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Vernetzt, / ila 262
Kein Allheilmittel
Internet in Lateinamerika
von Laura Held
In Prozenten ausgedrückt wird das Internet – damit ist hier vor allem mailen, chatten und das www gemeint – in Lateinamerika von fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung genutzt. Und allen Ungenauigkeiten der Statistiken zum Trotz bedeutet das, dass die Zahl der Internet-UserInnen sich seit 1999, wo sie zwischen ein und zwei Prozent lag, vervielfacht hat. Doch die daran geknüpften Gewinn-Erwartungen, vor allem der aus-ländischen Internet-Service-Firmen, sind bisher nicht eingetroffen. Auch die fast religiösen Heilserwartungen an die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (NIKT), sie würden die wirtschaftliche und soziale Situation der Menschen verbessern und die Demokratie stärken, haben sich nicht erfüllt. Die Verwirklichung dieser Ideale hängt nach wie vor von den Menschen und den politischen Rahmenbedingungen und nicht vom bloßen Zugang zur Informationstechnologie ab. Dennoch können die NIKT ein nützliches Werkzeug sein. Gerade in Lateinamerika werden die Möglichkeiten des Internet besonders intensiv von politisch und sozial engagierten Menschen und Organisationen zur Vernetzung und zur Vorbereitung von politischen Aktionen genutzt.
In einer Studie des damaligen Portal-Marktführers Star Media Network Inc. aus dem Jahr 1999 über die Internetnutzung in Lateinamerika wurde hervorgehoben, dass der spanisch- und portugiesischsprachige Internetmarkt ein beachtliches Potential bildet: auf 20 Millionen NutzerInnen beliefen sich die Schätzungen. Diese Internetgemeinde liegt weltweit an zweiter Stelle hinter der englisch-, aber vor der französisch-, deutsch- oder japanischsprachigen. In dieser Prognose hieß es, dass sich diese Zahl in den nächsten Jahren fast verdoppeln würde, was sich auch
bewahrheitet hat. Daraus folgerten WirtschaftsanalytikerInnen, dass Lateinamerika nach Südostasien zur stärksten Wachstumsregion des globalen Internetmarktes würde. Der lateinamerikanische Internetmarkt war zwischen 1999 und 2000 heiß umkämpft. Für enorme Gelder wurden potenzielle KundInnen und imaginäre Zukunftswerte gehandelt – die großen lateinamerikanischen Portalanbieter StarMedia, Universo Online, Terra Networks, Yupi und AOL Latin America gingen an die Börse, US-AnlegerInnen entdeckten den lateinamerikanischen Internet-Markt, die Kurse schnellten in die Höhe – und krachten um die Jahrtausendwende zusammen: Fehlinvestitionen, wie sie die New Economy überall auf der Welt produzierte.
Nach wie vor gilt Lateinamerika bei den NIKT als Zukunftsmarkt, aber die Erwartungen sind deutlich vorsichtiger geworden und vor allem US-Firmen raten jetzt, sich auf die lateinamerikanischen Besonderheiten einzustellen. Die Hindernisse für den E-Commerce in Lateinamerika liegen auf der Hand: niedrige PC-Verbreitung, geringe Kaufkraft bei großen Teilen der Bevölkerung, geringe Kreditkartenverbreitung, teilweise hohe Zugangskosten und nicht genügend lokal relevante Inhalte und Dienstleistungen. Nur in Brasilien spielt der elektronische Handel eine nennenswerte Rolle.Die tatsächlichen ökonomischen, politischen und sozialen Auswirkungen der Internetentwicklung in Lateinamerika sind schwer messbar (siehe Buchtipp). Die optimistische Version, die zwischen Internetverbreitung und wirtschaftlicher Entwicklung einen positiven Zusammenhang sieht (je mehr Internetanschlüsse, desto bessere Wirtschaftsdaten lautet die simple Formel) ist noch nirgendwo empirisch nachgewiesen worden. Und in Lateinamerika steigt die Zahl der Internetanschlüsse, aber die Wirtschaft wächst nicht mit. Weder die prognostizierten Gewinnzahlen der Internetfirmen noch der erhoffte positive Effekt auf die wirtschaftliche und soziale Situation sind bisher eingetroffen. Und inwieweit die zahlreicheren Internet-Anschlüsse die Demokratisierung und Partizipation fördern – ein anderer gern hergestellter Zusammenhang – wird die Zukunft zeigen müssen.
Um zu wissen, wie viele denn nun in Lateinamerika die NIKT nutzen, gibt es diverse Statistiken. Die internationale Netzwerkorganisation Network Wizard gibt halbjährlich die Zahl der Internet-Zugangsrechner heraus. Dabei werden die Hosts ermittelt, die einer Top-Level-Domain (TDL) zugeordnet sind. Das sind die Länderabkürzungen am Ende einer Internetadresse, also etwa de für Deutschland oder ar für Argentinien. Die Schwierigkeit besteht darin, dass es auch Endungen wie com für Unternehmen, org für Organisationen, edu für Bildungseinrichtungen und net für Netzwerkeinrichtungen gibt, die global nutzbar sind. Faktisch werden diese TDLs meistens von den USA genutzt, weshalb sie ihnen bei Länderstatistiken oft auch zugerechnet werden. Die Auswertung von Wizard für Juli 2002 ergibt folgendes Ergebnis: Die Zahl der Hosts hat sich weltweit seit 1999 verfünffacht. Aber die prozentualen Anteile haben sich nicht sehr verschoben: Nach wie vor belegen US-amerikanische und kanadische Hosts mit 72 Prozent (1999: 75 %) den Löwenanteil, Europas Anteil ist gesunken, pendelt aber um die 10 Prozent. Das heißt: Die globalen Verhältnisse des Anteils an Reichtümern spiegeln sich auch hier wider. Der Anteil von Lateinamerika ist leicht gestiegen: von 1,34 Prozent 1999 auf 1,66 Prozent 2002. Nach wie vor ist der Anteil Brasiliens mit Abstand der größte: Er ist sogar noch angestiegen und beträgt jetzt über die Hälfte der lateinamerikanischen Hosts.
Damit liegt Lateinamerika mit 1,66 Prozent sogar vor den südostasiatischen Hosts mit 1,46 Prozent, allerdings ohne Japan, das alleine 3,72 Prozent – soviel wie der Rest Südostasiens und Lateinamerikas zusammen – auf sich vereinigt.
Die Bevölkerung Lateinamerikas ist also besser als der Rest der so genannten Dritten Welt mit Hosts versorgt. Allerdings besagt das nur etwas über die theoretischen Zugangsmöglichkeiten. Die Angaben über NutzerInnen, die im Umlauf sind, sind sehr unterschiedlich – kein Wunder, denn es handelt sich immer um Schätzungen und Hochrechnungen.
Nach den Zahlen von Nua (s. Kasten auf S. 6) sind von den im September 2002 geschätzten 606 Millionen Internet-UserInnen weltweit über 33 Millionen LateinamerikanerInnen. Ob es wirklich so viele sind, ist umstritten. Allerdings fällt im Gegensatz zu anderen Dritte-Welt-Ländern die Sprachbarriere weg: Auch ohne Englisch wird im Internet auf Spanisch und Portugiesisch zu allen Themenbereichen etwas angeboten.
Aber selbst die Tatsache, dass der Anteil der InternetnutzerInnen pro Kopf der Bevölkerung in Chile, Uruguay und Peru beeindruckende Ergebnisse zeigt, soll nicht darüber hinweg täuschen, dass der Internetzugang für viele ein unerschwinglicher Luxus ist. Die individuelle Internet-Nutzung wird in absehbarer Zukunft auch das vorherrschende Modell bleiben. Aber in allen Ländern werden Modelle für eine kollektive Nutzung – „cabinas públicas“, aber auch Telezentren, freie Internet-Zugänge in Bibliotheken und Gemeindezentren und Internet-Cafes – aufgebaut, die teilweise großen Erfolg haben (siehe Artikel zu Peru in diesem Heft).
Wenn man untersucht, wofür die Menschen Lateinamerikas das Internet tatsächlich nutzen, fällt auf, dass bisher nicht nur die Wirtschaft, sondern neben WissenschaftlerInnen vor allem NGOs das Internet nutzen. Es bestehen zahlreiche regionale Informationsnetzwerke, in denen sich mehrere Organisationen zusammengeschlossen haben, um gemeinsam das Internet zu nutzen. Auch die lateinamerikanischen WissenschaftlerInnen haben schon seit den Anfängen (Mitte der 80er Jahre) Verbindungen zum weltweiten Datennetz gesucht.
Wenn auch der Versuch des „Foro de Redes de América Latina“ eigene, von den USA unabhängige Verbindungswege aufzubauen, gescheitert ist, so bleiben doch Angebote wie das internationale APC-Netzwerk oder die zentrale Netzwerkkoordination Funredes, die technische und inhaltliche Hilfestellung für Vernetzungen anbieten und dabei Wert auf Partizipation möglichst aller
Bevölkerungsschichten, kulturelle Autonomie und Süd-Süd-Verbindungen legen. Immer mehr Gruppen und Organisationen schließen sich regionalen oder nationalen Netzwerken an. Dabei ist die sehr ausgeprägte regionale, nationale und kontinentale Vernetzung von Aktionsgruppen in Lateinamerika eine gute Voraussetzung zur Nutzung der neuen Technologien. Aktionsnetzwerke – z.B. das der Zapatistas oder der argentinischen Cacerolazo- (Kochtopfkonzerte und mehr) Bewegung – nutzten und nutzen die Möglichkeiten des Internet für politische Aktionen. Es gibt zahlreiche Netzforen- und Chat-Groups zu allen nur erdenklichen Themen, von denen sich sehr viele mit politischen Inhalten und Fragestellungen beschäftigen.
Während bisher den zaghaften staatlichen und städtischen Versuchen, die Internetnutzung zu fördern, ein eher geringer Erfolg beschieden ist und die Frage, ob die neuen Technologien wirtschaftliches Wachstum und Demokratisierung mit sich bringen, im Moment eher verneint werden muss, so bleibt doch und wächst der selbstbewusste Umgang mit dem Internet der zahlreichen sozialen Aktionsgruppen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, vor allem als ein Hilfsmittel für die Kommunikation und Vernetzung. Diese teils langjährigen und unabhängigen Nutzungsgruppen werden hoffentlich auch in Zukunft zeigen, dass das Internet nicht nur als Versandhaus, Informationsbörse und Aktienanlage genutzt werden kann – und dass in der kollektiven Nutzung der NIKT die Chance liegt, wenigstens einen Teil der Versprechungen doch noch zu erfüllen.
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