Home | Wir über uns | Aktuelle Ausgabe | Leseproben | Archiv | Solidarität |  Notizen | Termine| TV/Radio | Links | Bestellungen


aus Befreiung und Theologie / ila 256

Querido Monseñor...
Brief an den ermordeten Erzbischof Oscar Arnulfo Romero

von Jon Sobrino SJ

San Romero de America, so ist der ehemalige Erzbischof von San Salvador, Don Oscar Arnulfo Romero in Erinnerung geblieben. Jon Sobrino, salvadorianischer Jesuit und Befreiungstheologe, schreibt jedes Jahr zum 24. März, dem Jahrestag der Ermordung, einen Brief an seinen ehemaligen Bischof. Eine einzigartige Idee, um die Erinnerung und die Brisanz des Lebens Romeros für die aktuelle Situation wach zu halten. Wir dokumentieren in Auszügen den diesjährigen Brief.

Querido Monsenor, wie es der Zufall so will, wollen gewissenlose Heilspropheten dich just in diesem Jahr zum Schweigen bringen und dich ein für alle Mal beerdigen. Sie bringen aus dem Norden "gute Nachricht" und verheißen Aufschwung, obwohl sie nicht von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit reden. Der Termin hat uns dieses Jahr übel mitgespielt. Der 24. März ist ja nicht irgendein Tag, sondern ein Symbol für das salvadorianische Volk, für alle Armen auf der Welt und für alle Männer und Frauen guten Willens. Und gerade an diesem Tag kommt der Präsident der Vereinigten Staaten in unser Land. Sein Name ist nicht wichtig, sondern sich zu erinnern, was die Regierungen dieses Landes mit unserem Land und mit den Armen dieser Welt gemacht haben. Zuletzt in Afghanistan, einem der drei ärmsten Länder der Erde. Sicher, das mit dem 11. September war fürchterlich, aber die Reaktion war grausam und ungerecht: In drei Monaten haben sie 12000 Tonnen Bomben abgeworfen und täglich geben sie 30 Millionen U$ für den Krieg aus.

Was sie hier bei uns machten, das weißt du noch ganz genau, Monseñor. Dem damaligen Präsidenten schriebst du: "Wir haben genug von Kugeln und Waffen. Wir hungern nach Gerechtigkeit, nach genügend Nahrungsmitteln, nach einem guten Bildungssystem und nach effektiven und gleichberechtigenden Entwicklungsprojekten." Und dann, einmal im Krieg, überwiesen sie eine Million Dollar täglich einer grausamen und kriminellen Armee. Da hast du es, Monseñor. Ein 24. März hat zusammengefügt, was Gott nie zusammenbringen würde: Dienst am Menschen und Arroganz der Macht, Wahrheit und Betrug, Nächstenliebe und Grausamkeit, das Leben schenken und das Leben rauben. Auch wenn sie noch so viele Erklärungen abgeben, sie haben deinen Tag besudelt.

Deshalb wollen wir dich um ein großes Wunder bitten, dass sich nämlich unser Nachbarland im Norden bekehrt, dass es aufhört, ein unterdrückerisches und machtgeiles Imperium zu sein, und dass es Gefallen daran findet, wie alle anderen ein Mitglied in der Menschheitsfamilie zu sein. Und eine zweite Bitte: dass wir hier in El Salvador - obwohl wir selbst in immensen Problemen stecken - uns nicht in uns selbst verschließen, sondern uns mit unserer Kleinheit öffnen zur Solidarität mit den Frauen und Männern in Afghanistan und allen in der Welt, die leiden, vor allem in Afrika. Apropos Wunder: Die Armen, deine Armen, haben vollkommen Recht, von dir Wunder zu verlangen, denn sie wissen nicht mehr ein noch aus: so viele Türen wurden ihnen verschlossen, so viele Versprechen gebrochen, so oft standen sie mit leeren Händen da und mussten ihr Land verlassen. Die Ungerechtigkeit, die Lüge, die Korruption, der strukturelle Egoismus das ist die Luft, die wir heute atmen müssen.

Und deine Kirche? Es gibt viel Gutes in ihr, Monseñor. Poster, Bilder, Musik, Statuen, Plätze, Bücher - alles zu deinen Ehren – finden sich in den Dörfern und den Vorstädten, in einigen Schulen und Pfarreien. Die Menschen tun etwas, um dich in Ehren zu halten. Aber ehrlich gesagt, der Kirche fehlt deine Verteidigung der Armen, deine Prophetie, deine Barmherzigkeit, dein Hunger und Durst nach Gerechtigkeit. "Die Dinge haben sich eben geändert", so sagen es uns die Ideologen, die Politiker und die Regierenden, und wir hören das auch in der Kirche. Deine Kraft und deine Leidenschaft - so sagen sie uns ehrlich oder heuchlerisch - waren schon gut. Aber jetzt ist es auch gut - oder zumindest tolerierbar - dass Bewegungen, pastorale Methoden, Spiritualitäten gefördert werden, die die Abkehr von der Welt durch die Kirche propagieren, die die Armen im Elend lassen, die sich durch die wirtschaftlichen, politischen, Medien- und anderen Mächte leiten lassen. "Die Dinge haben sich geändert", das hören wir ein ums andere Mal.

Der Krieg ist beendet. Und die Ungerechtigkeit? Das ist doch die Kernfrage, denn du sagtest: "Ich klage vor allem die Verabsolutierung des Reichtums an. Das ist das große Übel in El Salvador." Hat das sich geändert? Hat sich der Egoismus geändert, der unser Land beherrscht, der unsere Bevölkerung einteilt in die Wenigen, die sich jede Menge Luxus leisten, und die Vielen, die alles Elend ertragen müssen? Hat sich der Egoismus geändert, der die Politik und die Finanzwelt beherrscht? Wir bitten dich, Monseñor, um das Wunder, die Realität so zu sehen, wie sie ist, und nicht so, wie sie uns gefallen würde. Was sich nicht geändert hat, ist die Dringlichkeit der prophetischen Anklage durch die Kirche Jesu, dem sich der Magen umdrehte beim Anblick des unterdrückten Volkes. Aber, Monseñor, wo ist heute die "Stimme derer, die keine Stimme haben"? Wo sind die, "die sich darüber freuen, dass die Kirche verfolgt wird, weil sie prophetisch ist und eine bessere Welt verkündet"? Es ist nicht leicht, sie zu finden. So viele wie damals gibt es heute nicht mehr. Du warst einer von ihnen, Monseñor. Das Leiden der Armen ging dir zu Herzen, niemand und nichts konnte es relativieren. "Es gibt nichts Wichtigeres als das Leben der Menschen, vor allem das Leben der Armen und Unterdrückten."

Ich möchte mit deinen eigenen Worten schließen: "Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Schrei zum Himmel steigt, stoppt die Ungerechtigkeit und Lüge, stoppt euer höhnisches Getue und die Korruption, stoppt die Armut und die Ausgrenzung, stoppt die Machtgeilheit und die Respektlosigkeit."

Übersetzung, Zusammenfassung und Bearbeitung: Werner Huffer-Kilian

 Zurück