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Im Tal der Globalisierung
Kinderarbeit auf mexicanischen Exportplantagen
von Manfred Liebel
Was wissen wir über die politischen und ökonomischen Zusammenhänge von Kinderarbeit? Was bringt Kinder in diese Situation? Was wissen wir darüber, wie die arbeitenden Kinder selbst ihre Situation beurteilen und mit ihr umgehen? Solchen Fragen wurde bisher weder in den Medien noch in der Forschung besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Herumgesprochen hat sich bei uns, dass Teppiche aus Indien, Pakistan oder Marokko und manche Billigtextilien aus Fernost von Kinderhänden gefertigt werden. Einigen mag auch bekannt sein, dass die Orangen, die als Saft unser Frühstück versüßen, in Brasilien oder in anderen tropischen Regionen unter heißer Sonne, in großer Eile und für dürftigen Lohn von Kindern gepflückt werden. Manche Kampagne und mancher Zeitungsartikel haben dafür gesorgt, uns die skandalösen Bedingungen vor Augen zu führen, unter denen viele Kinder in den Ländern des Südens solche Produkte herstellen. Wir wissen, dass diese Kinder in großer Armut leben und dass ihnen, um überleben zu können, kaum eine andere Alternative bleibt.
Die Arbeit von Kindern in exportorientierten, für den Weltmarkt produzierenden Betrieben bildet bisher noch einen relativ kleinen Teil der Arbeit von Kindern in den Ländern des Südens. Er wird auf vier bis sechs Prozent geschätzt. Der Großteil der arbeitenden Kinder in diesen Gesellschaften findet sich in landwirtschaftlichen Familienbetrieben, die für den lokalen Markt oder für den Eigenbedarf produzieren, und im Bereich der städtischen informellen Ökonomie.
Doch die Arbeit im Exportsektor ist heute von besonderem Interesse, weil sich an ihr studieren lässt, dass entgegen landläufiger Meinung und den Verlautbarungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) die heute im Zentrum des Interesses stehenden „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ keineswegs auf den Bereich der rückständigen „Schmuddelökonomie“ beschränkt sind, sondern inmitten der „modernsten“ und angesehensten Bereiche zu Hause sind.
Ein weiterer Grund, der für eine genauere Betrachtung der Kinderarbeit in den Exportbereichen spricht, besteht darin, dass deren Entwicklung mit einer Zerstörung von Produktions- und Lebensweisen einhergeht, in denen die Arbeit von Kindern ganz andere Formen und Bedeutungen hatte und für sie durchaus auch Vorteile mit sich brachte.
Allerdings ist mit Blick auf die Erfahrungen und Sichtweisen der arbeitenden Kinder selbst Vorsicht am Platze, die miserablen Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen, vom Kontext ihres bisherigen Lebens getrennt zu betrachten. Wenn Kinder zu Wort kommen – was leider noch immer selten der Fall ist – lässt sich erkennen, dass die Globalisierung nicht nur ihre Ausbeutung befördert, sondern ihnen auch neue Erfahrungen vermittelt und „Werkzeuge“ an die Hand gibt, die sie zu ihrem Vorteil nutzen können.
Seit den 80er Jahren verfolgen die mexicanischen Regierungen eine neoliberale Politik, die auf eine möglichst weitgehende Integration der nationalen Wirtschaft in den Weltmarkt abzielt. Dieser Prozess wurde seit dem am
1. Januar 1994 in Kraft getretenen Freihandelsabkommen (NAFTA) mit den USA und Kanada noch erheblich beschleunigt. Die damit einhergehenden Umstrukturierungen haben die Kluft zwischen Arm und Reich rasch anwachsen lassen und große Teile der meist indigenen Landbevölkerung zur Migration in andere Landesteile oder in die USA gezwungen. Zugleich hat – nach Angaben staatlicher Behörden – die Zahl der Kinder stark zugenommen, die in den Arbeitsmarkt einbezogen wurden: in den Städten vor allem im Bereich der informellen Ökonomie (114 497), dramatischer noch auf dem Land im Bereich des Agrarexportsektors (ca. 900 000).
Unter den wichtigsten Veränderungen, die diese Phase der Integration der mexicanischen Wirtschaft in die globale Ökonomie widerspiegeln, findet sich ein neues Modell ländlicher Entwicklung, das die unternehmerische Exportwirtschaft nicht-traditioneller Produkte privilegiert. Die Expansion dieses Sektors ist der Entwicklung der sehr wettbewerbsorientierten internationalen Märkte geschuldet. Sie geht mit der Kontrolle der produktiven landwirtschaftlichen Ressourcen durch das private Kapital (unter starker Beteiligung transnationaler Unternehmen) einher, ermöglicht durch die neoliberale Politik, die die Deregulierung der landwirtschaftlichen Märkte (von Primärgütern, Boden, Kapital und Arbeitskraft) herbeiführte. Die soziale Polarisierung, die aus diesen Prozessen hervorging, bedroht nicht nur die Entwicklungsperspektiven der Bauernschaft, sondern hat sich auch negativ auf die Situation der LandarbeiterInnen ausgewirkt, indem sie diesen intensive Arbeitsverhältnisse mit Niedrigstlöhnen und dürftiger sozialer Sicherung auferlegt.
Zwischen 1980 und 1997 hat sich der landwirtschaftliche Export Mexicos verdreifacht. Es handelt sich im Allgemeinen um die exportorientierte Landwirtschaft nicht-traditioneller Produkte (AENT), die hohen Marktwert haben und in den vergangenen Jahrzehnten im Agrarexport des Landes keine Rolle spielten, aber sie schließt auch „traditionell“ hergestellte Frischprodukte ein, die nun neuen Standards der Auswahl, Verpackung und Etikettierung (Markenartikel) angepasst werden. In Mexico ist der AENT-Bereich repräsentiert durch Obst, Gemüse und Blumen sowie Kaffee, Tabak und Zucker. Dies war von weitgehenden Restrukturierungen der Produktion, der Arbeitsorganisation, der Vermarktung und des Gebrauchs der Arbeitskraft begleitet und hatte gravierende Auswirkungen auf die Formen landwirtschaftlicher Beschäftigung.
Der Zusammenhang zwischen der Liberalisierung der Märkte und dem Anwachsen der saisonalen Kinderarbeit auf den Exportplantagen Mexicos gilt als erwiesen. Während der weitaus überwiegende Teil der Produkte von der Nachfrage in den USA bestimmt wird, üben dortige Politiker und Regierungsstellen neuerdings erheblichen Druck aus, um die Kinderarbeit zu unterbinden, was in erheblichem Maße den Anteil der beschäftigten Kinder verändern oder zur Folge haben kann, dass diese nur noch illegal arbeiten. Hierdurch wird den Familien erschwert, ihre Reproduktion zu sichern, und die arbeitenden Kinder sind größeren Risiken und brutaleren Ausbeutungspraktiken ausgeliefert. Außerdem beginnen sich die Familien und ihre Kinder dafür zu schämen, dass sie arbeiten.
In den letzten 20 Jahren wurden konstant zunächst die Frauen, dann die Kinder beiderlei Geschlechts in die mit der Globalisierung entstehenden neuen Arbeitsverhältnisse einbezogen. Fast neun von zehn Saisonarbeitern reisen mit ihren Familien zu den jeweiligen Arbeitsorten, nicht nur weil sie den Familienzusammenhalt aufrechterhalten wollen, sondern auch weil sie auf die Arbeitskraft der Frauen und der Kinder angewiesen sind.
Die Kinder beginnen in der Regel im Alter von acht oder neun Jahren, manche schon mit vier Jahren, auf den Plantagen zu arbeiten. Von den 900 000 Kindern im Agrarexportsektor sind 374 000 zwischen 6 und 14, 526 000 zwischen 15 und 17 Jahre alt. Sie stellen heute 27 bis 30 Prozent der Arbeitskraft in diesem Bereich. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Kinder auf den Exportplantagen unterscheiden sich erheblich von denen an ihren Ursprungsorten. Wenn die Kinder in ihren Herkunftsgemeinden im Rahmen der bäuerlichen Hauswirtschaft an der produktiven und reproduktiven Familienarbeit beteiligt sind, geschieht dies nicht allein aus einer ökonomischen Notwendigkeit, sondern ist auch Teil des täglichen Lebens und der kulturellen Übertragung von Bräuchen der Gruppe, der ihre Familie angehört. Dagegen dient die Lohnarbeit auf den Plantagen ausschließlich dem Überleben der Familie und ist von der Logik der kommerziellen, d.h. intensiven und rücksichtslosen Verwertung der Arbeitskraft bestimmt.
Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass die im Agrarexportsektor arbeitenden Kinder (niños jornaleros) folgende sozialen Merkmale aufweisen: 42 Prozent sind unterernährt, 40 Prozent zwischen 6 und 14 Jahren können weder lesen noch schreiben, 64 Prozent der Kinder über 12 Jahre haben die Primarschule nicht beendet. Insgesamt ist die Infrastruktur für Bildung und Erholung unzureichend, die Arbeitszeiten der Kinder sind extrem lang, ihre Arbeitsbelastung groß, sie sind gesundheitsgefährdenden Agrochemikalien ausgesetzt und Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz sind mangelhaft. Auf den Plantagen werden die Rechte der Kinder ständig verletzt, sei es, weil die Einhaltung der Arbeitsgesetze kaum überwacht wird, um ausländische Investitionen zu erlangen, sei es, weil Kinder wegen ihrer manuellen Geschicklichkeit für feinere und diffizilere Arbeiten besonders begehrt sind. Trotz dieser Fähigkeiten erhalten sie oft nur den halben Lohn, weil sie Kinder sind.
Unter den Studien, die in den letzten Jahren über Kinderarbeit in den mexicanischen Exportplantagen durchgeführt wurden, verdient eine Untersuchung, über die Francisco Cos-Montiel (2001) berichtet, besondere Aufmerksamkeit, da sie die Erfahrungen und Sichtweisen der arbeitenden Kinder zum Ausdruck bringt.
Die Studie basiert auf einer partizipativen Methode, die bisher vor allem im südlichen Asien zur Anwendung kam. Sie besteht hauptsächlich aus Übungen, in denen die Kinder ihre Eindrücke und Gedanken in Form von Zeichnungen und Diagrammen wiedergeben, aus halbstrukturierten Diskussionen, Beobachtungen und grafischen Aufzeichnungen. Die Methode geht davon aus, dass diejenigen am besten die Realität kennen, die sie erleben, und legt deshalb großes Gewicht auf eine offene und sensible Grundhaltung der FeldforscherInnen. Sie ermöglicht den untersuchten Personen, ihre Situation selbst zu analysieren, und erbringt eine große Menge subjektiver Informationen. Bezogen auf die Kinder liegt ein großer Vorteil der Methode darin, dass die Kinder nicht beschränkt sind auf Vorgaben oder geschlossene Fragen.
Die Studie wurde im Tal von Culiacán im Bundesstaat Sinaloa durchgeführt. Der Einzug der Globalisierung manifestiert sich hier auf einer großen Tafel am Eingang einer der Wohnsiedlungen der SaisonarbeiterInnen, auf der triumphierend verkündet wird: „Globalización: gota a gota conquista la tierra“ („Globalisierung: Tropfen um Tropfen erobert sie die Erde“).
In dem Tal ist die Globalisierung in allen landwirtschaftlichen Betrieben gegenwärtig: in den intensiven Produktionsprozessen, im Gebrauch neuer Technologien, in den modernen Methoden der Verpackung und Konservierung des Gemüses, im Transport.Während der Untersuchung wurde beobachtet, dass angesichts der hohen Kosten in den Siedlungen und der niedrigen Löhne der SaisonarbeiterInnen zunehmend mehr Haushaltsmitglieder mit ihrer Arbeit zum Familieneinkommen beitragen müssen. Dies ist der Hauptgrund, warum die Arbeitskraft der Kinder in Anspruch genommen wird.
Die meisten Kinder ziehen es vor, mit einer Kneifzange, aber ohne Schutzhandschuhe zu arbeiten, wenn sie Tomaten, Chile, Auberginen oder Gurken ernten. Auch benutzen sie Zwirn und Faden mit derselben Geschwindigkeit und Erfahrung wie die Erwachsenen – schließlich müssen sie dieselbe Menge von Eimern füllen. Eine Aufseherin zählt minutiös am Ende des Tages nach. Eines der Produkte, die die Kinder ungern ernten, sind Gurken, weil sie Stacheln haben. Gleichwohl ziehen die Kinder es vor, auf jedweden Schutz zu verzichten, da dieser die Ernte verlangsamen würde. Ein anderer Grund, keinen Schutz zu gebrauchen, besteht darin, dass sie ihn selber kaufen müssten.
Die Frauen und Mädchen haben eine dreifache Arbeitsbelastung, die in auffälligem Kontrast steht zu den modernen Methoden der Produktion und Kommerzialisierung der Exportprodukte. Sie müssen für die häusliche Reproduktion (Hausarbeit und Kinderbeaufsichtigung) sorgen, zum Einkommen beitragen und das Funktionieren der Gemeinschaft gewährleisten, da weder Staat noch Unternehmer für die erforderlichen Dienstleistungen aufkommen. Deshalb verwundert es nicht, dass die Mädchen mehr Stunden arbeiten, weniger spielen und weniger schlafen als die Jungen.
Aus der Sicht der Kinder ist das Leben in der ursprünglichen Gemeinschaft des Dorfes besser als am gegenwärtigen Arbeits- und Lebensort. Allerdings benennen sie auch einige Aspekte, die am gegenwärtigen Ort für sie von Vorteil sind. Die Kinder sehnen sich nach den grünen Landschaften ihres Herkunftsortes, da es in den Siedlungen der SaisonarbeiterInnen kaum Bäume gibt. Außerdem vermissen sie das Hüten der Tiere (Hühner, Schafe, Ziegen, Kühe, Schweine). Sie denken wehmütig an ihre Herkunftsorte zurück, da sie dort „...mehr Platz hatten in Häusern, die sauberer sind, elektrisches Licht haben ... weil sie kühler waren ... weil sie Fenster hatten ... wo wir unsere Betten hatten“.
Am Herkunftsort arbeiteten die Kinder, um ihren Familien zu helfen, aber sie arbeiteten nicht so viele Stunden. Sie hatten mehr Zeit zu spielen, auszuruhen und täglich in die Schule zu gehen, wo sie viele FreundInnen hatten. Es gab weder Ratten noch Fliegen und jede Familie hatte eine Badestelle, die sie nicht mit anderen teilen musste. Einige Kinder erfüllten Aufgaben im Haus, wie Holz sammeln. Die Mädchen spülten ab, machten sauber und manchmal machten sie Tortillas oder wuschen Wäsche.
Die meisten Nachteile am neuen Arbeits- und Wohnort ergeben sich hinsichtlich der formalen Bildung. Mit der Migration wird der Schulbesuch unterbrochen und in den Wohnsiedlungen der Plantagen ist die Ausstattung mit Schulen unzureichend. Nur wenige Kinder besuchen die Schule hier regelmäßig, zumal sie dies nur nach einem langen Arbeitstag tun können.
Obwohl einige Kinder mehr wissen, als die erreichte Klassenstufe ausdrückt, wird ihnen der Zugang zur Sekundarschule verweigert, weil sie kein formales Zeugnis haben. Ein anderes Problem ist das Fehlen einer Anerkennung für die nonformale Ausbildung, die diese Kinder am Arbeitsort erhalten. Die Kinder haben bei ihrer Arbeit bestimmte Fertigkeiten entwickelt: Sie verfügen über eine Geschicklichkeit und Produktivität, die sich nicht von derjenigen der Erwachsenen unterscheidet. Aus diesem Grund müssten die bei der landwirtschaftlichen Arbeit erworbenen Kenntnisse in gleicher Weise anerkannt werden wie die in der Grundschule erworbene Bildung.
Schließlich stellte sich auch entgegen landläufiger Meinung heraus, dass viele Kinder, die am Morgen in die Schule gehen könnten, darauf bestehen, arbeiten zu gehen. Ein Kind begründet dies so: „Die Schule ist leer, alle Kinder sind bei der Arbeit, wir gehen lieber arbeiten. Weil wir da mit unseren Freunden zusammen sein können.“ Eine Mutter bekundet: „...Mein Sohn steht um 6 Uhr am Morgen auf und möchte, dass wir ihm sein Frühstück ebenso machen wie seinem Papa, und wenn wir ihm sagen, er soll nicht zur Arbeit gehen, ist er sauer, weil er dort seine Freunde treffen will...“ Im Unterschied zu den Nachteilen bei der formalen Bildung ergaben sich für die Kinder Vorteile beim Zugang zu Informationen. Die Kinder betrachten es als Vorteil, dass sie andere Teile des Landes, neue Orte und Leute kennen lernten. Außerdem könnten sie nun fernsehen, was in ihrem Dorf nicht möglich war.
Infolge der Migration ergeben sich auch positiv wahrgenommene Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter. Einige Jungen betonen, die häufige Migration von einem zum anderen Ort habe ihnen dabei geholfen, über die Rolle der Frau nachzudenken und zu akzeptieren, dass Frauen mehr arbeiten müssen als Männer. Doch einer tatsächlichen Veränderung in der Arbeitsteilung steht die tief verwurzelte machistische Kultur entgegen, wie aus dem Zeugnis einer Mutter hervorgeht: „Mein Sohn will mir bei den Hausarbeiten helfen, aber ich lasse ihn nicht, damit die anderen Kinder sich nicht über ihn lustig machen und ihn Muttersöhnchen rufen.”
Bei den Mädchen scheinen die Veränderungen viel schneller zu verlaufen und sie betonen einhellig, dass sich mit der Migration für sie manche Vorteile ergeben hätten: „Hier haben wir mehr Freunde, weil wir mehr Gelegenheiten haben, verschiedene Leute kennen zu lernen; wir sind mehr mit anderen ‚muchachos' unseres Alters zusammen und bei der Arbeit lernen wir auch mehr Leute kennen. Hier tragen wir kürzere Röcke, an unseren Herkunftsorten waren sie länger, denn wenn eine von uns einen kurzen Rock anhatte, dachten sie, sie ist eine Prostituierte. Hier können wir uns Kleider kaufen, da wir arbeiten. Dort gibt es für Frauen keine Arbeit. Hier können wir uns mehr vergnügen, weil wir ökonomisch besser dran sind.“ Die Mädchen haben das Gefühl, gegenüber den Männern mehr Macht zu erlangen.
Die Mädchen, die mehrmals auf der Plantage gearbeitet haben, sehen für sich positive Veränderungen vor allem, weil sie mehr Autonomie haben und selbst entscheiden können, was sie mit ihrem Arbeitsverdienst machen. Außerdem können sie (wie die Jungen) selbst die Freunde und Verlobten auswählen, mit denen sie ausgehen wollen.
Eine andere wichtige Veränderung, die von den Kindern geschätzt wird, betrifft ihren Status in der Familie. Indem sie zu den Familienausgaben beitragen, genießen sie größere Verhandlungsmacht und fühlen sich „mehr geschätzt“, wenngleich dies bei den Jungen eher der Fall ist als bei den Mädchen. Eine weitere Veränderung zeigt sich bei der Kleidung. Unter dem Einfluss des Marktes und mittels des eigenen Einkommens ziehen es die Kinder und Jugendlichen vor, Shorts, Hosen, Röcke, Blusen und T-Shirts zu benutzen. Dies gilt auch für die Väter, weniger aber für die Mütter, die lieber weiter die traditionelle indigene Kleidung tragen.
Im Wandel der Bekleidung manifestiert sich, wie die verschiedenen Generationen der MigrantInnen mit der „neuen sozialen Dynamik“ umgehen, die sich mit dem Ortswechsel ergibt. Die indigenen SaisonarbeiterInnen wollen in der Siedlung nicht „die Anderen“ sein. Es scheint, dass sie von Saison zu Saison mehr die Identität eines Saisonarbeiters annehmen, indem sie nicht nur andere Kleidung tragen, sondern auch hinsichtlich der Kultur, die sie unter den neuen Umständen entwickelt haben. Bei der Forschung stellte sich heraus, dass dies nicht kulturelle Entwurzelung bedeutet, zumal die Leute weiterhin stolz auf ihre Abstammung sind und viele Traditionen bewahren.Darüber hinaus bleiben die MigrantInnen meist in Kontakt mit ihren Herkunftsgemeinden. Sie besuchen sich, schicken Geld, tauschen Gebrauchsgüter und Informationen aus. Dieser Austausch ist in starkem Maße geprägt von Praktiken gegenseitiger Solidarität, die in der eigenen kommunitären Tradition wurzeln. Die zu beobachtenden Strategien der Anpassung an die Migrationsnischen spiegeln die Wichtigkeit ihrer kulturellen und organisatorischen Ressourcen wider.
Für die Kinder gilt nicht weniger als für die Erwachsenen, dass sie keineswegs passiv den Tendenzen gegenüber stehen, die ihre Arbeitsbeziehungen und Lebensverhältnisse auf den Exportplantagen bestimmen. Am Ende ihrer Studie über die „niños jornaleros“ gibt Kim Sánchez Saldaña zu bedenken: „Wenn wir die Dynamiken verstehen wollen, die die Lebensweisen der arbeitenden Kinder und Angehörigen der Migranten-Gemeinschaften bestimmen, ist es erforderlich, die wechselseitige Beziehung zwischen den ökonomischen, sozialen und kulturellen Aspekten der Migration und der aktiven Mitwirkung der Kinder und ihrer Familien bei der Entwicklung der verschiedenen Strategien der sozialen Reproduktion zu bedenken.“ Ebenso betont Francisco Cos-Montiel am Ende seiner Untersuchung, dass die arbeitenden Jungen und Mädchen eine wichtige Rolle bei der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen spielen können. „Bei der ganzen Untersuchung zeigten sich die Kinder in der Lage, ihre Probleme zu identifizieren, einige ihrer Gründe zu analysieren und nach Lösungen zu suchen. Die Partizipation dieser Kinder bei der Planung von Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lebensqualität ist zweifellos unverzichtbar.“
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