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AraberInnen / ila 254
Bauchtanz für eine bessere Welt
Superstar Shakira und die arabische Masche
von Britt Weyde
„Shakira ist gar kein kolumbianischer Name, sondern kommt aus Polen. Meine alte polnische Nachbarin hieß Frau Szikora ...“. Thomas Gottschalk ist ein alter Scherzkeks. Frau Shakira Isabel Mebarak Ripoll versteht den Kalauer des „Wetten, dass“-Showmasters nicht direkt, aber das macht nichts.
Sie ist die Latino-Pop-Göttin. Die kolumbianische Sängerin hat Deutschland im Sturm erobert, wie man so sagt. Seit Wochen steht ihre Single „Whenever, wherever“ auf Platz 1 der deutschen Charts, das Album „Laundry Service“ hält sich beharrlich unter den drei bestplatziertesten Langspielplatten und hat bereits Platin-Status erreicht.
Die Begeisterung hat pubertierende Mädels gleichermaßen wie Männer-Magazin-Redakteure erfasst. „Dauer-Schreikrampf dank Shakira“ titelt der Kölner Express nach ihrem Auftritt bei der Bravo-Super-Show, wo sie zur beliebtesten Sängerin gewählt wurde. Die Schreiberlinge der Männer-Magazine ergehen sich in verzückten Auslassungen über ihren „knackigen Po“ und ihren „kessen Hüftschwung“. Bei ihren Auftritten setzt sie nämlich ihre Körpermitte gekonnt in Szene. Fester Bestandteil der Show ist eine kleine Bauchtanzeinlage, ein Münzgürtel um ihre vielgepriesenen Hüften unterstreicht die Ethno-Masche. Dazu noch die leicht eingänglichen Melodien ihrer Songs, die auf einer Pop-Rock-Basis funktionieren und wohldosierte Einsprengsel von arabischer Musik, Tangoklängen, mexicanischer Corridos oder Panflöten enthalten, und die Massen jubeln. Shakira ist dabei kein Sternchen, das über Nacht berühmt geworden ist, auch wenn ihr plötzlicher Erfolg in Europa schwindelerregend erscheint. Dahinter steckt eine perfekte Promotion. Nach vier Platten auf Spanisch ist ihr aktuelles Album größtenteils auf englisch. Produziert wurde es von Emilio Estéfan, dem Mann der Exil-Cubanerin und wohl bekanntesten Salsa-Pop-Sängerin Gloria Estéfan. Das erfolgreiche Duo aus Miami hat Shakira auch dazu ermuntert, ein Album mit englischen Stücken zu veröffentlichen.
Für die Eroberung des europäischen und des US-amerikanischen Marktes wurde auch ein wenig an ihrem Outfit gefeilt. Insgesamt ist sie spärlicher als früher bekleidet, und die wenigen Stoff-Fetzen sind mit Federn, Silberringen und anderen „exotischen“ Accessoires behängt. Ihre blonde Mähne hat die 24jährige hingegen schon seit zwei Jahren. Ein gutes Marketing erklärt aber auch nicht alles. Shakira hat in der Tat eine Stimme, und sie schreibt Texte und Musik größtenteils selbst. Und sie ist sehr ehrgeizig. Ihr Pensum an Auftritten, Interviews und anderen Promotions-Terminen ist gewaltig. 40 000 Flugkilometer hat sie z.B. im Februar 2000 zurückgelegt, so viel fliegen sonst nur
Fulltime-Stewardessen.
Ein perfektes Produkt
In Lateinamerika ist sie schon seit Jahren ein Star. Unter ihrer großen AnhängerInnenschaft befindet sich auch der Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. Vor zwei Jahren interviewte er sie für seine Zeitschrift „Cambio 16“. Heraus kam eine überschwänglicher Artikel, der seitdem gerne zitiert wird. „Ein Phänomen ist auch die Ansteckung der Kinder-Massen. Die Grundschulen sind quer durch alle Schichten voll mit Shakira-Klonen, alle wollen wie Shakira gekleidet sein, wollen wie sie reden und singen. Das Interessanteste ist dabei, dass sechsjährige Mädchen am meisten vom Fieber gepackt sind.“ Auch der Name Shakira ist für kleine Mädchen in den letzten Jahren schwer in Mode gekommen. Alle wollen so sein wie sie, alle finden sie nett. „Die ist zum Glück nicht so dürr wie die anderen“ sagt eine Freundin beim MTV-Latino-Gucken. Sie gefällt allen und verletzt niemanden. Sie sagt schöne Sachen. Sie ist die sexy Rockerbraut, aber mehr sexy als rockig. Sie spielt mit exotischen Momenten, aber ihre Lieder sind dann doch meist massenkompatible Liebeslieder. Sie macht auf das nette Mädchen von nebenan, gleichzeitig wird ihre Wunderkind-Karriere hervorgehoben. Sie ist das perfekte Produkt.
Am 2. Februar 1977 wurde sie in Baranquilla an der kolumbianischen Atlantikküste als Spross einer schöngeistigen Familie geboren. Ihr arabischer Name heisst so viel wie „die Dankbare“. „In meiner Familie gab es sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits viele KomponistInnen und SängerInnen.“ Ihr Vater, ein in New York geborener Libanese, ist von Beruf Goldschmied. Seine wahre Leidenschaft ist aber die Literatur, vier Bücher hat er geschrieben. William Mebarak, der seine Tochter heutzutage so oft wie möglich auf Touren begleitet, beschreibt, wie zum ersten Mal das Talent seines Töchterchens zum Vorschein kam: “Musikalisch habe ich ihr nichts gezeigt, sie hat es sich selber beigebracht. Als Shakira vier Jahre alt war, waren wir in einem arabischen Restaurant in Baranquilla. Zwei Mädchen machten eine Bauchtanz-Vorführung. Shakira machte sie nach und schließlich endete sie mit den beiden auf der Bühne und tanzte mit. Mit zehn Jahren konnte sie das erste arabische Lied auswendig. Zu diesem Zeitpunkt trat sie zu verschiedenen Anlässen auf und sang, das war im Prinzip der Beginn ihrer Karriere.
Bei einem Auftritt sang sie als Letztes ein Lied von Fairuz, einer sehr bekannten arabischen Sängerin. Und sie machte das sehr schön.“ Damals begann sie schon eigene Lieder zu schreiben. Mit 13 Jahren bekam sie ihren ersten Plattenvertrag. Als sie sich den Vertretern von Sony Kolumbien vorstellte, trug sie ein arabisches Kleidchen und führte ihren Bauchtanz vor. Das kam schon 1991 gut an. Zwischen dem Bauchtanz von damals und dem bei der Bravo-Supershow liegen 11 Jahre, vier Platten auf Spanisch, die rund 10 Millionen mal verkauft wurden, ein - eher mittelmäßiger – Auftritt in einer Telenovela, Werbeverträge mit Pepsi, Nokia und Calvin Klein, ein Latin Grammy Award und ein „normaler“ Grammy. Ihr MTV-Unplugged1-Album wurde 1999 aufgenommen und heimste viel Lob ein. Im Jahr 2000 räumt sie dann auf einer großen Lateinamerika-Tournee ab. Ein vom Shakira-Virus infizierter Freund – normalerweise eine reflektierte Person – besorgt sich einen Billigflug nach Mexico, um die Göttin live zu erleben. Beide Konzerte im D.F. sind ausverkauft, Karten auf dem Schwarzmarkt kosten 400 Dollar.
Cellulitis und Herzschmerz
Shakira singt viel von der Liebe und vom Schmerz. So jung und schon so verlassen. Auf ihrem 1998-er Album „Dónde están los ladrones“ klingt das so: “Komm nicht zurück. Ich werde nicht auf dich warten. Neue Besen kehren immer gut. Später wirst du sehen, wie sich die Borsten abnutzen. Wenn Falten ihre Haut durchfurchen und Cellulitis ihre Beine befällt.“ Auf dieser Platte erscheint auch zum ersten Mal ihr Ethno-Hit „Ojos Así“. Für ihr jüngstes Album wurde der Song neu auf englisch aufgenommen. Angeblich sollte die Promotion von „Laundry Service“ ursprünglich mit diesem arabisch angehauchten Song laufen. Doch der 11. September kam dazwischen. Und Shakira wiegelt ab „Nicht alle Araber sind Moslems, und die meisten Moslems und Araber sind keine Terroristen. Ich komme aus einer libanesischen Familie, die katholisch ist, und wir sind nicht im Mindesten Terroristen!“. Dann ist ja alles gut. Shakira möchte nur positive Botschaften verbreiten: “Ich glaube, dass ich mit meinem Erfolg meinen Beitrag dazu leisten kann, dass die lateinamerikanischen Länder, speziell meine Heimat Kolumbien, das momentan eine schwierige Zeit durchmacht, wieder ein bisschen Freude im Leben haben und ich ihnen vielleicht sogar ein bisschen Stolz zurückgeben kann.“
Auch ihr notorischer Liebeskummer ist auf ihrem neuesten Album nicht mehr so präsent. Seit knapp zwei Jahren ist sie ja auch glücklich verliebt. Ihr Freund Antonio de la Rúa, der Sohn des argentinischen Ex-Präsidenten Argentiniens, ist ein gut aussehender 26Jähriger. Letztes Jahr wurde er von der schwulen Gemeinde in einer Internet-Umfrage zum zweithübschesten Mann Lateinamerikas deklariert. Seit sein Vater im Dezember letzten Jahres vom Präsidentensessel gestürzt wurde, brodelt natürlich die Gerüchteküche um das prominente argentinisch-kolumbianische Pärchen. Der Sohnemann soll Staatsgelder veruntreut haben, um seine Freundin auf Reisen zu begleiten. In Internet-Foren spekulieren Fans darüber, wie lange die Partnerschaft zu dem Juristen wohl noch halten wird. Doch Shakira, ganz Profi, sieht es gelassen: „Es werden immer wieder falsche Gerüchte gestreut. Aber das passiert halt, wenn Du im Entertainment-Business arbeitest.“ Die TeenagerInnen bei der Bravo-Supershow und die Männer-Magazin-Leser kümmern die politischen Implikationen eines lateinamerikanischen Traumpaares eh nicht. Hauptsache, sie singt weiter so schön von der Liebe und wackelt mit den Hüften.
1) Serie des US-amerikanischen Musiksenders: Bekannte Stars treten ausschließlich von akustischen Instrumenten begleitet auf, elektrische Gitarren u.ä. werden „ausgestöpselt“.
• „Laundry Service“ – 2001 Epic/Sony
• „Shakira – MTV Unplugged“ – 2000 Epic/Sony
• „Dónde están los ladrones“ – 1998 Sony
• „Pies Descalzos“ – 1996 Sony
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