aus
Venezuela / ila 255
Ohne Eigentümer geht es besser
Eine von der Gewerkschaft verwaltete Zuckerfabrik
im Nordosten Brasiliens
von Gert Eisenbürger
Der Nordosten gilt als das Armenhaus Brasiliens. Die Region, in der es den Menschen am schlechtesten geht, ist aber keineswegs die riesige Dürreregion des Sertão, sondern die regenreiche „Zona da Mata“, der 50-70 Kilometer breite Küstenstreifen. Zur Überwindung von Armut und Elend – so predigen es seit Jahr und Tag die Modernisierer – gelte es Regionen in den Weltmarkt zu integrieren und ihre Exportkapazitäten zu entwickeln. Genau dies wird in der Zona de Mata praktiziert – und nicht erst neuerdings: Seit dem 17. Jahrhundert wird dort Zuckerrohr für den Weltmarkt angebaut. Wohlstand hat das der Region nicht gebracht, nur einigen Zuckerbaronen. Den Menschen, die dort absolut weltmarktintegriert leben und arbeiten, fehlt es am nötigsten. Laut Informationen der in der Zona da Mata sehr aktiven Landlosenbewegung MST geht aus alten Dokumenten hervor, dass die Menschen dort vor 400 Jahren im Durchschnitt zehn Zentimenter größer waren als heute. Die ständige Unterernährung habe bewirkt, dass ihre Körpergröße kontinuierlich zurückging. Zucker und Hunger sind Begriffe, die im Nordosten Brasiliens nicht voneinander zu trennen sind. Damit wollen die ArbeiterInnen der Usina Catende, einer Zuckerplantage und -fabrik in der Zona da Mata, Schluss machen.
Zuckerproduktion in der Zona da Mata heißt normalerweise, dass
Großgrundbesitzer eine Usina betreiben, eine mehrere tausend Hektar große Zuckerrohrplantage samt einer Fabrik zur Herstellung des Zuckers. Für eine Usina arbeiten tausend und mehr feste ArbeiterInnen auf den Feldern und in der Fabrik, dazu kommen in der insgesamt sechs Monate dauernden Zafra (Ernte) noch einmal ebenso viele ZuckerohrschneiderInnen, die tage- oder wochenweise angestellt werden. Bei den Beschäftigten gibt es klare soziale Hierarchien. Ganz unten sind die SaisonarbeiterInnen, darüber stehen die festangestellten LandarbeiterInnen und über ihnen die FabrikarbeiterInnen. „Soziale Hierarchien“ bedeutet hier Ausdifferenzierungen im Ausmaß der Armut und des Elends.
Die saisonal beschäftigten ZuckerrohrschneiderInnen haben außerhalb der Erntezeit kaum andere Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Da es für sie keine Arbeitslosenunterstützung gibt, bedeutet das über Monate Mangelernährung für die ganze Familie. Die festangestellten LandarbeiterInnen verdienen in der Regel einen Mindestlohn, der bei etwa 200 Reais (ein Euro entspricht ungefähr zwei Reais) liegt. Bei einem Preisniveau, das nur zwanzig bis dreißig Prozent unter dem Deutschlands liegt, kann man sich leicht vorstellen, dass auch das nicht für eine ausgewogene Ernährung reicht, sondern nur für die regelmäßige Portion Reis und Bohnen, vielleicht etwas Maniok oder nährstoffarmes Weißbrot. Gemüse, Milch oder Fleisch sind unerschwingliche Luxusartikel. Der Lohn der FabrikarbeiterInnen liegt um einige Prozent höher, aber auch das reicht kaum für das Nötigste.
Wirklich privilegiert sind nur die Besitzer und einige höhere Angestellte. Die Usina Catende, um die es in diesem Artikel geht, unterhielt bis Mitte der neunziger Jahre ein Büro für die Vermarktung in Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco. Dort waren sechs Angestellte beschäftigt, die alle jeweils 30 000 (dreißigtausend!) Reais im Monat verdienten, also 150-mal soviel wie ein festangestellter, also „privilegierter“ Landarbeiter.
Doch das ist in Usina Catende heute anders. Die leitenden Angestellten in Recife verdienen deutlich weniger, die LandarbeiterInnen leben etwas besser. Der Grund hierfür liegt in einem Umstand, der normalerweise ArbeiterInnen nichts Gutes verheißt: einem Konkurs. Bei der Usina Catende eröffnete er die Perspektive auf ein besseres Leben.
Am 3. Januar dieses Jahres besuchten wir den 140 Kilometer westlich von Recife gelegenen außergewöhnlichen Betrieb. Auf dem Hinweg durch hügeliges Gelände, rechts und links der Straße nur grünes Zuckerrohr. Monokultur soweit das Auge reicht. Dazwischen, selten, ein paar Weideflächen für Kühe.
In der Usina erwarten uns Lenivaldo Marques da Silva Lima und Marivaldo Silva de Andrade. Lenivaldo gehört zu einer Gruppe von Beratern, die wirtschaftliche und soziale Projekte sowie Bildungsmaßnahmen in der Usina entwickeln und betreuen und von der Betriebsleitung bei Planungsvorhaben konsultiert werden. Marivaldo vertritt die Gewerkschaftsbewegung in der Betriebsleitung. Lenivaldo macht uns mit der Geschichte der Fabrik vertraut: „Die Usina ist schon mehr als 100 Jahre alt. Zu dem Komplex gehören aktuell 26 000 Hektar Land, früher waren es auch schon mal 70 000 Hektar. In den sechziger und siebziger Jahren hatte die Usina Catende 5000 Beschäftigte und die größte Zuckerproduktion in ganz Lateinamerika.“ Dann ging es mit dem Betrieb bergab. Die Gründe waren durchaus auch hausgemacht. Die Eigentümer zogen im großen Umfang Geld aus der Usina und investierten nichts mehr.
Aber es gibt auch eine strukturelle Krise der Zuckerwirtschaft im Nordosten. Zucker wird nämlich auch im Südosten Brasiliens, im Bundesstaat São Paulo produziert. Im dortigen Flachland ist die Ernte weitgehend mechanisiert, das Zuckerrohr in der hügeligen Zona da Mata muss von Hand geschnitten werden. Entsprechend liegen die Produktionskosten im Bundesstaat São Paulo niedriger. Aufgrund ihres großen politischen Einflusses in der Hauptstadt Brasília und wegen der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Nordostens erreichten die Zuckerbarone aus der Zona da Mata Subventionen für ihre Zuckerproduktion. Allerdings wurden diese Zuwendungen in den achtziger Jahren gekürzt. Die Folgen waren Betriebsstillegungen und Massenentlassungen. Davon waren auch die Beschäftigten der Usina Catende betroffen, berichtet Lenivaldo: „In der Zona da Mata wurden seit den achtziger Jahren dreizehn Usinas geschlossen und die Arbeiter standen immer mittellos da – ohne Entschädigung. Im August/September 1993 entließ auch die Usina Catende 2300 LandarbeiterInnen. Damals begann die gewerkschaftliche Mobilisierung, um eine Entschädigung der KollegInnen durchzusetzen.“
Klatschspalte als Mobilisierungsinstrument
Die Eigentümer der Usina weigerten sich, den Entlassenen Entschädigungen zu bezahlen. Es sei kein Geld da, die Zeiten seien schlecht, so ihre lapidare Begründung. Ende 1994 rief die Gewerkschaft zur Besetzung der Usina auf. Viele KollegInnen hatten Angst, sich an einer solchen Aktion zu beteiligen. Dass sie es dann doch wagten, war u.a. der Klatschspalte einer Tageszeitung aus Recife zu verdanken. Dort wurde nämlich breit und mit Fotos von einer mondänen Silvesterparty im exklusivsten Hotel der Stadt berichtet. Eine Großaufnahme zeigte die Schampus schlürfenden Eigentümer der Usina Catende unter den Festgästen. „Dieser Bericht war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, erinnert sich Lenivaldo. Zu Weihnachen und zum Jahreswechsel herrschte bei den entlassenen ArbeiterInnen die blanke Not. Nicht einmal an den Festtagen kam etwas Richtiges auf den Tisch.
Im Laufe ihres Kampfes stellten die KollegInnen fest, dass die Usina Catende bankrott war. Zudem hatten die Eigentümer nicht nur keine Entschädigungen bezahlt, sondern über Jahre auch die tariflichen Sozialleistungen für die Beschäftigten nicht entrichtet. Die bei der Belegschaft aufgelaufenen Schulden lagen höher als der Verkehrswert des Unternehmens. Dazu kamen noch die Verbindlichkeiten bei Banken und Zulieferern. Die Gesamtverschuldung umfaßsste ungefähr eine Milliarde Reais, davon allein bei der Banco do Brasil 470 Millionen. 1995 beantragten die VertreterInnen der Belegschaft beim Gericht, den Konkurs des Unternehmens zu erklären. Die Justiz folgte dem Antrag und eröffnete das Konkursverfahren. Francisco Mendoza, ein Ingenieur der Usina, verdeutlicht, dass das keine Selbstverständlichkeit war: „Das ist in ganz Pernambuco die einzige Usina, die formell in Konkurs gegangen ist. Und zwar auf Initiative der Arbeiter. Deren Organisation hat dazu beigetragen, dass der Konkurs erklärt und gerichtlich festgestellt wurde. Damit greift das Konkursrecht. Üblicherweise läuft es hier so, dass die Zuckerbarone Kredite genommen, das Geld woanders investiert oder einfach ihren Luxuskonsum damit finanziert haben. Ist eine Usina bankrott, werden das Land und die Anlagen verkauft. Die Eigentümer machen die Fliege, die Arbeiter stehen mit leeren Händen da. Das ist die gängige Art und Weise, mit der Zuckerkrise umzugehen.“
Nun gibt es – und hier wird die Sache spannend – im brasilianischen Konkursrecht eine Klausel aus der Regierungszeit des populistischen Präsidenten Getúlio Vargas, nach der beim Konkurs eines Unternehmens aus der Konkursmasse zunächst die Ansprüche der Beschäftigten zu entschädigen sind und erst danach die Ansprüche der übrigen Gläubiger. Da aber die Ansprüche der ArbeiterInnen schon über dem Verkehrswert des Unternehmens liegen, bedeutet dies im Prinzip, dass die Usina ihrer Belegschaft gehört. Im Prinzip, denn ganz so einfach ist es nicht: Die Beschäftigen sind kein kollektives Subjekt, sondern jeder einzelne Arbeiter und jede einzelne Arbeiterin muss individuelle Ansprüche wegen der nicht gezahlten Sozialversicherungsbeiträge und der Entschädigungen geltend machen.
Die KollegInnen waren sich zunächst auch keineswegs einig, wie es nach dem Konkurs weitergehen sollte. Die Usina in eigener Regie weiterzuführen kam vielen völlig unrealistisch vor. Sie wollten lieber eine Abfindung, in der Hoffnung damit in einer größeren Stadt der Region oder gleich im „reichen“ Südosten mit den Metropolen São Paulo, Rio oder Belo Horizonte neu anzufangen. Am Ort gab es keine alternativen Arbeitsmöglichkeiten. Die unsicheren Perspektiven anderswo und kaum Aussicht auf kurzfristige Entschädigungszahlungen veranlassten sie schließlich zu bleiben. Konkursverfahren sind in Brasilien eine langwierige Sache. Alle Gläubiger müssen ihre Ansprüche bei der Justiz anmelden, die dann prüft und entscheidet, wie und in welchem Umfang diese aus der Konkursmasse beglichen werden.
Zunächst einmal wurde die Usina Catende unter Zwangsverwaltung gestellt und ein Konkursverwalter eingesetzt, der vom größten Gläubiger, der Banco do Brasil, benannt wurde. Die Belegschaft schloss sich zu einer Gläubigergemeinschaft zusammen, um ihre Interessen gegenüber der Justiz, den Banken und den übrigen Gläubigern zu verteidigen. Die Produktion wurde weitergeführt, doch die Großgläubiger sahen darin – anders als die Gewerkschaft – nur einen Zwischenschritt, bis potente Käufer für das Land und die Anlagen gefunden würden. Entsprechend weigerte sich der Konkursverwalter, notwendigen Investitionen zuzustimmen, und versuchte stattdessen, wichtige Maschinen und Anlagen zu verkaufen. Als sich der Konflikt zwischen Konkursverwalter und Gewerkschaft zuspitzte, schaltete sich die damals sozialdemokratische Regierung des Bundesstaates Pernambuco ein. Unter Vermittlung des Gouverneurs wurde ein neuer Konkursverwalter, Mario Borba, bestimmt. Borba, schon lange in der Zuckerwirtschaft tätig, wollte ebenso wie die Gewerkschaft die Usina Catende langfristig weiterführen.
Marivaldo, der Gewerkschaftsdelegierte, dazu: „Die schwierige Zeit war 1995/96, als man erst mal sehen musste, wie man das Ding am Laufen hält und wie es weitergehen könnte. Erst einmal ging es darum, die Arbeitsplätze zu bewahren, das waren fünfhundert in der Fabrik und tausend auf dem Feld, dazu kommen die der zwölf- bis dreizehnhundert Zuckerrohrschneider, die während der Ernte eingestellt werden.“
Und -schneiderinnen oder überhaupt Arbeiterinnen, fragen wir. Lenivaldo meint, es gebe Frauen in der Verwaltung und einige wenige auf den Feldern. Vor der Zuckerkrise waren es mehr Landarbeiterinnen, aber im Zuge der Krise entließen die Eigentümer vor allem „teurere“ Beschäftigte. Dazu gehörten vor allem die Frauen wegen ihres Anspruchs auf Mutterschutz.
Als die Fortführung der Produktion gesichert und mit der Bestellung des neuen Konkursverwalters erstmals so etwas wie eine Perspektive gegeben war, begann man mit den ersten Schritten zur Umgestaltung der Usina. Priorität hatten dabei zwei Vorhaben, wie Lenivaldo berichtet: „1997 begannen wir zwei Projekte: Nahrungsmittelsicherheit, weil die Ernährungslage – vor allem außerhalb der Erntezeiten – sehr schlecht war, und eine Alphabetisierungskampagne. Zur Ernährungssicherung der Beschäftigten wurde vor allem in die familiäre Landwirtschaft investiert, was traditionell verboten war. Die LandarbeiterInnen durften – unter Androhung von Gefängnis – nichts für den Eigenbedarf anbauen, nicht einmal einen Garten haben.“
Konkret sieht das so aus: Auf dem größten Teil der Fläche wird weiterhin Zuckerrohr angebaut, die ArbeiterInnen werden entsprechend dem Tarifvertrag, d.h. mit etwas mehr als einem Mindestlohn, bezahlt. Dazu wurde allen Feldarbeitern ein Stück Land zur freien Verfügung zugeteilt. Die Usina stellte dafür 3000 Hektar zur Verfügung, bei 1000 angestellten Landarbeitern entspricht das etwa drei Hektar pro Arbeiter bzw. Familie. Gleichzeitig wurde die Leistungsnorm gesenkt. Im Zuckerrohranbau werden die ArbeiterInnen traditionell nach Akkord bezahlt. Laut Lenivaldo und Marivaldo braucht ein durchschnittlicher Arbeiter nach den neuen Normen vier Stunden, um den Tariflohn zu erreichen. Den Rest des Tages könne er die eigene Parzelle nach Gutdünken bewirtschaften. Manche pflanzen Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Mais oder Maniok an, andere Zuckerrohr. Denjenigen, die Cana anpflanzen, garantiert die Usina die Abnahme. Laut Lenivaldo lässt sich damit noch einmal ein Mindestlohn verdienen, fast eine Einkommensverdoppelung im Vergleich zu früher. Dies sei für viele attraktiver als die Subsistenszproduktion von Nahrungsmitteln. Immer mehr Landarbeiter pflanzen auch auf ihrer privaten Parzelle nun Cana – durchaus im Interesse der Usina, die so die Kapazitäten der Fabrik besser auslastet.
Die Nutzung der privaten Parzellen führte aber auch zu Widersprüchen in der Belegschaft. Die Individualparzellen werden nur LandarbeiterInnen zugeteilt. Diese verdienen dadurch jetzt mehr als die einfachen Fabrikarbeiter, die traditionell besser gestellt waren. Dies schaffe Unmut.
Wir fragen nach der Haltung der höheren Angestellten gegenüber den neuen Verhältnissen in der Usina. Machten sie mit oder sind sie gegangen? „Am Anfang sind außer der Direktion alle geblieben“, meint Lenivaldo. „1997/98 hatten wir dann aber große Probleme mit dieser mittleren Leitungsschicht, besonders in der Fabrik. Da wurden 90 Funktionäre entlassen, vor allem die mit sehr hohen Gehältern. Es hatte auch Fälle von Korruption gegeben, wo Zucker entwendet oder beiseite geschafft worden war. Im Zuge der Neustrukturierung wurden die Gehälter der höheren Angestellten stark reduziert. Dies galt besonders für das Büro in Recife (s.o.). Heute wird mit dem Geld, das früher nur für das Büro in Recife ausgegeben wurde, die gesamte Verwaltung in der Fabrik bezahlt.“
Linke und rechte Kritik
Die Grundsatzentscheidung der Leitung der Usina, sprich dem Konkursverwalter und der Gewerkschaften bzw. Gläubigergemeinschaft, den großflächigen Zuckeranbau weiterzuführen und das Land nicht vollständig an die ArbeiterInnen zur individuellen Nutzung aufzuteilen, stieß innerhalb und außerhalb der Usina auf Kritik. Besonders die Bewegung der Landlosen MST sah darin die Festschreibung der alten Verhältnisse. Sie hält Zuckerrohranbau für ein grundsätzliches Problem. Sie kämpft für eine andere Landwirtschaft im Nordosten, in der sowohl die Eigentumsverhältnisse als auch die Produktion selbst verändert werden müssten. Dazu gehöre die Abkehr von der Zuckerwirtschaft, die historisch mit dem Erbe von Sklaverei und ländlichem Elend verbunden sei und heute wegen der weltweiten Überproduktion keine Zukunftsperspektive habe. Die Fortsetzung des Zuckerrohranbaus in Lohnarbeit auf den besten Flächen sei keine echte Alternative zum vorherigen Zustand.
Natürlich kam auch Widerstand von rechts, den alten Eigentümern und den anderen Zuckerbaronen. Die alten Besitzer, die die Usina über Jahrzehnte runtergewirtschaftet hatten, versuchten es mit einem alten Trick. Kurz vor der formellen Erklärung des Konkurses überschrieben sie die besten Böden und einen beträchtlichen Teil der Fabrikanlage an Strohmänner bzw. Familienangehörige. Damit sollten die Filetstücke der Usina aus dem Konkursverfahren herausgehalten werden. Natürlich wollten sie die nicht etwa wieder bewirtschaften, sondern der Agrarreformbehörde zum Kauf anbieten, d.h. ordentlich absahnen. Die Gläubiger legten umgehend Widerspruch gegen dieses Manöver ein, aber das Verfahren ist noch anhängig. Zwar gab die Justiz der Konkursverwaltung ein kommissarisches Nutzungsrecht für dieses Land und die Anlagen, aber noch könnten die Ex-Besitzer Recht bekommen.
Diese unsichere Rechtslage bestätigte die Vorbehalte der MST gegen das Projekt der Weiterführung der Usina Catende durch die Gläubigergemeinschaft. Es kam zu einem schwierigen Konflikt: Die MST besetzte die von den alten Eigentümern beanspruchten Teile des Landes der Usina. Nur aufgrund Vermittlungsbemühungen auf höchster Ebene (nationale Leitung der MST, des Gewerkschaftsbundes CUT und der Arbeiterpartei PT) gelang es, den Konflikt runterzukochen und die MST zur Aufgabe der Besetzung zu bewegen.
Inzwischen – so erklärten uns Lenivaldo und Marivaldo – seien die Widersprüche ausgeräumt und die MST erkenne an, dass auf der Usina Catende etwas grundsätzlich Neues passiere.
Investitionen und Projekte
Die Leitung der Usina sieht derzeit keine Alternative zum Zucker. Die Zuckerproduktion finanziere alles, was sonst noch passiere. Dazu gehören Investitionen in Umweltschutz und die Erweiterung der Produktpalette durch Verarbeitung der großen bei der Zuckerproduktion anfallenden Abfälle, Ansätze zur Diversifizierung der Agrarproduktion durch Kaffeeanbau und Fischzucht und verschiedene Bildungsprojekte.
Besonders in der Weiterverarbeitung des ausgepressten Zuckerrohrs, der Bargasse, sieht Borba erhebliche Perspektiven. In Cuba würden aus Cana neben Zucker 80 weitere Produkte hergestellt. In der Usina Catende gibt es in dieser Richtung schon einige Tests, z.B. zur Produktion eines Wachses, das in der Schwerindustrie eingesetzt wird. Es gab auch schon eine Anlage, um aus der Bargasse Tierfutter herzustellen. Auch sei der Kosmetikbereich angedacht. Diesbezüglich hätte es auch schon Kontakte mit cubanischen Experten gegeben.
Als wichtige Errungenschaft betonten all unsere Gesprächspartner die Investitionen in den Umweltschutz. Die Usinas erzeugen den zum Betrieb erforderlichen Strom in der Regel durch Verbrennung eines Teils der Bargasse selbst. Abgase und Rußpartikel werden meist ungefiltert in die Luft gejagt. So war es früher auch in der Usina Catende. Als wir die Fabrik besichtigten, zeigten uns die Kollegen stolz die modernen Filteranlagen, die zu den ersten Investitionsvorhaben nach der Übernahme gehörten. Nach den letzten Tests sei der Schadstoffausstoß seit 1996 um 80 Prozent zurückgegangen. Früher war der Ort Catende immer total schwarz von den Rußteilchen aus der Usina. Lenivaldo zitiert eine Bekannte: Früher fegte sie das Haus drei bis vier mal täglich und holte eine Schaufel Asche nach der anderen heraus. Jetzt mache sie das nur noch einmal in der Woche.
Der zweite wichtige Investitionsschwerpunkt, der nicht direkt der Aufrechterhaltung der Produktion diente, waren erhebliche Anstrengungen zur Bekämpfung des Analphabetentums. Vor der Übernahme seien bis zu 80 Prozent der Beschäftigten der Usina Analphabeten gewesen, inzwischen sei diese Zahl auf 30 Prozent zurückgegangen, so die optimistische Einschätzung Lenivaldos. Die Kinder gingen heute fast alle zur Schule gehen, früher hätten sie schon im Alter von sieben/acht Jahren auf den Feldern gearbeitet. Auf unsere Nachfrage, die Ursache für Kinderarbeit sei ja in der Regel, dass die Familien das Einkommen brauchen, erklärte er: „Die Familien können heute ohne Kinderarbeit überleben, weil die Eltern nicht mehr nur auf dem Feld arbeiteten, sondern auch zu Hause etwas anbauen können. Außerdem gibt es von der Usina eine finanzielle Unterstützung für die Familien, die ihre Kinder in die Schule schicken. Dafür hat sie sogar einen Preis der UNICEF als 'Freunde der Kinder' erhalten. Die Usina hat auch zwei Werksgebäude als Schulräume zur Verfügung gestellt. Die Einschulungsquote liegt inzwischen bei 98/99 Prozent. Die Analphabeten heute sind die Alten, aber auch hier konnte die Zahl erheblich gesenkt werden, so dass wir langfristig die Chance haben, die Analphabetenquote auf Null zu bringen.“
Bei der Bekämpfung des Analphabetentums seien auf Initiative der Usina verschiedene Akteure
zusammenge- kommen: Die Usina habe Mittel und Räume zur Verfügung gestellt, die umliegenden Gemeinden und der Bundesstaat Pernambuco bezahlten die LehrerInnen für die Kinder und die Nichtregierungsorganisation „Centro Josué de Castro“ aus Recife organisiere die Alphabetisierungskampagnen für Erwachsene in den
Comunidades. Bei der Verbesserung der Luftqualität und der Bekämpfung des Analphabetismus ist einiges erreicht worden, aber zur Lösung anderer dringender Probleme fehlen die Mittel. Konkursverwalter Mario Borba nennt vor allem den Gesundheitsbereich und die Versorgung mit Trinkwasser: „Es existiert kein Kanalisationssystem und es gibt für sehr viele Menschen hier praktisch kein vernünftiges Trinkwasser. Wegen der miserablen Qualität des Wassers sind 80 Prozent der Bevölkerung von einem Parasiten befallen. Schon die Kindern werden infiziert, wenn sie irgendwo baden oder Wasser aus Brunnen trinken. Der Parasit greift alle inneren Organe an und führt dazu, dass die Kinder einen dicken Wasserbauch bekommen. Es ist einfach notwendig, dass hier etwas passiert.“
Die Überschwemmung
Einen massiven Rückschlag für die Usina Catende bedeuteten die schweren Überschwemmungen im Juli, August und September des Jahres 2000 in der Region. Damals war man in allen Bereichen auf einem aufsteigenden Ast. Erstmals seit Übernahme der Usina schrieb man schwarze Zahlen. Die Überschwemmungen zerstörtem einen Teil der Investitionen und neu angeschafften technischen Ausrüstung, z.B. die Anlage zur Produktion von Viehfutter aus der Bargasse. Insgesamt entstanden Schäden in Höhe von drei Millionen Reais, sowohl an den Anlagen als auch den niedriger gelegenen Pflanzungen. An den Folgen leide man bis heute, sagt Mario Borba: „Das hat uns betriebswirtschaftlich zurückgeworfen, so dass wir jetzt wieder leicht in den roten Zahlen sind und Liquiditätsprobleme haben. Deshalb sind wir gezwungen, die Ernte im voraus zu verkaufen, wodurch wir 30 Prozent weniger erhalten.“
Verschärft wurde zudem die ohnehin prekäre Wohnsituation vieler Familien. Lenivaldo erzählt: „Die Situation nach der Überschwemmung war wirklich zum Heulen. Mehr als 100 Häuser sind im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter gegangen, mit allen Habseligkeiten, die die Leute besaßen.“ Generell sieht er in der Wohnsituation ein weiteres gravierendes soziales Problem: „Wir haben hier 3300 Häuser und 470 Lehmhütten. Die Häuser stammen noch aus der Sklavenhüttentradition. Das sind diese einfachen langen Reihenhauszeilen, wo, um Wände zu sparen, Häuschen an Häuschen gebaut ist. Das bedeutet natürlich eine große gegenseitige Lärmbelästigung und es gibt keine Möglichkeit, Gärten um die Häuser anzulegen. Außerdem sind 60 Prozent der Häuser in einem schlechten Zustand, zwanzig Prozent in einem extrem schlechten und müssen dringend renoviert werden. Nur zehn Prozent sind einigermaßen in Ordnung. Einige müssten einfach abgerissen und neu gebaut werden, die kann man nicht mehr renovieren. Für die Sanierung bräuchten wir ungefähr 2000 Reais pro Haus, das macht aufs Ganze gesehen ungefähr fünf Millionen Reais. Dafür hat das Unternehmen im Moment kein Geld. Wir sind im Diskussionsprozess mit verschiedenen Gewerkschaften und dem Gewerkschaftsbund CUT auf nationaler Ebene, um eine brasilienweite Kampagne zu initiieren, damit wir das Geld zusammen bekommen und dieses Problem innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren lösen können. Wir versuchen aber nicht nur, Geld von nationalen und internationalen Organisationen zu bekommen, sondern werden auch die Regierung in die Pflicht nehmen, weil das Problem sehr schwerwiegend ist.“
Zum Wiederaufbau der durch die Überschwemmungen vollständig zerstörten Häuser haben öffentliche und private Institutionen Mittel bereitgestellt. Die liberale Landesregierung von Pernambuco und die Nichtregierungsorganisation Oxfam unterstützten entsprechende Projekte, die allerdings sehr unterschiedlichen Philosophien folgten. Während die von der Landesregierung geförderten Häuser wieder nach der alten Sklavenhüttentradition gebaut wurden, sind die 40 von Oxfam finanzierten Häuschen freistehend (mit der Möglichkeit Gärten anzulegen) und sehr funktional.
Ein Modell? Obwohl seit der Eröffnung des Konkursverfahrens inzwischen fast sieben Jahre vergangen sind und seit fünf Jahren eine erfolgreiche Sanierungspolitik betrieben wird, ist die juristische Situation noch immer völlig offen.
Die Gläubigergemeinschaft und die Zwangsverwaltung agieren lediglich mit einem Nutzungsrecht für Land und Fabrik. Der endgültige Status des Unternehmens hängt vom Ausgang des Verfahrens ab. Mario Borba hofft, dass es in ein- bis eineinhalb Jahren eine Entscheidung gibt, es ist aber auch möglich, dass sich der Prozess noch über Jahre hinzieht. Allerdings würden durch Erfolge Fakten geschaffen. Dies sei auch ein Ziel ihrer Anstrengungen. Je besser der Betrieb laufe, desto höher wären die an die ArbeiterInnen zu zahlenden Entschädigungen, sollte das Gericht nicht im Sinne der Gläubigergemeinschaft entscheiden.
Fakten würden aber auch in der Mentalität der Leute geschaffen, meint der Ingenieur Francisco Mendoza. Sie würden sehen, was sie aus eigener Kraft leisten können und dass es heute ohne die Eigentümer besser ginge. Auch Lenivaldo hält den Prozess schon jetzt für irreversibel: „Selbst wenn es ein negatives Urteil gibt, wird Catende niemals wieder so sein wie vor 1995.“
Wir haben die Usina Catende zu viert besucht und lange mit den Leuten dort gesprochen und – teilweise auch kontrovers – diskutiert. Nach den Gesprächen, auch mit den KollegInnen in der Fabrik – mit LandarbeiterInnen haben wir nicht geredet – waren wir überwiegend sehr beeindruckt. All unsere GesprächspartnerInnen waren sehr ernsthaft und verantwortungsbewusst. Was sie da tun, woran sie mitarbeiten, ist ein Experiment. Allen ist klar, dass von seinem Gelingen das Schicksal von 13 000 Menschen abhängt, die Zukunft von fünf Kommunen. Besonders deutlich wurde diese Tragweite bei der Diskussion über die Zukunft des Zuckers. Ist es angesichts der weltweiten Überproduktion von Zucker nicht notwendig die Produktion zu diversifizieren? Für die KollegInnen der Usina geht es zunächst um Direkteres: den Betrieb am Laufen zu halten und tausende von Arbeitsplätze zu erhalten – da gibt es kurzfristig keine Alternative zum Zucker. Darüber hinaus widmen sich jedoch immer mehr der betroffenen Familien dem Anbau von Grundnahrungsmitteln, aber auch Bananen und anderen Verkaufsfrüchten. Wieder andere haben mit Fischzucht und sogar Kaffeeanbau begonnen. Eine zentrale ökologische und ökonomische Herausforderung ist von Catende identifiziert worden: Die Fruchtbarkeit der durch das Zuckerrohr erschöpften Böden kann langfristig nur durch eine Integration von Tieren, und hier speziell Milchkühen, gewährleitsten werden.
Die Usina Catende kann jedoch keine Umstrukturierung in der Landwirtschaft des Nordostens bewerkstelligen. Hier wird eine künftige linke Regierung Brasiliens – wenn sie denn kommen sollte – gefordert sein. Sie müsste mit Hilfen und Übergangsprojekten, Beratung und infrastrukturellen Maßnahmen eine solche Umstrukturierung ermöglichen.
Diejenigen, die an dem Projekt Usina Catende mitarbeiten, tun was sie tun können. Sie sind nicht länger nur Objekte einer Politik, die von den Interessen irgendwelcher Eigentümer, den Entscheidungen der Regierung in Brasília, dem Auf- und Ab- an der Zuckerbörse und den Optionen der Global Players bestimmt wird. Sie sind zu Akteuren geworden, die über ihre Zukunft mitentscheiden. Aber eben nur „mit“. Das ist sehr viel und gleichzeitig sehr wenig. u
An dem Gespräch am 3. Januar in der Usina Catende nahmen neben dem Verfasser des Artikels noch Gaby Gottwald, Mechthild Junghülsing und Gaby Küppers teil. Für wichtige Hinweise danken wir auch Édien Pantoja vom Oxfam-Büro in Recife.
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