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MST / ila 261
Die Küchen der Solidarität
In Uruguay wird Solidarwirtschaft im
überschaubaren Rahmen geübt
von Ernesto Kroch
Während Milliarden Dollar an Krediten in den dunklen Kanälen der Banken verschwinden und die Regierung es nicht schafft die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, organisiert sich nun die Bevölkerung selbst. Ernesto Kroch beschreibt den Aufbau und die Koordination der Volksküchen, die sich seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Mitte dieses Jahres gebildet haben. Dabei gehen viele Gruppen kreative Wege des wirtschaftlichen Austausches, jenseits der konventionellen Geldwirtschaft.
Gab es in Uruguay zur Zeit der fetten Kühe hier und dort schon Hunger und dementsprechend ein paar Volksküchen, so erstrecken sie sich heute flächendeckend über das ganze Land. Allein in Montevideo sind es mehr als zweihundert und eine jede versorgt zwischen fünfzig und fünfhundert Personen.
Historisches Modell sind die Gewerkschaftsküchen, wo seit mindestens einem halben Jahrhundert die ArbeiterInnen an die Solidarität ihrer MitbürgerInnen appellierten, wenn die Streikkassen leer waren. Sie sammelten Lebensmittel, nicht nur in der Nachbarschaft des Gewerkschaftslokales oder des bestreikten Unternehmens, sondern im ganzen Stadtgebiet. Dies funktionierte, zur Not, zuweilen sogar über drei Monate.
Die Volksküchen und „merenderos“1 von heute haben freilich eine wesentlich andere Dimension. Wirtschaft und Handel sind weitgehend lahmgelegt, seit im Juni vier große Privatbanken betrügerischen Bankrott machten. Der darauf folgende Vertrauensverlust der SparerInnen und InvestorInnen halbierte die Bankeinlagen, kostete die Zentralbank Zweidrittel ihrer Reserven (ohne aber den Dollarkurs halten zu können) und führte zu einer parziellen Einfrierung der Konten. Die Zahlungskette ist seitdem unterbrochen, die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 19 Prozent und die Pesoabwertung um 75 Prozent zog einen Preisanstieg über 20 Prozent nach sich.
Wer noch einen Job hat – und das sind in sozial abgesicherten Arbeitsverhältnissen ohnehin weniger als die Hälfte der Erwerbstätigen – verdient keine Zweidrittel seines ehemaligen Gehalts, zumal auch die Lohnsteuer angehoben wurde. Familien, in denen nicht wenigstens eineR arbeitslos ist, sind eine Seltenheit. Wo früher Armut herrschte, ist jetzt der Hunger zum Alltag geworden.
Doch so plötzlich und drastisch, wie die Katastrophe einbrach, so spontan und unmittelbar reagierte auch die Bevölkerung, ...das heisst jene, die noch etwas hatten. Überall sind “ollas populares“ entstanden, Volksküchen mit einer warmen Mahlzeit, oder zumindest “merenderos“, die eine kleine Mahlzeit bestehend aus Milch, Brot und Marmelade anbieten. Meist wird das Essen ausgeteilt und jedeR bringt ein Töpfchen mit, die meisten nicht, weil es zu wenig Geschirr oder Sitzmöglichkeiten gibt, sondern weil sie es für angemessener halten, mit der Familie zuhause zu essen. Auf die Menschenwürde der Hungernden bedacht, werden keine Fotoaufnahmen gestattet und keine PolitikerInnen zugelassen.
Ein Kilo Nahrungsmittel als Eintrittsgeld
Verschiedene Theater, die Internationale Buchmesse in Montevideo, soziale und kulturelle Institutionen verlangen heutzutage als Eintrittsgeld ein Kilo trockener Nahrungsmittel zur Unterstützung der „ollas“ und „merenderos“. SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, MusikerInnen belassen es nicht mehr bei Aufrufen, sie stellen ihre Talente gratis zur Verfügung, geben Konzerte, inszenieren Vorstellungen und Kabaretts.Wohnbaukooperativen, Kirchen, NRO, die Stadtteilvertretungen, Arbeitsloseninitiativen und AktivistInnen aus den Elendssiedlungen selbst organisieren die Volksküchen oder „merenderos“. Sie gehen von Haus zu Haus und wer noch etwas in der Speisekammer hat, gibt Nudeln, Reis, Kartoffeln, Gemüse etc. Auch die kleinen Kaufläden, die BäckerInnen und MetzgerInnen geben, was sie entbehren können.
Die linke Stadtverwaltung von Montevideo, die seit eh und je die Vorschulen der Armenviertel mit Milch versorgt, weitete nun die Milchpulverausgabe auf alle „merenderos“ aus. Sie hat auch einen Vertrag mit einer NRO abgeschlossen, die junge Arbeitslose in der Gastronomie ausbildet: Die Stadtverwaltung liefert gratis das Mehl, damit die Auszubildenden Brot und Teilchen für die „merenderos“ backen. Die
MontevideanerInnen, deren Gemütsart provinziell ist, deren Verhalten hingegen StädterInnen ohne viel Beziehung zur Natur entspricht, werden jetzt von knappem Einkommen und teuren Nahrungsmitteln in die Zange genommen und graben wieder Erde um und pflanzen Gemüse. Die Stadtverwaltung hat denen, die kein Grundstück, aber den Willen zum Anbau haben, Parzellen und Agronomen zur Anleitung zur Verfügung gestellt. Bedingung ist, dass ein Teil der Ernte den Volksküchen zukommt.
Am 19. Oktober veranstaltete die Stadtverwaltung gemeinsam mit christlichen Jugendorganisationen einen vier Kilometer langen Protestmarsch die Küstenstraße entlang. Unter dem Motto „Montevideo zu Fuß“ demonstrierten an diesem Tag 2500 meist junge Leute für die „Rechte der Kinder“. Populäre LiedermacherInnen begleiteten mit ihren Auftritten den Umzug, in dessen Verlauf 200 000 Peso für Kinderspeisestätten und Körperbehindertenwerkstätten gesammelt wurden. So gibt es vielfältige Initiativen, die die Gesellschaft sensibilisieren und motivieren. Denn vor allem sind es Kinder, deren Hunger gestillt werden muss. Sie leiden am meisten darunter. Tausende wühlen verzweifelt im Müll nach etwas Essbarem und es kommt vor, dass das eine oder andere Kind wegen einer Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Manche Lehrerin hat schon die Erfahrung machen müssen, dass Kinder im Unterricht ohnmächtig werden. Eine Volksküchenhelferin im Stadtteil La Teja erzählt: „Nachts, wenn der Hunger besonders schlimm wird, klopfen Kinder an unsere Tür, weinen und betteln um etwas zu essen. Aber um diese Zeit haben wir schon nichts mehr.“
Trotz aller Solidarität können die SpenderInnen nicht allen helfen, denn jeden Tag gibt es mehr Bedürftige. In Piedras Blancas wurde in einer Elendssiedlung mit einem Tisch für 80 Bedürftige begonnen, doch einen Monat später kamen schon 300. Die Spenden werden geringer, denn die andauernden Entlassungen mindern auch das Vermögen der einst Bessergestellten. So hatten die Angestellten der Zentralbank und die der Stadtverwaltung einer Koordinatorin von 17 Volksküchen im Bezirk Unión im Juni 55 000 Peso zur Verfügung gestellt. Zwei Monate darauf waren es nur noch 33 000 Peso.
INDA, das staatliche Ernährungsinstitut, das in einigen Stadtteilen öffentliche Essensausgaben unterhält, hatte im Winter zusätzlich mehrere Volksküchen mit Lebensmitteln versorgt. Mit Frühlingsbeginn (am 31. September) stellten sie die jedoch ein. Scheinbar betrachtet die konservative Regierung den Hunger als saisonbedingt, obwohl ihre eigenen Statistiken den mittlerweile chronischen Charakter des Hungers nachgewiesen haben.
Gegen diese zeitlich unpassende Maßnahme erhob sich vielerorts Widerstand. In Barros Blancos sperrten Hunderte AnwohnerInnen die Ausfallstraße 6 und forderten die Weiterführung der INDA-Lieferungen für die 1600 Mittellosen der Ortschaft. Unter den Transparenten sah man aber auch die Losung „Arbeit statt Suppe“. Der Protest wirkte: Die Belieferungen der Volksküchen durch INDA geht vorerst weiter.
Da die Mahlzeiten von dem Sortiment der gerade gesammelten Lebensmittel abhängen, bilden die Volksküchen in den Räumlichkeiten ihres jeweiligen kommunalen Zentrums2 Koordinatorennetzwerke, um die verschiedenen Essenszutaten austauschen zu können. Der Austausch zwischen den kommunalen Zentren ist gang und gäbe. So hat zum Beispiel das kommunale Zentrum Nr. 7 im Küstenviertel keine einzige Volksküche, sammelt aber mehr ein und hat auch mehr freiwillige HelferInnen als das kommunale Zentrum Nr. 8 nebenan. Hier gibt es zwar neun „ollas populares“, aber unter ihrer weit ärmeren EinwohnerInnenschaft kommen nicht so viele Lebensmittel zusammen.
Arbeit statt Suppe
Eine große Hilfe in der Anfangsphase der Essensausgabe leisteten die OberschülerInnen, die sich gegen die Kürzung des Unterrichtsetats von Seiten der Regierung 45 Tage im Streik befanden. Sie halfen nicht nur beim Sammeln der Lebensmittel, sondern auch bei der Ausgabe und der Einrichtung von Lokalen und veranstalteten Kochkurse.
Niemand gibt sich der Illusion hin, Volksküchen und „merenderos“ könnten das Problem der Unterernährung und Verelendung lösen. Ebensowenig wie die Plünderung von Supermärkten und Tante-Emma-Läden. Solidarität kann zeitweise den entsetzlichsten Hunger stillen, aber besonders Kinder brauchen nicht einmal, sondern dreimal am Tag eine Mahlzeit. Dies ist auf jeden Fall ein Thema für die „große Politik“. Dies stellte auch der soeben gewählte Präsident Brasiliens, der ehemalige Metallarbeiter Lula, als Ziel seiner Regierung auf: „...dass am Ende meines Mandats jeder Brasilianer dreimal täglich zu Essen hat.“ Was gegenwärtig für mehrere Millionen seiner Landsleute noch eine Utopie ist.
Geld für „notleidende“ Banken
In Uruguay fehlt noch eine Regierung, die das – und nicht die Zahlung der Auslandsschulden – als ihre Priorität ansieht. Die „Notmaßnahmen“ der Frente Amplio kamen im Parlament nicht einmal auf die Tagesordnung. Von den drei Milliarden Dollar der Nothilfe von IWF und Weltbank zur Aufrechterhaltung des Schuldendienstes darf kein Cent für die Schaffung von Arbeitsplätzen oder Sozialpolitik abgezweigt werden. Selbst die 30 Millionen Dollar, welche die BID (Interamerikanische Entwicklungsbank) für das vor dem Bankrott stehende Gesundheitswesen überwies (als Anleihe natürlich), sind in den dunklen Kanälen der „notleidenden“ Banken spurlos verschwunden. So wie andere Hunderte von Millionen ebenfalls.
Neben der Weiterführung der Volksküchen – zumal Hunger nicht auf Wahlen warten kann – ist der soziale und politische Kampf die einzige Möglichkeit, eine zumindest mittelfristige Lösung anzubahnen. In diese Richtung weist auch eine sonderbare Protestaktion der Molkereikooperativen. Da sie hoch in Dollar verschuldet sind und der Kredithahn zugedreht ist, können sie bei dem von der Weiterverarbeitungsfirma diktierten Kaufpreis von 2,1 Peso pro Liter – der Konsument zahlt 8 Peso – nicht überleben. Sparen sie am Futter, gibt die Kuh weniger Milch. Viele verkaufen einen Teil ihrer Herde als Schlachtvieh zu einem Drittel des Preises, um den Rest der Herde durchzubringen. Weniger Kühe geben auch weniger Milch. Deshalb hat eine Molkerei beschlossen, ihre Milch nicht an die Weiterverarbeitungsfirma, sondern an die solidarischen Speisestätten kostenlos abzuliefern. So wurde am 30. September in hundert Ortschaften des Landesinnern eine halbe Million Liter Milch an viele hunderttausend ausgehungerte UruguayerInnen und am 23. Oktober nochmals 50 000 Liter in der Hauptstadt Montevideo an 130 „merenderos“ mit 14 000 Kindern verteilt. Nicht wenige von ihnen sahen das erste mal, dass Milch auch flüssig sein kann (Aus Konservierungsgründen werden Schulen und „merenderos“ mit Trockenmilch beliefert.)
In der Provinz Río Negro, wo seit Monaten die kleinen und mittleren Landwirte keine Steuern zahlen und die Gemeindeverwaltung aus Geldmangel ihre Sozialarbeit eingestellt hat, machte die Molkereigenossenschaft einen genialen Vorschlag. Die Verwaltung sollte der dortigen Milchindustrie (Claldy) soviel Milch mit Papiergutscheinen bezahlen, wie sie für die Verpflegung der Kinder benötigt. Mit den Gutscheinen könne die Industrie dann den Molkereien ihre Milch abkaufen, damit diese die Scheine zur Zahlung ihrer Steuern an die Verwaltung zurückgeben. So wäre der Papierkreislauf geschlossen, ein jeder bezahlt und die Kinder mit Milch versorgt.
Die Idee impliziert die Abschaffung des Geldes als anonymes Zahlungsmittel. Schwerlich würde diese Methode für den allgemeinen Gebrauch akzeptiert werden. Jedoch zeigt sie in ihrer Schlüssigkeit die Absurdität der Kapitalwirtschaft in der, obwohl alle benötigten materiellen Elemente vorhanden sind, ohne die Fiktion des Geldes Produktion und Konsum
auseinanderklaffen.
Mit Volksküchen und Merenderos wird heutzutage in Uruguay Solidarwirtschaft im kleinen, überschaubaren Rahmen geübt. Sie im größeren Stil auf das ganze Land zu übertragen steht in der näheren Zukunft an.
1) Dort kann man eine „merienda“, eine kleine Mahlzeit, bekommen.
2) In ganz Montevideo gibt es 18 kommunale Zentren.
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