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aus Medien - Manipulation / ila 258

Powerplay gegen Lula
Eine Kampagne der spanischen Tageszeitung „El País“
von Carlos Prieto

Am 6. Oktober wird in Brasilien gewählt. Zum vierten Mal kandidiert Luiz Inácio da Silva (Lula), von der linken Arbeiterpartei (PT). Die Chancen für ihn stehen gut, in den Umfragen liegt er mit 40 Prozent vorne. Auch bei den vorangegangenen Wahlen galt er als aussichtsreicher Kandidat – und wurde stets von den rechten Kandidaten überholt. Das war nicht zuletzt eine Folge nationaler und internationaler Pressekampagnen, die bei seinem Wahlsieg eine Katastrophe für die brasilianische Wirtschaft voraussagten. (1989 drohte der Präsident der Arbeitgeber, bei einem Wahlsieg Lulas würden 800 000 UnternehmerInnen das Land verlassen.) Auch Salvador Allende hatte sich, bevor er 1970 die Wahlen in Chile gewann, bereits dreimal zur Wahl gestellt. Auch damals gab es in den Medien massive – von der US-Regierung Nixon mitfinanzierte – Gegenkampagnen. Und Auch damals hatte die Presse bei einem Wahlsieg Allendes ein wirtschaftliches Chaos vorausgesagt.

Die spanische Zeitung „El País“ veröffentlichte zwischen dem 9. Juni und dem 2. Juli eine Reihe von Artikeln über die in Brasilien anstehenden Wahlen. Dabei wird der Ton zunehmend dramatischer. Im Editorial vom 24. 6. 2002 ist die Rede von der „Verschärfung der Unsicherheit durch einen möglichen Wahlsieg Lulas“; ein möglicher Wahlsieg der Linken wird mit einem Überschwappen der argentinischen Wirtschaftskrise nach Brasilien in Verbindung gebracht. Am 10. Juni beschreibt der Sonderkorrespondent Francesco Relea unter der Überschrift: „Wer fürchtet sich vor Lula?“ noch in gemäßigtem Ton, wie sich Brasilien auf einen möglichen Wahlsieg Lulas vorbereitet. Am 13. Juni (und noch mal am 17. Juni) erfahren wir, dass die US-Bank Goldman & Sachs ein mathematisches Modell, das so genannte Lulometro, entwickelt hat, um die Schwankungen des Marktes im Verhältnis zu Lulas Chancen auszurechnen. 

Je größer Lulas Chancen, desto größer „die Panik“ an den Finanzmärkten. Am 17. Juni lautet ein Untertitel: „Die steigenden Chancen des linken Kandidaten Lula da Silva führen zu einer Geldentwertung und steigern das Risiko der Zahlungsunfähigkeit für Brasilien.“ Am 30 Juni versichert Eric Nepomuceno aus dem fernen Rio de Janeiro, „dass die Furcht der Unternehmer und Banken, aber auch der Großgrundbesitzer immer mehr wächst, je mehr Lulas Chancen steigen“. Nepomuceno schreibt, „wenn wir zu dem steigenden Dollar, der sinkenden Produktion, dem Anstieg der Staatsverschuldung und der Arbeitslosigkeit noch Lulas Favoritenrolle bei den anstehenden Wahlen hinzurechnen, ist es nicht verwunderlich, dass die Finanzmärkte kurz vor einer Nervenkrise stehen“. Aber noch wird Lula nicht für die Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht, er gilt nur als ein weiterer Faktor, der die Krise verschärft. Doch das soll sich ändern.

Am 2. Juli beantwortet Francesc Relea unter der Rubrik „Internationales“ ganzseitig seine vor drei Wochen gestellte Frage „Wer fürchtet Lula?“. Unter der Überschrift: „Ganz Brasilien zittert unter dem Vorrücken Lulas“, folgt der Untertitel: „Die Rivalen des linken Kandidaten rücken gegen Lula zusammen, während die brasilianische Wirtschaft zu leiden beginnt.“ Die Begriffe Lula/Wirtschaftskrise werden nicht mehr nur miteinander in Verbindung gebracht, sondern gleichgesetzt. Die Wirtschaftskrise beginnt und endet mit Lula. Der Nervenkrieg der letzten Wochen kommt überraschend, als ob der frühere Metallarbeiter, der die PT gründete, bereits kurz vor seinem Einzug in den Präsidentenpalast stünde. Plötzlich kommt ein Sturm an den Märkten auf und bläst dem Giganten Südamerikas mit ungewohnter Schärfe ins Gesicht. Der Dollar steigt alarmierend, die brasilianischen Staatsschuldscheine fallen ins Uferlose, das Land gilt als Risikoland und Experten sagen voraus, dass Brasilien Schwierigkeiten haben wird, seine hohen Staatsschulden zu bezahlen. Plötzlich wird Lula mit Staatsschulden und dem fallenden Wirtschaftswachstum assoziiert. Für jemanden in der Opposition ist das nicht schlecht. 

Was passiert, wenn er die Wahlen gewinnt? Tornados, Zyklone und Gelbfieber? Und weiter geht's: „Ein möglicher Wahlsieg Lulas verunsichert die ganze Region. Die Regierung besteht darauf, dass es sich um Spekulationen handelt, die durch die anstehenden Wahlen ausgelöst wurden.“ Sowohl der Journalist als auch die Regierung sprechen den amtierenden Präsidenten Fernando H. Cardoso von jeglicher Verantwortung frei. Erstaunlich ist auch, dass „ganz Brasilien“ unter dem Vorrücken Lulas zittert – stand nicht in demselben Artikel, dass Lula die Umfragen anführt? Ein logischer Widerspruch oder Masochismus der BrasilianerInnen?

Wenn man die Wortwahl von „El País” betrachtet, scheint die PT dieselbe Wirkung zu haben wie eine nukleare Katastrophe: „Wer fürchtet Lula?“, „Risiko durch die PT“, „Warnung ... vor einem möglichen Wahlsieg Lulas“, „Erschütterung eines Giganten“, „Alarm“, „Risiko“, „Panik“, „supernervös“, „die Krise verstärkt sich“, „Klima der Unsicherheit“, „am Rande einer Nervenkrise“, „das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung verstärkt sich“, „Furcht“, „Risiko Lula“, „Brasilien zittert“, „die brasilianische Wirtschaft beginnt zu leiden“, „Angst vor einem Wahlsieg Lulas“, „Nervenkrieg“, „Unsicherheit in der ganzen Region“, „Kapital flieht Hals über Kopf aus mangelndem Vertrauen“.

Zuerst veröffentlicht am 9. 7. 2002 in www. rebelion.org. Gekürzt und bearbeitet von Laura Held.

P.S. Dass wir in jüngster Zeit auf Pressekampagnen zu lateinamerikanischen Themen (zuletzt zum Putsch in Venezuela) in Spanien eingehen, bedeutet nicht, dass die spanische bürgerliche Presse in ihrer Berichterstattung schlimmer als die hiesige wäre (die Muster gleichen sich im Gegenteil auffallend). Die Gründe liegen vielmehr darin, dass in Spanien mehr über Lateinamerika berichtet wird und die KollegInnen der linken Internetzeitung „rebelión“ diese Berichterstattung regelmäßig kritisch begleiten.

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