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aus Eigesperrt / ila 259

Überleben im Familienknast 
Kinder im Gefängnis „San Sebastián“ in Cochabamba
von Michael Heuer und Peter Strack

Das Leben von Gefangenen in südamerikanischen Haftanstalten scheint auf den ersten Blick viele Ähnlichkeiten mit dem Leben in Freiheit zu haben: Ganze Familien wohnen zusammen, man muss arbeiten, um sich über Wasser halten zu können und auch die Begleiterscheinungen menschlicher Schwächen, Prostitution und Drogenhandel, machen nicht vor den Gefängnistoren halt, im Gegenteil. Doch die Situation hinter Gittern ist für die Betroffenen oftmals viel härter als die Außenwelt, und das nicht nur wegen der eingeschränkten Freiheit. Besonders Kinder leiden unter den zahlreichen Problemen des Knastalltags. Ihre Eltern sehen für sie jedoch auch Vorteile in der ungewöhnlichen Behausung.

Alvino Bravo beteuert seine Unschuld. Nein, mit Drogen habe er nie gehandelt. Ein Nachbar habe ihn angezeigt. Seit fast drei Jahren sitzt der 35-Jährige nun schon im Männergefängnis von San Sebastián in der bolivianischen Departements-Hauptstadt Cochabamba. Irgendwann soll es eine Verhandlung geben, doch das Geld für einen Anwalt hat er nicht. So wie er sitzen viele Insassen wegen Verstoßes gegen das „Gesetz 1008“ ein. Nach diesem Gesetz, mit dem der Drogenhandel bekämpft werden soll, haben Verdächtige dem Staat ihre Unschuld zu beweisen. 
Nachdem allerdings die Justizreform langsam zu greifen beginnt, sind Hunderte von Angeklagten zumindest vorläufig auf freien Fuß gesetzt worden. Viele können die erforderten Garantien jedoch nicht aufbringen und die Auflagen nicht erfüllen. Die Mehrzahl hat ihr Zuhause in der Koka-Anbauregion des Chapare, und viele können sich das Leben in der Stadt schlichtweg nicht leisten. So bleiben sie „freiwillig“ bis zum Urteil, das oft jahrelang auf sich warten lässt, im Knast, oder eben noch darüber hinaus. Zehn Jahre dafür, ohne Lizenz Chemikalien transportiert zu haben, die zur Drogenherstellung verwendet werden können, sind keine Ausnahme.

Alvino Bravo teilt sich eine enge Zelle mit seinen beiden Söhnen, vier und fünf Jahre alt. In San Sebastián ist das normal. Wie Alvino bewohnen 140 Männer zusammen mit etwa 70 Frauen und 180 Kindern das Gefängnis. Dabei kommt es oft zum Rollentausch: Der Vater bleibt mit dem Kind „zuhause“, die Mutter geht draußen Geld verdienen. Schräg gegenüber im Frauengefängnis ist es mit dem Rollenwechsel allerdings nicht so weit her. Die Ehemänner begleiten ihre Frauen nicht ins Gefängnis. Viele der derzeit 140 Frauen werden während der Haft verlassen, und sehen sorgenvoll in eine Zukunft, in der sie alleine für ihre Kinder sorgen müssen. Wenn man die beengten Verhältnisse heute sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass sich früher im Männergefängnis 850, im Frauengefängnis über 1200 Personen gedrängelt haben sollen, wie Teresa Badani von der NRO INDICEP berichtet, die Frauen im Gefängnis beim Aufbau von selbstverwalteten Kleinbetrieben unterstützt.

Das Leben im Knast ist hart. Selbst die Zelle müssen sich die Gefangenen selbst kaufen oder mieten. Wer überhaupt kein Geld aufbringen kann, schläft auf dem Hof. Es gibt vom Staat nur etwa 0,30 Euro pro Tag und Person, die zudem oft verspätet ausgezahlt werden. Dafür sollen sich die Gefangenen mit allem Lebensnotwendigen versorgen. Und die Kinder wollen auch zu Essen haben, brauchen Schulmaterial und gesundheitliche Betreuung.
Alvino Bravo verdient sein Geld mit Häkelarbeiten. Andere Gefangene bestreiten ihren Unterhalt mit Handwerks- oder Reparaturarbeiten, zum Beispiel in einer selbstverwalteten Schreinerwerkstatt, die die Gefangenen mit externer Unterstützung auf dem Dachboden ebenso eingerichtet haben wie einen Computerraum. Im Gefängnis und in den anliegenden Straßen wird mit allen möglichen Dingen gehandelt, die die Gefangenen hergestellt haben, und genauso wie in der Welt draussen gehört auch hier Prostitution und Drogenhandel zu den einträglicheren Geschäften, an denen freilich auch Polizisten mitverdienen. Weniger lukrativ: Im Innenhof des Knastes bieten Frauen warmes Essen zum Verkauf an.

Gesundheitsdienst und Nachhilfe 

Besonders die Kinder leiden unter den beengten und unhygienischen Verhältnissen, berichtet die Psychologin Livia Chávez, Mitarbeitern des CAIC (Centro de Apoyo Integral Carcelario). CAIC hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation der Kinder im Gefängnis zu verbessern. 1994 begannen die Mitarbeiter von CAIC ihre Arbeit zunächst mit Nachhilfekursen für Kinder im Schulalter. In den folgenden Jahren kamen weitere Hilfsangebote hinzu. Heute bietet die Organisation, die von terre des hommes unterstützt wird, auch einen Gesundheitsdienst an. Regelmäßig werden die Kinder untersucht und gesundheitlich betreut. Wurmerkrankungen und Infektionen gehören zu den häufigsten Krankheiten.

Da das Gefängnisleben die Kinder sehr belastet, haben Frau Chávez und ihre Kollegen auch einen Beratungsdienst für Kinder und Eltern aufgebaut. Tagsüber werden 90 der Gefängniskinder – für mehr reichen die staatlichen Essenszuschüsse nicht – in eine Kindertagesstätte des CAIC, etwas ausserhalb des Stadtzentrums, gebracht. Hier wird auch gespielt, wird die motorische und psychosoziale Entwicklung gefördert und bekommen die Kinder, die öffentliche Schulen besuchen, Nachhilfe.Andere, vor allem Kleinkinder, können den von Gefangenen selbst organisierten Kindergarten im Frauengefängnis besuchen. Damit die Gefängnisverwaltung dessen Einrichtung genehmigte, musste INDICEP jedoch nicht nur Ersatz für den vormaligen Trockenraum für Wäsche auf dem Dach schaffen, sondern auch auf eigene Kosten Gitter anbringen lassen. Der Kindergarten sollte nicht als Fluchtweg genutzt werden können.

Problematische Kampagne 

Das Schicksal der Kinder in den Gefängnissen beschäftigte auch die Behörden. Auf Initiative einiger wohltätig eingestellter Frauen aus gut situierten Verhältnissen wurde 1998 die Kampagne „Sperrt unsere Kinder nicht ein“ gestartet. Ziel war es, den Aufenthalt der über Sechsjährigen im Gefängnis zu unterbinden. Doch die Maßnahme schaffte nur neue Probleme. Ein Teil der ausgesperrten Kinder landete in Heimen, wodurch der Kontakt zu den Eltern erheblich gestört wurde und es bei einigen älteren Kindern zu Erziehungsproblemen kam. Dies bekamen auch die Mitarbeiterinnen von CAIC zu spüren, die für eine Gruppe ausgesperrter Heranwachsender ein Wohnheim in der Nähe des Gefängnisses eingerichtet hatten.

 Ein Großteil der Gefängniskinder blieb trotz der Kampagne ohnehin bei den Eltern – paradoxerweise just vor allem in jenen Gefängnissen, wo die Eltern nicht gegen die Kampagne protestiert hatten, und wo keine privaten Einrichtungen als Nothelfer einsprungen waren. Nach dem lauten Kampagnen-Getöse in der Presse war der Staat nämlich nicht bereit, die nötigen Mittel aufzubringen, um die Kinder ausserhalb wirklich angemessen zu betreuen. So wurden auch im Gefängnis San Sebastián die Kontrollen laxer, die Kinder blieben zunächst über Nacht und später wieder ganz im Gefängnis wohnen. Heute leben allein im Frauengefängnis San Sebastián wieder 300 Kinder. Und das Wohnheim für Heranwachsende des CAIC konnte geschlossen werden.

Besser leben im Knast?

Warum ziehen es trotz der Enge, trotz der Probleme, wie z.B. der sexuellen Belästigung älterer Mädchen, viele Eltern trotzdem vor, ihre Kinder mit ins Gefängnis zu nehmen, statt sie wie andere in ein Heim zu geben oder bei Verwandten zu lassen? Dazu hat der Soziologe Juan Carlos Pinto, selbst lange Jahre Gefängnisinsasse, die Häftlinge von San Sebastián in einer Studie im Auftrag von terre des hommes befragt: „Draußen wäre es schlimmer“, war eine Standardantwort. „Dort müssten die Frauen die Kinder im Zimmer einsperren, um Geld verdienen gehen zu können“. Oder: „Ständig hätte ich Sorge, ob die Kinder genug zu essen haben.“ Oder die Einschulungsquote: Sie ist bei den Gefängniskindern höher als draußen. Auch die Gesundheitsversorgung ist außerhalb prekärer, weil teurer, als im Gefängnis selbst. Und vor allem: „In Begleitung der Familie spürt man kaum noch, dass man im Gefängnis lebt.“ Oder: „Hier im Gefängnis haben wir neu zu schätzen gelernt, was es heisst, eine Familie zu sein.“

Unbestritten ist auch, dass Gewalttätigkeiten und Alkoholismus im Gefängnis abgenommen haben, seitdem etwa ab 1985 Familienangehörige mit eingezogen sind. Eng verbunden war das mit einem Organisationsprozess der Gefangenen. Deren gewählte Vertreter übernehmen bestimmte Aufgaben, wie die des Sanitäters, oder wachen mal strenger, mal weniger streng über die Einhaltung einer Vielzahl von Regeln. Zum Beispiel, dass ein Kind nicht schmutzig herumläuft. Natürlich läuft die Selbstverwaltung in den Gefängnissen von San Sebastián mal besser, mal schlechter. Es hat wie in der Gesellschaft draussen auch immer wieder Skandale, Machtmissbrauch, Korruption, Gewaltakte oder Verbrechen gegeben, und es wird sie immer wieder geben. In der Studie von Pinto wird jedoch deutlich, dass das Grundproblem nicht darin besteht, dass Kinder ihre Eltern ins Gefängnis begleiten. Offensichtliche Nachteile können durch Vorteile, die vor allem im Familienzusammenhalt liegen, kompensiert werden. Das Hauptproblem ist der viel zu geringe Platz und die Tatsache, dass die Regierungen zwar schnell dabei sind, Menschen einzusperren, wenn es gilt, dem Ausland Erfolgszahlen bei der Drogenbekämpfung vorzulegen. Die Verantwortung für die Erfüllung der grundlegenden Menschenrechte hinter den Gefängnistüren wollen sie jedoch nicht übernehmen.

Oder doch? In ihrer ersten Presseerklärung mahnt die von der neuen Regierung frisch eingesetzte Direktorin der Gefängnisverwaltung, Agueda Burgos, eine grundlegende Strukturreform des Strafvollzugssystems in den 20 Gefängnissen Boliviens an. Als eines der Hauptprobleme sieht sie jedoch nicht nur die unmenschlichen Lebensbedingungen oder die fehlenden staatlichen Rehabilitationsangebote, sondern gerade auch den Organisationsgrad der Gefangenen an: Die Regierung, zitiert sie die Tageszeitung Los Tiempos, sei nicht imstande, Aufstände und Streiks im Gefängnis zu unterbinden. Dies seien Mittel, mit denen die Gefangenen sich geschickt als Opfer darzustellen wüssten und damit die Regierungsautoritäten in Handlungszwang bringen würden. 

Die einstweilen effektivste Massnahme wäre, das Gesetz 1008 an rechtsstaatliche Prinzipien anzupassen und beim Strafmass die Verhältnismäßigkeit zu berücksichtigen. Doch solange dies ein von den USA diktiertes Politikum bleibt, wird man auch weiterhin Menschen willkürlich ins Gefängnis sperren – ohne Urteil und oft auch ohne Rechtsbeistand. Und mit den Häftlingen werden auch wieder ganze Familien in das Männergefängnis San Sebastián und Kinder mit ihren Müttern in das Frauengefängnis einziehen. „Für uns bleibt noch viel zu tun“, sagt Livia Chávez, „denn die Kinder brauchen unsere Unterstützung“.

Quellen:
– Reisenotizen von Cornelia Bandowski – Juan Carlos Pinto Quintanilla, Cárceles y Familia, La Experiencia del Penal de San Sebastián en Cochabamba, La Paz 1999 – vgl. auch Alix Arnold in: „Wer kein Geld hat, kommt nicht mehr raus. Die Knäste in Bolivien sind überfüllt“, in: ila 244 – sowie ila Nr. 230 zur Nord-Süd-Drogenpolitik

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