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aus AraberInnen / ila 254

Von Schuhgeschäften, unsichtbaren
 Frauen und Revolutionären
Interview mit dem palästinensischen Künstler Burhan Karkutli

Der 1932 geborene Burhan Karkutli ist ein Multitalent. Er ist Maler, Grafiker und Märchenerzähler. Was auf den ersten Blick sehr verschiedenartig erscheint, bringt Burhan Karkutli zusammen. Sowohl in seiner Bildenden Kunst als auch in seiner oralen Erzählliteratur zeichnet er mit Leidenschaft für liebevolle Details seine Visionen einer menschlicheren Gesellschaft und eines gleichberechtigten Dialogs zwischen Orient und Okzident. So sehr er in der arabischen Tradition verwurzelt ist, so sehr ist er gleichzeitig ein kosmopolitischer Künstler, der sich permanent mit unterschiedlichen künstlerischen Konzepten und Ansätzen auseinander setzt. Dazu gehört für ihn neben der arabischen Tradition und Moderne natürlich auch die europäische Kunst – er lebt seit 40 Jahren mit Unterbrechungen in Deutschland. Aber das genügt ihm nicht. Als Künstler aus der Dritten Welt interessieren ihn besonders die Entwicklungen, die sich außerhalb der Metropolen vollziehen. Seine Vorstellungen einer gesellschaftlich engagierten Kunst fand er am authentischsten bei den mexicanischen Muralisten Siqueiros, Rivera und Orosco verwirklicht. 1980/81 erfüllte er sich einen lang gehegten Traum und verbrachte insgesamt 18 Monate in Mexico und Venezuela. Neben seinen künstlerischen Studien und politischen Aktivitäten erfuhr er dort sehr viel über das Leben der AraberInnen auf der anderen Seite des Atlantiks. Davon erzählt er im nachfolgenden Gespräch.

Burhan KarkutliBurhan, du warst insgesamt eineinhalb Jahre in Mexico und Venezuela. Kannst du erzählen, wie du dahin kamst und was du dort gemacht hast?

Die Idee nach Mexico zu gehen hatte ich zum ersten Mal 1957. Damals war ich Student an der Kunstakademie in Kairo und stand kurz vor meiner Diplomarbeit. Ich hatte fünf Jahre studiert, konnte malen, hatte handwerklich ausgelernt. Aber die Kunst, die ich machen wollte, gab es noch nicht. Ich hatte Träume davon, wie ich malen wollte. Einmal erzählte ich einem Freund davon. Er war etwas intellektueller als ich, las englisch und französisch. Ich erzählte ihm, was ich über Kunst dachte und dass ich meine Träume nicht verwirklichen könnte, weil ich noch nicht wüsste wie. Die europäische Kunst gab mir keine Antwort auf meine Fragen. Mein Freund sagte mir, dass ich wie der mexicanische Maler Siqueiros reden würde. Ich hatte nie von Siqueiros gehört. Mein Freund schenkte mir Postkarten mit seiner Malerei. Das war das, was ich suchte. So wollte ich malen. Natürlich nicht Siqueiros kopieren, sondern auf arabische Art in diesem Geiste malen. Damals fing es an, dass ich nach Mexico wollte, um weiter zu studieren. Ich schrieb an die Kunstakademie in Mexico und sie antworteten mir, dass ich kommen könnte, es gäbe einen Studienplatz für mich. Aber ich hatte damals kein Geld.

Ich versuchte in den folgenden Jahren immer wieder nach Mexico zu gehen, aber es klappte nie. Mal hatte ich kein Geld, ein anderes Mal bekam ich keinen Reisepass. Ich war inzwischen in Marokko, dann in der DDR, wo ich weiter studierte. Danach wollte ich wieder nach Mexico. Aber dann verliebte ich mich, wurde Vater und habe Mexico eine Zeitlang vergessen. Nach 17 Jahren ging unsere Beziehung in beiderseitigem Respekt auseinander. Kurz danach hatte ich einen schweren Autounfall, bei dem ich fast ums Leben gekommen wäre. Da sagte ich mir, jetzt gehst du nach Mexico. Ich hatte ein zweites Leben und hatte etwas Geld – ich war nicht schuld an dem Unfall und hatte 10 000 DM Entschädigung bekommen. So setzte ich nach 22 Jahren meinen Traum um und flog Ende 1979 nach Mexico.

Ich war 1979 natürlich reifer als 1957 und hatte meinen künstlerischen Stil gefunden. Ich wollte nicht mehr an der Kunstakademie studieren, sondern meine privaten Studien über die mexicanische Wandmalerei machen. Es war genau der richtige Zeitpunkt für mich. Ich wusste, was ich künstlerisch wollte und auch, was ich in Mexico sehen und tun wollte. Ich fuhr als Mitglied des palästinensischen Künstlerverbands und hatte in Mexico auch vor, Ausstellungen und politische Arbeit für die palästinensische Revolution zu machen. Das war eine Art Rahmen für mich. Ich kannte niemand in Mexico und konnte auch kein Spanisch. Ich hatte nur zwei schwere Koffer und einen Brief an den PLO-Vertreter in Mexico. Er erwartete mich schon und wollte viel mit mir organisieren.

In der Kunstakademie in Mexico-Stadt wurde ich sehr freundlich empfangen. Es war noch nie ein arabischer Maler nach Mexico gekommen. Die arabischen Künstler gehen alle nach Paris oder London. Für die Mexicaner war ich ein bisschen exotisch. Sie zeigten mir die ganze Akademie, ich konnte mit den Studenten und den Professoren auf englisch reden. Dann wollten sie mein Werk sehen. Ein Professor, gleichzeitig Leiter des mexicanischen Künstlerverbandes, sagte mir, sie wollten eine Ausstellung meiner Arbeiten machen. Ich war natürlich einverstanden, hatte aber drei Bedingungen: Erstens wollte ich meine totale Freiheit bei der Auswahl der Bilder, zweitens wollte ich nichts verkaufen und drittens wollte ich, dass der PLO-Vertreter in Mexico die Ausstellung eröffnet, weil er mein Botschafter wäre. Sie haben das akzeptiert.

Um die Ausstellung gab es dann großen Ärger, weil ich auch Grafiken gegen Begin und die israelische Regierung ausstellte. Es gab Kräfte, die versuchten, diese Bilder aus der Ausstellung zu entfernen. Darüber gab es auch Auseinandersetzungen im Künstlerverband. Dieser Krach hat die Ausstellung sehr berühmt gemacht und ich wurde von verschiedenen Städten, Universitäten, Gewerkschaften und Studentenvereinigungen eingeladen, meine Bilder zu zeigen. So bin ich mit meiner Ausstellung durch ganz Mexico gereist. Die arabische Gemeinde in Venezuela hörte das und lud mich ein, mit der Ausstellung nach Venezuela zu kommen.

In welcher Form hast du die arabische Gemeinde in Mexico und Venezuela erlebt? Hast du nur einzelne Leute getroffen oder gibt es da auch arabische Strukturen, Vereine usw.?

In Mexico hatte ich relativ wenig mit Arabern zu tun. Es waren Mexicaner, die meine Ausstellungen oder Veranstaltungen organisierten. In Venezuela habe ich mich dagegen vor allem in der arabischen Gemeinde bewegt. Dort ist die arabische Gemeinde auch stärker als in Mexico. In Venezuela gab es damals sehr viele junge Araber, die erst in den siebziger Jahren eingewandert waren. Sie haben sich in der Heimat politisiert und organisierten sich in Venezuela weiter: kommunistische Syrer, Palästinenser aus den verschiedenen Gruppen, linke Libanesen. Die verschiedenen politischen Fraktionen hatten in der Heimat oft Ärger untereinander, aber in Venezuela arbeiteten sie alle zusammen. Natürlich gab es auch reaktionäre Kräfte unter den Arabern in Venezuela, auch unter den Palästinensern. Sie waren progressiv, wenn sie von Palästina redeten, gaben auch mal eine Geldspende, hatten aber kein Interesse daran, mit den demokratischen Kräften in Venezuela zusammenzuarbeiten. Zwischen den progressiven arabischen Kräften und den konservativen, die meist schon in der osmanischen Zeit eingewandert waren, gab es immer Ärger. Der palästinensische Club in Caracas hat sich auch geweigert, mit mir eine Ausstellung zu machen, sie meinten, das bringe nur Ärger.

In diesem Club sind die konservativen Geschäftsleute?

Ja, genau. Da ich neugierig bin, war ich einmal in dem Club, um die Leute zu begrüßen. Ich war zu der Zeit zu Gast bei einem jungen Palästinenser, der ein kleines Schuhgeschäft hatte. Er sagte zu mir: „Burhan, willst du so in diesen Club gehen?“ Ich sagte: „Was meinst du mit so, ich trage eine Hose und ein Hemd, was verlangst du mehr?“ Er fragte, ob ich keinen Anzug mit Krawatte hätte. Ich sagte ihm, dass wir doch in einen palästinensischen Club gingen. Er meinte, das sei ein bisschen problematisch. Da sagte ich ihm: „Hör mal, ich vertrete hier eine Revolution, ich vertrete nicht eine Krawatte.“ Ich bin so gegangen, wie ich wollte, aber der Freund hatte recht. Sie waren sehr kalt zu mir, ich gefiel ihnen nicht. Sie spielten Karten und beachteten mich kaum.
Die neu eingewanderten Palästinenser nahmen mich dagegen überall herzlich auf und luden mich in ihre Häuser ein.

Wie kamen diese neueren EinwanderInnen nach Venezuela? Lief das über familiäre Kontakte?

Ja, über Verwandte. Wenn ein Einwanderer einigermaßen erfolgreich war und sich etabliert hatte, holte er seinen Bruder oder seinen Cousin. Die holten wiederum ihre Verwandten. Es gab auch viele traurige Geschichten. Die Leute kamen mit großen Träumen und hatten keine Ahnung, wie das funktionierte, wie schwierig die wirtschaftliche Situation in Venezuela war. Schon damals, heute ist es noch viel schlimmer.

Wie haben die Leute, die in den siebziger Jahre aus Palästina oder dem Libanon kamen, versucht, wirtschaftlich Fuß zu fassen?

Da gibt es eine lustige Geschichte. Wenn sie kamen, hatten sie normalerweise kein Kapital. Sie mussten mit einem kleinen Laden anfangen. Das einfachste war ein kleiner Schuhladen. Die Schuhfabriken geben die Schuhe in Kommission, die Ladenbesitzer müssen bezahlen, wenn sie verkauft haben. Und wer sind die Besitzer der Schuhfabriken? Jüdische Familien. Die Juden nutzen die Palästinenser zum Vertrieb ihrer Schuhe und die Palästinenser leben davon, dass sie für die jüdischen Fabrikanten Schuhe verkaufen.
In der Zeit, als ich da war, gab es auch in Venezuela Demonstrationen der Palästinenser gegen die israelische Politik. Bei den kleinen Händlern gab es Diskussionen, ob man da mitmachen sollte. Manche hatten Angst und sagten: „Wenn wir mit demonstrieren, geben uns die Juden keine Schuhe mehr.“ Andere sagten: „Wenn wir uns organisieren, dann können wir sie unter Druck setzen, denn sie brauchen uns zum Verkauf ihrer Schuhe. Wir könnten die Schuhe auch woanders in Lateinamerika beziehen.“ Das waren interessante Auseinandersetzungen.

Gab es außer diesen Geschäftsbeziehungen Verbindungen zwischen jüdischen und palästinensischen VenezolanerInnen?

Kaum, eigentlich nur in linken Organisationen, z.B. der Kommunistischen Partei, in der Juden und Palästinenser aktiv waren. Aber das waren keine großen Gruppen.

Haben die arabischen Gemeinden in Venezuela auch Schulen und andere kulturelle Einrichtungen?

Ja. Es gibt Kindergärten, Grundschulen, auch ein Gymnasium. Das sind Privatschulen, die von Vereinen getragen werden. Den meisten Eltern ist es wichtig, dass die Kinder in der Schule außer Spanisch auch die arabische Sprache lernen.

Wenn du das Familienmodell in den arabischen Ländern mit dem bei den EinwanderInnen in Venezuela vergleichst: Ist es genauso oder sind die Familien anders geworden?

Es gibt in Venezuela keine allgemeine arabische Familienstruktur, sondern es gibt zwei Generationen. Die eine Generation ist in der osmanischen Zeit ausgewandert oder nach 1948 aus Palästina. Sie haben eine Familienstruktur, die heute bei uns in Arabien nicht mehr existiert. Die gab es vor hundert Jahren. Wenn ich zum Beispiel einmal als Gast in einer solchen konservativen Familie war, durfte die Frau nicht in den Raum kommen, wo ich mit dem Hausherrn war. Sie durfte nicht einmal den Kaffee bringen, den sie in der Küche gemacht hatte. Sie durfte ihr Gesicht nicht zeigen – in Venezuela! Die Frau klopfte an die Tür, der Mann ging hinaus, holte den Kaffee und brachte ihn herein. Ich war dann nur bei dem Mann, die Frau oder die Töchter sah ich überhaupt nicht. Ich habe das zuerst nicht geglaubt. Ich habe gedacht, wo bin ich? Ich hatte so etwas in alten Büchern gelesen. Sie kamen vor hundert Jahren mit bestimmten Sitten. Sie denken, dass dies Tradition und Identität ist, ohne zu merken, dass es eine feudale Familienstruktur ist. Ich habe versucht, mit den Leuten darüber zu diskutieren, dass das mit arabischer Identität nichts zu tun hätte, aber es ist sinnlos, darüber kann man mit ihnen nicht reden.

Ein solcher Konservativismus scheint bei EinwanderInnen typisch zu sein. Wir haben Ähnliches bei deutschen EinwanderInnen erlebt, die ein Deutschlandbild haben und ein Deutschtum hochhalten, das mit der Realität im heutigen Deutschland nichts zu tun hat. Auch bei portugiesischen und galizischen Einwanderergemeinden in Lateinamerika existiert dieses Phänomen. Bei den Deutschen in Brasilien haben wir auch erlebt, dass sie ein Deutsch aus dem 19. Jahrhundert sprechen. Ist das bei den AraberInnen auch so?

Eigentlich nicht. Aber ich hatte diesbezüglich ein interessantes Erlebnis. In meiner Ausstellung lernte ich einen in Venezuela lebenden Araber kennen, der mir erzählte, dass er schreibe. Gedichte. Ich bat ihn, sie mir zu zeigen. Es gab in den zwanziger Jahren in der arabischen Literatur eine Phase, die wir die romantische Phase nennen. In dieser Zeit kam sehr viel Gefühl in die Dichtung, die Gedichte waren sehr melodramatisch. Heute lachen wir über das Theatralische vieler dieser Werke, aber diese Phase – sie dauerte vielleicht zehn Jahre – war wichtig für die Entwicklung unserer Dichtung. Heute schreibt niemand mehr so. In unseren Schulbüchern gab es noch solche Gedichte, aber schon damals waren sie Beispiele für eine historische Kultur. Doch dieser Mann in Caracas schrieb genau in diesem Stil. Er schrieb gut und er schrieb durchaus über moderne Themen, er hatte z.B. ein Poem von 150 Zeilen über den Kampf der Palästinenser geschrieben, aber alles im Stil meiner Opa-Zeit.
Er ließ seine Bücher auch drucken – er war Inhaber einer kleinen Textilfabrik und konnte sich das leisten. Er war sehr traurig, dass kaum jemand seine Bücher wollte. Die alte Generation hat wenig Interesse an Literatur und die neuen Einwanderer lachten über seinen Stil.

Wie sind die Familienstrukturen bei den neu eingewanderten Familien?

Ganz anders. Ich war öfter bei syrischen und palästinensischen Familien, bei Kommunisten aus Syrien – es gab eine Zeit, wo sie verfolgt waren und wo viele auswanderten – und bei politisierten Palästinensern, die konnten das auch nicht glauben, wie es bei den alten Familien zuging. Bei den Neueingewanderten war es selbstverständlich, dass die Frauen dabei waren, die Haare offen trugen und mit mir, dem Gast, plauderten. Die Frauen kamen auch zu meinen Ausstellungen.

Bei den alten Familien existiert bezüglich der Frauen übrigens eine Doppelmoral. Im Haus darf sie ein Gast nicht sehen, aber im Geschäft dürfen sie mit offenen Haaren arbeiten und verkaufen. Natürlich bekommen sie dafür kein Gehalt, sie sind kostenlose Arbeitskräfte. Das ist für mich ein bisschen eine Karikatur. Die alte Generation erlaubt auch bis heute nicht, dass ihre Töchter Venezolaner heiraten.

Und die Söhne?

Die Söhne auch nicht. Wenn ein Sohn einer alt eingesessenen Familie heiraten will, schicken ihn die Eltern in ihr Heimatdorf im Libanon, in Syrien oder in Palästina, damit er dort eine Frau sucht, oft eine Verwandte, zum Beispiel eine Cousine. Die bringt er dann nach Venezuela.

Und wie verhalten sich die neuen EinwanderInnen bei diesem Thema?

Unterschiedlich. Manche der Männer meinen, sie könnten mit Araberinnen besser leben. Die Venezolanerinnen sind ihnen zu modern, denn sie wollen mit anderen Männern tanzen, sie wollen im Badeanzug oder Bikini an den Strand gehen. Da denken die arabischen Männer, besser ich hole eine aus meinem Dorf, da habe ich meine Ruhe.

Das sind die jungen Linken?

(lacht) Das ist die Schizophrenie. Politisch sind sie progressiv, aber wenn es um die privaten Verhältnisse geht, haben viele Männer Berührungsängste mit dem modernen Leben. Irgendwo bleibt ein Stück reaktionäre Haltung. Aber es gibt auch welche, die weiter sind und mit modernen Frauen – Araberinnen oder Venezolanerinnen – leben.

Es gibt keine arabischen Frauen, die politisch aktiv sind?

Eigenständig wenige. Viele unterstützen die politischen Aktivitäten ihrer Männer. Nur eine habe ich getroffen, die versucht hat, die Frauen zu organisieren. Es war eine Frau, die in Jordanien studiert hatte, bei der Demokratischen Volksfront organisiert war, eine marxistisch orientierte Gruppe in der PLO, im September 1970 in Jordanien mitgekämpft hatte (1) und danach mit ihrem Mann geflohen und nach Venezuela gekommen war. Sie lebten in einer kleinen Stadt in Venezuela. Da gab es eine Straße nur mit kleinen arabischen Geschäften, wo sie ein Keramikgeschäft eröffneten. Dieser Frau tat die Situation der Frauen in der arabischen Gemeinde weh. Da fing sie an, die Frauen zu organisieren. Nicht politisch, sondern sie lud sie ein zusammenzusitzen, über ihre Probleme zu reden und Lösungen zu suchen. Wenn sich ein Mann reaktionär gegenüber seiner Frau verhielt, versuchten die Frauen gemeinsam Druck zu machen oder die Frauen sprachen mit ihren Männern, damit diese auf den Mann Einfluß nahmen.

Wie ist die religiöse Zusammensetzung der arabischen Gemeinden?

Es gibt Moslems und Christen. Bei den traditionellen Einwanderern sind diese Gruppen meistens relativ geschlossen. Ich habe allerdings auch ein Beispiel gesehen, wo unter den alten Einwanderern beide Gruppe zusammen waren, und zwar der „Club Liban“ in Caracas. Das ist der Club der arabischen High Society, der superreichen Libanesen. Das sind Familien, die zum Teil schon 1860 nach dem Bürgerkrieg im Libanon nach Venezuela kamen und heute mächtige Unternehmer in Industrie und Handel sind. Als ich in Venezuela war, tobte der neue Bürgerkrieg im Libanon, wo sich linke Gruppen, bürgerlich-islamische Gruppen, Islamisten und die extreme christliche Rechte bekämpften. Aber die Superreichen – ob Christen oder Moslems – waren im „Club Liban“ zusammen und redeten miteinander – wenn auch nicht unbedingt herzlich.

Wie wirkte sich der Bürgerkrieg im Libanon überhaupt auf die arabische Gemeinde aus, die ja sehr stark von libanesischen EinwanderInnen geprägt ist?

Die Leute, die aus dem Libanon stammten, verfolgten das natürlich intensiv. Sie hatten auch ihre Sympathien für bestimmte Gruppen, wussten, dass Leute aus ihren Familien mitkämpften, aber in Venezuela kam es nicht zu offenen Feindseligkeiten. Man redete miteinander. Natürlich wurde heftig diskutiert, auch gestritten, aber man war Nachbar, hatte gemeinsame Geschäfte und sah das alles mit einer gewissen Gelassenheit aus der Distanz.

Das Gespräch mit Burhan Karkutli führten Gert Eisenbürger und Gaby Küppers.

1) Vor allem von PalästinenserInnen getragener Aufstand gegen die reaktionäre Monarchie in Jordanien. Wegen der blutigen Niederschlagung des Aufstands und der nachfolgenden Repression gegen die PalästinenserInnen, werden die Ereignisse dieser Tage von fortschrittlichen AraberInnen als „Schwarzer September“ bezeichnet.

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