der Fastenaktion 2003 aufgegriffen. Auch wenn diese in einigen Punkten zu kurz greift, ist es dringend notwendig, diese Kampagne zu unterstützen und im Rahmen des Alternativen Handels als „Startschuss“ für eine intensivere Beschäftigung mit einem größere Bedeutung erlangenden Thema zu sehen. Der hoffentlich noch in diesem Jahr angestoßene Kampagnenteil Gentechnik und Patente der LAG3W kann an diese Vorarbeiten anknüpfen, sollte aber noch stärker auf die Macht- und Herrschaftslogiken der Gentechnik eingehen. Kein Patent auf Leben und die Frage nach dem „geistigen Eigentum“ und seinem Wert wird die Akteure des Alternativen Handels daher wohl noch länger beschäftigen; es bleibt zu hoffen, dass die ökonomischen Grundlagen dabei ebenfalls thematisiert werden und nicht nur gentechnikfreie Produkte als Wettbewerbsvorteile gesehen und beworben werden.
1) z.B. Scheitern des Internationalen Kaffeeabkommens,
Kakaobutter-Ersatzstoffe der EU, KleinbauerInnen und WTO im Rahmen der
Kampagne "Land macht satt"
2) TRIPS: trade related intelectual property rights (Handelsbezogene
geistige Eigentumsrechte)
3) Vergleiche Artikel M.Sommer in j.w. vom 11.11.02 www.jungewelt.de
Siehe auch : Biopiraterie
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