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aus Befreiung und Theologie / ila 256

Lieber kämpfend sterben als vor Hunger
Chilenische Kleinfischer gegen industriellen Fischfang
 und das Freihandelsabkommen mit der EU
von Leo Wetli

Wenn Cristian Miranda nachts in sein Boot steigt, hat er ein ungutes Gefühl. In die Freude an seinem Fischerberuf mischt sich die Sorge, es könnte für die nächsten Wochen die letzte Ausfahrt sein, und vielleicht bald einmal die endgültig letzte. Dabei denkt er nicht so sehr ans Sterben, denn an die Gefahren auf dem Meer hat er sich längst gewöhnt. Erst vor einigen Monaten hat er dabei seinen besten Freund verloren. Es sind die Umstände, die ihm zu schaffen machen. Das drohende Aussterben der Kleinfischer besorgt ihn, und zusammen mit ihm die 1700 Fischer in San Antonio, einer kleinen Stadt am Pazifik, 100 km westlich der Hauptstadt Santiago. Und die gleiche Angst teilen auch die 60 000 Kleinfischer im ganzen Land. In Chile existieren entlang der Küste 436 caletas, kleine oder größere Fischerdörfer oder Fischerhäfen in den Städten. Rechnet man die Hilfstätigkeiten am Hafen hinzu, verdoppelt sich diese Zahl. Wenn man diese wiederum hochrechnet auf die Familienangehörigen, leben über eine halbe Million Menschen direkt von der Kleinfischerei. Angesichts der 15 Millionen Einwohner Chiles eine recht beträchtliche Anzahl.

Seit Menschengedenken wurde an der Pazifikküste gefischt. Die ersten menschlichen Siedlungen vor mehr als zehntausend Jahren im Norden Chiles bestanden aus Fischern. Doch seit einigen Jahrzehnten sind sie nicht mehr allein bei der Arbeit. Große Unternehmen der Fischmehlindustrie, darunter bekannte Namen wie Eperva, Iquique Guanaye und Coloso, haben sich breit gemacht. Sie brüsten sich mit sogenannten „historischen“ Rechten, eine zynische Fälschung der Realität. Im Trend der Konzentration und Gewinnmaximierung sind ihnen die Kleinfischer schon lange ein lästiges Hindernis. Daher versuchen sie seit einigen Jahren vehement, die Fischbestände als Privateigentum rechtlich zu besitzen und darüber verfügen zu können. Der Weg dahin führt über die Anwendung des Systems der individuellen Fangquoten (Cuotas Individuales Transferibles, CIT). Die Quoten sind Wertpapiere, die auch vermietet, verkauft oder an der Börse gehandelt werden können. Bestandteil dieses Mechanismus ist auch die geographische Regionalisierung der Fangrechte.

Das würde soweit vielleicht alles vernünftig klingen, wenn man annehmen möchte, das Ganze sei zum Schonen der Fischbestände gedacht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Beim Zuweisen der Anteile wird derjenige belohnt, der die Fischbestände am meisten geschädigt hat. Der chilenische Verband der Kleinfischer CONAPACH hat immer wieder auf die negativen Erfahrungen in anderen Ländern hingewiesen, wo das Quotenmodell erprobt wurde. Die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen in Neuseeland oder Kanada zum Beispiel waren verheerend. Protestaktionen in ganz Chile, vor allem in San Antonio, konnten die von der Regierungskommission vorgeschlagene Gesetzesreform bis jetzt verhindern. Die neuen strittigen Artikel beziehen sich eben auf die Quotenregelung, welche die großen Fischereiunternehmen im Parlament durchsetzen wollen. Ein Teil der Abgeordneten und Senatoren haben selbst eigene Investitionen in der Fischindustrie.

„Die individuellen Quoten und die daraus resultierende Privatisierung der Fische sind das Ende der Kleinfischerei“, klagen die Fischer. „Den Unternehmen werden rund 80 Prozent der Fischbestände zugesprochen, ohne Einschränkungen in bezug auf Material und Fangtechniken, mit dem daraus resultierenden ökologischen Schaden. Daneben können wir nicht mehr existieren. Bei der regionalen Verteilung stehen San Antonio monatlich 572 Tonnen Merluza zu. Das fischen wir in acht bis zehn Tagen. Den Rest des Monats sind wir arbeitslos. Die Verzweiflung ist groß, wenn die Quote zu Ende geht. Auch bei schlechtem Wetter fahren viele hinaus, um die Gelegenheit noch einmal zu nutzen, ein gefährliches Unterfangen, das manche mit dem Leben bezahlen. Im Endeffekt wird unsere Arbeit in die Illegalität abgedrängt. Wir werden in Zukunft Fische aus dem Meer holen, die Privateigentum eines Besitzers sind. Unsere Tätigkeit wird dann vor dem Gesetz zum Diebstahl.“

Die dramatische Situation der Kleinfischer verschärft sich mit dem kürzlich zwischen der Europäischen Union und Chile unterzeichneten Freihandelsabkommen. Was in diesem Vertrag die Sache der Fischerei anbetrifft, bezeichnet Cosme Caracciolo, Präsident der CONAPACH, als „Transnationalisierung“ der Fischbestände, welche auf die Dauer sogar die Souveränität Chiles und die Hohheitsrechte auf dem Meer in Frage stellt. Letztlich sind es die Industriellen, die mit Europa verhandeln, nicht der chilenische Staat. Caracciolo ist besorgt über den Fortbestand der Kleinfischerei: „Die ausländischen Flotten können auf diese Weise sogar in die Fünf-Meilen-Zone eingreifen, die als Schutzzone der Kleinfischerei reserviert ist“. Juan Carlos Cárdenas vom Forschungszentrum ECOCEANOS erklärt dazu: „Auffallend ist die Eile, mit der dieser Vertrag zustande kam, bevor der spanische Vorsitz in der EU zu Ende geht. Weder die Küstengemeinden, die Kleinfischer noch die Umweltorganisationen konnten an den vorbereitenden Beratungen teilnehmen.“ Man vergisst gern die traurige Geschichte der Überausbeutung der Meere durch spanische Schiffe an vielen Orten. Heute sind 40 Prozent der europäischen Fischerflotte ohne Fanggründe und erhalten jährlich an die 1,3 Milliarden Dollars an Subventionen aus öffentlichen Geldern. Die Hälfte davon geht an den Unterhalt und die Modernisierung der spanischen Flotte, welche 20 Prozent größer ist als die schon überdimensionierte chilenische Flotte.

Cristián Miranda, Koordinator des Regionalen Komitées zur Verteidigung der Kleinfischerei in San Antonio, fürchtet, die Konsequenzen aus dem Vertrag Chiles mit der EU könnten fatal sein: „Die Spanier gehören zu den schlimmsten Schändern auf dem Meer. Zusammen mit den Japanern haben sie verschiedene Gattungen gar ausgerottet. Sie fischen alles, und alles machen sie zu Mehl. Diese Fischfrachter sind schwimmende Städte. Wenn es sein muss, können sie bis zu einem Jahr auf dem Meer bleiben. Sie verfügen über Fischmehlfabriken an Bord und haben ein Ladevermögen von 2,5 bis 3 Tausend Tonnen. Ohne Zweifel sind wir Kleinfischer die Opfer dieses Abkommens. In der heutigen Diskussion über die Quotenregelung wird man sich noch mehr beeilen, um die Fische möglichst bald den Unternehmern als Privateigentum zu überschreiben.“ Juan Carlos Cárdenas von ECOCEANOS erklärt dies genauer so: „Die Spanier üben angesichts der bevorstehenden Gesetzesreform in Chile Druck aus, damit der Vertrag möglichst große Garantien für den Industriesektor mit einschließt. Damit könnten die Europäer bis zu 100 Prozent Besitzer ,chilenischer' Unternehmen werden. Bis dahin konnten ausländische Firmen nur bis zu 49 Prozent Kapitalanteil an chilenischen Unternehmen haben.“

Die chilenischen Kleinfischer sind unruhig. Wenn es ihnen nicht gelingt, in kurzer Zeit wenigstens die Gesetzesreform zu verhindern, ist das Ende der herkömmlichen Fischerei absehbar. Die sozialen Folgen hingegen sind nicht auszudenken. Paradoxerweise sind in der politischen Diskussion die Lager durchkreuzt. Ablehnung und Unterstützung finden die Kleinfischer bei den rechten Oppositionspolitikern und bei Abgeordneten der Regierungsparteien. Obwohl die Zeit drängt, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ermutigend, aber auch bedrohlich wirkt der Ruf der Fischer bei den Demonstrationen: „Lieber kämpfend sterben als vor Hunger“. 

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