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Eigesperrt / ila 259
Frauen trifft die Strafe härter
Weibliche Strafgefangene in einem System,
das für Männer gedacht ist
von Luis Ángel Saavedra
In den Ländern Lateinamerikas werden Frauen auf viele verschiedene Arten diskriminiert. Besonders schlimm ist es im Strafsystem, das ausschließlich für Männer konzipiert wurde. Weibliche Häftlinge sind den Drohungen, Erpressungen und sexuellen Belästigungen von Polizei und Wachpersonal meist hilflos ausgeliefert, ihre Familien wenden sich von ihnen ab. Der folgende Artikel beschreibt die Situation in Ecuador, wo sich nur wenige Menschen für das Schicksal der inhaftierten Frauen interessieren.
Wenn man an Gefängnis denkt, denkt man an Eingesperrtsein, an Isolation und an Ausschluss – eine Art der Bestrafung, mit der sich die Gesellschaft vor denjenigen zu schützen sucht, die in ihren Augen unerwünscht sind oder die sich nicht ins vorherrschende System eingefügt haben. „Wegschließen ist an und für sich eine perverse Strafe, für Männer ebenso wie für Frauen“, so Dr. Susy Garbay, Anwältin der Regionalen Beratungsstelle für Menschenrechtsfragen, die mit weiblichen Häftlingen in einem Rehabilitationszentrum in Quito arbeitet. Jedoch, fügt sie hinzu, „lässt sich nicht leugnen, dass die inhaftierten Frauen Opfer einer dreifachen Diskriminierung sind: derjenigen, welche sich von ihrem Frausein her ableitet, der des Eingesperrtseins und derjenigen, die bei allen armen und ausgestoßenen Personenkreisen dieselbe ist, über die das Strafsystem seine Netze wirft.
Das Gefängnis stellt für Frauen eine Ungerechtigkeit dar, da sie eine andere Behandlung erfahren als Männer, weil die Haft für sie eine andere Bedeutung hat, die Justiz ihre Fälle anders behandelt und weil sich die Gesellschaft ein bestimmtes Bild von Frauen in solchen Umständen macht“, sagt Garbay. In einem von sexueller Diskriminierung geprägten Justizwesen wird das Gefängnis zu einem Ort der härteren Bestrafung für Frauen, die 9,5 Prozent aller Gefangenen in Ecuador ausmachen. Laut Garbay bewirkt diese Struktur eine Reihe von besonderen Problemen für die weiblichen Strafgefangenen.
Von der Familie im Stich gelassen
Die Anwältin hebt hervor, dass „Frauen kaum von ihren Familien besucht werden, und noch weniger von ihren Partnern – bei den männlichen Verhafteten ist das anders. Das ist leicht nachzuweisen, man muss nur eine Haftanstalt für Frauen und eine für Männer besuchen. In der für Männer wird man eine Menge Besucherinnen sehen: Ehefrauen, Mütter, Schwestern, Töchter, die ihren Ehemann, Sohn, Bruder, Vater oder ihren gefangenen Freund besuchen. In der Frauenhaftanstalt gibt es wenige BesucherInnen, und Männer sind kaum anwesend. Unter der Verlassenheit leiden diese Frauen besonders stark, gerade weil die Familie eine wichtige Rolle für sie spielt.“
Der sogenannte „intime Besuch“ wurde auch für die männlichen Insassen eingeführt, für ihren „Bedarf“ nach sexuellen Beziehungen. Tatsächlich wurden Strafvollzugsbeamte vor einigen Jahren damit beauftragt, Prostituierte für Gefangene ohne feste Partnerin zu suchen. Für Garbay sollte die visita íntima so verstanden werden, dass Menschen, die ihrer Freiheit beraubt sind, dennoch eine intime und zärtliche Beziehung mit der Person ihrer Wahl führen können. Aber: „Das Recht auf solch einen intimen Besuch entbehrt einer einheitlichen Regelung. Im Falle der Frauen ist es einer Reihe von diskriminierenden Restriktionen unterworfen, die den Männern nicht auferlegt werden. So müssen weibliche Gefangene mindestens sechs Monate im Rehabilitationszentrum gewesen sein, verheiratet sein oder die Existenz einer tatsächlichen Verbindung beweisen, sowie eine sichere Form der Schwangerschaftsverhütung praktizieren.“
Die Verfassung Ecuadors besagt, dass Haftsystem und Strafsystem Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Gefangene bereitstellen sollen, damit sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern können. Was die Durchsetzung dieser Bestimmungen angeht, ist die Politik des Staates gleich null gewesen. Statt dessen übernehmen Organisationen der Zivilgesellschaft die Rolle des Staates. Aber die meisten haben sich auf Männergefängnisse konzentriert – vielleicht weil diese zahlreicher sind – und dort Werkstätten, Kurse für Kleinbetriebe und andere Initiativen eingerichtet, die den Insassen helfen sollen, innerhalb des Knasts zu überleben oder dann, wenn sie wieder draußen sind. Im Fall der Frauenhaftanstalten wird das Modehandwerk gefördert, Stickerei- und Schneider-Werkstätten, die Herstellung von Puppen, Kerzen etc.. Damit wird die ihnen zugewiesenen Rolle verstärkt – auf dass sie bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft die Qualität von „guten Hausfrauen“ haben.
Schwere Misshandlungen
Garbay bemerkt, dass sich viele Zeugenaussagen weiblicher Strafgefangenen auf „Vergewaltigungen durch Mitglieder der Nationalpolizei“ beziehen. Wenn sie in die Rehabilitationszentren kommen, „werden sie erneut von Teilen des Aufsichtspersonals vergewaltigt.“ Entgegen der Forderungen der Vereinten Nationen sind die meisten Leiter solcher Einrichtungen Männer und üben einen großen Druck auf die inhaftierten Frauen aus, „indem sie sie mittels Erpressungen und Drohungen unter ihre Kontrolle und Gewalt bringen“. „Diese Situation“, so Garbay, „ist besser zu verstehen, wenn man sich vor Augen führt, dass die Wachen insofern auf den Dienstweg der Strafminderung Einfluss nehmen können, indem sie fiktive Berichte anfertigen können, wenn die Frauen nicht auf ihre sexuellen Forderungen eingehen.“ Die Aussagen der Verhafteten bezeugen auch andere herabwürdigende Behandlungen, die im allgemeinen bei den sogenannten Inspektionen stattfinden: Beim „Registrieren“ führen die Beamten ihre Hände in die Vagina der Insassin, angeblich um nach Drogen suchen. „All diese Praktiken, einschließlich der Förderung von Prostitution, werden in internationalen Abkommen als Menschenrechtsverletzungen aufgeführt“, sagt Garbay.
Die Diskriminierung der weiblichen Strafgefangenen beginnt im kriminologischen Diskurs, der sich auf männliche Täter bezieht. Es gibt nur wenige Studien über Täterinnen und die Formen und Orte ihrer Rehabilitation. „Die Arbeiten über die weibliche Kriminalität analysieren die sogenannten geschlechtsspezifischen Delikte, wie Kindermord, Abtreibung, Prostitution und Mord aus Leidenschaft. Wenn andere Verbrechen behandelt werden, schiebt man es gewöhnlich auf die ‚Anormalität' der Frauen, die sie begehen. So vermeidet man es, über die Eigenheiten nachzudenken“, meint Garbay.
Die Tatsache, dass Frauen in der Kriminologie nicht vorkommen, bedeutet außerdem, dass sie nicht bei der Gestaltung der Rehabilitationsprogramme oder der Infrastruktur des Haftsystems berücksichtigt werden. Andererseits herrscht seit Beginn des Strafsystems Einigkeit darüber, dass Frauen eines besonderen Schutzes bedürfen, weil sie als unvollkommene und schwache Wesen gelten. Diese Annahmen wurden danach auf die Vorstellung übertragen, dass Kriminalität aus den physiologischen oder psychologischen Charakteristika eines jeden Menschen resultiert. „Sie behaupten zum Beispiel, dass Prostitution der natürliche Rückschritt der Frau ist, oder dass eine kriminelle Frau weder normal noch natürlich ist. Vielmehr ähneln sie dann den Männern, da ihre mütterlichen Instinkte fehlen ... ihr moralisches Empfinden ist mangelhaft, was sie beleidigt und eifersüchtig macht und sie zu Racheakten neigen lässt“, erläutert Garbay.
„Nach 1950 hat sich die These von der ,versteckten Kriminalität' verfestigt. Die von Frauen besetzten Rollen, etwa Dienstmädchen, Krankenschwester, Hausfrauen etc., ermöglichten ihnen demnach, ihr kriminelles Potenzial zu verbergen: So kann z.B. eine Frau ein Kind oder einen Kranken vergiften, ohne dass sie für die Justiz leicht zu überführen ist.“ Garbay erklärt weiterhin, dass viele der modernen kriminologischen Theorien versuchten, das Ansteigen der von Frauen verübten Straftaten durch den „Einfluss der Frauenbewegung auf das Verhalten der Frauen zu erklären, die dadurch viel aufgeweckter und aggressiver geworden sind. Damit seien sie auch fähig, die gleichen Verbrechen wie die Männer zu begehen“. All diese Thesen haben einen direkten Einfluss auf die Behandlung von Straftäterinnen, im Justiz- und im Strafsystem gleichermaßen, wie im Verhältnis zwischen den Angehörigen und den betroffenen Frauen.
„In unserer Kultur haben sich Konzepte verfestigt, die Frauen stigmatisieren“, sagt Gina Benavides, Expertin in Menschenrechtsfragen und ehemalige Direktorin des „Centro de Rehabilitación Social Femenino“ in Quito. „Aus diesem Grund tragen die Frauen, die ein Verbrechen begangen haben, eine doppelte Last. Auf der einen Seite lässt sich das Strafsystem an der Frau aus, damit sie ihre ,Anormalität' begreift oder damit sie sich vollständig den Vorschriften unterwirft. Auf der anderen Seite üben ihre Verwandten, besonders der Ehemann oder Partner, Druck auf sie aus, damit sie Buße zeigt“, fügt Benavides hinzu. Wenn sich das Strafsystem an den Frauen austobt, verwandelt sich das Gefängnis in einen Ort der geschlechtsspezifischen Diskriminierung. Für Garbay „müsste die Leitung des Zentrums für soziale Rehabilitierung besondere Programme für inhaftierte Frauen entwickeln und ein Komitee für geschlechtsspezifische Beratung bilden, das sich differenziert diesen Problemen annimmt. Der Leitung müsste klar sein, dass es unmöglich ist, die Familienbande durch Einschränkung der visita íntima oder des Zusammenseins von Mutter und Kind zu zerstören. Man müsste die Arbeitsmaßnahmen so ausrichten, dass sie Frauen ermöglichen, sich in die Arbeitswelt einzugliedern, und nicht nur die Perspektive einer Rückkehr ins ,Heim' für sie bereit halten. Das kann schwierig werden, aber es wäre schon gut, wenn man wenigstens damit anfangen würde, weibliches Wachpersonal einzustellen“.
Ein vernachlässigtes Problem
Beim VI. Kongress der Vereinten Nationen zu Verbrechensbekämpfung und StraftäterInnen-Behandlung im Jahre 1980 war anerkannt worden, dass inhaftierte Frauen nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Behandlung erfahren wie Männer. Bis jetzt hat es zu diesem Problem jedoch noch keine kritische Stellungnahme gegeben. Auch auf den Frauenkonferenzen ist das Thema der weiblichen Häftlinge kaum berührt worden. Sie stellen eine marginalisierte Gruppe dar, die nicht gebührend beachtet wird. Diese Situation ist in Lateinamerika besonders heikel, da hier die weibliche Delinquenz eng mit den prekären Lebensverhältnissen der Frauen zusammenhängt, die sie in die Kriminalität treiben. „Es ist notwendig, die Debatte und die Diskussion über das Problem inhaftierter Frauen voranzutreiben“, sagt Garbay. „Es ist notwendig, dass das Geschlechterverhältnis ein obligatorisches Thema für die Tagesordnung unserer Kriminalpolitik wird. Und es ist notwendig, dass akzeptiert wird, dass es die Feminisierung der Armut und nicht die Befreiung der Frau ist, welche die Frauenkriminalität hat ansteigen lassen.“
aus: „Justicia encarcelada“, Noticias Aliadas, Mai 2001
Übersetzung: Daniel Boss
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