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aus Lima / ila 257

Startvorteil für die DDR
In Limas Außenbezirken leben die beiden deutschen Staaten fort
von Hildegard Willer

Die Deutsche Demokratische Republik betritt man durch einen rot-blau-gelb gestrichenen breiten Bogen. Hier braucht man kein Visum, auch steht da kein Zöllner, der mit stechendem Blick die Taschen nach verdächtigen Objekten durchsucht. Man geht in die DDR, einfach indem man seine Siebensachen fest unter den Arm klemmt und die Hauptstraße hinaufgeht, die geradewegs zur Spitze des Hügels führt. Dort im nebelverhangenen Himmel von Lima endet die Deutsche Demokratische Republik, deren Bevölkerung ihren 16. Geburtstag am 1. Oktober 1999 mit einem großen Fest beging: Die Honoratioren hielten Reden auf die tapferen Deutschen, es gab Bier und Brathähnchen, und die Bevölkerung tanzte bis in die Morgenstunden zum Rhythmus der Chicha-Musik. Mit ihrer Gründung ist die DDR der Bundesrepublik Deutschland um 13 Tage zuvorgekommen. Die BRD befindet sich zehn Minuten Fußweg hügelabwärts, eingeklemmt zwischen dem „Sarón-Tal“ und dem „Blauen Kleeblatt“. Die beiden deutschen Republiken sind der Alptraum aller Zulieferer und Briefträger im Süden Limas, wenn sie eine Adresse in „Deutschland“ suchen müssen. Welches der beiden Deutschland ist nun das richtige?

Alles begann mit dem alten Traum, der trotz aller Versprechen einer globalisierten Welt für die meisten Menschen unausrottbar ist: einen eigenen Ort zu haben, wo man sich niederlassen und ein Heim bauen kann, wo man seine Kinder und Enkelkinder in eine bessere Zukunft hineinwachsen sieht. Im Lima der siebziger und achtziger Jahre bedurfte es keiner Zeitungsanzeigen und keiner Fernsehwerbung, um zu erfahren, wo es vielleicht ein solches Plätzchen gibt. Die BewohnerInnen billiger Mietzimmer und die Neuankömmlinge vom Land raunten sich gegenseitig zu, wo unbebautes Land in den Außenbezirken Limas billig zu haben war. 1979 ging die Rede von einer neuen Wohnungsbaugesellschaft um, die die Sandhügel im Süden Limas erschließen wollte. Mit einer Einstandszahlung konnte man sich der Gesellschaft anschließen, die 1980 unter dem Namen „Bundesrepublik Deutschland“ offiziell registriert wurde.

Warum dieser Name? „Weil Deutschland ein reiches Land ist und wir auf Unterstützung von der deutschen Botschaft hofften“, erzählt Fortunato, einer der ersten Siedler der BRD. Was die neuen TeilhaberInnen der BRD damals nicht wussten: Die Wohnungsbaugesellschaft war ein Betrugsunternehmen. Die unbewohnten Sandhügel gehörten einem von katholischen Priestern geführten Waisenheim, die ihr Eigentum nicht so einfach abgeben wollten. Zudem hatte der damalige Bürgermeister des angrenzenden Bezirks San Juan sein eigenes Geschäft betrieben und die gleichen Bauplätze gleich mehrmals verkauft. Da alle legalen Mittel versagten, entschlossen sich die TeilhaberInnen der BRD zu einem illegalen Akt, nämlich das umstrittene Gelände zu besetzen. Eine erste Landbesetzung 1981 scheiterte an der mangelnden TeilnehmerInnenzahl. Einige Tage vor der nächsten Landbesetzung 1983, dieses Mal besser organisiert, kam es zu einem internen Skandal: Der Schatzmeister der BRD wurde ausgeschlossen, weil er Bestechungsgelder angenommen habe, sagen die einen, aus politischen Gründen, sagen die anderen. Wie dem auch sei, dieser Herr wollte nicht länger warten. Er nahm seine Anhängerschaft unter den TeilhaberInnen der BRD, führte sie zum am weitesten entfernten und unattraktivsten, weil hügeligen, Gelände und gründete dort sein eigenes Viertel. Als es darum ging, der neuen Siedlung einen Namen zu geben, sahen sich die LandbesetzerInnen in Bedrängnis: Sie waren urspünglich Teil der BRD, diese hatte sie jedoch ausgeschlossen. Zum Glück existierten damals auf der anderen Seite des Ozeans noch zwei Deutschland. Und so kam es, „dass wir von der Deutschen Demokratischen Republik die ersten waren, die die Sanddünen von San Juan besiedelt haben, 13 Tage vor der Bundesrepublik Deutschland“, erzählt voller Stolz Margarita, eine der PionierInnen der DDR.

Das (Un)Glück der Namensgebung

Die Streitigkeiten unter den Anführern gerieten schnell in Vergessenheit. Land zu besetzen und bewohnbar zu machen, bedurfte der ganzen Kraft. „Wir stellten unsere Schilfmatten in den Sand, der damals voller Unrat war. Krebse und Skorpione krochen da auch noch herum. Jeden Abend kam ich mit meiner Mutter, um in der Hütte zu schlafen, damit uns niemand den Platz streitig machen konnte“, erzählt Roxanna, die mit elf Jahren in die BRD kam. Der Kampf fand an zwei Fronten statt: zum einen gegen die angeblichen oder rechtmäßigen Besitzer des Landes, zum anderen gegen Neuankömmlinge, die – obwohl sie nicht TeilhaberInnen der BRD waren – ebenfalls angelockt wurden und sich ihren Bauplatz absteckten.

Schließlich änderte die Wohnungsbaugesellschaft ihre Rechtsform und nahm den Rechtstitel eines „asentamiento humano“ an, was die Legalisierung und Eintragung der Bauplätze erlaubte. Und die angestrebte Hilfe von der Deutschen Botschaft? Der Name war nicht viel nütze. „Eine kleine Unterstützung bekamen wir, und eine deutsche Frau sammelte Spenden, damit der Mütterklub seine Gemeinschaftsküche bauen konnte“, erklärt Fortunato. Ob die Leute von der Botschaft wohl vermuteten, dass sich hinter dem schmeichelhaften Namen eine Bande gefährlicher Linker versteckte? Damals gehörten oder sympathisierten nämlich die meisten SiedlerInnen mit der „Vereinigten Linken“. „Wir haben in der Siedlung immer zusammengehalten“, erzählt Fortunato, „in Gemeinschaftsarbeit hoben wir die Gräben für die Wasser- und Abwasserleitungen aus und installierten elektrisches Licht“. Im Jahr 1989, als TouristInnen aus der ganzen Welt nach Berlin fuhren, um einen Stein aus der historischen Mauer zu reißen, feierten die BewohnerInnen der BRD jeden neuen Ziegelstein, den sie in ihre im Bau befindlichen Häuser setzen konnten. Im Gedächtnis der BRD ist 1989 das Jahr, in dem sie die Wasserleitungen fertigstellen konnten. Was zur gleichen Zeit in Europa geschah, ist für die „Deutschen“ eher eine Anekdote. „Wir sahen den Fall der Berliner Mauer im Fernsehen und lachten noch, ob wir uns jetzt auch mit der DDR vereinigen müssen“, erinnert sich Roxanna. Sie ist stolz auf ihr Viertel: „Ich spüre die menschliche Nähe. Als meine Mutter starb, kamen die Nachbarn, einfach so, und unterstützten uns mit Geld für die Beerdigung und mit ihrem Trost. Diese Solidarität unter Nachbarn ist für mich wichtiger als in einem schicken Viertel von Lima zu wohnen“.

Die DDR ging in all diesen Jahren ihren eigenen Weg. Ihre Bemühungen, von der Botschaft der DDR Unterstützung zu erhalten, waren von noch weniger Erfolg gekrönt. „Auf der Botschaft speisten sie uns mit ein paar Propaganda-Heftchen ab“, erinnert sich Raúl Aza vom Gemeinderat der DDR. Aber das Schicksal der DDR wendete sich mit dem apristischen, linkspopulistischen Präsidenten Alan García, der 1986 an die Macht kam und das Land vier Jahre später im Chaos hinterlassen sollte. Aus einem Grund, den wir nicht kennen – ob es mit dem Namen zu tun hat? – fand Alan García besonderen Gefallen an der DDR. „Er kam mehrere Male hierher und hielt Wahlreden, aber er half uns auch, dass wir Elektrizität und Wasser bekamen und unsere Schule gebaut werden konnte“. Die Beliebtheit Alan Garcías in der DDR stieg, und viele BewohnerInnen traten der Partei Garcías, der APRA, bei, was ihnen heute – noch dazu in Kombination mit ihrem Namen – zum Nachteil gereicht. „Als ich den Besuch des Präsidenten Fujimori im Nachbarviertel ausnützte und ihn darum bat, bei uns einen Polizeiposten einzurichten, hat er nur die Stirn gerunzelt und uns gesagt, wir müssten den Namen unserer Siedlung ändern, weil dieses Land gar nicht mehr existierte“. Raúl Aza ist davon überzeugt, dass dies der eigentliche Grund sei, warum die DDR immer noch keinen Polizeiposten hat. Die Schulbehörde hat bereits das „demokratisch“ aus dem Namen der örtlichen Schule gestrichen, die jetzt nur noch „Deutsche Republik“ heisst. Und dabei sind die BewohnerInnen stolz auf ihre Deutsche „Demokratische“ Republik. „Wir haben uns daran gewöhnt, überall kennen sie uns unter diesem Namen, wir sind erheblich grösser als die BRD“, lacht Margarita, die Lehrerin ist und Mitglied des Gemeinderates. „Und außerdem sind wir wirklich demokratisch. Was soll schlecht daran sein ?“

Von der Scham und dem Stolz, Deutscher zu sein

Vom Sportplatz der DDR aus hat man einen herrlichen Blick über die Hügel von Chorrillos bis zum Pazifischen Ozean. Der Platz, ein mehr schlecht als recht asphaltiertes Viereck von 30 Quadratmetern, reicht gerade für die 12 Jungen, die dort ihr Fußballturnier austragen. Dauernd rollt der Ball über das Feld den Hügel hinab. Die meisten der Spieler haben indigene Gesichtszüge. Klar, ihre Eltern kamen einst aus den Bergprovinzen Cusco und Ayacucho nach Lima, um sich schließlich in der DDR niederzulassen. „Unsere Hauptsorge sind die Jugendarbeitslosigkeit und das Bandenwesen“, erzählt Manuel Ochoa vom Gemeinderat, der hier als Schiedsrichter fungiert. „Deshalb organisieren wir Sportveranstaltungen, damit die Jugendlichen nicht auf der Strasse herumlungern“. Die meisten Jugendlichen der DDR machen eine kurze Ausbildung in Handwerksberufen, um dann – wenn überhaupt – Gelegenheitsarbeiten auf dem Bau, im Handel oder als Kassierer in Bussen zu bekommen; Jobs, die gerade mal helfen, das Familienbudget aufzubessern.

Der 17-jährige Ricardo macht gerade einen Computerlehrgang. Sein großes Ziel ist, „es im Leben zu etwas zu bringen“. Wie er das genau anpacken soll, weiß er nicht, aber er zweifelt daran, dass er es zu etwas bringen kann, wenn er in dem Armenviertel DDR bleibt. Er träumt davon, in einem der schicken Viertel Limas zu wohnen, wo alle mindestens ein eigenes Auto und eine Hausangestellte haben. Weder er noch Luís, einer der wenigen Jugendlichen aus der DDR, die sich auf die Uni vorbereiten, wissen, warum ihr Viertel nach diesem exotischen und inzwischen inexistenten Land benannt ist. Was sie denn vom Sozialismus halten? Zuerst verstehen sie die Frage nicht, dann kommt ein Leuchten in Luís' Gesicht, er hat kapiert, worum es geht: „Ja, genau, ich finde auch, dass es sehr wichtig ist, mit Leuten zusammenzukommen“ (im Spanischen: „socializarse“). Die Kämpfe ihrer Eltern sind für sie bereits Geschichte, die gemeinsamen Anstrengungen, die Grundversorgung des Viertels zu sichern: Es gibt eine Schule, einen Gesundheitsposten, Telefon, Wasser und Elektrizität funktionieren mehr oder weniger. Jetzt geht es darum, den zweiten Schritt zu tun, um weiter zu kommen. Leider ist es für die Jugendlichen der DDR keine Lösung, einfach die Strasse zu überqueren und in die BRD überzusiedeln. Dort sieht es nämlich auch nicht besser aus.

Kurz vor dem Eingangsbogen, gegenüber der Brathendlbraterei „Deutschland“, bauen ein paar Jugendliche an ihrer Kirche. Sie haben ihren Weg in einer evangelikalen Sekte gefunden und sind überzeugt, dass Gott ihnen auf dem Weg nach oben helfen wird. Für die Geschichte ihres Viertels interessieren sie sich nicht, die buchstabengetreu ausgelegten Geschichten der Bibel sind ihnen genug an Orientierung. Zwei ca. 16-jährige Mädchen sitzen vor einem der vielen Tante-Emma-Läden und tauschen ihre Jungmädchengeheimnisse aus. „Ich bin gebürtige Deutsche“, hört man eine von ihnen sagen. Die Schreiberin dieser Zeilen kann ein komplizenhaftes Lächeln nicht unterdrücken. Sie sagt dasselbe, wenn man sie fragt, woher sie kommt. Nur dass man ihr eine andere deutsche Geschichte beigebracht hat, eine, die nichts nützt, um zu verstehen, was in den beiden deutschen Republiken von Lima vor sich geht. 

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