Home | Wir über uns | Aktuelle Ausgabe | Leseproben | Archiv | Solidarität | Notizen | Termine| TV/Radio | Links | Bestellungen |
|
Die Agrarreform ist überfällig Im Januar wird Lula sein Amt als Präsident Brasiliens antreten. Vor ihm liegen gigantische Aufgaben. Eine davon ist die soziale Modernisierung der wirtschaftlich unproduktiven und gesellschaftlich untragbaren Agrarstruktur. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf, ein breite soziale Bewegung für Reformen, aber auch mächtige – wenn auch geschwächte – Interessengruppen, die sich allen Schritten hin zu einer demokratischeren und produktiveren Agrarverfassung widersetzen werden. Vielleicht gibt es keinen illustrativeren Vergleich zwischen Brasilien und den USA, um die verschiedenen Entwicklungspfade kapitalistischer Entwicklung in einem großen Flächenstaat zu charakterisieren, als die Gesetze, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts den Zugang zu Land regelten: Der „Homestead Act“ von 1862 erlaubte drei Millionen Bauernfamilien, sich im Westen der USA anzusiedeln, ohne Pacht, ohne Grundrente, ohne Bodenpreise. Einfach das Land demarkieren und produzieren. Aus Lucky Luke und anderen Geschichtsbüchern wissen wir, dass das kein friedlicher Prozess war, aber er garantierte eine ausreichende Nahrungsmittelproduktion, die Verknappung und damit Verteuerung der verfügbaren Arbeitskraft, enorme Produktivitätssteigerungen, Schaffung und Stimulierung des weltweit größten Binnenmarktes. Wenn wir von den Massakern an der indigenen Bevölkerung absehen, eine spektakulär demokratische Wirtschaftspolitik. Zu schnelle Verstädterung 81 Prozent der brasilianischen Bevölkerung lebt in Städten, sagt das Statistische Bundesamt IBGE. Das ist eine Entwicklung, wie sie in allen Gesellschaften vonstatten geht. Diese Zahlen werden jedoch hinterfragt von Experten ländlicher Entwicklung, die hoffen, dass eine an die Realität anpepasste statistische Erhebungsmethode positive Auswirkungen hat auf die politische Aufmerksamkeit, die der ländliche Raum verdient. Ihre Argumente sind gut, aber dennoch bleiben es um die 75 Prozent Stadtbevölkerung. Und keine soziale Bewegung wird Stadtbevölkerung zu Landbevölkerung machen wollen, das ist sozusagen ein geschichtlich gescheitertes Projekt. Brasilien hat sich aber zu schnell verstädtert. Keine der städtischen Dienstleistungen wuchs im gleichen Rhythmus wie ihre Bevölkerung. Die Wasser- und Energieversorgung ist für die nächsten Jahre nicht gesichert, die Müll- und Abwasserproblematik der großen Städte ist immens, um nur einige Beispiele zu nennen. Brasilien ist ein großes Land Wenngleich die extreme Landbesitzkonzentration in allen Regionen Brasiliens eine Konstante ist, macht es doch Sinn, zumindest holzschnittartig, also wirklich grob, die Unterschiede der Hauptregionen zu skizzieren um zu verstehen, inwieweit Klima, Kolonisierungsgeschichte und Bodennutzung sich auf die Realität der ländlichen Räume auswirkten und um eine Vorstellung von der Notwendigkeit einer regional differenzierten alternativen Politik zu bekommen. Für jede Großregion Brasiliens wird die Anzahl der unproduktiven Großgüter und ihre Gesamtfläche genannt. (Verfassungs-) Theoretisch könnten diese Flächen enteignet und der Agrarreform zugeführt werden. Die Angaben stammen aus einer Untersuchung der Agrarreformbehörde INCRA von 1998. 11 300 unproduktive Großbetriebe mit 27,5 Mio ha. Der Süden wurde Jahrhunderte später besiedelt, in weiten Teilen von europäischen AuswanderInnen auf der Suche nach Land in vergleichbarer Landschaft und ähnlichem Klima. Bis heute ist deutlich, dass das, was in Westeuropa unter bäuerlicher Kultur und Denken bekannt ist, am ehesten im brasilianischen Süden wieder zu finden ist. Verwurzelte bäuerliche Landwirtschaft, das existiert in Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul. 8685 unproduktive Großbetriebe mit 6,3 Mio ha. Im Südosten finden wir heute eine intensive und zum guten Teil mechanisierte Landwirtschaft in der Nähe der großen lateinamerikanischen Metropolen und des Industriegürtels um Rio de Janeiro, Belo Horizonte und São Paulo. Kaffee, Orangen und Zuckerrohr für den Export und oft intensiver Anbau von Gemüse und anderen Nahrungsmitteln für die städtischen Zentren sind hier angesiedelt, und die Großgrundbesitzerelite ist kein bisschen progressiver als in anderen Landesteilen. 12 512 unproduktive Großbetriebe mit 12,3 Mio ha. Der Norden, die unendlichen Weiten des Amazonas, ist die mit Abstand am dünnsten besiedelte Region. „Land ohne Menschen für Menschen ohne Land“ hieß es während der Militärdiktatur. Dass damit das Vorhandensein der indigenen Bevölkerung negiert wurde, sei hier nur am Rande erwähnt. Der Norden war lange Jahre das Migrationsventil, um den Druck auf Land abzuschwächen. Millionen Landsuchende aus dem Nordosten, aber auch aus allen anderen Regionen, in denen der technische Fortschritt und der soziale Rückschritt Menschen aus der landwirtschaftlichen Produktion ausspuckte, suchten hier eine neue Zukunft. Meist war es keine gute. Kleinbäuerliche Strukturen streiten heute in dem feucht-tropischen Regenwald gegen nationale und internationale Unternehmen, legale wie illegale Holzextraktion, Sojaproduzenten und extensive Viehhalter um ein alternatives Entwicklungsmodell. Es vergeht hier kaum ein Monat, in denen nicht ein Menschenrechtler oder ein Landarbeitergewerkschafter gefoltert und ermordet aufgefunden wird. Spitzenreiter der ländlichen Gewalt ist vermutlich der Bundesstaat Pará. Hier registrierte die indignierte Öffentlichkeit 1996 das bis heute unbestrafte Massaker an 19 Landlosen. Milliardenschwere Korruptionsfälle und unkontrollierte Polizeigewalt halten Pará in den Schlagzeilen. Es haben Ende Oktober nur einige Tausend Stimmen gefehlt, um die Kandidatin der PT in das Gouverneurinnen-Amt zu hieven. Schade. 7954 unproduktive Großbetriebe mit 57,3 Mio ha. Schließlich der mittlere Westen, weit jenseits der Agrargrenze um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Nochmal 100 Jahre früher kamen die mythenumwobenen Pioniere der brasilianischen Nation (der Bestätigung des brasilianischen Territoriums), die sogenannten Bandeirantes, in den mittleren Westen meist nur, um entlaufende Sklaven einzufangen, um jeden Präzendenzfall im Keim zu ersticken. Mit der öffentlich geförderten Modernisierung der Transportwege in den letzten 15 Jahren wird heute in den weiten eher trockenen Savannengebieten Soja für den Export angebaut und werden Rinder gehalten. Ein fallender Wechselkurs der brasilianischen Währung wird von den produzierenden Bauern des mittleren Westens (agrarsoziologisch sind dies eher unternehmerisch orientierte Farmer wie in den Corn Belts der USA) billigend in Kauf genommen: Mehr Geld in der Kasse. Zeca do PT, Gouverneur im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, ist gerade wiedergewählt worden. 19 334 unproduktive Großbetriebe mit 62,8 Mio ha. Agrarpolitik und Agrarreform nach acht Jahren FHC Fernando Collor de Mello, der später wegen unverschämter Korruption aus dem Amt gejagte Präsident, hatte mit der Öffnung der brasilianischen Ökonomie begonnen, bis 1999 hörte man in aller Welt, dass es dazu keine Alternative gäbe. Fernando Henrique Cardoso (FHC), Präsident von 1995 bis 2002, stimmte dem zu. Zwei Mal gewählt mit den Insignien der ökonomischen Stabilität. Wenige Tage nach Beginn des zweiten Mandats gab er den Wechselkurs frei, der Real purzelte um knapp 40 Prozent, zum Jahresende 2002 wird der Kurs etwa 3,5 Real pro Dollar betragen, nachdem die Währungsspekulation ihn im August fast bis auf vier Real pro Dollar getrieben hatte. Die Regierung FHC kontrollierte die Inflation, die niemand mehr zurück haben will. Nach den Wahlen wird nun jedoch immer deutlicher, dass der Preisdruck wächst, und zwar ironischerweise weniger bei der privaten Produktion von Gütern und Dienstleistungen, sondern genau in jenen Segmenten, deren Preisbildung die Regierung kontrolliert oder verwaltet (Strom, Benzin, Gas). Ein Umstand, über den mitunter ätzende Kommentare verfaßt werden. In den Jahren der Regierung FHC stieg die Außenverschuldung um etwa das Vierfache. Brasilien führt weltweit bei der Höhe der Realzinsen (bei einem Dispokredit werden um die 150% Zinsen pro Jahr verlangt), was eine gigantische Umverteilung zugunsten des nationalen und internationalen Finanzsektors bedeutete. Verschiebung der Kräfteverhältnisse? Es waren harte Jahre für die Bewegung. Nicht die bezahlten Killer oder auch Polizisten, die MST-AktivistInnen umbringen oder mit rechtlich oft lächerlichen Grundlagen ins Gefängnis bringen, sondern die Bewegung selbst und ihre AktivistInnen wurden kriminalisiert. Sogar ein Paragraph aus der Zeit der Militärdiktatur zum Schutz der Nationalen Sicherheit wurde hervor gekramt. Die Regierung konnte jedoch eine Menge Punkte machen im Kampf gegen die Landlosenbewegung. Sie löste die speziellen Finanzierungsprogramme für Agrarreformprojekte auf und gliederte sie in das Nationale Programm zur Förderung bäuerlicher Landwirtschaft (PRONAF) ein und entzog damit der MST die Kontrolle über diese Mittel. In der letzten Zeit wurden immer weniger Projekte von MST-Ansiedlungen über PRONAF finanziert. Der ebenfalls speziell für Agrarreform-Projekte eingerichtete technische Beratungsdienst wurde eingestellt, mit tristen Konsequenzen für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der neu geschaffenen Produktionseinheiten. Demobilisierend war auch ein Präsidialdekret, das jedes Stück Land, das besetzt wurde, und die Teilnehmer einer Landbesetzung für zwei Jahre von jeder Landumverteilung ausschloss. Vorsichtige Hoffnung auf die neue Regierung Lula ist derzeit so beliebt wie ein Popstar. Nicht nur die politische Mitte bis hinein in die ewig uneinige Partei PMDB sagt ihm Unterstützung zumindest für den Anfang zu. Viele politische Beobachter stellen schon lange die Frage, wie sich Lula als Präsident gegenüber der Landlosenbewegung MST verhalten würde. Manche besorgt und manche hämisch. Im November 2002 kam die Führungsebene der MST aus dem ganzen Land zusammen um darüber zu beraten, wie sie es mit der Regierung Lula halten werden. Eine 10-Punkte-Erklärung der MST an alle
Brasilianer- Innen und an Lula erklärt den Moment gekommen für eine wahre Agrarreform und die Beseitigung der sozialen Ungerechtigkeiten. Die bäuerliche Ökonomie und Genossenschaften seien zu fördern und der Staat könne nun seine Funktion wieder übernehmen, diesen Prozess aktiv zu unterstützen. Die Eigenständigkeit der Bewegung gegenüber dem Staat wird betont und sie bekräftigt, dass es die Rolle der Landlosenbewegung bleiben wird, die Armen auf dem Land zu organisieren und zu mobilisieren. Zur Durchführung der Agrarreform wird Lula jede mögliche Unterstützung zugesagt. Im Vorfeld der Versammlung ist von Führungsmitgliedern selbst die Erwartung gestreut worden, dass die MST die Landbesetzungen für ein halbes Jahr aussetzen würde. Die Erklärung verzichtet auf jede quantifizierbare Forderung an die neue Regierung. |