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aus AraberInnen / ila 254

Kreuzzüge
Bush und sein Terror, jetzt in Kolumbien
von Juan Gelman

Alle Augen wenden sich langsam von Afghanistan ab und dem Irak zu – mit Seitenblicken auf Somalia,
 auf die Philippinen und auf Georgien. Hierzulande scheinen die Massenmedien es nicht bemerkt zu haben oder zumindest nicht aussprechen zu wollen: Bush hat die Zweite Front in seinem aberwitzigen „Krieg gegen den Terrorismus“ längst in Kolumbien eröffnen lassen. Und selbst sein vormaliger Erzrivale Al Gore hat nichts dagegen.

Am vergangenen 12. Februar passierte in den USA etwas Überraschendes: Der demokratische Ex-Vizepräsident Al Gore lobte unverhohlen Bush Juniors Ankündigung, seinen Kreuzzug gegen die „Achse des Bösen“ richten zu wollen. Das war die erste politische Botschaft von Bedeutung, die der gescheiterte Präsidentschaftskandidat seit den Wahlen, aus denen sein republikanischer Rivale siegreich hervorging, von sich gab. Gore unterstrich, dass in der nächsten Etappe des „Krieges gegen den Terror“ das irakische Regime eliminiert werden müsste, wofür wir – so wörtlich – „bereit sein müssen, bis zum Ende zu gehen“.

Sicher – Gore unterstützte 1991 den Beschluss, mit dem der Kongress Bush Senior ermächtigte, Saddam Hussein den Krieg zu erklären. Aber es überraschte denn doch, dass er denjenigen pries, der ihm mit einem notorischen Wahlbetrug die Präsidentschaft stahl. Wurde Gore von der patriotischen Welle erfasst, die über sein Land schwappt? Oder hatte er einen Anfall von ehrlicher Überzeugung, der ihn jeden Groll vergessen ließ, um Bush Junior – freilich fast fünf Monate nach dem 11.September – zu unterstützen? Oder gibt es da ein anderes Motiv?
Kolumbien Erdölpipeline

Am 5. Februar jedenfalls – also eine Woche vor Al Gores Erklärungen – beschloss Bush, die Hilfe für Kolumbien (731 Millionen US-$ für 2003) zu erhöhen, einen Teil der Unterstützung ausdrücklich dem Kampf gegen die Guerilla zu widmen und davon wiederum 98 Millionen US-$ speziell für den Schutz der Erdölpipeline Caño Limón. Es ergibt sich ferner, dass dies die wichtigste Pipeline Kolumbiens ist, die über 770 km hinweg das schwarze Gold von den Feldern in Arauco zum Karibikhafen Coveñas transportiert, dass die Guerilla diese Pipeline im vergangenen Jahr 170 Mal mit eben so vielen Bomben angegriffen hat, wodurch ihre Funktion und die daraus resultierenden Einnahmen 226 Tage lang unterbrochen wurden. Und es ergibt sich schließlich, dass diese Pipeline von der Occidental Petroleum Company betrieben wird und vor allem, dass die Familie Gore ein hübsches Aktienpaket der Oxy besitzt, wie der Erdölmulti aus Kalifornien liebevoll genannt wird.

Gore Senior war nie reich gewesen – bis zu dem Tag, an dem er 1970 sein Mandat als Senator beendete und Armand Hammer, der Gründer und fast ewige Präsident der Oxy, ihn mit einem Jahresgehalt von 500 000 US-$ zum Mitglied des Verwaltungsrates machte. Vielleicht als Lohn für bestimmte Gefälligkeiten? Hammer pflegte zu sagen, dass er den alten Gore in der Hosentasche habe. Der Junior verwaltet einen Treuhandfonds, zu dem laut einer beglaubigten Steuererklärung von 1999 Aktien der Oxy im Wert von einer halben bis einer ganzen Million US-Dollar gehören. Seit den 70er Jahren bekommt Al jährlich 20 000 US-$ von dem Unternehmen für die Schürfrechte auf einem Gelände, das er nie angebohrt hat. Hammer starb 1990 und pflegte zu seinen Lebzeiten nicht nur die Freundschaft mit Gore Senior. Neil Lyndon, ein vormaliger Mitarbeiter der Oxy, erzählt in seinem Erinnerungsbuch „Zeuge der Geschichte“, dass sein Chef auch Gore Junior zum Abendessen einlud. „Häufig speisten sie zusammen mit den Lobbyisten der Oxy in Washington, die nach den Anweisungen von Hammer Millionen von Dollar an Bestechungsgeldern unter den Politikern verteilten.“ Zum Beispiel für die Wahlkampagnen der Demokraten. Die Investitionen in Al Gore brachten saftige Gewinne. Ende 1997 setzte sich der damalige Vizepräsident erfolgreich für den Verkauf von Staatsland im Erdölfeld von Elk Hills, Bakersfield, Kalifornien, an die Oxy ein. Das war im Wert von 3,65 Millionen US-$ die größte Privatisierung von Bundeseigentum in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Entschlossen zum kollektiven Selbstmord

Aber nicht die einzige offizielle Intervention zu Gunsten des Unternehmens. 1999 traf sich der damalige US-Energieminister, Bill Richardson, in Cartagena mit hohen kolumbianischen Funktionären, einschließlich des Präsidenten Pastrana, um ihnen den Wunsch der Oxy nach den Erdölreserven von Samoré auf dem Territorium der U'wa vorzutragen. Die U'wa leisteten und leisten Widerstand gegen diese Pläne und im Februar 2000 schickte Bogotá mehrere Hundert Soldaten, um sie von diesem legal erworbenen Gelände zu vertreiben. Der Notar, der seinerzeit die Eigentumstitel beglaubigt hatte, wurde im vergangenen Januar tot aufgefunden. Die U'wa haben erklärt, dass sie zum kollektiven Selbstmord entschlossen sind und sich von einem 400 m hohen Felsen stürzen werden, wenn die Oxy mit den Bohrungen anfängt. Nach traditionellen Erzählungen machten sie etwas Ähnliches, um sich nicht den spanischen Eroberern zu unterwerfen.

Al Gore stellt sich als Weltmeister der Umweltsicherheit dar und hat als Senator Umweltschutzprojekte gefördert ... in Japan, Malysia und Papua-Neuguinea. Seine Sprecher lässt er mitteilen, dass er nichts mit Caño Limón zu tun hat, einer Pipeline, aus der über zwei Millionen Barrel Erdöl in Flüsse und Seen ausgelaufen sind, deren Wasser ungenießbar geworden ist, und in Böden, die unfruchtbar geworden sind. Aber Al ist weiter an der Ausbeutung der Reserven von Samoré interessiert, die auf 1,4 Milliarden Barrel geschätzt werden, d.h. mehr als 20 Milliarden US-$ beim derzeitigen Weltmarktpreis.

„Wir suchen nach einer Erklärung für diesen ,Fortschritt', der sich gegen das Leben richtet“, heißt es in einem Manifest der U'wa vom August 1998. „Wir fordern ein Ende dieser Art von Fortschritt, ein Ende des Erdölschürfens im Herzen der Erde, Schluss mit dem Ausbluten der Erde... Wir fordern unsere Schwestern und Brüder anderer Rassen und Kulturen auf, sich unserem Kampf anzuschließen ... Wir glauben, dass dieser Kampf zu einem weltweiten Kreuzzug für die Verteidigung des Lebens werden muss.“ Genau das Gegenteil von Bushs Kreuzzug.

Aus: Página12, 20. Februar 2002     Übersetzung: Eduard Fritsch

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