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Der Narco -Kandidat Glaubt man den Meinungsumfragen, so heißt der nächste Präsident Kolumbiens Alvaro Uribe Vélez. Obwohl dies in etwa dasselbe wäre, wie wenn Jean-Marie Le Pen Präsident Frankreichs würde, ist bisher kein Aufschrei durch die internationale Öffentlichkeit gegangen. Im Gegenteil, die USA setzen auf Uribe. Dabei kratzen die Bush-Administration weder Uribes Nähe zu den paramilitärischen Todesschwadronen AUC noch die Tatsache, dass er eng mit dem Drogenhandel verflochten ist. Und das, obwohl die AUC auf Bushs Liste der terroristischen Organisationen stehen und die US-Regierungen seit Jahr und Tag den Krieg gegen die Drogen proklamieren. In den Jahren 1997 und 1998 wurde in Kalifornien vom US-amerikanischen Zoll auf drei nach Kolumbien auslaufenden Schiffen eine Menge von insgesamt 50 000 Kilo Kaliumpermanganat beschlagnahmt. Kaliumpermanganat ist neben Azeton und Äther der wichtigste Zusatzstoff zur Herstellung von Kokain, muss aber wegen fehlender Eigenproduktion aus den USA, Europa oder China importiert werden. Mit 50 000 Kilo Kaliumpermanganat kann Kokain zu einem Marktwert von 15 Milliarden US-Dollar hergestellt werden und wer den Import dieses Stoffes kontrolliert, kontrolliert auch die gesamte Drogenproduktion des Landes. Der Zielort der drei Schiffsladungen war die Firma GMP Productos Químicos (GMP Chemische Produkte) in Medellín, die laut den Berichten der DEA (Drug Enforcement Agency) zwischen 1994 und 1998 Kolumbiens größter
Kaliumpermanganat- Importeur war. Der Eigentümer der Firma ist Pedro Juan Moreno Villa, Kampagnemanager und seit vielen Jahren die rechte Hand des Präsidentschaftskandidaten und derzeitigen Wahlfavoriten Alvaro Uribe Vélez. Die „leiseste“ Beschlagnahmung in der Geschichte der DEA In den USA muss laut Gesetz die Ein- oder Ausfuhr von chemischen Stoffen, die zur Drogenherstellung verwendet werden können und eine Menge von 500 Kilo pro Monat überschreiten, der DEA vorab gemeldet werden. Im Falle der drei Schiffe nach Kolumbien war dies jedoch nicht geschehen. Trotzdem blieb der übliche Triumphschrei der amerikanischen Presse bei erfolgreicher Beschlagnahmung von großen Mengen an Drogen oder Chemikalien zu deren Herstellung aus. Der Exportfirma MacDermid Inc. in Connecticut wurde ein Bußgeld von 50 000 Dollar auferlegt, während der Empfänger GMP in Medellín nicht einen einzigen Peso einbüßte. Mit der Beschlagnahmung hatte die DEA auf die falschen Narco-Zehen getreten: Einerseits hätte die Firma GMP gleicherweise wie ihr amerikanischer Partner gesetzlich sanktioniert werden müssen, andererseits hätte dies eine Reihe sehr unangenehmer Folgen für Moreno und Uribe gehabt und letztendlich das Ziel der USA für die Präsidentschaftswahlen dieses Jahres durchkreuzt, denn Uribe ist ihr Mann. Die Rauschgiftbehörde DNE (Dirección Nacional de Estupefacientes) ist in Kolumbien dafür zuständig, Lizenzen für den Handel mit international kontrollierten Chemikalien zu vergeben und zu erneuern. Ihr obliegt es auch, zu kontrollieren, ob die erlaubte Handelsquote von fünf Kilo oder Liter von den Lizenzhaltern eingehalten wird. Für die Ein- oder Ausfuhr einer geringeren Menge ist keine offizielle Erlaubnis nötig. Im Laufe der Jahre 1997 und 1998 fand die DNE heraus, dass die Firma GMP eine große Menge von Rechnungen über den Verkauf von jeweils 4,6 Kilo ausgestellt hatte, die Empfänger jedoch die Ware niemals erhalten hatten, ihre Adressen gefälscht worden waren oder sie als Personen gar nicht existierten. Auf diese Weise wurde festgestellt, dass die GMP enorme Mengen des Kaliumpermanganats auf den kolumbianischen Markt gebracht hatte, ohne die zuständigen Behörden zu informieren. Aber selbst von einer Menge von 4,6 Kilo Kaliumpermanganat können 46 Kilo Kokain zu einem Marktwert von 30 000 Dollar produziert werden. Während einer öffentlichen Anhörung, bei der auch die DEA zugegen war, gab Moreno zu Protokoll, dass er keinerlei Kenntnis davon besitze, dass die von der GMP gehandelten Chemikalien zur Kokainherstellung hätten genutzt werden können. Das Imperium des Pablo Escobar Als Uribe 1982 zum Bürgermeister gewählt wurde, befand sich Medellín in einer Zeit des Aufschwungs. Das berüchtigte Medellín-Kartell mit Pablo Escobar an der Spitze nahm die Stadt im Sturm, ließ im Robin-Hood-Stil Behausungen für die Armen bauen, ließ sich almosenausteilend mit katholischen Priestern in den zahlreichen Elendsvierteln sehen und kurbelte Uribes Pläne für den Bau von Kolumbiens einziger Metro an. Die organisierte Kriminalität nahm sprunghaft zu und bemächtigte sich aller wichtigen Institutionen und Gremien der Stadt. Sowohl Uribe als auch Escobar waren Mitglieder der Liberalen Partei, die sich in pingponggleichem Rhythmus jahrzehntelang mit der Konservativen Partei die Regierungsmacht teilte. Innerhalb der Partei entstanden jedoch Kontroversen und eine ihrer führenden Persönlichkeiten, Luis Carlos Galán, besorgt über das zunehmende organisierte Verbrechen in der Stadt, ließ Escobar aus der Mitgliedsliste der Partei streichen und klagte ihn vor einer versammelten Menge von mehreren tausend Personen an. Pablo Escobar war jedoch nicht mehr aufzuhalten: Er wurde 1982 in den Kongress gewählt und wickelte während Reagans Regierungszeit Drogen-für-Waffen-Geschäfte mit u.a. dem panamaischen Präsidenten Manuel Noriega und den nicaraguanischen Contras ab. Gleichzeitig formierte sich das Medellín-Kartell mit bekannten Persönlichkeiten wie die Familie Ochoa, Carlos Lehder und José Rodríguez Gacha. 1983 wurde Escobar vom damaligen Justizminister Rodrigo Lara Bonilla aus dem Kongress entfernt. Der Paramilitarismus Die Paramilitärs, in den achtziger Jahren mit Hilfe der USA aufgebaut und 1989 für illegal erklärt, vermehrten sich dramatisch ab den neunziger Jahren, vor allem durch die aktive Mithilfe und Finanzierung des Medellín-Kartells. Von Uribe und Escobar protegiert, begannen die paramilitärischen Gruppen unter dem Kommando der Brüder Fidel und Carlos Castaño systematisch unter der kolumbianischen Linken aufzuräumen. Besonders vor den Wahlen 1990 und um deren Beteiligung bei diesen zu verhindern, wurden vier Präsidentschaftskandidaten ermordet: Carlos Pizarro, Führer der gerade demobilisierten Guerilla M-19, Jaime Pardo Leal von der linksgerichteten UP (Unión Patriótica) und sein Nachfolger Bernardo Jaramillo und schließlich Luis Carlos Galán von der Liberalen Partei. Escobar hatte die ihm zugefügte Erniedrigung in Medellín nicht verziehen.
Keiner der Täter oder deren Hintermänner hat sich jemals vor Gericht verantworten müssen. |